Neoklassische Synthese

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Die Neoklassische Synthese (auch Neoklassisch-keynesianische Synthese, Keynesianisches Totalmodell) ist heute immer noch die theoretische Hauptrichtung der Volkswirtschaftslehre, verbindet einige kritische Ansätze von John Maynard Keynes mit den alten Dogmen der neoklassischen Theorie und wurde auch als Bastard-Keynesianismus (Joan Robinson)[1] bezeichnet.

Definiton[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die neoklassische Synthese bezeichnet eine makroökonomische Theorie, die sich in den 1940er-1950er Jahren entwickelte. Sie führt die neoklassische Theorie und die Keynesianische Ökonomik zusammen.[2]

Die Neoklassische Synthese bildete die Grundlage für einen Großteil der makroökonomischen Forschung im 20. Jahrhundert.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Großteil der neoklassischen Synthese wurde von führenden Ökonomen wie John Hicks, Maurice Allais, Franco Modigliani, Paul Samuelson, Alvin Hansen, Lawrence Klein, James Tobin und Don Patinkin entwickelt.[3] Dieser Prozess begann kurz nach der Veröffentlichung von Keynes' Allgemeiner Theorie mit dem IS-LM-Modell (Investment Saving – Liquidity Preference Money Supply), das erstmals 1937 von John Hicks in seinem Artikel Mr. Keynes and the Classics vorgestellt wurde.[4] Dort hat er die keynesianische Theorie in die traditionelleren Begriffe eines vereinfachten allgemeinen Gleichgewichtsmodells mit drei Märkten gebracht: Waren, Geld und finanzielle Vermögenswerte.[3] Anschließend wurde das Modell von Angebot und Nachfrage an die keynesianische Theorie angepasst. Es stellt dar, dass Anreize und Kosten eine entscheidende Rolle bei der Analyse von Entscheidungen spielen. Ein unmittelbares Beispiel hierfür ist die Haushaltstheorie, die beschreibt, wie sich Preise (als Kosten) und Einkommen auf die nachgefragte Menge auswirken.

In den 1940er–1950er Jahren wurden die Arbeiten von John Hicks durch Franco Modigliani und Paul Samuelson weiterentwickelt. 1944 erweiterte Modigliani das IS-LM-Modell, indem er den Arbeitsmarkt einbezog.[5] Samuelson prägte 1955 den Begriff der „neoklassischen Synthese“[6] und machte sich um die Verbreitung Theorie verdient, insbesondere durch sein einflussreiches Lehrbuch Economics, das erstmals 1948 veröffentlicht wurde.[7] Einer der Hauptbeiträge von P. Samuelson in der ersten Ausgabe von Economics war eine 45-Grad-Grafik (häufig als „keynesianisches Kreuz“ bekannt), das die konkurrierenden Theorien von Keynes und die neoklassische Schule versöhnte, indem es die neoklassische Preistheorie und Einkommensbildung im Kontext der Marktkonkurrenz zusammenführte mit der keynesianischen Makroökonomie als einer Theorie staatlicher Eingriffe.[8] Samuelson verstand unter der Neoklassischen Synthese, dass bei einem sinnvollen Einsatz der Geld- und Fiskalpolitik Massenarbeitslosigkeit und Inflation überwunden werden können, um Vollbeschäftigung und Geldwertstabilität wiederherzustellen.[9]

Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die neoklassische Synthese kann durch folgende Hauptpunkte charakterisiert werden:[7][10]

  • Firmen und Haushalte gelten als rational- ihr Verhalten kann mit mikroökonomischen Standardmethoden untersucht werden
  • Preise und Löhne weisen Starrheit auf- Märkte unterliegen daher meist nicht vollständigem Wettbewerb
  • Es gibt kein automatisches Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt- ein Gleichgewicht kann aber durch geeignete Geld- und Fiskalpolitik erreicht werden
  • Der Staat nimmt eine aktive Rolle ein- neben der Makrosteuerung durch Fiskalpolitik und Regulation interveniert er auch um Marktversagen zu beheben
  • Staatliches Management muss einen Kompromiss finden zwischen Geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen- gemäß den relativen Elastizitäten der IS- und LM-Kurven
  • Eine wichtige Rolle kommt der empirischen Evaluierung wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu
  • Mathematik wird als Werkzeug für die ökonomische Analyse umfassend eingesetzt

