Marineoffizier (Deutschland)

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Deutsche und schwedische Marineoffiziere bei der Heeresversuchsanstalt Peenemünde (1940)

Marineoffiziere sind in deutschen Streitkräften Offiziere der militärischen Marine. In der Bundeswehr sind das alle Offiziere in Marineuniform einschließlich der Reserveoffiziere. Sie dienen in den Laufbahnen der Offiziere des Truppendiensts, des Militärfachlichen Diensts, des Sanitätsdiensts (mit eigenen Dienstgraden), des Geoinformationsdiensts und des Militärmusikdiensts.[1]

Frühere Streitkräfte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Deutsche Marinegeschichte

Reichsflotte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Reichsflotte

Adalbert von Preußen erließ den Allgemeinen Marine-Befehl Nr. 1 am 22. November 1852 in Berlin.

Ich habe Veranlassung, die Officiere der Marine dringend darauf aufmerksam zu machen, wie der wahrhaft militairische Gehorsam den entschiedensten Willen der pünktlichen Ausführung der Befehle ohne Gedanken des Vorbehalts, der spitzfindigen Klügelei, die Verbannung jeder Lauigkeit verlangt, andererseits ihre Pflicht als Officier durchaus erheischt: sich mit dem Geist der ihnen ertheilten Befehle und Instructionen vertraut zu machen, damit sie ihnen einen Anhalt für nicht darin vorgesehene Fälle gewähren. Das Streben, nur Verantwortlichkeiten von sich abzulehnen, ob auch das allgemeine und das Marine-Interesse dabei leide, ist eines Officiers durchaus unwürdig, läßt keine entschlossene That zu, kann keine Marine groß machen, ist mit der wahren Disciplin für den Officier nicht vereinbar.
Die Disciplin der Marine ist aber die ihrer Offiziere.“

Ober-Commando der Marine, gez. W. Adalbert, Prinz von Preußen

Bundesflotte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Bundesflotte

Marine des Norddeutschen Bundes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaiserliche Marine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Franz von Hipper und sein Stab (1916)

Offiziere der Kaiserlichen Marine fühlten sich zu ihrem Dienst berufen oder sogar geboren.[2] Im Zeitalter des Imperialismus hatten Wilhelm II., Alfred von Tirpitz und Ernst Levy von Halle die Hochseeflotte zur zweitstärksten Seemacht der Welt gemacht. Dem Seeoffizierkorps wurde daher der erste Stand im Deutschen Kaiserreich zugesprochen. Es rekrutierte sich hauptsächlich den gehobenen und mittleren Schichten des Bürgertums. Der Adel war traditionell auf das Heer ausgerichtet und spielte in keinem Teil der Marine eine dominierende Rolle.[3]

Charakter ging über Leistung.[4] Die Marineakademie und -schule und die Marineschule Mürwik brauchten nur noch „nachzuschleifen“; die Vermittlung von Fachwissen hatte nachgeordnete Bedeutung.[5] Die soziale Differenzierung schlug auf die eher kleinbürgerlichen Schiffsingenieure voll durch. Das preußisch geprägte Selbstverständnis bewährte sich in der Skagerrakschlacht und brachte der Marine die erhoffte Ehre. Doch im weiteren Verlauf des Krieges wurden die erfahrenen Marineoffiziere von den Schulen und Großkampfschiffen abgezogen, um dem ständig wachsenden Bedarf der U-Boote und Torpedoboote zugeführt zu werden. Den jungen Offizieren fehlten somit die unmittelbaren Vorbilder. Der auf Erfahrung beruhende und vernünftige Umgang mit Soldaten konnte Ihnen daher nicht näher gebracht werden. Darüber hinaus ging den jungen Seeoffizieren ihre weltoffene Haltung verloren, da sie ihre Flottenstützpunkte in Nord- oder Ostsee kaum verließen. Da sie sich in ihrem Auftreten nun nur auf ihr elitäres Selbstbild stützen konnten, haben sie die Bedürfnisse und Nöte der einfachen Mannschaften und Unteroffiziere nicht beachtet oder gar nicht erst erkannt. Die unerfahrenen Vorgesetzten waren somit mit der immer schwieriger werdenden Aufgabe der Menschenführung an Bord der Großkampfschiffe hoffnungslos überfordert.[5][6] Der daraus resultierende Unmut der Schiffsbesatzungen auf den Großkampfschiffen und der (sinnlose) Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918 führten zum Kieler Matrosenaufstand. Diese Befehlsverweigerung brachte der Marine den Ehrverlust und führte zur Novemberrevolution.[7]

