Nationalgarde

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Die US-amerikanische Nationalgarde während der Hilfsaktionen nach dem Hurrikan Katrina, 2005

Eine Nationalgarde ist eine paramilitärische Organisation, die nach der jeweiligen Organisation aus Freiwilligen und Reservisten oder Wehrpflichtigen bestehen kann. In vielen Ländern ist die Nationalgarde der Teil des Militärs, der, anders als die Teilstreitkräfte der Armee, der Luftwaffe und der Marine, für den Einsatz im Inneren vorgesehen ist.

Historisches Vorbild ist die französische Nationalgarde (Garde Nationale), die während der Französischen Revolution 1789 gegründet wurde. Eine bedeutende Nationalgarde ist die 1903 aufgestellte Nationalgarde der Vereinigten Staaten.

Die französische Garde Nationale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nationalgarde (garde nationale) wurde am 13. Juli 1789 (einen Tag vor dem Bastillensturm) während der Französischen Revolution in Paris aufgestellt, um als Polizeiorgan die öffentliche Sicherheit in der Hauptstadt zu gewährleisten. Sie löste die Bürgergarde (garde bourgeoise) des Ancien Régime ab und war anfänglich 48.000 Mann stark (bei einer Pariser Gesamtbevölkerung von schätzungsweise 500-600.000). Im Juni 1790 erhielt sie ihre typische, die Farben der Trikolore zitierende blau-weiß-rote Uniform. Kommandeur von Beginn an war der Marquis de La Fayette. In ihren Reihen akzeptierte sie zunächst nur Aktivbürger zwischen 18 und 60 Jahren, für die seit Oktober 1791 der Dienst obligatorisch war. Die Nationalgarde hatte das Recht, die Offiziere und Unteroffiziere selbst zu wählen. Mit der französischen Gebietsreform im Dezember 1789 erhielten die neu gegründeten Départements das Recht zur Aufstellung eigener Nationalgarden, die man zur Unterscheidung der Pariser Bürgerwehr auch als Föderierte bezeichnete.

Anfang 1793 umfassten die Nationalgarden landesweit 110.000 Mann. Sie kämpften neben der aktiven Armee sowohl in den Revolutionskriegen als auch in den Napoleonischen Kriegen, obwohl sie ursprünglich nur zum Einsatz im Inneren bestimmt waren. Nach einem royalistischen Aufstand innerhalb der Pariser Nationalgarde verlor die Nationalgarde 1795 ihren Generalstab; die Kavallerie, Artillerie und die Jäger zu Fuß wurden auf die reguläre Armee verteilt, nur die Infanterie blieb bestehen. Im Jahr 1799 dienten landesweit rund 400.000 Nationalgardisten und Föderierte. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Nationalgarden längst schon den ärmeren Bevölkerungskreisen geöffnet, die nicht über das Aktivbürgerrecht verfügten.

Nach der Restauration der Bourbonenherrschaft 1814/15 wurde sie den Präfekten unterstellt. 1827 aufgelöst, ließ sie 1830 der Bürgerkönig Louis Philippe reorganisieren. Die Nationalgarde beteiligte sich an der Niederschlagung des Juniaufstandes 1848. 1852 wurde sie dem Kriegsministerium unterstellt und in ihren Rechten beschränkt. Das Wehrgesetz von 1868 teilte alle waffenfähigen Bürger, welche nicht aktiv gedient hatten, vom 30. bis zum 60. Lebensjahr der Nationalgarde zu. Nach Abschluss des Waffenstillstandes im Deutsch-Französischen Krieg im Januar 1871 übernahm das Zentralkomitee der Nationalgarde am 17. und 18. März beim Aufstand der Pariser Kommune die Macht in der Hauptstadt und ließ freie Wahlen durchführen. Truppen der französischen Regierung von Adolphe Thiers unter dem Befehl von Marschall Mac-Mahon schlugen den Aufstand blutig nieder. Das Rekrutierungsgesetz vom 27. Juli 1872 hob nach diesen Erfahrungen die Nationalgarde auf. Sie wurde anschließend in die französische Armee integriert.

Aktive Nationalgarden in anderen Ländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Indien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die indische Nationalgarde wurde für Anti-Terror-Einsätze gegründet. Indien besitzt die meisten paramilitärischen Einheiten aller demokratischen Staaten, die im Inneren eingesetzt werden und nicht Teil der regulären Streitkräfte sind. Die National Security Guard wird vor allem in Kaschmir eingesetzt.

Kuwait[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die kuwaitische Nationalgarde ist Teil des Militärs und neben der Armee, der Luftwaffe und der Marine die vierte Teilstreitkraft, die für den militärischen Einsatz im Inneren zur Verfügung steht.

Lettland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Lettland ist die Nationalgarde eine Teilstreitkraft der Streitkräfte und umfasst zehn Bataillone mit mehr als 11.000 Reservisten.