Die von neoklassischen Syntheseökonomen vorgeschlagene Interpretation von Keynes basiert auf der Vermischung grundlegender Merkmale der allgemeinen Gleichgewichtstheorie mit keynesianischen Konzepten.[3] Daher wurden die meisten Modelle der neoklassischen Synthese als "pragmatische Makroökonomie" bezeichnet.[3]

Die Neoklassische Synthese hat drei Punkte von Keynes übernommen:

Wegen der mit steigendem Einkommen sinkenden Grenzneigung zum Verbrauch[11] steigt die Sparfunktion (marginale Sparquote) mit dem Einkommen der Volkswirtschaft. Weil die Ersparnis immer mit der vom Zins abhängigen Investition identisch ist, muss nach Keynes eine geringe Schwankung der Investition zu weiten Schwankungen der Beschäftigung[12] und damit der Einkommen in der Ökonomie führen. Die Gesamtersparnis werde durch die Investition beherrscht, und ein Steigen des Zinsfußes muss somit die Einkommen auf ein Niveau herunterdrücken, bei dem die Ersparnis im gleichen Maße wie die vom Zins abhängige Investition verringert wird.[13]
  • Die Nicht-Neutralität des Geldes, dass also die Höhe der Zinsen die mit der Ersparnis identische Investition beeinflusst und über die veränderte Investition, verstärkt durch den Multiplikator, das Gesamteinkommen der Ökonomie. Allerdings setzt bei Keynes und in der Realität die Zentralbank den Leitzins für das Zentralbankgeld fest, während das IS-LM-Modell leicht den Eindruck erweckt, als würde sich auf dem Geldmarkt ein Gleichgewichtszins einpendeln. John Richard Hicks hat aber bereits bei der erstmaligen Vorstellung seines Modells betont, dass die Notenbank in seinem Modell als einzige das Geldangebot bestimmt und damit praktisch den Zins festsetzt. Die Interpretation, als wäre ein bestimmtes Geldangebot fest vorgegeben und würde die LM-Kurve bestimmen, sei unrealistisch, weil die Autoritäten der Geldpolitik die Geldmenge anpassen würden und damit die Elastizität der LM-Kurve von der Elastizität der Geldpolitik abhängig ist.[14]
  • Die sogenannte Liquiditätsfalle von Keynes[15]
Vor allem wegen des Kursrisikos langlaufender Anleihen wird deren Zins nicht annähernd so weit fallen, wie es für die Belebung der Konjunktur erforderlich wäre. Daher sieht man die LM-Kurve im IS-LM-Modell der Neoklassischen Synthese als Darstellung des Anleihezinses ganz unten waagrecht über dem Nullpunkt verlaufen, obwohl der Zins für Zentralbankgeld durchaus auf Null und sogar darunter festgesetzt werden kann (Negativzins), aber die Kurve soll wohl einmal den Rentenmarktzins und dann wieder den Geldmarktzins darstellen.

Dem IS-LM-Modell werden in der Neoklassischen Synthese ein neoklassischer Arbeitsmarkt (Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot auf dem Arbeitsmarkt abhängig vom Reallohn) und eine neoklassische Produktionsfunktion hinzugefügt. Grundsätzlich zeigt das Modell auch Zustände der Unterbeschäftigung auf, die in der neoklassischen Theorie annahmegemäß nicht auftreten können. Soweit eine keynesianische Variante des Arbeitsmarktes behandelt wird, welche einen nach unten fixen Lohnsatz unterstellt, so dass keine völlige Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt herrscht, wird dafür nicht die Erklärung von Keynes übernommen, dass besonders in einer Deflation fallende Löhne und Preise die Arbeitslosigkeit verstärken und der Reallohn aus makroökonomischen Gründen gar nicht oder nicht ausreichend fallen kann, sondern ein Widerstand der Arbeiter gegen die Lohnsenkung als Begründung der Starrheit der Löhne genannt.[16]

