Otto Kandler

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Otto Kandler mit dem Modell von Pseudomurein (Pseudopeptidoglycan)

Otto Kandler (* 23. Oktober 1920 in Deggendorf; † 29. August 2017 in München[1]) war ein deutscher Botaniker und Mikrobiologe, zuletzt em. Professor für Allgemeine Botanik an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).

Die wichtigsten Entdeckungen bzw. grundlegenden Arbeiten, die mit Otto Kandlers Namen verbunden sind, stammen aus den Gebieten der Photosynthese, des pflanzlichen Kohlenhydratstoffwechsels, der Strukturaufklärung bakterieller Zellwände (Mureine/Peptidoglykane), der Systematik von Laktobazillen, der Chemotaxonomie von Pflanzen und Mikroorganismen und einer Neukonzeption der Phylogenie der Organismen. Seine Entdeckung grundlegender Zellwandunterschiede zwischen Bakterien und Archaebakterien (jetzt Archaea) führte ihn zu der Erkenntnis, dass diese eine eigenständige Gruppe von Organismen bilden und machte ihn zum Begründer der Archaeenforschung in Deutschland. Gemeinsam mit Carl Woese schlug er einen Stammbaum des Lebens mit den drei Domänen Archaea, Bacteria, Eucarya vor.[2] Themen seiner angewandten Forschung waren z. B. die Mikrobiologie von Milch, Milchprodukten oder Abwässern, die Produktion von Biogas und die Erforschung von Waldschäden. Eigene Untersuchungen führten zu seiner entschiedenen Kritik am sogenannten Waldsterben.[1][3][4]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Otto Kandler wurde am 23. Oktober 1920 in Deggendorf in Niederbayern als sechstes Kind einer Gärtnerfamilie geboren und interessierte sich früh für Pflanzen bzw. für die Natur ganz allgemein. Als er mit 12 Jahren dem Pfarrer davon berichtete, dass er über Charles Darwin gelesen habe, bekam er dafür Stockhiebe; doch sein Interesse für evolutionsbiologische Fragestellungen begleitete ihn sein Leben lang. Er besuchte acht Jahre die Volksschule in Schaching/Deggendorf und sollte anschließend eine Lehre machen, da seine Eltern das damals erforderliche Schulgeld für das Gymnasium nicht aufbringen konnten. Seine Lehrer ermunterten die Eltern jedoch, ihren Sohn weiter studieren zu lassen. So besuchte er von 1935 bis 1938 die „Deutsche Aufbauschule“ in Straubing, eine Lehrerbildungsanstalt für begabte Kinder aus nicht vermögendem Hause. Seine Studienpläne wurden jedoch vom 2. Weltkrieg durchkreuzt, er wurde zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und musste später bis Kriegsende als Bodenfunker in Russland dienen. Zum Kriegsende wurde seine Einheit nach Österreich verlegt. Um nicht in russische Gefangenschaft zu geraten, fuhr er mit dem Fahrrad in bereits amerikanisch besetztes Gebiet, wurde amerikanischer Kriegsgefangener, aber nach kurzer Zeit entlassen. 1945–1946 baute er die elterliche Gärtnerei in Deggendorf wieder auf; vor allem Weißkraut und Chrysanthemen brachten etwas Geld, mit dem er später auch sein Studium finanzierte[1][5].

Wand-Mosaik in der Eingangshalle des historisches Gebäudes des Botanischen Instituts der LMU in München, Menzingerstr. 67; Einweihung im Jahr 1914.

Erst 1946 konnte Kandler sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) einschreiben, und zwar für Botanik, Zoologie, Chemie, Geologie und Physik; zusätzlich besuchte er Philosophie-Vorlesungen. Die Institute lagen in Ruinen, daher musste er für die Zulassung zum Studium, wie damals üblich, Schutträum- und Aufbauarbeiten nachkommen. Nach drei Semestern suchte er sich selbst ein Thema für seine Doktorarbeit in Botanik und kultivierte als Erster in Deutschland ab 1947 isoliertes Pflanzengewebe zur Untersuchung von Stoffwechsel und Wachstum unter definierten in vitro Bedingungen. 1949 schloss er seine Dissertation ab (summa cum laude) und wurde wissenschaftlicher Assistent am Botanischen Institut der LMU, nach seiner Habilitation 1953 war er weiterhin als Privatdozent bis 1957 an der LMU tätig. Im Jahr 1953 heiratete er Gertraud Schäfer, damals Doktorandin der Mikrobiologie. Sie haben drei Töchter und vier Enkelkinder. Für seine Arbeiten zur Photophosphorylierung[6][7][8] erhielt er von der Rockefeller Foundation ein großzügiges Forschungsstipendium für ein Jahr in den USA, das er 1956–1957 wahrnahm.[1][5]

