Otto Wächter

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Otto Wächter

Otto Gustav Wächter (* 8. Juli 1901 in Wien, Österreich; † 14. Juli 1949[1] in Rom, 1918 bis 1919 Freiherr von Wächter) war ein österreichischer Jurist, nationalsozialistischer Politiker und SS-Führer, zuletzt im Rang eines SS-Gruppenführers und Generalleutnants der Polizei. Während des Zweiten Weltkriegs fungierte er im besetzten Polen als Gouverneur des Distrikts Krakau (1939–1942) und des Distrikt Galizien (1942–1944).

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jugend und beruflicher Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Otto Wächter war Sohn des späteren österreichischen Heeresministers Josef Wächter, der im August 1918 zum Ritter des Militär-Maria-Theresien-Ordens ernannt wurde, mit dem auch die Verleihung des Freiherrentitels verbunden war.[2][3] Mit dem Adelsaufhebungsgesetz 1919 wurden der Titel und das Adelsprädikat „von“ wieder aus dem Familiennamen entfernt. Otto Wächter hatte zwei Schwestern und wuchs im damals österreichischen Triest, wo er die deutsche Volksschule besuchte, und während des Ersten Weltkriegs in Budweis auf.

Wächter studierte nach der bestandenen Matura ab 1919 Rechtswissenschaft an der Universität Wien. Er war Sportler und wurde mit dem Wiener Ruderverein Donauhort Meister im Achter. Er promovierte 1924 zum Dr. jur.[4] Danach war er zunächst am Oberlandesgericht Wien tätig und ab 1929 als Strafverteidiger. Von Anfang Januar 1932 bis Juli 1934 betätigte sich Wächter als Rechtsanwalt.[5] Im Jahre 1932 heiratete er die großbürgerliche Charlotte Bleckmann, Enkelin des Stahlschmieds Johann H. A. Bleckmann. Das Paar hatte sechs Kinder.[6]

Aufstieg in der NSDAP[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1919 bis 1922 gehörte Wächter dem Freikorps Deutsche Wehr an, er trat 1923 der Wiener SA bei. Der DNSAP gehörte er erstmals ab Oktober 1923 an, ließ seine Mitgliedschaft aber aufgrund parteiinterner Konflikte ab Ende 1924/Anfang 1925 ruhen. Im Oktober 1930 trat er der NSDAP (Mitgliedsnummer 301.093) bei.[4] Ab 1931 war er Gauamtsleiter in Wien und Hauptschulungsleiter der NSDAP in Österreich.[7] Er war auch „Parteianwalt“ und nach dem NSDAP-Verbot in Österreich ab Sommer 1933 als Sonderbeauftragter der Landesleitung zu Verhandlungen mit österreichischen Regierungsstellen beauftragt. Im Januar 1934 beteiligte er sich an der Befreiung Josef Fitzthums aus dem Wiener Landesgericht.[8]

Laut dem österreichischen Bischof Alois Hudal soll Wächter beim Juliputsch 1934 den Angriffsbefehl im Zuge der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß gegeben haben.[7] Jedenfalls war er der Hauptorganisator des Putsches und dessen politischer Leiter. Der Putsch, der aufgrund mangelhafter Planung und Ausführung scheiterte, zwang ihn, aus Österreich zu fliehen. Er nahm ab diesem Zeitpunkt den Namen „Wartenberg“ an. Infolge seiner Flucht in das Deutsche Reich wurde ihm die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt.[9] Er wurde ins Deutsche Reich eingebürgert und erhielt die Zulassung zur großen Staatsprüfung für die Befähigung zum Richteramt.[10] Ende 1936 zog auch seine Frau mit den zwei Kindern nach Berlin. Wächter trat im März 1935 in die SS (SS-Nr. 235.338) ein.[4]

Zum Anlass der Rede Hitlers am Balkon des Wiener Heldenplatzes organisierte seine Frau die Rückkehr nach Wien und das Paar stand mit anderen ausgewählten Nazi-Größen hinter Hitler in der Gruppe am Balkon. Nach dem „Anschluss Österreichs“ war Wächter vom 24. Mai 1938 bis zum 30. April 1939 als personalpolitischer Referent des Reichskommissars für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich Josef Bürckel im Rang eines Staatssekretärs tätig.[11] In dieser Funktion ließ er Beamte aus dem österreichischen Behördenapparat entfernen, die dem NS-Regime nicht als zuverlässig galten,[3] und alle Beamten, die von Seiten der Nazis als Juden deklariert wurden. Diese Entlassung führte viele der Betroffenen direkt ins KZ und in den Tod.