Ein weiteres Merkmal dieser Theorie ist die Annahme, dass Preise kurzfristig fix sind (sich nur langsam verändern). Die IS-LM-Modelle konstruieren ein Gleichgewicht zwischen der Gütermarktgleichgewichtsbedingung, der IS-Kurve (Investitionen = Sparen) und dem Geldmarktgleichgewicht, der LM-Kurve (Geldangebot = Geldnachfrage). Abhängig vom Schnittpunkt dieser beiden Kurven in einem Volkseinkommen/(Anleihe-)Zinssatz-Diagramm kann es zum Beispiel zu einer Veränderung der Investitionstätigkeit kommen. Das Modell ist hierdurch fähig, die Liquiditätsfalle sowie die Investitionsfalle darzustellen und soll damit zu einer Analyse von fiskalpolitischen und geldpolitischen Maßnahmen in jenem Rahmen anwendbar sein.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine grundlegende Kritik übte die Neue Klassische Makroökonomik. Durch die Annahme, dass alle Wirtschaftssubjekte das gleiche Modell der Ökonomie haben und sich rational verhalten, leitet diese die strikte Neutralität des Geldes ab. In den Modellen der Neuen Klassischen Makroökonomik gibt es somit keine Möglichkeit, durch politische Steuerung langfristig die Ökonomie zu beeinflussen. Als infolge der Ölkrise 1973 sowohl Inflationsrate als auch Arbeitslosigkeit stiegen (Stagflation), wurde dies von den Monetaristen und der Neuen Klassischen Makroökonomik als Bestätigung ihrer Kritik gewertet, und die Neoklassischen Synthese verlor an Einfluss. Aufgrund mangelnder Praxistauglichkeit der Modelle der Neuen Klassischen Makroökonomik wurde diese von der Neuen Neoklassischen Synthese des Neukeynesianismus wieder zurückgedrängt.[17]

Von Seiten der Neokeynesianer wurde kritisiert, dass Spillover-Effekte zwischen Güter- und Arbeitsmarkt nicht berücksichtigt wurden. Zudem fehlt der Theorie eine Mikrofundierung des Haushaltsverhaltens; so wird der Konsum von der Transaktionsgröße des Nationaleinkommens abgeleitet und nicht durch ein neoklassisches Entscheidungskalkül, welches der mathematischen Optimierung entspringt. Außerdem wird kritisiert, dass die Wirtschaftssubjekte zwar sparen, dass aber auftretende Vermögenseffekte vernachlässigt werden.

Ferner spielen portfoliotheoretische Überlegungen keine Rolle. Das Vermögen, welches nicht zu Transaktionszwecken verwendet wird, wird einzelwirtschaftlich entweder vollständig in Anleihen investiert oder zinslos gehortet. Eine Risikodiversifikation der Risikominderung wegen findet nicht statt.