Nach seiner Rückkehr übernahm er (zermürbt über die desolate Laborausstattung des Botanischen Instituts in München) 1957 die Leitung des Bakteriologischen Instituts der Süddeutschen Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Weihenstephan, die er bis 1965 weiterführte, nicht zuletzt um die dortigen sehr guten Laborbedingungen weiter nutzen zu können. 1960 wurde er auf den Lehrstuhl für Angewandte Botanik der Technischen Hochschule München berufen, wo er die notwendigen Forschungslabore erst modernisieren musste. 1968 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Allgemeine Botanik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, den er bis zu seiner Emeritierung 1986 innehatte.[3][9] Sein breites wissenschaftliches Interesse geht aus den Titeln seiner über 400 Publikationen hervor.[3][10]

Pflanzenphysiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Anfang an galt sein besonderes Interesse den Stoffwechsel- und Wachstumsvorgängen von Pflanzen und den dafür verantwortlichen Faktoren, insbesondere der damals noch nicht verstandenen Photosynthese und dem pflanzlichen Kohlenhydratstoffwechsel. Für seine Doktorarbeit (1949) stellte er - wie oben beschrieben - erstmals in Deutschland pflanzliche Gewebekulturen her[5][11] und machte mit ihnen stoffwechselphysiologische Experimente unter definierten in vitro Bedingungen.[12]

Schon zu Beginn der 1950er Jahre beschäftigte er sich auch mit Photosynthese, hatte aus in vivo-Versuchen auf eine lichtabhängige ATP-Bildung geschlossen und konnte bei Chlorella Zellen in vivo als Erster überhaupt die Photophosphorylierung nachweisen,[6][7][8][13] Befunde, denen Daniel I. Arnon, der die Photophosphorylierung später bei isolierten Chloroplasten nachwies, vollen Kredit zollte.[1][14] Auf Grund dieser Veröffentlichungen wurde ihm ein Rockefeller-Stipendium angeboten, welches ihm 1956/57 ermöglichte, in den USA jeweils sechs Monate in den Laboratorien von Martin Gibbs (Brookhaven National Laboratory, Long Island, New York)[15] und Melvin Calvin (Chemistry Department, University of California, Berkeley) weiter an zentralen Fragen der Photosynthese zu arbeiten (z. B. dem heute als Calvin-Benson-Zyklus bekannten biochemischen Weg des Kohlenstoffs in der Photosynthese).[13] Von dort brachte er die Methode der radioaktiven Markierung bzw. der Arbeit mit radioaktiven Isotopen nach Deutschland mit.

Zusammen mit seinen Mitarbeitern hat Kandler später das Vorkommen von ADP-Glucose, den Glucose-Donor der Stärkebiosynthese, zum ersten Mal in Pflanzen nachgewiesen. Er hat wesentlich zur Aufklärung der komplizierten Biosynthese verzweigt-kettiger Monosaccharide (Hamamelose, Apiose) beigetragen und schließlich die Biosynthese der in Pflanzen häufigsten Oligosaccharide, der Zucker der Raffinose-Familie, aufgeklärt.[16][17][18] Im Zusammenhang mit dem zuletzt genannten Befund wurde die Funktion des Galaktinols, eines Galaktosids des Inositols, als Galaktosyl-Donor und somit jene des Inositols als Cofaktor von Zuckertransfer-Reaktionen in Pflanzen entdeckt.[1][13]

Mikrobiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Schwerpunkt von Otto Kandlers Forschung lag auf dem Stoffwechsel und der Chemotaxonomie von Pflanzen[17][18] und Mikroorganismen, besonders der Chemie der Zellwände von Bakterien.[3] Neben seinen pflanzenphysiologischen Kerninteressen hat sich Kandler schon früh für Bakterien und auf der Suche nach "Urbakterien" vor allem für das Vorhandensein bzw. Fehlen ihrer Zellwände interessiert. Zusammen mit seiner Ehefrau Gertraud publizierte er heute noch zitierte[19][20][21] Arbeiten über die sog. PPLOs, zellwandlose, Penicillin-resistente Bakterien (jetzt Mycoplasmen) und L-Formen von Bakterien (Bakterien, die ihre Zellwände verloren haben).[1][22][23] In diesen Arbeiten wurde gezeigt, dass PPLOs (Mycoplasmen) und L-Form Bakterien sich nicht durch Zweiteilung (binary fission), sondern durch Knospung vermehren.

Während seiner Zeit als Leiter des Bakteriologischen Instituts der Süddeutschen Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Freising-Weihenstephan befasste er sich intensiv mit der Milchbakteriologie, insbesondere mit der Physiologie und der Systematik der Milchsäurebakterien (Laktobazillen), über die er auch das einschlägige Kapitel in „Bergey’s Manual“, der „Bibel“ der Mikrobiologen, verfasste.[1][5] Darüber hinaus verfasste er zahlreiche Arbeiten über die Isolierung, Beschreibung und Taxonomie von anderen Bakterien.[3][10]

Später widmete sich Kandler besonders der Chemie und Strukturaufklärung bakterieller Zellwände (Mureine/Peptidoglykane). Die Untersuchungen zur Zusammensetzung und Primärstruktur des bakteriellen Mureins, dessen Vielfalt Kandler überhaupt erstmals erkannte,[1] führten zu einer verbesserten Klassifizierung der Gram-positiven Bakterien. Mit seinem Doktoranden Karl-Heinz Schleifer untersuchte Kandler Gram-negative und Gram-positive Bakterien und stieß bald auf grundlegende Unterschiede in deren chemischem Wandaufbau.[4] Daher schlugen sie 1972[24] in einer phylogenetischen Hypothese die Zellwandchemie als Marker für die tiefsten Verzweigungen im Stammbaum der Bakterien vor. Diese Idee erhielt u.a. durch den Nachweis des Fehlens von Peptidoglykan - einer typischen Zellwandkomponente der Bakterien - bei zwei Stämmen von Methanosarcina barkeri (Kandler und Hippe 1977[25]) weitere Bestätigung und führte ihn zu der Erkenntnis, dass die Methanbildner (Methanogene, wie z.B. Methanosarcina) eine eigenständige, von den Bakterien verschiedene Gruppe darstellen. Der von ihm und seiner Arbeitsgruppe geführte Nachweis des Fehlens von Peptidoglykan zunächst bei den Methan- und auch bei den Halobakterien (den ersten beiden Gruppen, die man dann als Archaebakterien (heute Archaea) bezeichnete), war anfangs ein wesentlicher Befund für die Abtrennung dieser Organismengruppe von den Bakterien. Bei einigen der Archaebakterien (heute Archaea) konnte von Kandler und König 1979[26] eine neuartige Zellwandkomponente, das Pseudomurein (heute Pseudopeptidoglycan), nachgewiesen und in seiner Struktur aufgeklärt werden.[1]

Der thermophile Methanbildner Methanopyrus kandleri[27] wurde von Karl O. Stetter zu Ehren von Kandlers 70. Geburtstag benannt[28].

Kandler war Begründer und Herausgeber der Fachzeitschrift Systematic and Applied Microbiology sowie Mit-Herausgeber der Archives of Microbiology und der Zeitschrift für Pflanzenphysiologie.

Archaeenforschung und 3-Domänen-Konzept des Lebens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kandlers Schwerpunkt in der Mikrobiologie war die Forschung zu Archaebakterien (jetzt Archaea). Die bereits im Oktober 1976 von ihm gemachte Entdeckung, dass in den Zellwänden von Methanogenen das bakterientypische Murein (Peptidoglykan) fehlt (Kandler & Hippe 1977[25]) war ein erster von drei wichtigen Hinweisen[29] darauf, dass die Methanogenen eine eigenständige Gruppe von Organismen bilden. Otto Kandler war sehr erfreut, als er im November 1976 durch einen Brief von Ralph Wolfe erfuhr, dass Carl Woese in USA Urbana (Illinois) mit seiner 16S rRNA-Methode gerade grundlegende Unterschiede zwischen Bakterien und Methanogenen entdeckt hatte.