Pakistan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nationalgarde von Pakistan besteht aus mehreren paramilitärischen Einheiten, wie die Frauengarde, der Janbaz, oder der Mujahid und ist nicht Teil des regulären Militärs.

Portugal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Republikanische Nationalgarde (GNR) ist für die innere Sicherheit außerhalb von Städten zuständig. Es handelt sich um eine militärisch organisierte Polizeieinheit, die mit der französischen Gendarmerie oder den italienischen Carabinieri vergleichbar ist. Zu den Aufgaben der GNR gehören neben der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit außerhalb von Städten, die Verkehrskontrolle auf Autobahnen, Zollangelegenheiten und der Schutz von Regierungsgebäuden. Die GNR besitzt auch zwei Reserveinfanterieregimenter und Ehrenformationen für Staatsbesuche.

Russland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 2016 wurde in Russland die Nationalgarde von Russland gegründet

Saudi-Arabien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Königlich-saudische Nationalgarde ist neben der königlich-saudischen Armee, Luftwaffe und Marine die vierte Teilstreitkraft. Die aus historischen Gründen bestehenden Stammesmilizen sind Teil der Nationalgarde. Die Aufgabengebiete umfassen den Schutz der königlichen Familie, den Schutz der heiligen Stätten, sowie militärische Einsätze im Inneren.

Tunesien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 12.000 Mann starke paramilitärische Garde Nationale untersteht dem tunesischen Innenministerium.

Ukraine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 22. Oktober 1991 wurde durch ein Gesetz des Obersten Sowjet der Ukraine die Bildung einer Nationalgarde von 30.000 Soldaten beschlossen. Diese wurde im Jahr 2000 durch Beschluss des Parlaments aufgelöst.

Als Ersatz für die kurz zuvor aufgelöste Einheit Berkut wurde am 12. März 2014 durch Beschluss des ukrainischen Parlaments die Nationalgarde der Ukraine ins Leben gerufen. Ihre Gründung erfolgte vor dem Hintergrund des russischen Eingreifens auf der Halbinsel Krim.[1]

Venezuela[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die venezolanische Guardia Nacional wurde für den militärischen Einsatz im Inneren gegründet und ist neben der Armee, der Luftwaffe und der Marine die vierte Teilstreitkraft. Es handelt sich um Einheiten der leichten Infanterie.

Vereinigte Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der im Jahr 1903 aufgestellten Nationalgarde der Vereinigten Staaten (engl.: United States National Guard, kurz National Guard) handelt es sich um die zweite Instanz der militärischen Reserve der Streitkräfte der Vereinigten Staaten. Sie besteht aus den beiden Teilstreitkraftgattungen Army National Guard und Air National Guard. Zusätzlich zu den Nationalgarden gibt es noch Reserveeinheiten der einzelnen Teilstreitkräfte der US Army, US Navy and US Air Force. Bei diesen handelt es sich meistens um bestimmte Berufsgruppen, wie Ärzte, Logistiker etc., während die Nationalgarden hauptsächlich Infanterie- und Artilleriekräfte stellen.

Die Mitglieder der Nationalgarde sind freiwillig dienende Milizsoldaten. Zusätzlich zu den Nationalgarden, die im Einsatzfall sowohl dem Gouverneur des Staates oder dem Präsidenten der Vereinigten Staaten unterstellt sind, unterhalten zurzeit 22 Bundesstaaten sowie Puerto Rico eine dem Gouverneur unterstehende Staatsgarde (State Guard), welche die Nationalgarde bei einem Einsatz auf Bundesstaatsebene unterstützen kann.

Die Nationalgarde der Vereinigten Staaten nimmt auch an Auslandseinsätzen teil, seit 2005 für bis zu zwei Jahre.

Hauptartikel: Nationalgarde der Vereinigten Staaten

Republik Zypern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Republik Zypern werden die regulären Streitkräfte als Zyprische Nationalgarde (Cypriot National Guard) bezeichnet. Sie umfassen sowohl Land- als auch See- und Luftstreitkräfte und wurden noch im Jahr der Unabhängigkeit 1960, als Umsetzung der Paragraphen 129–132 der Verfassung gegründet.

Weitere Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehemalige Nationalgarden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Irak[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Irak wurde seit dem Irakkrieg eine Nationalgarde durch die Amerikaner aufgebaut, die sie bei der Bekämpfung von Aufständischen unterstützen sollte. Langfristig sollte die irakische Nationalgarde in der Lage sein, die komplette Kontrolle über das Land zu übernehmen, so dass die amerikanischen Streitkräfte allmählich abziehen könnten. Die Nationalgarde wurde aber bereits Anfang 2005 wieder aufgelöst (lange vor dem Abzug der US-Truppen Ende 2011).[2]

Kroatien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Kroatien existierte zu Beginn des Kroatienkrieges 1991 eine kroatischen Nationalgarde, welche die Grundlage der im selben Jahr gegründeten kroatischen Streitkräfte bildete.

