Leonid Krawtschuk

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Leonid Krawtschuk (2013)

Leonid Makarowytsch Krawtschuk (ukrainisch Леонід Макарович Кравчук, wissenschaftliche Transliteration Leonid Makarovyč Kravčuk; * 10. Januar 1934 in Żytyń, Polen; † 10. Mai 2022 in München, Deutschland)[1][2][3] war ein ukrainischer Politiker. Vom 5. Dezember 1991 bis zum 19. Juli 1994 war er der erste Präsident der Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Krawtschuk, Schuschkewitsch und Jelzin bei der Unterzeichnung der Belowescher Vereinbarungen (1991)

Krawtschuk wurde in der ehemals polnischen Woiwodschaft Wolhynien im damaligen Żytyń, dem heutigen Welykyj Schytyn im ukrainischen Oblast Riwne, als Sohn eines Bauern geboren.[4]

Er studierte in Kiew Wirtschaftswissenschaften und Politische Ökonomie und arbeitete nach seinem Abschluss 1958 als Lehrer am Czernowitzer Finanztechnikum. Im selben Jahr wurde er Mitglied der KPdSU. Seit 1960 war er sieben Jahre als Berater und Dozent in der Agitprop-Abteilung des Czernowitzer Oblastkomitees der KPU tätig. Seine Aspirantur absolvierte er an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der KPdSU und kehrte anschließend in leitenden Positionen zur regionalen Propagandaabteilung zurück. Von 1988 bis 1990 stieg er zum Sekretär des Zentralkomitees auf und wurde Kandidat auf die Mitgliedschaft im Politbüro der Kommunistischen Partei der Ukraine. Noch bis Anfang 1991 unterstützte er Michail Gorbatschows Versuch, die Sowjetunion zu bewahren.[5]

In der Zeit der Auflösung der Sowjetunion war Krawtschuk Parlamentspräsident – zunächst der Ukrainischen Sowjetrepublik, dann der Ukraine. Am 1. Dezember 1991 wurde er als Parteiloser zum ersten Präsidenten der unabhängigen Ukraine gewählt[6] und vier Tage später ins Amt eingeführt. Am 8. Dezember 1991 unterschrieb er zusammen mit seinen Amtskollegen Jelzin (Russland) und Schuschkewitsch (Belarus) die Belowescher Vereinbarungen, wonach die Sowjetunion „ihre Existenz beendet“ habe,[7] und mit denen eine Gemeinschaft Slawischer Staaten gegründet wurde, die schon kurz darauf, am 21. Dezember 1991, in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten aufging.[8] Krawtschuk galt als westorientiert. Wegen eines Streiks von Bergleuten im Donbass setzte er vorgezogene Wahlen an. Er verlor die Stichwahl der Präsidentschaftswahl am 10. Juli 1994 (45,2 % zu 52,3 %); der deutlich prorussische Leonid Kutschma wurde sein Nachfolger.[9]

Krawtschuk schuf mit seiner Amtsabgabe einen wichtigen Präzedenzfall für die ukrainische Politik: Er klammerte sich nicht an die Macht und verließ seinen Posten, womit er die Tradition des Machtwechsels in der Ukraine begründete.[10]

Krawtschuk trat nach seiner Präsidentschaft 1994 der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei der Ukraine (SDPU[o]) bei und wurde 1998 deren Vorstandsmitglied. Von 1994 bis 2006 war er Abgeordneter des Ukrainischen Parlaments. Er schied aus dem Parlament aus, weil seine Partei im Laufe der Jahre durch Abspaltungen und große Veränderungen in der politischen Landschaft massiv an Stimmen verloren hatte und nicht mehr den Sprung über die Drei-Prozent-Hürde schaffte. 2009 trat er aus der Partei aus, als sie sich wegen ihrer aussichtslosen Situation entschloss, sich mit der KPU am Linksbündnis Block linker Kräfte zu beteiligen und den kommunistischen Vorsitzenden Petro Symonenko als Präsidentschaftskandidaten zu unterstützen.[11]

Krawtschuk sagte im Dezember 2013 während der Unruhen auf dem Euromaidan: „Die Russen betrachten uns seit 350 Jahren als ihren Gutsbesitz.“[12] Er sagte 2014 während der Annexion der Krim, Russland werde auf Widerstand stoßen, falls es den Weg der Aggression gehe: „Ich bin 80 Jahre alt, aber ich werde mein Land verteidigen.“[13]