Kandlers erster Besuch bei Carl Woese fand im Januar 1977 statt. Er war sofort von Woeses Archaebakterien-Konzept überzeugt, denn seine Zellwandanalysen passten perfekt zu den Ergebnissen der 16S rRNA-Analysen von Woese. Dies war der Anfang einer extrem fruchtbaren transatlantischen Zusammenarbeit basierend auf dem Austausch von Bakterien-Kulturen, Daten und Ideen. Zeitgleich und in ständigem Kontakt untersuchten Kandler und seine Gruppe die Zusammensetzung der Zellwände und Woese mit seiner Gruppe die jeweilige 16S rRNA-Ausprägung an den gleichen Mikroorganismen.

In ihrer häufig zitierten Publikation führten Woese und Fox[29] im November 1977 den Terminus "archaebacteria" ein und präsentierten die allerersten drei Belege für das Konzept der Archaebakterien, welches zu diesem Zeitpunkt nur die Methanogenen umfasste:

  1. Das Fehlen von Peptidoglycan bei den Methanogenen (Kandler)
  2. Zwei ungewöhnliche Coenzyme bei den Methanogenen (Wolfe)
  3. Die Ergebnisse der 16S rRNA Gen-Sequenzierug bei den Methanogenen (Woese).

Doch während Woese in den USA zunächst nur wenig Unterstützung und z. T. sogar heftige Kritik[30][31] für seinen Vorschlag bekam, die Lebewesen in drei „lines of descent“ (archaebacteria, eubacteria, urkaryotes[29] – heute: archaea, bacteria, eucarya) zu unterteilen, war Kandler davon voll überzeugt und bezeichnete Woese als „Darwin des zwanzigsten Jahrhunderts“[3].

Carl Woese (links), Ralph Wolfe und Otto Kandler (rechts) feiern die Archaebakterien bei einer Bergtour auf die Hochiss (2299 m, Rofangebirge) im Sommer 1981

Mit all seiner Kraft und Leidenschaft setzte sich Kandler dafür ein, dass die Archaebakterien in Deutschland zu einem herausragenden Forschungsschwerpunkt wurden.[3][32] Er organisierte im Frühjahr 1978 in München das erste Archaebakterien-Treffen überhaupt, zu dem jedoch Carl Woese nicht kommen konnte. Im Sommer 1979 gelang es Kandler, Carl Woese zu einem Gastvortrag im Rahmen einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie in München einzuladen und Carl Woese kam zum ersten Mal nach Deutschland (München). Im Botanischen Institut der LMU München wurde Carl Woese damals mit Fanfaren, einem Konzert und einer Dinner-Party in der großen Eingangshalle empfangen.[33] Im Sommer 1981 organisierte Kandler ebenfalls in München die erste internationale Konferenz über (damals noch) Archaebakterien, an der auch Carl Woese und Ralph Wolfe teilnahmen.[34]

Die dort präsentierten zahlreichen Belege für wesentliche strukturelle, biochemische und molekulare Unterschiede zwischen Bakterien und Archaebakterien führten dazu, dass das Konzept der Archaebakterien und deren Einzigartigkeit Anerkennung fanden. Carl Woese, Ralph Wolfe und Otto Kandler feierten die Archaebakterien anschließend bei einer gemeinsamen Bergtour auf dem Gipfel der Hochiss (Rofangebirge) in 2299 m Höhe.

1985 organisierten Otto Kandler und Wolfram Zillig (wiederum in München) eine zweite internationale Archaebakterien-Konferenz.[35]

Phylogenetischer Stammbaum des Lebens mit den drei Domänen Bacteria, Archaea und Eucarya (Woese, Kandler & Wheelis, 1990, S. 4578)[2]

An Stelle der früheren Aufteilung der Organismen in zwei Gruppen (Prokaryoten, Eukaryoten) wurde die von Woese vorgeschlagene phylogenetische Teilung in drei Gruppen – basierend auf den Sequenzen der 16S rRNA – in Bakterien, Archaebakterien und Eukaryoten allmählich akzeptiert, doch die Benennung der Klassifikationsebene dieser drei Gruppen wurde lange Zeit kontrovers diskutiert (es kursierten verschiedenste Begriffe wie z. B. primary kingdoms, urkingdoms etc.).