Neuere Entwicklungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Neukeynesianismus wird bisweilen auch als „Neue Neoklassische Synthese“ bezeichnet. Anstelle der traditionellen Totalmodelle der herkömmlichen neoklassische Synthese werden hier mikrofundierte Totalmodelle verwendet. Auf die Kritik der Monetaristen hin wurde die Inflationserwartung in der neukeynesianischen Phillips-Kurve berücksichtigt.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul A. Samuelson, William D. Nordhaus: Economics. 19th Edition. International Edition. McGraw-Hill, Boston u. a. MA 2010, ISBN 978-0-07-126383-2, (Deutsch: Volkswirtschaftslehre. Das internationale Standardwerk der Makro- und Mikroökonomie. 3. aktualisierte Auflage. Premiumausgabe. mi-Fachverlag, Landsberg am Lech 2007, ISBN 978-3-636-03113-6, (Premiumausgabe mit CD-Rom; Studienausgabe ohne CD-Rom ISBN 978-3-636-03112-9)).
  • Hans-Werner Wohltmann: Grundzüge der makroökonomischen Theorie. Totalanalyse geschlossener und offener Volkswirtschaften. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Oldenbourg, München u. a. 1996, ISBN 3-486-23512-5, (Wolls Lehr- und Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joan Robinson, Review of Money, Trade and Economic Growth by H.G. Johnson. In: Economic Journal. 72, September 1962, S. 691.
  2. a b Olivier Jean Blanchard: Neoclassical Synthesis. In: The New Palgrave Dictionary of Economics. Palgrave Macmillan UK, London 2017, ISBN 978-1-349-95121-5, S. 1–6, doi:10.1057/978-1-349-95121-5_1218-2.
  3. a b c d Dario Togati: Keynes and the Neoclassical Synthesis. 0. Auflage. Routledge, 1998, ISBN 978-0-429-22982-4, doi:10.4324/9780203217122 (taylorfrancis.com [abgerufen am 11. August 2022]).
  4. J. R. Hicks: Mr. Keynes and the "Classics"; A Suggested Interpretation. In: Econometrica. Band 5, Nr. 2, 1937, ISSN 0012-9682, S. 147–159, doi:10.2307/1907242.
  5. Alessandro Roncaglia: The Age of Fragmentation: A History of Contemporary Economic Thought. 1. Auflage. Cambridge University Press, 2019, ISBN 978-1-108-77776-6, doi:10.1017/9781108777766.007 (cambridge.org [abgerufen am 11. August 2022]).
  6. Michel De Vroey, Pedro Garcia Duarte: In search of lost time: the neoclassical synthesis. In: The B.E. Journal of Macroeconomics. Band 13, Nr. 1, 1. Januar 2013, ISSN 1935-1690, doi:10.1515/bejm-2012-0078 (degruyter.com [abgerufen am 11. August 2022]).
  7. a b Olivier Jean Blanchard: Neoclassical Synthesis. In: The World of Economics. Palgrave Macmillan UK, London 1991, ISBN 978-0-333-55177-6, S. 504–510, doi:10.1007/978-1-349-21315-3_66 (springer.com [abgerufen am 11. August 2022]).
  8. Kerry A. Pearce, Kevin D. Hoover: After the Revolution: Paul Samuelson and the Textbook Keynesian Model. In: History of Political Economy. Band 27, Supplement, 1. Dezember 1995, ISSN 0018-2702, S. 183–216, doi:10.1215/00182702-27-supplement-183.
  9. Paul Samuelson, Economics. An Introductory Analysis, 7th edition, 1967, S. 581
  10. James Ronald Stanfield: The Neoclassical Synthesis in Crisis. In: Economics, Power and Culture. Palgrave Macmillan UK, London 1995, ISBN 978-1-349-23714-2, S. 30–48, doi:10.1007/978-1-349-23712-8_3 (springer.com [abgerufen am 11. August 2022]).
  11. John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936, S. 97 ff.
  12. John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936, S. 101
  13. John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936, S. 95
  14. John Hicks, IS-LM: An Explanation Source, in: Journal of Post Keynesian Economics, Vol. 3, No. 2 (Winter, 1980–1981), pp. 139–154, S. 150
  15. John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936, S. 194 ff.
  16. Keynes-Gesellschaft: Rolle und Gestalt des Arbeitsmarktes (Memento des Originals vom 1. März 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.keynes-gesellschaft.de
  17. Lothar Funk/Eckgard Knappe, Der Beitrag des Neukeynesianismus zur Erklärung der Arbeitslosigkeit in Europa, in: Hamburger Jahrbuch für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik: 41. Jahr, Mohr Siebeck, ISBN 9783161466519, S. 45
  18. Hans-Werner Wohltmann, Neuer Keynesianismus, in: Gabler Wirtschaftslexikon, 2020