Mhallami

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Die Mhallami (arabisch محلّمى, DMG Mḥallamī, aramäisch ܡܚܠܡܝ̈ܐ Mḥallmāye oder Mḥallmoye, kurdisch Mîhêllemî, türkisch Mahalmi oder Mıhellemi) sind eine arabischsprachige Volksgruppe in der Türkei und im Libanon. Sie werden auch Mardelli oder Mardinli genannt, was von der Herkunftsgegend Mardin abgeleitet wird.

Siedlungsgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum 20. Jahrhundert lebten die Mhallami hauptsächlich in einem Gebiet in der heutigen türkischen Provinz Mardin:

...lehnt sich der Dialekt von Rashmel bereits stärker an die folgende Dialektgruppe an, die ich – dem lokalen Sprachgebrauch folgend - Mhallami-arabisch nenne. Mhallamiarabisch findet sich in etwa 40 bis 50 Dörfern, die im Dreieck zwischen den Kreisstädten es-Shor (türk. Savur) im Westen, Medyad (türk. Midyat) im Osten und Ma‘sarte (türk. Ömerli) im Süden liegen.”

Otto Jastrow: Die arabischen Dialekte des Vilayets Mardin (Südosttürkei), ZDMG Suppl 1 XVII Dt. Orientalistentag. Vorträge Teil II, Sektion 6, Wiesbaden 1969, S. 684[1]

Bis heute leben die Mhallami in der Türkei überwiegend in den 48 Dörfern und Kleinstädten der südostanatolischen Provinzen Batman und Mardin.

Die Migration der Mhallami aus der Türkei in den Libanon begann mit der Unterdrückung im Scheich-Said-Aufstand in den 1920er Jahren, der unter der Führung des kurdischen geistlichen Führers Scheich Said stattfand. In den 1940er Jahren kamen dann weitere Zehntausende in den Libanon, überwiegend in die Städte Beirut und Tripoli. Ein Teil von ihnen wurde eingebürgert, der andere Teil dagegen lebte staatenlos im Libanon.[1]

Zur Gesamtzahl der Mhallami gibt es keine zuverlässigen Angaben. Vor dem libanesischen Bürgerkrieg wurde sie auf 70.000 bis 100.000 geschätzt. Im Jahr 1984 besaßen nach Angaben libanesischer Sicherheitsbehörden 27.142 Personen die speziell für Mhallami ausgestellten Personaldokumente (Reisedokument mit der Aufschrift Laisser-passer; Eintrag für Staatsangehörigkeit: à l'étude), geschätzt weitere 15.000 waren im Libanon eingebürgert; die Zahl der Ausgewanderten wurde zu diesem Zeitpunkt auf 45.000 geschätzt[2].

Weil christliche Milizen sie aus ihren Wohngebieten im Osten Beiruts vertrieben, wurden die Mhallami in den libanesischen Bürgerkrieg hineingerissen. Sie schlossen sich meist der Murabitun-Miliz an, manche kämpften auch in den palästinensischen Milizen der PFLP, DFLP oder bei den Kommunisten. Von diesen Parteien erhofften sie sich eine Verbesserung ihres politischen und sozialen Status. Seit 1984 kämpften sie gegen die schiitische Amal-Miliz, nach dem Einmarsch syrischer Truppen 1987, die die Partei der Amal ergriffen, wurden viele Mhallami verhaftet oder mussten flüchten[3]

Die Mhallami waren unter den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Libanon, die während des libanesischen Bürgerkriegs seit 1976[2] in die Bundesrepublik Deutschland sowie andere westeuropäische Staaten wie die Niederlande, Dänemark und Schweden kamen und seitdem teilweise geduldet sind oder als Asylbewerber leben.[4] In Berlin besteht mit etwa 8000 Personen die größte Gemeinde der Mhallami in Europa.[5]

Herkunft und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es ist nach wie vor sehr umstritten, ob es sich bei den Mhallami um Araber, Aramäer oder Kurden handelt. Es gibt drei verschiedene Theorien über die Abstammung der Mhallami:

