Maurice de Martin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Maurice de Martin

Maurice de Martin (* 1. Oktober 1969 in Bad Aibling) ist ein deutscher Künstler, Schlagzeuger, Perkussionist, Multi-Instrumentalist und Komponist. Neben seinem Wirken als Musiker arbeitet de Martin mit partizipativen Formen zeitgenössischer Kunst und betätigt sich als Hochschuldozent und Forscher in den Bereichen der Künstlerischen Forschung („Artistic Research“), Transdisziplinarität und Improvisation. Als Musiker wirkt er in Crossover-Projekten von Avantgarde-Jazz, Neuer Musik, Improvisationsmusik und osteuropäischer Folklore, spielt aber auch Noise, Metal, Rock und verschiedene Formen elektronischer Musik. Neben seinem instrumentalen musikalischen Schaffen arbeitet er im Kontext der Klanginstallation und Medienkunst.[1]

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martin ist der Sohn des Bass-Gitarristen Bruno de Martin und der Schlagzeugerin Anni de Martin. Er ging auf das Musische Pestalozzi-Gymnasium in München, wo er Unterricht in klassischem Klavier und Musiktheorie erhielt. Anfang der 1990er spielte er experimentellen Noise-Rock mit der Band Brother Virus (Album Happy Hour. Live at the Knitting Factory, Enja 1991). Von 1991 bis 1995 lebte er in New York City, wo er privat Schlagzeug und Improvisation unter anderem bei Joey Baron, Gene Jackson, Sam Ulano und Dennis Charles studierte und Teil der Szene der Knitting Factory (wo er schon 1989 mit Brother Virus spielte) war. In dieser Zeit finanzierte er sich unter anderem als Straßenmusiker.

Ab 1995 lebte er als freischaffender Komponist und Musiker in Berlin, wo er zudem 1995 bis 1999 Musikpädagogik an der Universität der Künste Berlin studierte. Außerdem studierte er klassische Komposition bei Gija Kantscheli. Von 1997 bis 1999 bereiste er Rumänien (Siebenbürgen, Transsylvanien) mit einem Stipendium des DAAD und des Berliner Senats und studierte dort weiter osteuropäische Volksmusik, unter anderem auch an der Musikakademie G. Dima in Cluj-Napoca. 1998 gründete er mit Mircea Tiberian das Jazzorchester Interzone mit Musikern aus West- und Osteuropa (mit der er mehrere Alben aufnahm) und 2000 das Berlin Jazz Composers Ensemble. Mit ihm nahm er seine Komposition Transsylvaniana auf, die seine Volksmusik-Recherchen in Siebenbürgen Ende der 1990er Jahre reflektiert. Er war an der Veröffentlichung von über 60 Alben beteiligt, die unter anderem auf den Labels NotTwo, Intuition, Sub Rosa, Zeitkratzer, Ano Kato, Meta Records und Laika Records erschienen.[2]

Zwischen 2000 und 2005 war de Martin auch Schlagzeuger in verschiedenen Formationen der polnischen „Yass“-Szene, unter anderem zusammen mit dem Bassisten Olo Walicki, im Projekt Digivocoo von Adam Pierończyk und im Trio des Pianisten Leszek Możdżer. In Berlin arbeitete er mit Freejazz-Bassist Sirone und dem Schweizer Chapman Stick-Spieler Hans Hartmann, sowie international mit Elliott Sharp, Gary Thomas, Tim Berne, Marc Ducret, John Taylor, Terje Rypdal, Palle Mikkelborg, Melvin Gibbs, Herb Robertson, Iwo Papasow, der rumänischen Gypsy-Hochzeitsband Musica de la Marsa und Nana Simopoulos.

Im Jahr 2000 trat er dem Ensemble Zeitkratzer bei[3], mit dem er unter anderem Musik von John Cage, Karlheinz Stockhausen und James Tenney aufnahm. Im Kontext dieses Ensembles kam es zu zahlreichen Kooperationen mit Protagonisten der zeitgenössischen Avantgarde, darunter Alvin Lucier, Arto Lindsay, Keiji Haino, Whitehouse, Carsten Nicolai, Oval, Manuel Göttsching, Terre Thaemlitz und Alvin Curran. Zwischen 2003 und 2008 bestand sein eigenes Jazz-Trio 3D mit dem Vibraphonisten Christopher Dell und dem Bassisten Chris Dahlgren, mit dem er auf dem Krakauer Label NotTwo zwei Alben veröffentlichte.

