Chirurgie

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Chirurg ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zur medizinischen Fachzeitschrift siehe Der Chirurg.
Operation in Dresden (1956)

Die Chirurgie (von altgriechisch χειρουργία cheirurgía „Handarbeit“) ist das Teilgebiet der Medizin, das sich mit der operativen Behandlung von Krankheiten und Verletzungen beschäftigt. Umgangssprachlich bezeichnet „Chirurgie“ auch die allgemeinchirurgische Abteilung eines Krankenhauses.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darstellung von chirurgischen Instrumenten an der Rückwand des Tempels zu Kom Ombo (331-304 v. Chr.)

Schon aus der Steinzeit sind chirurgische Eingriffe nachgewiesen, die von den Patienten überlebt wurden. Diese Kunst war nicht nur auf den Homo sapiens beschränkt: Ein etwa 50.000 Jahre alter Skelettfund eines männlichen Neandertalers in einer Höhle im Irak belegt eine Armamputation.[1] Seit 12.000 Jahren lassen sich überlebte Trepanationen nachweisen. Operationen wurden in der Antike, besonders bei Ägyptern[2] und Römern, mit speziellen (meist metallischen) Werkzeugen durchgeführt. Über die Erfolge und Heilungen ist wenig bekannt. Eine zentrale Aufgabe der Chirurgie ist die Blutstillung bei Verletzungen.[3]

Feldscher und Handwerkschirurgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum Aufkommen der akademischen Chirurgie führte der Bader oder Wundarzt mit handwerklicher Ausbildung (der Handwerkschirurg) Operationen durch. Für den Übergang vom Feldscher zum Chirurgen stehen Johann Dietz, Daniel Schwabe, Alexander Kölpin und Heinrich Callisen, bekanntester Handwerkschirurg war Doktor Eisenbarth. Vorangetrieben wurde die moderne Chirurgie von Militärärzten und italienischen Anatomen. Zur Zeit der Renaissance von kirchlichen Vorschriften emanzipiert, erweiterte die Anatomie mit der Obduktion den chirurgischen Horizont ganz wesentlich.

Antisepsis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund fehlenden Wissens über Infektionsgefahren wurden die Instrumente und die Hände des Arztes oft nicht gereinigt. Die Kittel waren damals dunkel, damit Schmutz und Blut darauf schwerer zu erkennen waren und man die Kittel nicht so oft waschen musste. Die Folge solch unhygienischen Vorgehens waren Infektionen, Sepsis und Tod.

Ignaz Semmelweis erahnte Mitte des 19. Jahrhunderts die Ursache des Kindbettfiebers, ordnete erstmals strenge Hygienemaßnahmen an und leistete einen ersten wichtigen Beitrag zum Rückgang der Todesfälle. Sir Joseph Lister experimentierte mit Karbol, ließ Hände und Instrumente damit reinigen, versprühte es über dem Operationsfeld und schuf damit bereits eine keimarme Atmosphäre während des Eingriffs. Der Durchbruch in der Chirurgie kam mit der Entdeckung der krankheitserregenden Keime durch das Mikroskop, den Erkenntnissen von Louis Pasteur und Robert Koch und der darauffolgenden Entwicklung der Asepsis. Ihren Siegeszug zum heutigen Standard begründeten dann die Reinigung, Desinfektion und Sterilisation von medizinischen Werkzeugen und Materialien sowie die Einführung von sterilen Operationshandschuhen aus Gummi.

Schmerzbetäubung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Leistungsfähigkeit der modernen Chirurgie ist ohne die Emanzipation der Anaesthesiologie undenkbar. Vor Einführung der Narkose (1846) hatte der Chirurg wegen der starken Schmerzen des Patienten möglichst schnell zu arbeiten. Todesfälle durch Schmerz (Schock) waren nicht selten. August Bier inaugurierte die Spinalanästhesie. Von Dominique Jean Larrey, dem Leibarzt Napoleon Bonapartes, wird berichtet, dass er über 200 Amputationen an einem Tag vornehmen konnte. Robert Liston (1798–1847) amputierte trotz zum ersten Mal eingesetzter Narkose (21. Dezember 1846) aus Gewohnheit ein Bein in 28 Sekunden. Dies stellte damals eine normale Operationszeit dar, war aber nichts anderes als eine Verstümmelung; denn auf jeden Wundverschluß wurde verzichtet. Mit sorgfältiger Stumpfbildung und Weichteildeckung dauern Amputationen heute zum Teil bis zu einer Stunde und bleiben erfahrenen Chirurgen vorbehalten.

