Kindeswohl (Film)

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Filmdaten
Deutscher TitelKindeswohl
OriginaltitelThe Children Act
ProduktionslandGroßbritannien
OriginalspracheEnglisch
Erscheinungsjahr2017
Länge106 Minuten
AltersfreigabeFSK 12[1]
Stab
RegieRichard Eyre
DrehbuchIan McEwan
ProduktionDuncan Kenworthy
MusikStephen Warbeck
KameraAndrew Dunn
SchnittDan Farrell
Besetzung

Kindeswohl (Originaltitel The Children Act) ist ein britisches Filmdrama von Richard Eyre, das im September 2017 im Rahmen des Toronto International Film Festivals seine Weltpremiere feierte und am 30. August 2018 in die deutschen Kinos kam. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman des englischen Schriftstellers Ian McEwan.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dreharbeiten fanden unter anderem in den Gebäuden des Royal Courts of Justice in London statt, im Film die Wirkungsstätte von Fiona Maye

Vor kurzem erst musste die Familienrichterin Fiona Maye, die am High Court of Justice in London tätig ist, darüber entscheiden, ob siamesische Zwillinge getrennt werden sollen, was sie vor eine heikle ethische Frage stellte, weil dies den sicheren Tod eines der Kinder bedeutete, damit das andere leben konnte. Nun muss sie beurteilen, ob ein 17-jähriger, an Leukämie erkrankter Zeuge Jehovas eine lebensrettende Bluttransfusion, die er, seine Eltern sowie die Gemeinde aus religiösen Gründen ablehnen, verweigern kann.

Fiona erfüllt ihr Amt mit großer Leidenschaft, doch geht ihre Arbeit auf Kosten ihrer Ehe mit ihrem Mann Jack, der als Professor tätig ist. Sie und er vernachlässigen einander. Sie sind seit 30 Jahren zusammen, haben keine Kinder, und Jack weiß, dass ihre Arbeit immer Vorrang hat. Weil ihr Liebesleben seit fast einem Jahr eingeschlafen ist, bittet er sie um ihre Zustimmung, "eine Affäre" haben zu dürfen. Fiona berät sich hierauf mit einem Scheidungsanwalt. Inmitten dieser Lebenskrise besucht sie Adam, den minderjährigen Zeugen Jehovas, über dessen Fall sie entscheiden soll, im Krankenhaus. Sie hält sich an den Grundsatz im Children Act, der besagt, dass das Kindeswohl stets das oberste Anliegen der Gerichte sein sollte, und zur Beantwortung dieser Frage entscheidet sie mit Adam persönlich zu reden.

Wie ihn bereits seine Eltern beschrieben haben, ist er eine außergewöhnliche Persönlichkeit und folgt auch nicht blindlings den Glaubensgrundsätzen seiner Eltern. Er glaubt aufrichtig, dass die von Gott geliebte Seele in seinem Blut wohnt und dass er mit einer Verunreinigung dessen durch ein anderes Blut das heilige Geschenk des Lebens zurückweisen würde. Adam interessiert sich für Poesie und Musik, und weil er seine Gitarre mit in das Krankenhaus gebracht hat, singt Fiona dort für ihn das Volkslied Down by the Salley Gardens zu seinem Gitarrenspiel. Adam entwickelt eine fast romantische Fixierung auf Fiona, denn sie ist die erste Erwachsene, die sich wirklich für ihn zu interessieren scheint. Er glaubt, sie habe sein Leben gerettet, beginnt sich zunehmend von seinen Eltern und den Zeugen Jehovas zu lösen und hat brennende Fragen über alle möglichen Dinge.

Er folgt ihr – unter anderem während einer Dienstreise nach Newcastle – und schreibt Briefe und Gedichte für sie. Fiona nimmt diese zwar entgegen, will aber keinen weiteren Kontakt mit ihm. Sie weist ihn in seine Schranken, besteht auf „professionelle Distanz“, und obwohl Adam und sein Schicksal sie sehr berührt haben, lässt sie ihn in ein Taxi setzen und zurückschicken. Während eines weihnachtlichen Konzerts, wo sie einen singenden Kollegen am Klavier begleitet, wird ihr eine Notiz gereicht, die besagt, dass Adam einen schweren Rückfall erlitten hat, im Krankenhaus liegt und wahrscheinlich noch in derselben Nacht sterben wird. Der nunmehr volljährige Adam verweigere jegliche Behandlung und habe den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen. Sie übersteht das Konzert mit Mühe und Not, spielt dann aber statt der verabredeten Zugabe das Lied, das sie an Adams Krankenbett gesungen hatte, und singt wie getrieben selbst, bevor sie fluchtartig den Konzertsaal verlässt und im Abendkleid durch den Regen zum Krankenhaus läuft.