Reichsmarine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stapellauf des Kreuzers »Köln« mit Hans Zenker, Wilhelm Groener, Konrad Adenauer und Gustav Noske (1928)
Hauptartikel: Reichsmarine und Reichsmarineamt

Die Wirren der Revolutionszeit und die Hilflosigkeit der Marineführung erschütterten die einstige Geschlossenheit des Seeoffizierkorps. Durch die Selbstversenkung der Kaiserlichen Hochseeflotte in Scapa Flow wieder zu Ansehen gekommen, geriet „die Marine“ durch den Kapp-Putsch und die Marine-Brigade Ehrhardt in die Kritik. Monarchismus, Zukunftssorgen und schlichte Angst um den Arbeitsplatz gab es auch unter Offizieren. Die neue Marineführung hatte die zerrissenen Reste der Seestreitkräfte zusammenzuführen und in die Gesellschaft zu integrieren. Dafür stellte sie die Korps der Seeoffiziere und der Ingenieure gesellschaftlich gleich.[8] Auch die Errichtung des Seeoffizier-Ehrenmals in der Marineschule Mürwik (1923), des Marine-Ehrenmals Laboe (1927/1936) und des U-Boot-Ehrenmals Möltenort (1930) trugen im Chaos der Weimarer Republik zur Einigung des Offizierkorps bei. Mit der Marine-Offizier-Hilfe (1918) und der Marine-Offizier-Vereinigung (1922) entstanden Solidar- und Interessengemeinschaften, in denen sich Friedrich Ruge, Siegfried Sorge und andere Offiziere engagierten.[9] Sorge nahm die Anregungen und Forderungen der jungen Generation 1936 auf. Mit neuen Erkenntnissen und Lehren preußisch-deutscher Soldatentradition wollte er sie in der Ausbildung planmäßig vermitteln.[10] In den späteren Auflagen seines Buches musste auch nationalsozialistisches Gedankengut aufgenommen werden.[7]

„Der Marineoffizier muß erst Menschen, dann Schiffe und letztlich Waffen führen können.“

Friedrich Ruge (1932)

Kriegsmarine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Aufkündigung des Deutsch-britischen Flottenabkommens strebte Adolf Hitler mit dem Oberkommando der Marine eine Seemachtstellung des Deutschen Reiches an, die langfristig die britische Vorherrschaft zur See ablösen sollte.[11] Doch als wenige Monate später mit dem Polenfeldzug der europäische Krieg begann, hatten sich die Planungen für das Flottenbauprogramm 43 noch gar nicht auswirken können. Die Kriegsmarine war in keiner Weise dafür gerüstet, eine strategische Entscheidung zu erzwingen.[12] Da die Marine mit dem Rückblick auf das Ende des Ersten Weltkrieges versuchte, eine äußerst unpolitische Haltung zu vertreten, wagten nur wenige Soldaten Kritik an der Aufgabe oder gar am Nationalsozialismus.[13] Gehorsam und Opferbereitschaft (besonders der U-Bootwaffe) brachten der Kriegsmarine Anerkennung in der Gesellschaft, die sich – wie die Marine selbst – von Hitlers Erfolgen blenden ließ.[14] Sogar die Royal Navy bewunderte den Mut und die Kampfmoral der deutschen Marinesoldaten.[10] Die Anerkennung großer Teile der Bevölkerung und das auf Kameradschaft beruhende Leitbild ließen eine besondere Geschlossenheit in der Kriegsmarine entstehen. Treue, Tapferkeit, Loyalität und Selbstdisziplin wurden über alle Dienstgradgruppen hinweg gelebt.[6] Das bereits in der Reichsmarine gereifte Selbstverständnis bewährte und festigte sich.[7] Ein Ruhmesblatt war schließlich das Unternehmen Hannibal.