Endoskopie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Kurt Semm 1967 in der Gynäkologie eingeführt, etablierte sich in den 1990er Jahren die minimal-invasive Chirurgie. Dabei werden die Patienten mit Endoskopen operiert, die über Stichinzisionen eingeführt sind. Der Chirurg sieht das Arbeitsfeld auf dem Bildschirm und bedient die Instrumente indirekt.

Die epochale Entwicklung der endoskopischen Chirurgie, von dem Chirurgen Ernst Kern 1993 als „Zweite Wende der Chirurgie“[4] bezeichnet, wurde von Johann von Mikulicz (1850–1905) in Wien eingeleitet. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde sie von Olympus in Japan vorangetrieben, wo das schwer zu erkennende Magenkarzinom so häufig wie sonst nirgends auf der Welt auftrat.[5]

Konservative Chirurgie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erkenntnisse der Anatomie, der Pathologischen Anatomie und der experimentellen Physiologie öffneten den Chirurgen im 19. Jahrhundert neue Wege in der Wundbehandlung. Arterielle Blutungen wurden erfolgreich unterbunden. Immer mehr Chirurgen vermieden Eingriffe in die Gewebestruktur und voreilige Amputationen. In der Wundversorgung begann das konservative = erhaltende Vorgehen zu dominieren. Der schottische Chirurg William Fergusson (1808–1877) hatte den Begriff „konservative Chirurgie“ in die Fachsprache eingeführt. In Frankreich wurde Lucien Baudens (1804–1857) ihr Wegbereiter. Die deutschen Begründer waren Bernhard von Langenbeck, Louis Stromeyer und Friedrich von Esmarch. Wie Theodor Billroth und Nikolai Iwanowitsch Pirogow waren sie Schüler des Göttinger Chirurgen und Anatomen Konrad Johann Martin Langenbeck. Nach der Schlacht bei Waterloo hatte er im Lazarett von Antwerpen viele Schussverletzte behandelt. Seither riet er, jeden chirurgischen Eingriff als Eingriff in den komplexen Organismus sorgfältig abzuwägen. Vor dem Deutsch-Französischen Krieg hatten sich alle in die Lazarette gehenden Chirurgen mit den Grundzügen der konservativen Behandlung von Schusswunden eingehend vertraut gemacht. Wegweiser waren Stromeyers Maximen der Kriegsheilkunst (1855), Esmarchs Ueber die Resection nach Schusswunden (1851), Loefflers Grundsätze und Regeln für die Behandlung von Schusswunden im Kriege (1859), Pirogows Grundzüge der allgemeinen Kriegschirurgie (1864) und Langenbecks Ueber die Schußfraktur der Gelenke und ihre Behandlung (1869). Noch während des Krieges konnten 18,8 % der Verwundeten (17.000) als geheilt und dienstfähig zu ihrem Truppenteil zurückkehren. Dank der Fortschritte der Medizin und ihrer Umsetzung durch die Militärärzte begann das Lazarett zur bedeutenden Quelle des Personalersatzes zu werden. Aufschluss über die Tätigkeit der deutschen Chirurgen im letzten der deutschen Einigungskriege gibt der chirurgische Teil des fünfbändigen Berichtswerks, das die Medizinalabteilung des Preußischen Kriegsministeriums bald nach dem Krieg veröffentlichte. Die Redaktion hatte Richard von Volkmann, der selbst die konservative Wundbehandlung propagiert und fortentwickelt hatte.[6]

Facharztrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschlandlastige Artikel Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.
Operationsvorbereitung (1978)

Nach der (Muster-) Weiterbildungsordnung von 2008 umfasst die Chirurgie in Deutschland folgende Facharztrichtungen:[7]

  1. Allgemeinchirurgie
  2. Gefäßchirurgie
  3. Herzchirurgie
  4. Kinderchirurgie
  5. Orthopädie und Unfallchirurgie
  6. Plastische Chirurgie
  7. Thoraxchirurgie
  8. Viszeralchirurgie

Weitere operative Fächer sind Frauenheilkunde, Ophthalmologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Dermatologie, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Neurochirurgie und Urologie. Da jedes Land eine eigene Weiterbildungsordnung hat, ist diese Einteilung nicht allgemein gültig.

Chirurgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hieronymus Fabricius, Operationes chirurgicae, 1685

Im 19. Jahrhundert gewann die deutsche Chirurgie durch Johann von Mikulicz Weltgeltung, die nur in der Zeit des Nationalsozialismus Schaden nahm. In den USA, in Australien und im Vereinigten Königreich sind Lehrstühle jüngst mit Deutschen besetzt worden. Über die schwierige Lage der Chirurgie in der Deutschen Demokratischen Republik berichtet Helmut Wolff.[8]

Johann von Mikulicz

Nissen und Wachsmuth sind die wichtigsten Chirurgenbiografien des 20. Jahrhunderts zu verdanken. Peter Bamm veröffentlichte 1952 seinen berühmten Bericht über die Kriegschirurgie im Heer der Wehrmacht. Dass seine Wahrhaftigkeit auch deutsche Kriegsverbrechen einbezog, wird erst heute wahrgenommen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lutz Braun: Chirurgie zwischen Illusion und Realität. Reflexionen über Medizin und Gesellschaft. Kaden, Heidelberg 2015, ISBN 978-3-942825-36-8.
  • Walter von Brunn: Geschichte der Chirurgie. Julius Springer, Berlin 1928.
  • Paul von Bruns (Hrsg.): Bruns Kriegschirurgische Hefte der Beiträge zur klinischen Chirurgie. Laupp 1917–1919.
  • Peter Bamm: Die unsichtbare Flagge. München 1952. Neuausgabe 1989, ISBN 978-3-8075-0007-2.
  • Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. F. C. W. Vogel, Leipzig 1876.
  • E. Gurlt: Geschichte der Chirurgie und ihrer Ausübung. I-III, Hirschwald, Berlin 1898.
  • Knut Hæger: The Illustrated History of Surgery. Starke, London 1992, ISBN 1-872457-00-2.
  • Pierre Huard und Mirko D. Grmek: Mille ans de chirurgie en occident: Ve–XVe siècle., Paris 1966.
  • Rudolf Nissen: Helle Blätter, dunkle Blätter. Erinnerungen eines Chirurgen. Stuttgart 1969; mehrere Wiederauflagen und Nachdrucke. ISBN 3-609-16029-2.
  • Paul Ridder: Chirurgie und Anästhesie: Vom Handwerk zur Wissenschaft. Hirzel, Stuttgart 1993, ISBN 3-8047-1256-8.
  • Detlef Rüster: Alte Chirurgie: Von der Steinzeit bis zum 19. Jahrhundert, 4. Auflage. Verlag Gesundheit, Berlin 1999, ISBN 3-333-01029-1 (bis zur 3. Auflage Nebentitel Legende und Wirklichkeit).
  • F. X. Sailer und F. W. Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen: Anfang - Entwicklung - Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, 262 Seiten, ISBN 3-87185-021-7.
  • Jürgen Thorwald: Das Jahrhundert der Chirurgen. Droemer Knaur, München 1980, ISBN 3-426-03275-9.
  • Ilza Veith und Leo Zimmerman: Great ideas in the history of surgery. Baltimore 1961
  • Karl Vossschulte: Leistungen und Ergebnisse der neuzeitlichen Chirurgie. Emil K. Frey zum 70. Geburtstag. Stuttgart 1958.
  • Werner Wachsmuth: Ein Leben mit dem Jahrhundert. Springer, Berlin 1985, ISBN 978-3-540-15036-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Chirurgie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Chirurgie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikibooks: Chirurgie – Lern- und Lehrmaterialien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Manfred Reitz: Steinzeitchirurgie. In: Pharmazeutische Industrie (Pharmind), 73, 2011, S. 1755–1757
  2. Doris Schwarzmann-Schafhauser: Unter dem Primat des Totenkults? Die Chirurgie im Alten Ägypten. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen, 24, 2005, S. 73–81
  3. Walter von Brunn: Zur Geschichte der Blutstillung. In: Die Medizinische Welt. Band 9, 1935, S. 107 f.
  4. Ernst Kern: Die zweite Wende der Chirurgie. (Festvortrag anläßlich des 60. Geburtstages von Günther Hierholzer in Duisburg am 6. Juni 1993) In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 12, 1994, S. 363–373
  5. Rabenstein et al. (2008)
  6. Peter Kolmsee: Unter dem Zeichen des Äskulap. Eine Einführung in die Geschichte des Militärsanitätswesens von den frühesten Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Beiträge Wehrmedizin und Wehrpharmazie, Bd. 11. Beta Verlag, Bonn 1997, ISBN 3-927603-14-7, S. 124–125.
  7. (Muster-)Weiterbildungsordnung und -richtlinie. Bundesärztekammer, abgerufen am 28. Januar 2013
  8. H. Wolff: Zur Entwicklung der Chirurgie und der chirurgischen Forschung in der DDR. In: Deutsche Gesellschaft für Chirurgie – Mitteilungen, 1/2012, S. 1–8