Marie Sophie Hingst

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Marie Sophie Hingst (* 1987 oder 1988 in Lutherstadt Wittenberg[1]) ist eine deutsche Bloggerin und Hochstaplerin.

Ende Mai 2019 wurde sie der Fälschung und des publizistischen Betrugs überführt, nachdem sie über Jahre hinweg in ihrem Blog und bei namhaften Medien erfundene Geschichten aus ihrem Leben und eine verfälschte Biografie veröffentlicht hatte.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hingst hat in Dessau Abitur gemacht und studierte Geschichte und Ostasienwissenschaften in Berlin, Lyon und Los Angeles.[2][3] 2013 machte sie ihren Abschluss als MA im Fach Frühe Neue Geschichte an der Freien Universität Berlin und begann im Anschluss daran an der School of History and Humanities des Trinity College Dublin ihre Doktorarbeit.[4] Seit August 2018 arbeitet sie als Fellow und Projektmanager für Intel Ireland.[3][5][6]

Sie legte im September 2017 ihre Doktorarbeit unter dem Titel One phenomenon, Three perspectives. English colonial strategies in Ireland revisited, 1603–1680 vor.[7][8] Sie lebt in Dublin.[2][9][10] Ihr Blog Read on my dear, read on ist mittlerweile offline. Im Jahr 2017 wurde sie von den „Goldenen Blogger“ zur „Bloggerin des Jahres“ gewählt[11] und 2017 erhielt sie auch einen der sechs Preise des Future-of-Europe-Projekts[12] der Financial Times.[11][1] Im März 2019 erschien bei DuMont der von Hingst herausgegebene Bildband Kunstgeschichte als Brotbelag, der auf Twitter unter dem Hashtag #Kunstgeschichte als Brotbelag veröffentlichte Fotos enthält.[13]

Aufdeckung von Fälschungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende Mai 2019 deckte der Spiegel[14] nach Recherchen der Berliner Historikerin Gabriele Bergner auf, dass die auf Hingsts Blog veröffentlichten Erzählungen über ihre eigene – angeblich jüdische – Familiengeschichte und deren 22 Holocaust-Opfer[2] von Hingst frei erfunden waren; in Wirklichkeit entstammt sie einer evangelischen Familie.[15] Bei Yad Vashem reichte sie falsche Opferdokumente ein.[2] Auf Podien und Tagungen trat sie in der Doppelrolle als Historikerin und angebliche Nachkommin verfolgter Juden auf.[1][16] Bergner und der Spiegel erhielten entscheidende Informationen zu den angeblichen jüdischen Vorfahren, die aus Stralsund stammen sollten, vom Stadtarchiv Stralsund, woraufhin der Stralsunder Oberbürgermeister Alexander Badrow das Auswärtige Amt über den Vorfall unterrichtete.[17] Dem Spiegel zufolge ließ Hingst dazu über einen Anwalt mitteilen, dass die Texte ihres Blogs „ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit“ für sich in Anspruch nähmen.[2] Der Betrugsfall wird auch im Ausland wahrgenommen.[18][19][20][21][22][23][24][25] Auch in der Bayern 2-Rundfunksendung Zündfunk wurde am 16. Mai 2017 über Hingsts Sexual-Aufklärungskampagne für Flüchtlinge berichtet. Die Sendung wurde aufgrund der gesetzlichen Richtlinien schon im Mai 2018 depubliziert. Bayern 2 hat angekündigt, vor dem Senden den Wahrheitsgehalt genauer zu prüfen.[26] Auch der Radiosender SWR3 berichtete über Hingsts Flüchtlingssexualaufklärung und gestand zu, dass sie „sowohl in ihren Mails als auch im Gespräch sehr überzeugend gewirkt“ habe und es deswegen zu einem Interview mit ihr gekommen sei.[27]

In einem Gespräch mit Deutschlandfunk Nova berichtete sie frei erfundene Geschichten über von ihr geleistete Sexualaufklärung junger indischer Männer in einer von ihr gegründeten Slumklinik in Neu Delhi und über die Sexualaufklärung männlicher syrischer Flüchtlinge in einer deutschen Arztpraxis.[28][29][30] Die ausgedachte Geschichte über die Sexualaufklärung männlicher syrischer Flüchtlinge publizierte sie in der Wochenzeitung Die Zeit unter dem Pseudonym Sophie Roznblatt, weil es angeblich für sie zu gefährlich sei, ihren echten Namen zu verwenden.[31] Bei der Veröffentlichung des Artikels schöpften manche Leser Verdacht und äußerten dies z. B. in Form von Leserkommentaren unter dem Artikel, wobei die Autorin und die Zeit-Redaktion in Gegenkommentaren widersprachen (einige Leserkommentare wurden mit dem Hinweis „Keine Unterstellungen“ von der Zeit-Redaktion gekürzt).[32][33] Beide Beiträge wurden inzwischen von den entsprechenden Internetseiten entfernt. Diese Geschichten hatte sie auch in ihrem Blog veröffentlicht.[34]