Am 22. Juni 2014 riefen die drei ehemaligen Präsidenten der Ukraine, Leonid Kutschma, Wiktor Juschtschenko und Leonid Krawtschuk, gemeinsam den russischen Präsidenten Putin auf, die Aggression gegen die Ukraine einzustellen, und sprachen von erwarteten „konkreten Schritten“ zur Deeskalation. Sie forderten „die Söldner aus Russland“ zur Rückkehr in ihre Heimat auf.[14][15]

Leonid Krawtschuk starb 2022 im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit in Deutschland.[3][1][16] Er wurde am 17. Mai 2022 in Kiew beigesetzt.[17] Kurz vor seinem Tod sagte er, dass der Hauptfehler seiner Präsidentschaft darin bestanden habe, dass er Russland glaubte.[10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Leonid Kravchuk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Leonid Kravchuk Died. First President Of Ukraine Passed Away At Age Of 88. 10. Mai 2022, abgerufen am 10. Mai 2022 (englisch).
  2. “Volyn News” – Where and when Leonid Kravchuk will be buried. 13. Mai 2022, abgerufen am 13. Mai 2022 (englisch).
  3. a b "Я сам візьму зброю!" Кучма та Порошенко згадали першого президента Кравчука. In: liga.net, 11. Mai 2022 (ukr.).
  4. Leonid Krawtschuk – Totengräber der Sowjetunion. In: Deutsche Welle. 10. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022.
  5. Reinhard Veser: Leonid Krawtschuk gestorben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Mai 2022, S. 4 (online)
  6. Eberhard Schneider: Ukraine – gespalten zwischen Ost und West. In: Bundeszentrale für politische Bildung. 20. Februar 2007, archiviert vom Original am 26. September 2020;.
  7. Россия, Украина и Беларусь создают Содружество Независимых Государств. In: Интерфакс. Abgerufen am 7. Januar 2022.
  8. Ivo Mijnssen: Der verdrängte Akt der Befreiung. Das Abkommen von Belowesch versetzt der Sowjetunion vor einem Vierteljahrhundert den Todesstoss. In einem Jagdsitz im Urwald einigten sich die drei slawischen Bruderländer auf eine friedliche Trennung. In: Neue Zürcher Zeitung vom 8. Dezember 2016, S. 4, abgerufen am 24. Februar 2022.
  9. Bohdan Hud: Das ukrainisch-polnische Verhältnis. bpb, 2007, S. 31–38 (PDF; 2,4 MB).
  10. a b "Mein größter Fehler ist, dass ich Russland geglaubt habe" Der erste Präsident der Ukraine, Leonid Krawtschuk, ist gestorben. An ihn erinnert sich der Journalist Konstantin Skorkin, Meduza, 11. Mai 2022
  11. Ukrainian Radio (Ukrainischer Rundfunk): Ex-Präsident verlässt Sozial-Demokratische Partei (Memento vom 19. Februar 2011 im Internet Archive); Meldung vom 25. September 2009.
  12. Kalt, skrupellos – erfolgreich?: Mit Macht und Erpressung hat Präsident Putin die Ukraine in den Moskauer Einflussbereich zurückgeholt. Nicht sein einziger politischer Erfolg in diesem Jahr. Was treibt den Mann im Kreml? Spiegel 51/2013 vom 16. Dezember 2013.
  13. Russian TV ratchets up rhetoric on Ukraine. BBC, 2. März 2014.
  14. Putins kalkuliertes Verwirrspiel um die Ukraine. Die Welt, 22. Juni 2014.
  15. Kutschma, Juschtschenko und Krawtschuk wenden sich in offenem Brief mit Aggressionsvorwürfen an Putin. rbth.com, 23. Juni 2014, abgerufen am 24. Juni 2014.
  16. Morreu Leonid Kravchuk, primeiro presidente da Ucrânia – Mundo. Abgerufen am 10. Mai 2022.
  17. Selenski nimmt mit Ehefrau Olena an Beerdigung von Ex-Präsident teil. 20 Minuten, 17. Mai 2022.