Anafestus Paulucius

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Wappen mit „Paulutio Anafesto“, das die Form des Dogennamens aufweist, wie sie im 17. Jahrhundert gängig war

Anafestus Paulucius, in den zeitgenössischen Quellen Paulucius, in der späteren Überlieferung Paolo Lucio Anafesto oder Paoluccio Anafesto aber auch Paolicio genannt, war nach der Tradition der erste Doge von Venedig. Nach dieser ab dem 14. Jahrhundert dominierenden Tradition wurde er als Dux der Siedlungen in der Lagune von Venedig im Jahr 697 gewählt, um die Verteidigung gegen Langobarden und Slawen zu koordinieren. Folgt man dieser Überlieferung, so starb Anafestus im Jahr 717, doch gilt die Datierung als unsicher. Auch die Historizität des Dogen wurde bestritten.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name Anafestus Paulucius, auch Paulicius oder Paulitius, wurde in der späteren Tradition so aufgefasst, dass Anafestus oder Anafesto der Familienname wurde. Darüber hinaus wurde angenommen, Anafesto sei der ursprüngliche Name der adligen Familie Falier. Der Namensteil „Anafesto“ wurde dementsprechend nachgestellt, der Vorname italianisiert als „Paolo Lucio“ geschrieben, bzw. im Venezianischen als „Paoluccio“. Daher erscheint sein Name in den älteren historischen Darstellungen als „Paoluccio Anafesto“ oder „Paolo Lucio Anafesto“.

In der hoch- und spätmittelalterlichen Geschichtsschreibung erscheint der Name „Paulucius“ meist ohne den (angeblichen) Familiennamen. Das von Fiori Luca transkribierte Autograph von Piero Giustinian[1] erweist dies im 16. Jahrhundert ebenso wie das Chronicon Altinate oder Chronicon Venetum[2] aus dem späten Frühmittelalter. Der Namensteil „Anafestus“ taucht erstmals in der Chronik auf, die angeblich von Nicolò Trevisan stammt, und die Heinrich Kretschmayr in das 15./16. Jahrhundert datierte.[3] Diese Chronik wurde in das 14. Jahrhundert datiert, da sie ausführlich über den Aufstand der venezianischen Siedler auf Kreta (1363–1366) berichtet.

In der lateinischen Geschichtsschreibung des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit etablierte sich der Name Paulucius Anafestus, so etwa bei Pietro Marcello († 1428)[4] und auch in der zweibändigen Historia Veneta des Alessandro Maria Vianoli von 1680, die ins Deutsche übersetzt unter dem Titel Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Erstem Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686 erschien,[5] hieß der erste Doge weiterhin „Anafestus Paulucius“. Hingegen wurde er in der italienischen Fassung von Vianolis Werk aus dem Jahr 1680 „Paoluccio Anafesto“ (ab S. 21) genannt,[6] ähnlich wie bereits 1602 in Francesco Sansovino, Girolamo Bardi: Delle Cose Notabili Della Città Di Venetia, Libri II, Salicato, Venedig 1606, wo er „Paolo Lucio Anafesto“ hieß[7].

Chronikalische Überlieferung und Datierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nachrichten über Paulucius sind noch rarer, als über die nachfolgenden Dogen. Nach Johannes Diaconus,[8] dem venezianischen Geschichtsschreiber,[9] Kaplan und Diplomaten des Dogen Pietro II. Orseolo (991–1009), stammte Paulucius aus Eraclea, der Hauptstadt der Venezia marittima, die unter dem oströmisch-byzantinischen Kaiser Herakleios (610–641) gegründet worden war. Paulucius sei von der Volksversammlung der Venetici zum dux gewählt worden, was mit den erwachsenen Männern der Lagune gleichgesetzt wurde. Er sollte demnach die Herrschaft der Tribunen, die seit 150 Jahren die Inseln beherrschten, beenden. Nach Johannes Diaconus wurden diese Tribunen jährlich gewählt, doch war ihre Macht zu gering, um dem Druck der „Barbaren“ standzuhalten. Daher entschied man sich, alle Macht in eine Hand zu geben.