Gouverneur im besetzten Polen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Amtshandlung in Krakau

Im Zuge der Besetzung Polens wurde Wächter Anfang November 1939 zum Gouverneur des Distrikts Krakau ernannt. Dort war er auch Distriktstandortführer der NSDAP und Leiter der Kommission für Flüchtlingsfragen.[5] Im Dezember 1939 untersagte Wächter jüdischen Kindern den Schulbesuch in allen öffentlichen, privaten und „Judenschulen“.[12] Er erörterte ferner mit Hans Frank und Friedrich-Wilhelm Krüger Methoden, um mehr polnische Zwangsarbeiter für den Einsatz in Deutschland rekrutieren zu können.[13] Im Mai 1940 ordnete er an, dass Tausende von Juden Krakau zu verlassen hätten.[14] Er ordnete persönlich die Errichtung des Krakauer Ghettos an, das durch den Film Schindlers Liste auf traurige Art weltbekannt wurde. Persönlich organisierte und überwachte er die Erschießung von 50 polnischen Geiseln als Vergeltungsaktion für einen tödlichen Anschlag auf zwei deutsche Soldaten seitens des polnischen Widerstandes in Bozcina an. Diese Erschießung, die auf den persönlichen Befehl Hitlers stattfand, war die erste derartige und ein Muster für alle weiteren derartigen Geiselerschießungen seitens der Nazis in besetzten Gebieten.

Am 21. Januar 1942 wurde Wächter Gouverneur des Distrikts Galizien und folgte somit dem beurlaubten Karl Lasch nach. Den Posten des Gouverneurs von Krakau übernahm Richard Wendler.[4] Ab Februar 1942 kam es zu lang anhaltenden Konflikten zwischen dem Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF) Ost Friedrich-Wilhelm Krüger und Wächter. Krüger warf Wächter unter anderem vor, im Generalgouvernement ausschließlich als Politiker, aber nicht als SS-Führer zu agieren.[3] Ab Oktober 1942 war Wächter zudem SS-Führer im Stab des SS-Oberabschnitts Ost. Wächter vertrat in seinem dienstlichen Schriftverkehr und seinen mündlichen Äußerungen immer Hans Franks harte Haltung zur Endlösung der Judenfrage. Zu deren Durchsetzung hatte Wächter viele verlässliche österreichische „alte Kämpfer“ mitgenommen. Die meisten dieser Mitarbeiter lebten wie Kolonialbeamte im Luxus inmitten der armen Bevölkerung, wobei Korruption und Trunksucht an der Tagesordnung waren.[15]

Obwohl Himmler ihm die Möglichkeit anbot, nach Wien versetzt zu werden, entschied sich Wächter, in Lemberg zu bleiben und die Aufgaben der Zivilverwaltung bei der der "Großen Aktion" zur Vernichtung der Juden im Distrikt Lemberg zu übernehmen. Damit ist er direkt verantwortlich für mindestens eine halbe Million Holocaust-Opfer in seinem Verwaltungsgebiet. Nach dem Krieg vor allem von Fritz Katzmann aufgestellte Behauptungen, dass er angeblich als Zivilverwaltungsleiter nichts mit dieser Aktion zu tun gehabt hätte, werden als durchschaubare Schutzbehauptungen historisch entsprechend eingeordnet. Wächter wirkte 1943 an der Aufstellung der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS (galizische Nr. 1), bestehend aus ukrainischen Freiwilligen, mit. Diese wurde zu Ende des Krieges in Ukrainische Befreiungsarmee umbenannt wurde, die in zahlreiche Kriegsverbrechen verwickelt war und deren Mitglieder aktuell (ca. 2020) in der Ukraine von rechten Nationalisten weiterhin als „Helden für das Vaterland“ verehrt werden