Nach 13-jähriger Zusammenarbeit schlugen Carl Woese und Otto Kandler in ihrer Veröffentlichung im Jahr 1990 den heute als „Tree of Life“ bekannten Stammbaum des Lebens vor und führten den Begriff Domäne als höchste Klassifizierungsebene ein.[2] Ebenso prägten sie erstmals die heute gebräuchlichen Bezeichnungen für die drei Domänen Bacteria, Archaea und Eucarya. Die formale Beschreibung des Taxons Archaea durch Carl Woese, Otto Kandler und Mark L. Wheelis erfolgte ebenfalls in der o.g. Veröffentlichung (Woese et al. 1990),[2] einer der meist zitierten Arbeiten, die in den Mitteilungen der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht wurde.[4] Eine ausführliche Dokumentation und Darstellung der Entwicklung des Archaeen- und des 3-Domänen-Konzepts findet sich bei Jan Sapp (2009).[33]

Die frühe Diversifizierung des Lebens in 3 Domänen mit Kandlers Präzellen-Theorie (Kandler 1994, S. 155)[36]

Heute ist die Aufteilung des Stammbaums des Lebens in drei Domänen – auf einer den Reichen (kingdoms) übergeordneten Ebene – Schulwissen.[4]

Erwähnenswert sind darüber hinaus auch Otto Kandlers Arbeiten über die frühe Diversifizierung des Lebens und seine darin formulierte Präzellen-Theorie,[36][37][38] in der er davon ausgeht, dass es keine gemeinsame „erste Zelle“ gegeben haben kann, sondern dass sich jede Domäne durch Zellularisierung aus einer Population von Präzellen entwickelt haben muss, wobei die "Erfindung" von Zellhüllen eine wichtige Rolle spielte. Die Bedeutung von Kandlers Arbeiten für unser Verständnis der frühen Evolution des Lebens wurde mehrfach gewürdigt z. B. Müller 1998,[5] Wiegel 1998,[39] Wächtershäuser 2003,[40] und 2006[41] sowie von Schleifer 2011.[3]

Angewandte Mikrobiologie und Biotechnologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Louis Pasteur war eines seiner wissenschaftlichen Vorbilder und er zitierte gerne dessen Ansicht, dass es keine angewandte Wissenschaft gebe, sondern nur die Anwendung von Wissenschaft. Während seiner Zeit als Leiter des Bakteriologischen Instituts der Süddeutschen Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Freising-Weihenstephan konzentrierte er sich auf die Mikrobiologie der Milch sowie von Milchprodukten und befasste sich beispielsweise mit Methoden der Verlängerung der Haltbarkeit von Milch oder mit der Verwendung von Lactobacillus acidophilus als Startkultur für die Joghurtproduktion. Für die Fermentation von Milch- oder Gemüseprodukten entwickelte er verschiedene Verfahren (weitere Beispiele bei Schleifer 2011[3]). Seine Forschungen über thermophile und methanogene Organismen nutzte er auch im Hinblick auf deren Fähigkeit, Biogas aus Abwasser oder Abfällen zu produzieren.[3]

Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kandlers Rolle als früher Vertreter einer wissenschaftlich-basierten Ökologie ist heute weniger bekannt. Er war Mitbegründer der Kommission für Ökologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (inzwischen umbenannt in Forum für Ökologie[42]), der er bis 2006 angehörte. Sein eigenes Interesse an Ökologie war sehr breit und reichte von bakteriellen Interaktionen über den Zustand des Waldes bis zur Wiederbesiedlung der Innenstadt von München durch Flechten (Kandler & Poelt 1984).[4][43] Otto Kandlers stets auf Fakten, Logik und exakte Mechanismen ausgerichtetes Denken[10] machte ihn ab etwa 1983 zu einem der wichtigsten, weil kenntnisreichsten, Kritiker an der damaligen vom Bundesministerium für Forschung und Technologie stark geförderten Forschung zum vermeintlichen „Waldsterben“.[4][44][45]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Otto Kandler: Über die Beziehungen zwischen Phosphathaushalt und Photosynthese: I. Phosphatspiegelschwankungen bei Chlorella pyrenoidosa als Folge des Licht-Dunkel-Wechsels. Zeitschrift für Naturforschung 5b, 423–437, 1950 pdf.
  • Otto Kandler: Energy Transfer through Phosphorylation Mechanisms in Photo­synthesis. Annual Review of Plant Physiology 11, 37–54 (1960) annualreviews.
  • Otto Kandler: Die chemische Zusammensetzung der Bakterienzellwand als chemo­-taxonomisches Merkmal. Zentralblatt für Bakteriologie I.Abt.Originale 205, 197–209, 1967.
  • Karl-Heinz Schleifer, Otto Kandler: Peptidoglycan Types of Bacterial Cell Walls and their Taxonomic Implications. Bacteriological Reviews 36, 407–477, 1972 pdf.
  • Otto Kandler, Hans Hippe: Lack of peptidoglycan in the cell walls of Methano­sarcina barkeri. Archives of Microbiology 113, 57–60, 1977 pdf.
  • Helmut König, Otto Kandler: N-Acetyltalosaminuronic acid a constituent of the pseudomurein of the genus Methanobacterium. Archives of Microbiology 123, 295–299, 1979 SpringerLink.
  • Otto Kandler: Cell Wall Structures and their Phylogenetic Implications. Zentralblatt für Bakteriologie Mikrobiologie und Hygiene: I. Abt. Originale C: Allgemeine, angewandte und ökologische Mikrobiologie 3. 149–160, 1982 ScienceDirect.
  • Carl R. Woese, Otto Kandler, Mark L. Wheelis: Towards a natural system of organisms: Proposal of the domains Archaea, Bacteria and Eucarya. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. 87 (12): 4576–4579 (1990) pdf.
  • Otto Kandler: Cell Wall Biochemistry and Three-Domain Concept of Life. Systematic and Applied Microbiology 16(4), 501–509, 1994 ScienceDirect.
  • Otto Kandler: Vierzehn Jahre Waldschadensdiskussion: Szenarien und Fakten. Naturwissenschaftliche Rundschau 47, 419–430, 1994 pdf.
  • Otto Kandler: Cell Wall Biochemistry in Archaea and its Phylogenetic Implications. Journal of Biological Physics 20, 165–169, 1995 SpringerLink.
  • Otto Kandler: The early diversification of life and the origin of the three domains: A proposal. pp. 19–31. In: Thermophiles: The keys to molecular evolution and the origin of life? (J. Wiegel & M.W. Adams eds.) Taylor and Francis Ltd. London, UK, 1998 googlebooks
  • Otto Kandler, Helmut König: Cell wall polymers in Archaea (Archaebacteria). Cellular and Molecular Life Sciences 54(4), 305–308, 1998 SpringerLink.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans E. Müller: Portrait: „Otto Kandler und die moderne Mikrobiologie“. Der Mikrobiologe. Mitteilungen des Berufsverbands der Ärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Band 8, Nr. 3, 1998, S. 38–43 BAdW.
  • Jan Sapp: The New Foundations of Evolution: On the Tree of Life. Oxford, New York: Oxford University Press 2009. ISBN 978-0-19-973438-2 googlebooks.