Nach einer langen Debatte einigte sich die vielleicht vom Patriarchen von Grado einberufene Volksversammlung, gemeinsam mit diesem und den Bischöfen, auf Paulucius, der als überaus erfahren und illuster galt. Man schwor ihm Treue und proklamierte ihn in Eraclea zum Dux. Damit begann entsprechend der venezianischen Tradition eine Reihe von insgesamt 120 Dogen, die bis 1797 reichte, und die nur von 737 bis 742 unterbrochen wurde, als fünf magistri militum in der Lagune herrschten. Nach Johannes Diaconus – und damit weicht er von der heute gängigen Datierung ab – fand die Wahl zur Zeit des Kaisers Anastasius (713–715/16) und des Langobardenkönigs Liutprand (712–744) statt, also zwischen 713 und 715.

Nach späteren Chronisten fand die Wahl 706 statt, doch wird im Allgemeinen das Jahr 697 akzeptiert, da dieses in der Chronica extensa des Dogen Andrea Dandolo (1343–1354) angegeben wird. Diese erste der staatlich gesteuerten Chroniken Venedigs wurde als verlässlicher erachtet als die zeitlich nähere Chronik des Johannes Diaconus. Dandolo schreibt zur Dogenwahl, dass „Tribuni et omnes primates et plebei cum patriarcha et episcopis et cuncto clero in Heraclea hiis diebus pariter convenerunt.“ (‚Die Tribunen und sämtliche Herren und das Volk versammelten sich mit dem Patriarchen, den Bischöfen und dem gesamten Klerus‘). Wie so häufig in der venezianischen Staatsgeschichtsschreibung wurden die Konflikte und Interessen hinter diesem Vorgang verschleiert (oder waren schon gar nicht mehr bekannt), um eine von Anfang an bestehende Einigkeit über die Machtordnung zu suggerieren. Zudem wurde durch Dandolo die Trennung zwischen Klerus und Laien rhetorisch hervorgehoben, die für die venezianische Geschichte eine größere Bedeutung besaß als für die anderer Staaten.

Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Langobardische und oströmische Gebiete in Italien

In Ravenna wurde, um die ab 568 in Italien ansässig werdenden Langobarden zu bekämpfen, durch die oströmische Regierung ein Exarchat eingerichtet. Der Exarch wurde von Konstantinopel eingesetzt und von dort an seinen Amtsort geschickt, wobei er über umfassende zivile und militärische Rechte verfügte, Rechte, die ansonsten üblicherweise getrennt gehalten wurden. Diese Rechtebündelung hing mit der prekären Situation der oströmisch-byzantinischen Gebiete in Italien zusammen, die oftmals durch langobardische Gebiete voneinander getrennt waren. Die Kontrolle über die einzelnen, häufig isolierten Territorien erhielten duces oder magistri militum. Dux konnte dabei Ausdruck einer eher zivilen, von dem jeweiligen lokalen Adel abgeleiteten Funktion sein, während der magister militum eher einem militärischen Rang entsprach. Diesen magistri wurden gelegentlich Aufgaben eines dux zugeordnet. Unterhalb dieser Ebene rangierten die tribuni oder comites, die Siedlungen vorstanden oder Kastelle befehligten.