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die österreichische Nationalgarde wurde zu Beginn der Märzrevolution am 14. März 1848 in Wien auf Betreiben der Kaufleute Emil Hardt, Mayrhofer und Keßler durch Feldmarschall Fürst Windisch-Graetz genehmigt und dann in allen größeren Orten eingerichtet. Zugelassen waren Männer im Alter von 19 bis 50 Jahren (ausgenommen Handwerksgesellen, Dienstboten, Wochen- und Taglöhner). Die Wiener Nationalgarde wurde in militärischen Belangen von einem Oberkommandanten geleitet, dem ein Stab (Adjutanten) und ein Platzoffizierskorps (Kanzlei- und Ordnungsdienst) zur Seite standen. Dem Oberkommando unterstellt waren die in den zwölf Wiener Polizeibezirken (Schotten-, Widmer-, Kärntner- und Stubenviertel in der Stadt, Leopoldstadt, Landstraße, Wieden, Mariahilf, Neubau, Josefstadt, Alservorstadt und Roßau im Vorstadtbereich) amtierenden Bezirkschefs und diesen wiederum die Anführer von jeweils mehreren Kompanien. Dem Oberkommando unterstanden weiters je ein Scharfschützen-, Artillerie- und Kavalleriecorps sowie die Akademische Legion; außerdem wurde der Nationalgarde die bereits vor der Revolution bestandene Bürgermiliz eingegliedert. Die Gesamtstärke der Nationalgarde war auf einen Sollstand von 60.000-70.000 Mann berechnet, tatsächlich betrug sie im Mai 1848 rund 44.000 und im Oktober nur noch 18.000 Mann; dieser Rückgang führte zur Bildung der Mobilgarde (der jedermann beitreten konnte). Für die zivilen Belange der Nationalgarde wurde ein von den Bezirksorganisationen, Sondercorps und der Akademischen Legion beschickter Verwaltungsrat eingerichtet. Ein am 7. Mai 1848 gebildetes „politisches Zentralkomitee“ von 200 Delegierten wurde am 18. Mai in „Zentralkomitee zur Aufrechterhaltung der Ruhe und gesetzliche Ordnung“ umbenannt und am 21. Mai 1848 aufgelöst. In der Nationalgarde gab es im Lauf des Revolutionsjahrs unterschiedliche, politische Strömungen; von den Kompanien in den Bezirken galten manche als „schwarzgelb“ (kaisertreu-konservativ), andere waren radikal; dementsprechend schwierig war die Position des jeweiligen Oberkommandanten. Das Hauptquartier der Nationalgarde befand sich in der Stallburg, doch wurde es am 31. Oktober 1848 (unmittelbar vor der Eroberung Wiens durch die kaiserlichen Truppen) ins Niederösterreichische Landhaus verlegt.[3] Nach den Unruhen wurde die Nationalgarde noch 1848 provisorisch und 1851 endgültig aufgelöst.

Bayern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das bayerische Heer gliederte 1809 nach französischem Vorbild seine ehemaligen Bürgerwehren in eine Nationalgarde um. Die Bezeichnung verschwand jedoch zwischen 1814 und 1816, die neue Bezeichnung für diese Reserveverbände lautete danach Landwehr.

Ungarn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Ungarischen Volksaufstand 1956 erkannte der damalige Ministerpräsident Imre Nagy am 28. Oktober 1956 offiziell die Revolution an. Am 30. Oktober vereinigte er Ungarische Armee und Freiheitskämpfer zu einer sogenannten Nationalgarde[4] und stellte sie unter die Führung von Béla Király.

Nicaragua[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Guardia Nacional von Nicaragua wurde als eine von den Vereinigten Staaten ausgerüstete und trainierte Truppe 1933 installiert, die im Nicaraguanischen Bürgerkrieg ihre Interessen wahren sollte und hatte Armee- und Polizeifunktionen. Sie stand von Beginn bis 1979 unter dem Oberkommando der Familie Somoza, die diese zur Aufrechterhaltung ihrer Diktatur und zu privaten Zwecken blutig einsetzten.

Panama[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nationalgarde von Panama war eine paramilitärische Einheit, die nach der US-Invasion in Panama 1989 aufgelöst wurde.

Referenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ukraine: Parlament beschloss Aufbau von Nationalgarde, Der Standard am 12. März 2014
  2. Iraq to dissolve National Guard, BBC News vom 29. Dezember 2004; Zugriff am 18. März 2012 (englisch)
  3. Wiener Nationalgarde. Abgerufen am 9. Dezember 2015.
  4. www.ungarisches-institut.de [1]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Serge Bianchi und Roger Dupuy: La Garde nationale entre nation et peuple en armes. Mythes et réalités. 1789–1871, Presses Universitaires de Rennes, 2006 (französisch)
  • Dieter Marc Schneider (Hrsg.): Pariser Kommune 1871. Rowohlt, Reinbek 1971

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]