Im Mai 1944 erreichte Wächter den Rang eines SS-Gruppenführers.[7] Nachdem der Distrikt Galizien im Sommer 1944 von der Roten Armee eingenommen wurde, wurde er im August 1944 hauptamtlicher SS-Führer, zugleich ernannte ihn Himmler zum Generalleutnant der Polizei.[16] Im September 1944 erhielt Wächter den Posten des Militärverwaltungschefs im deutsch besetzten Norditalien.[7] In der Endphase des Zweiten Weltkrieges leitete Wächter noch den Bereich der Ostangelegenheiten im Reichssicherheitshauptamt (RSHA).[5]

Flucht und Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 10. Mai 1945 floh Wächter von Tamsweg im Bundesland Salzburg über das benachbarte Mariapfarr in die umliegenden Berge, wo er sich während fast vier Jahren – zusammen mit einem aus Italien zurückgekehrten jungen SS-Mann – in immer wechselnden Almhütten zwischen Salzburg und Zell am See[17] versteckte.[18] Bei konspirativen Treffen wurde er von seiner Frau Charlotte mit Esswaren, Schuhen und Kleidern versorgt. Am 16. Februar 1949 verließ er Österreich in Richtung Südtirol, wo er zunächst bei Bekannten unterkam. Auf der sogenannten Rattenlinie fuhr er Ende April 1949 mit dem Zug nach Rom, in der Hoffnung, sich nach Südamerika absetzen zu können. Unter dem Pseudonym Alfredo Reinhardt fand er in Rom mithilfe des (damals auch für einen amerikanischen Geheimdienst arbeitenden) österreichischen Bischofs Alois Hudal Zuflucht in einem katholischen Kollegium und verstarb dort vermutlich an einer Infektion am 14. Juli 1949[18]. Nach späteren Angaben Hudals, die aber einer historischen Überprüfung kaum standhalten und wohl die Rolle Hudals in der Öffentlichkeit beschönigen sollten, starb er nach einem Treffen mit einem Geheimdienstmitarbeiter an einer Vergiftung.[19]

Nach Darstellung des Wissenschaftlers und Autors Philippe Sands verstarb Wächter tatsächlich an den Folgen einer Vergiftung, allerdings habe er sich diese selbst durch verunreinigtes Wasser zugezogen.

Erbe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schloss „Wartenberg“ in Krakau

Das Ehepaar Otto und Charlotte Wächter eignete sich in mehreren Bereichen fremdes Eigentum an. In Wien übernahmen sie die Villa Mendl der Besitzerfamilie der Ankerbrot-Fabrik, in der exquisitesten Lage auf der Hohen Warte im 19. Wiener Bezirk. In Thumersbach bei Zell am See übernahmen sie das Wohnhaus des Salzburger Landeshauptmannes Franz Rehrl, der im Zuge des Anschlusses Österreichs abgesetzt und ins KZ verbracht wurde. Bei Krakau ließen sie sich den Besitz einer enteigneten jüdischen Familie zu einem Schloss umbauen und großteils neu errichten. Sie gaben dem Schloss den Namen „Wartenberg“, den Wächter auf seiner Flucht aus Österreich angenommen hatte, heute heißt es Zamek w Przegorzałach. Da Wächter noch vor Beendigung des Baues nach Lemberg versetzt wurde, wurde das Schloss von der Familie Wächter nie bezogen. Aus dem Nationalmuseum von Krakau entwendete Charlotte Wächter zahlreiche Kunstwerke von Weltgeltung, die sie in Folge nach Österreich mitnahm, nach dem Krieg verkaufte, aber auch an ihre Kinder weiter vererbte.

Wächters Sohn, Horst Wächter, gab 2017 Gemälde und eine historische Landkarte, die sein Vater während des Zweiten Weltkriegs in Krakau geraubt hatte, an die Behörden der Stadt zurück.[20] Inwieweit noch andere Werke im Besitz der Kinder des Ehepaars Wächter oder deren Nachkommen sind, ist, trotz entsprechender Gerüchte, derzeit nicht beweisbar.