Im Rahmen der Recherche des Spiegels überprüfte auch ZEIT Online den Gastartikel Das Problem mit dem Penis, den das Portal 2017 unter dem Pseudonym „Sophie Roznblatt“ veröffentlicht hatte.[35] Hingst, die angab, schon 2007 als 19-Jährige eine Slum-Klinik in Neu-Delhi gegründet und dort Sexualaufklärung angeboten zu haben, beschreibt in dem Artikel ihre vermeintlichen Erfahrungen bei der Sexualaufklärung von Geflüchteten in einer deutschen Kleinstadt.[36] Bei der Nachprüfung des Artikels im Mai 2019 täuschte Hingst, die von der Redaktion um eine Stellungnahme gebeten worden war, mit „Scheinidentitäten, falschen Zeugen und vermeintlichen Belegen“, unter anderem auch der Scheinidentität einer verstorbenen Person, was sich durch einen Besuch bei Verwandten herausstellte.[35] Die Redaktion von ZEIT Online kam daher zu dem Schluss, dass die von Hingst behaupteten Ereignisse des 2017 veröffentlichten Gastartikels „weitgehend falsch sind“.[35][37] Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte 2017 ein Interview mit Hingst über den Aufklärungsunterricht bei Geflüchteten veröffentlicht, ohne ihren Namen zu erwähnen.[10] Das Interview wurde „wegen begründeter Zweifel“ an der Wahrheit des Geschilderten ebenfalls offline gestellt,[10] und auch der Deutschlandfunk entfernte den Beitrag von Hingst über ihre angeblichen Aufklärungskurse.[38]