Die ersten Dukate wurden im 6. Jahrhundert eingerichtet, so dass auch Venedig ein solcher Fall gewesen sein könnte, was aus den Quellen allerdings nicht belegbar ist. Es könnte dementsprechend einen Zusammenhang zur Übertragung der Macht von den Tribunen auf die Duces bestehen. Doch auch die Abtrennung Venetias von Histria, die bis dahin eine gemeinsame Regio bildeten, könnte damit in Zusammenhang stehen. Wahlberechtigt waren nach oströmischen Regularien alle bewaffneten Männer, insbesondere der exercitus. Diese Männer bildeten gemeinsam den Kern der Volksversammlung. Diese wurde als concio generalis oder arengo bezeichnet. Zu ihr gehörten neben dem Patriarchen und den Bischöfen auch Äbte, so dass die Versammlung, wie in anderen Reichsregionen auch, einen wichtigen Kern der politischen Assoziation bildete. Allerdings taucht diese Volksversammlung explizit erst 887 in den Quellen auf.

Unklar bleibt bei der Wahl von (vielleicht) 697 darüber hinaus die Rolle des Exarchen. Es gibt dabei weder eine erhaltene Zustimmung oder Amtsübertragung. Dies mag seine Ursache im tendenziellen Schweigen der venezianischen Quellen über die ursprüngliche oströmisch-byzantinische Herrschaft über die Lagune haben, oder aber in der Schwäche des Exarchats um 700.

Dabei ist die Quellenlage noch ungünstiger als im Rest Italiens. Die erzählenden Quellen Venedigs setzen erst um 1000 ein, und selbst das ist mit großer Unsicherheit behaftet. Die älteste venezianische Quelle überhaupt stammt aus dem Jahr 819 und ist nur in einer Abschrift überliefert.[10]

Als einzige Quellen, die Paulucius explizit nennen, bleibt einerseits das Pactum Lotharii von 840, andererseits die Chronik des Johannes Diaconus, die Istoria Veneticorum.

Herrschaft des Paulucius[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Herrschaft des Paulucius oder Paulicius kam es zu nicht näher bestimmbaren Auseinandersetzungen mit dem Patriarchen von Grado. Paulucius schloss Frieden mit König Liutprand (König von 712 bis 744), ein Vertrag, der noch zur Zeit des Johannes Diaconus gültig war. Dazu gehörte auch die Grenzziehung, die sogenannte Terminatio Liutprandina, die von König Aistulf (749–756) bestätigt wurde. Das Pactum Lotharii von 841 nimmt in Abschnitt 26 darauf Bezug: „De finibus autem Civitatis novae statuimus, ut, sicut a tempore Liuthprandi regis terminatio facta est inter Paulitionem ducem et Marcellum magistrum militum, ita permanere debeat, secundum quod Aistulfus ad vos Civitatinos novos largitus est“. In Abschnitt 28 heißt es zudem mit Bezug auf die Weiderechte für Schafe: „Peculiarumque vestrarum partium greges pascere debeat cum securitate usque in terminum, quem posuit Paulitius dux cum Civitatinis novis, sicut in pacto legitur, de Plave maiore usque in Plavem siccam, quod est terminus vel proprietas vestra“.

Johannes Diaconus schreibt dazu: „Hoc tempore Lotharius imperator anno sui primo, pactum, initum inter Venetos et vicinos subiectos imperii super jure redendo et solutione datiorum, requirente duce, per quinquenium confirmavit terras que ducatus distinsit a terris Ytalici regni; et terminationem factam inter Paulucium ducem et Marcelum magistrum militum de finibus Civitatis Nove sub Liutprando rege et ab Astulffo confinatam comprobavit.“ Er sah also im ersten Jahr des Kaisers Lothar eine vertragliche Grenzregelung, die ihren Ausgangspunkt zwischen Venezianern und in der Nähe lebenden „subiectos“ des Kaiserreichs genommen hatte.

Außer dieser Angabe und der Behauptung, Paulicius habe zwanzig Jahre und sechs Monate geherrscht, und dass er unter dem neuen Duca Marcellus, der im Pactum Lotharii ebenfalls genannt wird (wenn es sich bei dem Magister militum der Quelle um dieselbe Person handelt) in Eraclea beigesetzt worden sei, erfahren wir jedoch nichts über Paulucius. Folgt man dem Chronicon Altinate aus derselben Zeit, so herrschte er im übrigen neunzehn Jahre und sechs Monate.[11]

Möglicherweise kam es gegen seine Herrschaft, geführt von Maiores aus Malamocco und Equilio (Iesolo) zu einem Aufstand, in dessen Verlauf Eraclea niedergebrannt wurde und der Dux zu Tode kam.[12] Nur ein Kleriker habe das Blutbad überlebt, der die Abstammungslinie durch zwei Söhne fortgesetzt habe.