Horst Wächter stellte das Familienarchiv mit den noch vorhandenen Dokumenten seiner Eltern dem United States Holocaust Museum in New York zur Verfügung, womit diese Dokumente nun für jedermann im Internet abrufbar sind. Auf Basis dieser Dokumente schrieb Philippe Sands das Buch "The Ratline", auf Deutsch "Die Rattenlinie", das inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Mit dem problematischen Erbe seiner Eltern kaufte sich Horst Wächter das Schloss Hagenberg im Weinviertel in Österreich, wo er auch – unterstützt von inzwischen neuen Besitzern – versucht, die Erzählung aufrecht zu halten, dass sein Vater ein "guter Nazi" gewesen wäre und nichts mit Verbrechen zu tun gehabt hätte.

Horst Wächters Tochter, Magdalena Wächter-Stanfel, bekennt sich bisher als einziges der 23 Enkelkinder von Otto und Charlotte Wächter öffentlich zu den Untaten ihrer Großeltern, womit sie im Konflikt mit ihrem Vater und dem Rest der Familie steht.[21]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andreas Schulz, Dieter Zinke: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei. Bissendorf 2012, S. 77–127.
  2. Wolfgang Kuderna: Die Verleihung des Ritterkreuzes des Militär-Maria Theresien-Ordens an Oberstleutnant Josef Wächter 1918. In: Festschrift Kurt Peball zum 65. Geburtstag. (=Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43 (1993)), S. 148–155, hier S. 148f.
  3. a b c Thomas Sandkühler: Endlösung in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz 1941–1944, Bonn 1996, S. 448f.
  4. a b c d Bogdan Musial: Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement. Wiesbaden 1999, S. 396.
  5. a b c Werner Präg / Wolfgang Jacobmeyer (Hrsg.): Das Diensttagebuch des deutschen Generalgouverneurs in Polen 1939–1945, Stuttgart 1975, S. 954.
  6. Sands: Rattenlinie, S. 15 (Verzeichnis der Hauptpersonen), 217. Die in der Literatur ebenfalls publizierte Zahl von nur zwei Kindern ist unrichtig, z. B. bei Wolfgang Graf: Österreichische SS-Generäle. Himmlers verlässliche Vasallen, Klagenfurt/ Ljubljana/ Wien 2012, S. 69 f.
  7. a b c d Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 647f.
  8. Wolfgang Graf: Österreichische SS-Generäle. Himmlers verlässliche Vasallen, Klagenfurt/ Ljubljana/ Wien 2012, S. 69 f.
  9. Eintrag zu Otto Wächter im Austria-Forum (im AEIOU-Österreich-Lexikon).
  10. Philippe Sands: Die Rattenlinie, 2020, S. 77
  11. Philippe Sands: Die Rattenlinie, 2020, S. 102f.
  12. Dok. VEJ 4/56 in: Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 4: Polen - September 1939-Juli 1941, München 2011, ISBN 978-3-486-58525-4, S. 176f.
  13. Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden... Band 4: Polen - September 1939-Juli 1941, München 2011, ISBN 978-3-486-58525-4, S. 304 mit Anm. 12.
  14. vergl. Dokument VEJ 4/210 in: Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden... Band 4: Polen - September 1939–Juli 1941, München 2011, ISBN 978-3-486-58525-4, S. 464ff.
  15. Vgl. Wolfgang Graf "Österreichische SS-Generäle" (2012), S. 211.
  16. Wolfgang Graf: Österreichische SS-Generäle. Himmlers verlässliche Vasallen, Klagenfurt/ Ljubljana/ Wien 2012, S. 69f.
  17. René Schlott: Rezension „Die Rattenlinie“: Wie ein österreichischer SS-Mann nach dem Krieg in Rom landete. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 7. Mai 2021]).
  18. a b Philippe Sands: Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht. Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2020, ISBN 978-3-10-397443-0, S. 180f.
  19. Sands: Rattenlinie, S. 26, 350.
  20. Sohn von Nazi-Funktionär gibt Kunst an Polen zurück. In: Der Spiegel, 1. März 2017.
  21. Von der späten Last einer Täterfamilie. 3. Juli 2021, abgerufen am 3. Juli 2021.
  22. Klaus Taschwer: Der mysteriöse Tod des Otto Wächter. In: DerStandard.at. 22. November 2020, abgerufen am 23. November 2020.