  • Karl-Heinz Schleifer: Prof Dr Dr h.c. mult Otto Kandler: distinguished botanist and microbiologist. The Bulletin of BISMiS, Vol. 2, part 2, 2011, pp.141–148 (December 2011) (Bergey’s International Society for Microbial Systematics) BAdW.
  • Widmar Tanner: Nachruf: Professor Dr. Otto Kandler (1920–2017). 23. November 2017 Deutsche Botanische Gesellschaft.[54]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j Widmar Tanner: Nachruf: Professor Dr. Otto Kandler (1920–2017). Hrsg.: Deutsche Botanische Gesellschaft. 23. November 2017 (deutsche-botanische-gesellschaft.de).
  2. a b c d Carl R. Woese, Otto Kandler, Mark L. Wheelis: Towards a natural system of organisms: Proposal for the domains Archaea, Bacteria and Eucarya. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Band 87, Nr. 12, 1990, S. 4576–4579 (pnas.org [PDF]).
  3. a b c d e f g h i j Karl-Heinz Schleifer: "Otto Kandler: distinguished Botanist and Microbiologist. In: The Bulletin of BISMiS. Bergey’s International Society for Microbial Systematics. Band 2, Nr. 2, Dezember 2011, S. 141–148 (badw.de [PDF]).
  4. a b c d e f Susanne S. Renner: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otto Kandler 1920–2017. Beschreiber der Dritten Domaine des Lebens und Vorreiter der Ökologie in Bayern. In: Berichte der Bayerischen Botanischen Gesellschaft. Band 87, 2017, S. 231–246 (badw.de [PDF]).
  5. a b c d e Hans E. Müller: Portrait: „Otto Kandler und die moderne Mikrobiologie“. In: "Der Mikrobiologe" Mitteilungen des Berufsverbands der Ärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Band 8, Nr. 3, 1998, S. 38–43 (badw.de [PDF]).
  6. a b Otto Kandler: Über die Beziehungen zwischen Phosphathaushalt und Photosynthese I. Phosphatspiegelschwankungen bei Chlorella pyrenoidosa als Folge des Licht-Dunkel-Wechsels. In: Zeitschrift für Naturforschung. 5b, 1950, S. 423–437, doi:10.1515/znb-1950-0806 (mpg.de [PDF]).
  7. a b Otto Kandler: Über die Beziehungen zwischen Phosphathaushalt und Photosynthese II. Gesteigerter Glucoseeinbau im Licht als Indikator einer lichtabhängigen Phosphorylierung. In: Zeitschrift für Naturforschung. 9b, 1954, S. 625–644, doi:10.1515/znb-1954-1001 (mpg.de [PDF]).
  8. a b Otto Kandler: Über die Beziehungen zwischen Phosphathaushalt und Photosynthese III. Hemmungsanalyse der lichtabhängigen Phosphorylierung. In: Zeitschrift für Naturforschung. 10b, 1955, S. 38–46, doi:10.1515/znb-1955-0109 (mpg.de [PDF]).
  9. a b Bayerische Akademie der Wissenschaften: Verstorbene Mitglieder – Otto Kandler
  10. a b c d Prof. Dr. Otto Kandler - Chronologisches Schriftenverzeichnis. In: Bayerische Akademie der Wissenschaften - Mitgliedereintrag Otto Kandler. Abgerufen am 8. Januar 2018 (PDF).
  11. Otto Kandler: Die pflanzliche Organ- und Gewebekultur. In: Naturwissenschaftliche Rundschau. Band 1, 1948, S. 28–33.
  12. Otto Kandler: Versuche zur Kultur isolierten Pflanzengewebes in vitro. In: Planta. Band 38, 1950, S. 564–585 (springer.com).
  13. a b c Govindjee, Widmar Tanner: Remembering Otto Kandler (1920–2017) and his contributions. In: Photosynthesis Research. 2018, doi:10.1007/s11120-018-0530-z (Korrektur im Abstract: Three forms of life (Archaea, Bacteria, Eukarya)).
  14. Daniel I. Arnon: Phosphorus metabolism and photosynthesis. In: Annual Review of Plant Physiology. Band 7, 1956, S. 325–354 (annualreviews.org [PDF]).
  15. Otto Kandler, Martin Gibbs: Asymmetric distribution of C14 in the glucose phosphates formed during photosynthesis. In: Plant Physiology. Band 31, 1956, S. 411–412 (plantphysiol.org [PDF]).