Adam ist von der Krankheit schwer gezeichnet. Fiona will ihm Mut zureden, doch Adam macht deutlich, dass er jetzt, als Volljähriger, frei entscheiden darf, und stirbt bald darauf. Man sieht Adams Beerdigung mit den Trauergästen und Fiona in einiger Entfernung. Sie und Jack verlassen den Friedhof gemeinsam.

Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Er muss vor seiner Religion und vor sich selbst geschützt werden … Nach meiner Überzeugung ist sein Leben mehr wert als seine Würde.“

Ian McEwan - Kindeswohl[2]
Der Film basiert auf dem Roman The Children Act von Ian McEwan

Der Film basiert auf einem gleichnamigen Roman von Ian McEwan, der diesen auch für den Film adaptierte. Darin behandelt er eindringlich den Wertekonflikt zwischen weltlichem und religiösem Recht und gibt nebenbei Einblicke in die britische Gerichtsbarkeit, so eine Beschreibung von MDR Kultur: „Überzeugend mischt McEwan Fakten und Fiktion – nach eigenen Angaben liegt ein authentischer Fall der Geschichte zu Grunde. In klarer, präziser Sprache und mit zartem Sarkasmus schildert Ian McEwan, wie das Leben der sonst so nüchternen Juristin durch persönliche wie berufliche Krisen vorübergehend aus den Fugen gerät.“[2] McEwan wurde als Sohn eines Berufssoldaten geboren und wuchs teilweise in Singapur und Libyen auf. Seinen größten Erfolg als Schriftsteller konnte er 2001 mit dem Roman Abbitte (Originaltitel Atonement) feiern, der ebenfalls verfilmt wurde. McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences.[2]

Regie führte Richard Eyre. Die Schauspielerin Emma Thompson übernahm die Rolle der Richterin Fiona Maye, Stanley Tucci spielt ihren Ehemann Jack. Fionn Whitehead ist in der Rolle von Adam zu sehen, Ben Chaplin in der Rolle seines Vaters Kevin Henry.

Die deutsche Synchronisation entstand nach einem Dialogbuch und der Dialogregie von Antonia Ganz im Auftrag der Splendid Synchron GmbH, Berlin. Monica Bielenstein spricht in der deutschen Fassung Fiona Maye, Lutz Mackensy ihren Ehemann Jack, Sebastian Fitzner den jungen Adam Henry und Torsten Michaelis dessen Vater Kevin Henry.

Die Dreharbeiten wurden im Herbst 2016 begonnen und am 8. Dezember 2016 beendet.[3] Unter anderem fanden sie in London statt, so im Gebäude der Royal Courts of Justice. Die Filmmusik wurde von Stephen Warbeck komponiert.[4]

Der Film feierte am 9. September 2017 im Rahmen des Toronto International Film Festivals seine Weltpremiere[5], wo er in der offiziellen Auswahl bei den Special Presentations gezeigt wurde.[6] Anfang Juni 2018 wurde ein erster Trailer zum Film vorgestellt.[7] Im Juni 2018 wurde der Film beim Nantucket Film Festival gezeigt.[8] Im Juni und Juli 2018 wurde er beim Filmfest München in der Sektion Spotlight gezeigt.[9] Dort wurde Hauptdarstellerin Emma Thompson zudem mit einem CineMerit Award für ihre Verdienste um das Kino geehrt. Am 30. August 2018 kam der Film in die deutschen Kinos.[10] Ein Kinostart im Vereinigten Königreich ist am darauffolgenden Tag geplant. Ebenfalls im August 2018 wurde der Film beim Melbourne International Film Festival gezeigt.[11] Am 14. September 2018 startete der Film in einem ausgewählten US-Kino.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altersfreigabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den USA erhielt der Film von der MPAA ein R-Rating, was einer Freigabe ab 17 Jahren entspricht.[12] In Deutschland ist der Film FSK 12.

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film wurde von 73 Prozent der bei Rotten Tomatoes erfassten Kritiker positiv bewertet[13] und erzielte auf Metacritic einen Score von 62 (Stand: 30. Oktober 2019).[14]

Fionn Whitehead, hier wenige Monate nach Be­en­di­gung der Dreharbeiten, spielt im Film den minderjährigen Zeugen Jehovas Adam

Stephen Farber von The Hollywood Reporter sagt, die beiden zentralen Rollen hätten kaum besser besetzt werden können, und Emma Thompson arbeite im Film mit einer bemerkenswerten Subtilität.[15] Stefan Turiak von PC Games findet, dass "dank der formidablen Darstellung von Thompson und Stanley Tucci sowie dem großartigen Newcomer Fionn Whitehead" aus dem Drama ein "äußerst sehenswertes Porträt über Gesetz und Religion in einer modernen Gesellschaft" werde.[16]