Er wirkte auch als Komponist, Performer und musikalischer Leiter an der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz für Produktionen des Regisseurs Thomas Ostermeier, sowie für andere Theaterproduktionen im deutschsprachigen Raum. 2008 bis 2010 war er zu drei längeren Aufenthalten in Seoul/Südkorea, was zur Zusammenarbeit mit traditionellen südkoreanischen Samulnori-Musikern führte.

2009 bis 2012 lebte de Martin in der Schweiz, wo er an der Hochschule der Künste Bern den Master CAP (Contemporary Arts Practice) erwarb. Während dieser Zeit war er als Performer und musikalischer Leiter für die Zürcher Theatergruppe Plasma des Regisseurs Lukas Bangerter aktiv. Seit 2010 ist er Dozent am Y-Institut für Transdisziplinarität der Hochschule der Künste Bern. Dort unterrichtet er auch in den Fachbereichen Theater und Forschung. Außerdem unterrichtet er seit 2015 als Gastdozent an der Folkwang Universität der Künste in Essen und an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn.

2011 bis 2014 war de Martin Mitglied des österreichischen FWF (Wissenschaftsfonds)-Forschungsprojekts andere räume-knowledge through art,[4] einer Plattform der Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Wissenschaftlern. Im Rahmen des Projekts Unknown Spaces[5] hat er zusammen mit der Berliner Regisseurin Janina Janke die Hauptquartiere der Vereinten Nationen in Wien, New York City, Nairobi und Genf beforscht und dabei u. a. mit dem Goethe-Institut und der UNESCO kooperiert.[6] Nach Ausstellungen u. a. im MuseumsQuartier Wien[7] wurde Unknown Spaces im Oktober 2015 zum 70. Jahrestag der Vereinten Nationen im United Nations Secretariat Building präsentiert. Hierzu verfasste der ehemalige UN Generalsekretär Ban Ki-moon eine Grußbotschaft.[8] Im August 2016 wurde die erste Phase des Projekts in den vier Hauptquartieren mit einer Lecture Performance in der Assembly Hall des Palais des Nations in Genf und einem Workshop-Projekt auf dem FAR°-Festival Nyon abgeschlossen.[9]

Seit 2012 engagiert sich de Martin in der Großraumsiedlung Berlin-Marzahn im Bereich der Kunstarbeit im sozialen Kontext. Hierbei erreichte er über das Prozesskunst-Projekt Maurice ist da![10] eine breite mediale Öffentlichkeit, wie es u. a. die Wiener Zeitung[11] und das Schweizer Radio und Fernsehen beschrieben hat.[12] 2014 installierte de Martin in Berlin-Marzahn die Temporäre Kunstakademie Marzahn[13], eine Bildungsinstitution als Kunstwerk für und mit kunstinteressierten Marzahner Bürgern. 2016 führte er mit dem Unholdt-Forum, einer Hochkultur-Satire mit Fokus auf das Humboldtforum, seinen Marzahn-Zyklus fort.[14]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Klanginstallation "Morgenabeit" Tonspurpassage Wien
  2. CD Releases
  3. Maurice de Martin. In: zeitkratzer.de. Abgerufen am 9. März 2019.
  4. Andere Räume. Knowledge through art
  5. Andere Räume. Un.known spaces
  6. UN.KNOWN SPACES: An artistic investigation of the United Nations headquarters in Vienna, New York and Nairobi and their host communities, Unesco Regional Office of Eastern Africa, Nairobi, 31. Juli 2014
  7. Interview MQ Wien
  8. Grußwort UN Generalsekretär Ban Ki-moon
  9. UNOG und Far Festival Nyon Projekt
  10. Maurice ist da, Berlin-Marzahn, August/September 2013, Juni-Oktober 2014
  11. Veronika Eschbacher: Der Fensterputzer, Ein Berliner im Kampf gegen das Vorurteil "nutzlose Kunst", Maurice de Martin gibt den unerschrockenen Kunstdienstleister, Wiener Zeitung, 2. September 2013
  12. SRF Portrait
  13. Temporäre Kunstakademie Marzahn
  14. Unholdt-Forum Marzahn