Aufgrund der Fälschung der eigenen Familiengeschichte wurde Hingst der Preis „Bloggerin des Jahres 2017“ aberkannt.[39][40]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Caroline Fetscher: In der Fantasie eine Nachfahrin von Holocaust-Opfern. In: www.tagesspiegel.de. 1. Juni 2019, abgerufen am 1. Juni 2019.
  2. a b c d e Martin Doerry: Bloggerin Marie Sophie Hingst: Die Historikerin, die 22 Holocaust-Opfer erfand. Spiegel Online, 31. Mai 2019, abgerufen am 5. Juni 2019 (Exklusiv für Abonnenten).
  3. a b Marie Sophie Hingst, Dumont
  4. Marie Sophie Hingst (Ph.D. student) (Memento vom 1. Juni 2019 im Internet Archive)
  5. Trinity awarded €1.5m to build interdisciplinary research toolkit, tcd.ie, 4. Dezember 2018
  6. Could social media help your academic career?, tcd.ie, 1. April 2019
  7. Marie Hingst: Thesis (dt.: Doktorarbeit). Abgerufen am 2. Juni 2019.
  8. PhD Thesis (Doktorarbeit)
  9. Bloggerin erfindet Holocaust-Opfer, täuscht Zeit Online und Deutschlandfunk. In: turi2. Abgerufen am 1. Juni 2019.
  10. a b c Julia Bähr: Zweifel an Identität: Deutsche Bloggerin täuscht Leser und Medien. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 1. Juni 2019]).
  11. a b Deutsche Historikerin erfand laut Medienbericht jüdische Familiengeschichte. 1. Juni 2019 (welt.de [abgerufen am 1. Juni 2019]).
  12. Lilah Raptopoulos: Meet the winners and judges for the Future of Europe Project. In: Financial Times. Verlagsgruppe Nikkei, 20. November 2017, abgerufen am 4. Juni 2019 (englisch): „Marie Sophie has just finished her PhD on English colonialism in 17th-century Ireland at the Trinity College Dublin School of History and Humanities. She is now back to books, French movies and Dingle cheese.“
  13. Marie Sophie Hingst: Kunstgeschichte als Brotbelag, dumont-buchverlag.de, abgerufen am 2. Juni 2019.
  14. 'Literature, Not Journalism' The Historian Who Invented 22 Holocaust Victims (Spiegel-Artikel in englischer Sprache, Bezahlschrankenfrei)
  15. Teltowerin deckt Geschichts-Skandal um Bloggerin Marie Sophie Hingst auf , Märkische Allgemeine Zeitung, 3. Juni 2019
  16. Vortrag von Marie Sophie Hingst am Trinity College Dublin zum Thema „The Future of Europe and its Borders“ (Aufzeichnung ab 27:30, Vortrag ab 1:07:50). Abgerufen am 3. Juni 2019.
  17. Benjamin Fischer, Florentine Dame und Sara Lemel: Jüdische Familiengeschichte gefaked: Stralsunder Stadtarchiv überführt Bloggerin. Ostsee-Zeitung, 3. Juni 2019, abgerufen am 6. Juni 2019: „Wie Peter Koslik, der Sprecher der Stadtverwaltung Stralsund, auf Anfrage der Ostsee-Zeitung sagte, habe es im November vergangenen Jahres einen Tipp von der Historikerin Gabriele Bergner gegeben.“
  18. Bloggerin Marie Sophie Hingst soll jüdische Familiengeschichte erfunden haben. Abgerufen am 8. Juni 2019.
  19. Ünlü Alman tarihçiden biyografi yalanı. Abgerufen am 2. Juni 2019 (türkisch).
  20. Deutsche Welle (www.dw.com): Немецкого „блогера года“ обвинили в фальсификации еврейских корней | DW | 2. Juni 2019. Abgerufen am 2. Juni 2019 (russisch).
  21. Niemiecka historyk i blogerka bardzo chciała być ofiarą. Wymyśliła sobie więc żydowską rodzinę zamordowaną w Auschwitz i stała się gwiazdą mediów. Abgerufen am 8. Juni 2019 (polnisch).
  22. German Holocaust blogger is revealed to have 'LIED about being Jewish' and 'invented 22 death camp victims' to write about on her website. Abgerufen am 8. Juni 2019 (englisch).
  23. Trokšdama šlovės vokietė sumelavo apie žydišką kilmę. Abgerufen am 8. Juni 2019 (litauisch).
  24. Acusan a una bloguera alemana de inventarse que su familia murió durante el Holocausto y le retiran un premio. Abgerufen am 8. Juni 2019 (spanisch).
  25. Sie wollte so gern Opfer sein. Abgerufen am 10. Juni 2019.
  26. Jan Heiermann: In eigener Sache: Stellungnahme zur Causa Marie Sophie Hingst, br.de, Bayern 2, Zündfunk, 4. Juni 2019
  27. Marie Sophie Hingst: Bloggerin täuschte auch ARD-Hörfunkprogramme, spiegel.de, 4. Juni 2019
  28. Sexuelle Aufklärung: „Macht Kokosöl meinen Penis länger?“ · Dlf Nova. 1. Juni 2019, abgerufen am 1. Juni 2019.
  29. Bloggerin soll Leser und Yad Vashem getäuscht haben, deutschlandfunk.de, 1. Juni 2019, abgerufen am 2. Juni 2019.
  30. Erfundene Holocaust-Opfer?Bloggerin soll Leser und Yad Vashem getäuscht haben, Deutschlandfunk, 1. Juni 2019
  31. Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis | ZEITmagazin. 1. Juni 2019, abgerufen am 1. Juni 2019.
  32. Leserkommentar „I love the Treaty of Rome“: Sexuelle Aufklärung : Das Problem mit dem Penis. In: Die Zeit. 13. Februar 2017, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 13. Juni 2019]).
  33. Leserkommentar „Dieter Offergeld“: Sex Education: The Problem with the Penis | ZEITmagazin. 3. Juni 2019, abgerufen am 13. Juni 2019.
  34. Erfundene jüdische Familiengeschichte Bloggerin täuscht Leser, Medien und Yad-Vashem-Archiv, Spiegel Online, 31. Mai 2019
  35. a b c Chefredaktion ZEIT ONLINE: Wir haben 2017 einen weitgehend erfundenen Gastbeitrag veröffentlicht. Wie konnte es dazu kommen? In: ZEIT Online. 31. Mai 2019, abgerufen am 2. Juni 2019.
  36. Sophie Roznblatt: Sexuelle Aufklärung: Das Problem mit dem Penis. In: ZEIT Online. 13. Februar 2017, abgerufen am 2. Juni 2019.
  37. Leserbriefe
  38. In eigener Sache Fälschungsverdacht bei Dlf Nova. In: https://www.deutschlandfunkkultur.de/. Deutschlandfunk Nova, 1. Juni 2019, abgerufen am 2. Juni 2019.
  39. Statement des Orga-Teams zur Bloggerin des Jahres 2017. In: Die Goldenen Blogger. 3. Juni 2019, abgerufen am 3. Juni 2019.
  40. Marie-Sophie Hingst wird Blogger-Preis aberkannt. In: SPIEGEL Online. 3. Juni 2019, abgerufen am 3. Juni 2019.