Bruch nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bundesmarine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Bundesrepublik Deutschland als Bündnispartner der NATO hatte die Bundesmarine den Teilauftrag, die drei Ostseeausgänge gegen die Baltische Flotte zu schützen und die Nordsee (und den Nordatlantik) gegen die Nordflotte zu sichern.[15] Die Bundesmarine wollte sich nicht als Nachfolgerin der früheren Marinen verstehen. Nach dem Totalen Krieg, Kriegsverbrechen und Holocaust verlangte die Gesellschaft einen Bruch. Die sogenannte Großadmiralsfrage beschäftigte bis 1956 viele ehemalige Angehörige der Kriegsmarine und damit den Kreis potentieller Soldaten für die Bundeswehr. In den Nürnberger Prozessen ging es nicht nur um das persönliche Schicksal der Großadmirale Erich Raeder und Karl Dönitz, sondern auch um die Ehrverteidigung der gesamten Kriegsmarine. Diese hatte sich nach Meinung vieler Veteranen und ehemaliger Gegner nichts zu Schulden kommen lassen, sondern ritterlich gekämpft.[16] Aber in Deutschland standen den sog. „Frontkämpfern“ die „Eidesbrecher“ gegenüber, die wiederum der Meinung waren, man hätte Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisten müssen.[7] Dem neuen Selbstverständnis sollte auch der völlige Bruch mit Marinetraditionen dienen; es sollte sogar eine Einheitsuniform für Heer, Luftwaffe und Marine eingeführt werden.[7]

Im Kalten Krieg funktionierte die Nukleare Abschreckung. Operative Fähigkeiten wurden ausgebaut, Routinen etabliert. Der Marinealltag war von Kontinuität bestimmt und berechenbar. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der Betonung von Freiheit und Rechten des Einzelnen legte sich mit den Jahren allgemeiner Wohlstand und Bequemlichkeit auf die Gesellschaft nieder, deren Entfremdung zur Bundeswehr immer deutlicher wurde. Gleichzeitig erfasste der Wohlstand auch die Streitkräfte. Die Leistungsbereitschaft der Truppe wurde ausgehöhlt und der Offizier mit dem Manager verglichen. Deshalb verstanden sich manche Soldaten nicht mehr als Führer und Erzieher. Hatten sie ihren Enddienstgrad erreicht, konzentrierten sie sich auf die Freizeitgestaltung. Die Einführung des Studiums an einer Universität der Bundeswehr begünstigte diese Tendenzen. Privater Mehrwert ging dienstlichem Interesse vor. Die Marineführung erkannte, dass das Selbstverständnis des Marineoffiziers mehr sein musste als die Zentrale Dienstvorschrift der Inneren Führung. Deshalb versuchte das Marineamt den Staatsbürger in Uniform zu konkretisieren.[7]

Im Vergleich zum Heer war der Anteil des Adels im Offizierkorps immer gering. Heute ist er marginal.[17]

Schulschiffskommandant (1976)
Jahr Adlige Marine
1860 15 % Preußische Marine
1887 19 % Kaiserliche Marine
1897 12,5 % Kaiserliche Marine
1905 11,5 % Kaiserliche Marine
1914 11 % Kaiserliche Marine
1928 9,5 % Reichsmarine
1930 9 % Reichsmarine
1938 3,1 % Kriegsmarine
1957 8 % Bundesmarine
1958 2 % Bundesmarine
1970 1 % Bundesmarine

Volksmarine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

VIII. SED-Parteitag (1971)
Hauptartikel: Volksmarine

Aus der 1956 aufgestellten Volkspolizei See ging 1960 die Volksmarine hervor. Sie bestand bis zur Deutschen Wiedervereinigung.