  16. Otto Kandler, Herbert Hopf: Occurrence, metabolism and function of oligosaccharides. In: Jack Preiss (Hrsg.): The Biochemistry of Plants. Carbohydrates: Structure and Function. Band 3. Academic Press Inc, New York u.a. 1980, ISBN 978-0-12-675403-2, S. 221–270, doi:10.1016/B978-0-12-675403-2.50013-2.
  17. a b Otto Kandler, Herbert Hopf: Oligosaccharides as taxonomic and phylogenetic markers in angiosperms. In: Abstracts of Second International Congress of Systematic and Evolutionary Biology Univ Br C, 17-24 July 1980. Vancouver 1980, S. 237.
  18. a b Otto Kandler, Herbert Hopf: Oligosaccharides based on sucrose (sucrosyl oligosaccharides). In: Frank A. Loewus, Widmar Tanner (Hrsg.): Plant Carbohydrates I. Encyclopedia Plant Physiology (New Series). 13 A. Springer, New York, Heidelberg, Berlin 1982, ISBN 978-3-642-68277-3, S. 348–383, doi:10.1007/978-3-642-68275-9_8 (springer.com).
  19. M. Leaver, P. Domínguez-Cuevas, J. M. Coxhead, R. A. Daniel and Jeff Errington: Life without a wall or division machine in Bacillus subtilis. In: Nature. Band 460, Nr. 7254, 2009, S. 538 (nature.com).
  20. Romain Mercier, Yoshikazu Kawai and Jeff Errington: General principles for the formation and proliferation of a wall-free (L-form) state in bacteria. In: eLife. Band 3, 2014 (elifesciences.org).
  21. Jeff Errington, Katarzyna Mickiewicz, Yoshikazu Kawai and Ling Juan Wu: L-form bacteria, chronic diseases and the origins of life. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences. Band 371, Nr. 1707, 2016, S. 2015.0494 (royalsocietypublishing.org).
  22. Gertraud Kandler, Otto Kandler: Untersuchungen über die Morphologie und die Vermehrung der pleuropneumonie-ähnlichen Organismen und der L-Phase der Bakterien. I. Lichtmikroskopische Untersuchungen. In: Archiv für Mikrobiologie. Band 21, Nr. 2, 1954, S. 178–201, PMID 14350641 (badw.de [PDF] Download der engl. Übersetzung).
  23. Gertraud Kandler, Otto Kandler, Oskar Huber: Untersuchungen über die Morphologie und die Vermehrung der pleuropneumonie-ähnlichen Organismen und der L-Phase der Bakterien. II. Elektronenmikroskopische Untersuchungen. In: Archiv für Mikrobiologie. Band 21, Nr. 2, 1954, S. 202–216, PMID 14350642 (badw.de [PDF] Download engl. Übersetzung).
  24. Karl-Heinz Schleifer, Otto Kandler: Peptidoglycan types of bacterial cell Walls and their taxonomic implications. In: Bacteriological Reviews. Band 36, Nr. 4, 1972, S. 407–477 (nih.gov [PDF]).
  25. a b Otto Kandler, Hans Hippe: Lack of peptidoglycan in the cell walls of Methanosarcina barkeri. In: Archives of Microbiology. Band 113, Nr. 1-2, 1977, S. 57–60, PMID 889387 (springer.com [PDF] Received: 26 January 1977).
  26. Helmut König, Otto Kandler: The amino acid sequence of the peptide moiety of the pseudomurein from Methanobacterium thermoautotrophicum. In: Archives of Microbiology. 271-275 Auflage. Band 121, Nr. 3, 1979, PMID 518234.
  27. Kurr Margit; Huber R; König H; Jannasch HW; Fricke H; Trincone A; Kristjansson JK; Stetter Karl O.: Methanopyrus kandleri, gen. and sp. nov. represents a novel group of hyperthermophilic methanogens, growing at 110°C. In: Archives of Microbiology. Band 156, Nr. 4, 1991, S. 239–247, doi:10.1007/BF00262992 (springer.com).
  28. Karl O. Stetter: Part 4: Extremophiles: Thermophiles". History of Discovery of Hyperthermophiles. In: Koki Horikoshi, Garabed Antranikian, Alan T. Bull, Frank T. Robb, Karl O. Stetter (Hrsg.): Extremophiles Handbook. Springer Science+Business Media, Tokyo 2011, ISBN 978-4-431-53897-4, S. 404 – 425 (google.de).
  29. a b c Carl R. Woese, George E. Fox: Phylogenetic structure of the prokaryotic domain: The primary kingdoms. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Band 74, Nr. 11, November 1977, S. 5088–5090 (pnas.org [PDF]).
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