Gerhard Midding von epd Film meint, es sei Richard Eyres zivilisiertes Erzähltemperament, das den Aufruhr seiner Figuren mit Taktgefühl umfängt: „Einen Hauch von Sinnlichkeit lässt Eyre zu: Es ist ein schönes Charakterdetail, wenn Fiona in ihrer Wohnung stets barfuß geht. Als Regisseur gehört er jener Schule an, die zuvorderst die Leistung der anderen zur Geltung bringen will, der Darsteller, Kostüm- und Szenenbildner. Er weiß ihre Könnerschaft raffiniert zu drapieren. Aber er ist auch empfänglich für das Timbre eines Augenblicks.“[17]

Von der Deutschen Film- und Medienbewertung wurde der Film mit dem Prädikat besonders wertvoll versehen. In der Begründung heißt es: „Richard Eyres geradezu klassisch inszeniertes Melodram ist handwerklich auf höchstem Niveau und vermittelt das tragische Geschehen mit bestechender Eleganz. Fast nebenbei bietet der Film eine präzise Milieubeschreibung über eine privilegierte Schicht und ihre mühsamen Gesellschaftsübungen. Im Zentrum aber steht die darstellerische Leistung der Schauspieler, allen vorweg Emma Thompson und Stanley Tucci. Der Film verlässt sich weniger auf seinen geradlinigen Plot als auf die Kraft der Bilder, Gesten und Klänge. Existenzielle Probleme werden so stets emotional plausibel erzählt, auch wenn die Musik genretypisch auf große Gefühle setzt: Eyres bietet visuelles und auditives Erzählen auf beispielhaftem Niveau.“[18]

Einsatz im Schulunterricht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirsten Taylor von Vision Kino sieht einen möglichen Einsatz des Films in den Unterrichtsfächern Ethik, Recht, Religion, Englisch und Deutsch. Mögliche Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit seien die ethischen und juristischen Fragen, die im Film aufkommen. Weiterführend biete sich auch eine Auseinandersetzung mit dem deutschen Familienrecht und dessen Leitsätzen an.[19]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den norske filmfestivalen 2018

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Freigabebescheinigung für Kindeswohl. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (PDF; Prüf­nummer: 181682/K).Vorlage:FSK/Wartung/typ nicht gesetzt und Par. 1 länger als 4 Zeichen
  2. a b c Ian McEwan: Kindeswohl. In. MDR Kultur. Abgerufen am 30. Juni 2018.
  3. http://www.theknowledgeonline.com/the-knowledge-bulletin/post/2016/12/08/filming-wraps-on-several-films
  4. Stephen Warbeck Scoring Richard Eyre’s ‘The Children Act’ In: filmmusicreporter.com, 25. Juli 2017.
  5. Brent Lang: Toronto Film Festival Lineup Includes Movies From Angelina Jolie, George Clooney, Alexander Payne In: Variety, 25. Juli 2017.
  6. British Council Film: British Council Film: The Children Act. Abgerufen am 12. September 2017.
  7. https://www.telegraph.co.uk/films/0/children-act-trailer-first-look-emma-thompson-richard-eyres/
  8. http://www.ack.net/news/20180424/comedy-boundaries-to-open-2018-nantucket-film-festival
  9. Kindeswohl. In: filmfest-muenchen.de. Abgerufen am 12. Juni 2018.
  10. Starttermine Deutschland In: insidekino.com. Abgerufen am 13. März 2018.
  11. The Children Act. In: miff.com. Abgerufen am 13. Juli 2018.
  12. The Children Act. In: comingsoon.net. Abgerufen am 16. Juni 2018.
  13. The Children Act In: Rotten Tomatoes. Abgerufen am 30. Oktober 2019.
  14. The Children Act In: Metacritic. Abgerufen am 30. Oktober 2019.
  15. Stephen Farber: ‘The Children Act’: Film Review | TIFF 2017. The Hollywood Reporter, 9. September 2017, abgerufen am 13. September 2017 (englisch).
  16. http://www.pcgames.de/Kindeswohl-Film-267768/Tests/Emma-Thompson-Richard-Eye-1262020/
  17. Gerhard Midding: Kritik zu 'Kindeswohl'. In: epd Film, 24. August 2018.
  18. Kindeswohl In: fbw-filmbewertung.com. Deutsche Film- und Medienbewertung. Abgerufen am 16. Juni 2018.
  19. Kindeswohl. In: visionkino.de, Fassung vom 19. September 2018, abgerufen am 22. Januar 2019.
  20. https://filmfestivalen.no/en/awards-presented-at-the-46th-norwegian-international-film-festival/