Deutsche Marine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsche und senegalesische Marineoffiziere auf der Emden in Dakar (1994)

In der Bundesmarine hatte es viele Jahre gedauert, bis die Grundlage für ein neues Selbstverständnis geschaffen werden konnte; doch bevor es sich als innerer Antrieb durchsetzen und der Gesellschaft bei der Einordnung ihrer Streitkräfte helfen konnte, brach mit der Perestroika und der Wende ein neues Zeitalter an. Die Terroranschläge am 11. September 2001 führten zu ihrer Einbindung in die Terrorismusbekämpfung. Vereinte Nationen und NATO stellen die Bundeswehr vor neue Herausforderungen.[18] Die derzeitige Kampagne „Wir. Dienen. Deutschland.“ versucht, die Lage wenigstens bei der Gewinnung von geeignetem Nachwuchs zu verbessern.[7][19]

Heutige Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Beförderung Leutnant zur See braucht es mindestens drei Jahre.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gebauter Traditionsbruch: Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden (2011)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Deutsche Marineoffiziere – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marineglossar des Deutschen Maritimen Instituts abgerufen am 26. Juli 2016
  2. Wilhelm Deist: Marine und Marinepolitik im kaiserlichen Deutschland 1871–1914. Droste Verlag. 1996.
  3. Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.), Gotthard Breit: Das Staats- und Gesellschaftsbild deutscher Generale beider Weltkriege im Spiegel ihrer Memoiren. Harald Boldt Verlag, Boppard am Rhein 1973, ISBN 3-7646-1576-1, S. 7.
  4. Führungsstab der Marine (Fü M I 1): Beitrag der Marine zum Selbstverständnis des Marineangehörigen. Bundesministerium der Verteidigung (2011).
  5. a b Holger Herwig: Das Elitekorps des Kaisers. Hamburg 1977, ISBN 978-3-7672-0514-7, S. 61–76.
  6. a b Siegfried Sorge: Vom Kaiserreich zur Bundesrepublik. S. 98.
  7. a b c d e f g Hans-Christian Stockfisch: Das Selbstverständnis des Marineoffiziers im Wandel des 20. Jahrhunderts. Vortrag. Historisch-Taktische Tagung der Flotte 2014, abgedruckt in Marineforum 4-2014, Nachrichten, S. 27–32.
  8. Erich Raeder: Erziehungsfragen in der Reichsmarine. Reichswehrministerium, Berlin 1929.
  9. Werner Rahn: Die Ausbildung zum Marineoffizier an der Marineschule Mürwik 1910 bis 1980, in: Die Deutsche Marine: Historisches Selbstverständnis und Standortbestimmung (1983), S. 143–170.
  10. a b Siegfried Sorge: Der Marineoffizier als Führer und Erzieher. Oberkommando der Kriegsmarine 1941
  11. Friedrich Ruge: Ausbildung zum Seeoffizier. Marinerundschau, 1932: 101–110.
  12. Michael Salewski: Das maritime Dritte Reich. In: Deutsche Marinen im Wandel. Oldenbourg Verlag, München 2005, S. 451–476.
  13. Michael Salewski: Die Deutschen und die See: Studien zur deutschen Marinegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Franz Steiner Verlag, 2002.
  14. Klaus-Dieter Sievert: Befehl zur Ausgabe des Leitbildes des Marineoffiziers. Marineschule Mürwik 1986.
  15. Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr: Die Berufsbiografie von Marineoffizieren. Strausberg 2009.
  16. Dieter Stockfisch: Menschenführung in der Marine heute, in: Die Deutsche Marine – Historisches Selbstverständnis und Standortbestimmung. E.S. Mittler & Sohn, 1983, 217–232.
  17. Karl H. Peter: Seeoffizieranwärter – ihre Ausbildung von 1848 bis heute (1969) (PDF)
  18. Unsere fremde Legion. (Memento vom 6. August 2012 im Internet Archive) The European, 20. Mai 2011.
  19. Wir. Dienen. Deutschland. (Memento vom 27. Juni 2013 im Internet Archive)