  • Der ersten Theorie zufolge sind die Mhallami Araber, die unter dem Kalifen Hārūn ar-Raschīd im 8. Jahrhundert auf dessen Kriegszügen als Kämpfer aus der nordirakischen Region Kirkuk in die Region Mardin umgesiedelt wurden, um die dortige christliche Bevölkerung zu überwachen. Der Name Mhallami bzw. Mhallamiya soll sich von Mahall (arabisch für „Ort“) und Mi’a (arabisch für „Hundert“) ableiten, was sinngemäß „Ort der Hundertschaft“ (Mahall al-Mi’a) bedeuten soll. Diese Abstammungstheorie wird von den meisten Mhallami und einigen Wissenschaftlern unterstützt.[6] Einige sehen sich auch als Nachfahren der Banu Hilal[2].
  • Der zweiten Theorie zufolge waren ihre Vorfahren die semitischen Ahlamū, die seit 1805 v. Chr Tur Abdin bewohnten. Sie traten – wie die restlichen aramäischen Stämme in Mesopotamien – während der arabisch-islamischen Expansion im 7. und 8. Jahrhundert nicht zum Islam über. Die Osmanen eroberten unter Selim I. Anfang des 16. Jahrhunderts Ostanatolien und die Mhallami nahmen daraufhin den Islam an. Nach dem Übertritt zum Islam erlernten die Mhallami die arabische Sprache. Die Araber nannten sie Mḥallamī und die Osmanen Mahalmi bzw. Mıhellemi. Mehrere der Bedeutung von Ahlamū entsprechende Schreibweisen kamen im Laufe der Geschichte des Stammes vor, bis sich schließlich der heutige arabische Name Mḥallamī durchsetzte. In Archiven des Osmanischen Reichs aus dem Jahre 1525 werden die Mhallami als Müslüman Mahalmi Cemaati (dt. „Muslimische Gemeinde der Mhallami“) erwähnt.[7][8] Andere Autoren berichten, die Mhallami seien bereits im 14. Jahrhundert zum Islam übergetreten, weil sie wegen einer Hungersnot die Fastenzeit unterbrechen wollten und ihr Patriarch dies verweigerte [1].

Mahalemi. 800 families. This tribe has a peculiar history. They state that 350 years ago they were Christians...They speak a bastard Arabic, and the women wear red clothes and do not veil. Ibrahim Pasha says they are now a mixed race of Arabs and Kurds. Some families still supposed to be Christians.

[Die] Mahalemi. 800 Familien. Dieser Stamm hat eine eigentümliche Geschichte. Sie behaupten, dass sie vor 350 Jahren Christen waren ... Sie sprechen ein vermischtes Arabisch, und die Frauen tragen rote Kleidung und sind nicht verschleiert. Ibrahim Pascha sagt sie seien nun eine gemischte Rasse von Arabern und Kurden. Einige Familien sollen noch immer Christen sein.

Mark Sykes: Caliph’s Last Heritage, London 1915, S.578[1]
  • Gemäß einer dritten Theorie werden die Mhallami als Kurden betrachtet, die nach der Eroberung Mesopotamiens unter dem Kalifen Umar ibn al-Chattab im 7. Jahrhundert den Islam annahmen und dann die arabische Sprache erlernten, aber ihre kurdische Kultur beibehalten haben. Die Mhallami werden von den Kurden selbst aber nicht als Kurden betrachtet.[9][5]

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprache und Schrift[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mhallami sprechen den arabischen Qultu-Dialekt. Der Qultu-Dialekt der Mhallami basiert auf dem Hocharabischen und nahm in immer stärkerem Maß kurdische Elemente auf. Ihre Kultur ist arabisch geprägt mit kurdischen Einflüssen.[10]

Die Mhallami in der Türkei verwenden das lateinische Alphabet, zum Teil auch das arabische Alphabet als Schriftsprache, im Libanon hauptsächlich das arabische Alphabet.

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mhallami sind hauptsächlich sunnitische Muslime schafiitischer Richtung.[6]

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rashid Moussa gilt als Vertreter der Mardelli-Musik

Einen hohen Stellenwert bei den Mhallami hat die Volksmusik. Die Lieder wurden von Generation zu Generation weitergegeben, zumeist mündlich. Die Musikrichtung wird Mardelli-Musik genannt und ist eine orientalische Musikrichtung, deren sentimentale Texte von unerfüllter Liebe, dem Leiden der Mhallamis sowie den konkreten Sorgen des Alltags handeln. Bekannte Musiker dieser Richtung sind Rashid Moussa und Mounir Hassan.

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es bestehen einige Vereine der Mhallami in der Türkei, im Libanon und in der Diaspora. Die Mhallami in der Türkei sind im Verein Mhallami-Verein für Religions-, Sprachen- und Kulturdialog (türk. Mıhellemi Dinler, Diller ve Medeniyetler Arası Diyalog Derneği), der 2008 von Mehmet Ali Aslan in Midyat gegründet wurde, organisiert.[11] Die Mhallami in Deutschland sind im Verein Familien Union e.V. organisiert, und die Mhallami in den Niederlanden im Verein MIM.[12]

Familiennamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Türkei führten die Mhallami arabische Namen, die keine Nachnamen in unserem Sinn beinhalten. Die von Atatürk eingeführten türkischen Namen wurden nur im Umgang mit türkischen Behörden verwendet. Im Libanon benutzten sie wieder ihre arabischen Namen. Weil im Libanon Familiennamen geführt werden, fügten sie den Vornamen aber einen „Clannamen“ an, der wahrscheinlich meist nach einem männlichen Vorfahren oder einer besonderen traditionellen Stellung der Familie, Herkunftsort oder -region gewählt wurde. Dies geschah wahrscheinlich zwischen 1925 und 1935. Die Gleichheit oder Ähnlichkeit der Nachnamen bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Familien untereinander verwandt sein müssen. Die Namen wurden vielmehr nach der Einreise frei, wahrscheinlich unter Orientierung an bereits ansässigen Angehörigen ausgewählt. Es kam auch vor, dass sich ein männliches Mitglied einer Familie aufgrund von innerfamiliären Streitigkeiten nach diesem Vorbild einen eigenen Familiennamen zulegte und somit eine neue Sippe gründete.

Die häufigsten Familiennamen, die unter den Mhallami auftauchen sind demnach Al-Aqd, Atris(s), Fakhro, Fattah, Harb, Hasso, Kamis, Ali Khan, Miri, Omari, Omayrat, Ramadan, Remmo, Saado, Sha‘bu, Sharif, Shaykhmusa, Semmo, Serhan, Siyala und El-Zein.[4][9]

Selbst- und Fremdbezeichnungen der Mhallami[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Türkei werden sie zu den Arabern gerechnet,[13] ebenso im Libanon, wo sie nach ihrer Herkunftsgegend auch Mardelli genannt werden. Nur in Beirut werden sie von den Libanesen Kurden genannt.[6] Aus diesem Grund werden sie in Deutschland als „libanesische Kurden“[1], „Kurden aus dem Libanon“ oder „Mhallamiye-Kurden“[14] bezeichnet. Die Mhallami betrachten sich selber als Araber, zum Teil auch als arabischsprachige Kurden sowie zum geringen Teil als arabischsprachige Aramäer.[6][1]

Bekannte Mhallami[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Otto Jastrow, Die arabischen Dialekte des Vilayets Mardin (Südosttürkei), ZDMG Supplement 1, XVII. Dt. Orientalistentag (1968), Vorträge Teil II, Sektion 6, Wiesbaden 1969, S. 683 – 688; → Digitalisat (PDF)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Ralph Ghadban: Die Mhallamiyya. In: ders.: Die Libanon-Flüchtlinge in Berlin. Zur Integration ethnischer Minderheiten. Berlin 2000, S. 86–95. Kapitel als Buchauszug (PDF) (Memento vom 7. August 2007 im Internet Archive)
  2. a b c Ralph Ghadban, Die Libanon-Flüchtlinge in Berlin. Berlin 2000. ISBN 3-86093-293-4, Nachdruck 2008, S. 71, 87, 89, 238
  3. Lokman I. Meho, Farah W. Kawtharani: The Kurdish Community in Lebanon, American University of Beirut o.J., S. 23–24
  4. a b Heinrich Freckmann, Jürgen Kalmbach: Staatenlose Kurden aus dem Libanon oder türkische Staatsangehörige? (Ergebnis einer Untersuchung vom 08.–18. März 2001 in Beirut, Mardin und Ankara) (PDF; 43 kB), Hannover, Hildesheim, 2001; S. 3–4
  5. a b Es muss dringend etwas passieren; die tageszeitung, 6. Juni 2003.
  6. a b c d Fred Donner: Tribe and state in Arabia. Princeton University Press 1981. S. 123–130
  7. John Anthony Brinkman: A political history of post-Kassite Babylonia, 1158–722 B.C. 1968. ISBN 88-7653-243-9, S. 260–278
  8. T.C. Devlet Arşivleri Genel Müdürlüğü: Başbakanlık Osmanlı Arşivi Rehberi. 1995. ISBN 9-7519-124-74, S. 54–59. (türkisch)
  9. a b Lokman I. Meho, Farah W. Kawtharani: The Kurdish community in Lebanon (PDF; 139 kB); S. 2–3. (englisch)
  10. Jonathan Owens: A linguistic history of Arabic. Oxford University Press 2006; S. 144. (englisch)
  11. Internationale Konferenz der Mhallami; Midyat Sesi Haber, 13. August 2008. (türkisch)
  12. Claudia Keller: Familien-Union: Die Clanchefs bitten zum Tee; Der Tagesspiegel, 26. Februar 2011.
  13. Beate Krafft-Schöning, Blutsbande. München 2013, ISBN 978-3-86883-314-0, Einleitung, online
  14. Regina Mönch: Das libanesische Problem; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. März 2007.