Rezeption und die Frage der Historizität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darstellung des ersten Dogen, Jost Amman 1574[13]

Für Venedig war die Frage nach dem Ursprung ihres höchsten Staatsamtes von erheblicher Bedeutung, sodass die führenden Gremien, die sowieso größten Wert auf die Kontrolle über die Geschichtsschreibung legten, der Frage nach der Bedeutung des Paulucius für die Staatsräson und die Verfassung hohen Wert beilegten. Vor allem die Fragen nach der Souveränität zwischen den Kaiserreichen, der Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruches, aber auch der Art und der Initiatoren der Bestellung des ersten Dogen standen dabei im Mittelpunkt. So ignorierte man vielfach den Einfluss der Volksversammlung, die im 13. Jahrhundert endgültig ihren Einfluss verlor, ohne explizit zu verneinen, dass sie am Anfang des Dogenamtes stand.

Pietro Marcello vermerkte in seinen später ins Volgare unter dem Titel Vite de'prencipi di Vinegia übersetzten Werk lakonisch auf den ersten beiden Seiten, dass „Paoluccio Anafesto“ im Jahr 697 nach der incarnatione Christi „fu creato“ erster Doge, er hält sich also bezüglich der Herleitung des Amtes und des Zusammenhangs zur Volksversammlung neutral. Zudem meint er, die Tribunen hätten zuvor die Lagune über 230 Jahre beherrscht. Auch Marcello war der Vertrag mit Liutprand bekannt, zudem hätten sich die „Equilini“ oder „Iesolani“ gegen Venedig erhoben. Die Bewohner Torcellos hätten eine Kirche zu Ehren Mariens errichtet, wo sie „Eliodoro d'Altino“[14] sowie die Reliquien vieler Heiliger aufbewahrten.[15] In der zugrundeliegenden lateinischen Ausgabe von 1502 lautete der Eintrag zum ersten Dogen noch „Paulucius Dux Primus“. Lapidar heißt es dort „dux est declaratus“; eine Wahl durch die Volksversammlung erscheint hier gleichfalls nicht.[16] Deutlich wird nur, dass der Übersetzer aus „dux est declaratus“ ein „fu creato“ machte.

Alessandro Maria Vianolis Historia Veneta von 1680, die sechs Jahre später auf Deutsch erschien,[17] versucht den Lesern zu verdeutlichen, dass Anafestus als gewählter Bürger die Staatsführung in die Hände bekam, während Fürsten und Monarchen zur Zeit des Verfassers die Herrschaft durch bloßes Ererben oder durch „bey ihren Lebens-Zeiten / durch stattliche Meriten und heroisch-verrichtete Thaten“ erlangten. Ersteren wiederum sei durch entsprechende Taten für ihr Geschlecht die Tür zur Macht geöffnet worden.[18] Nach ihm bemühte sich Anafestus um „das allervornehmste Stuck / so einen Staat beglückseligen mag / welches der Friede ist“ (S. 35). Dazu habe er „die Bündnuß mit Aritperto, dem König der Langobarden“ gesucht und auch mit seinem Nachfolger „Luitprando“ geschlossen.

In seiner deutschen Übersetzung einer englischen Ausgabe des Reiseberichtes von Blainville, die 1765 erschien, schreibt Johann Tobias Köhler, dass die Stadt Padua sich die Orte der Lagune bereits früh als Zuflucht erwählt habe, um ihre Bewohner notfalls dort in Sicherheit bringen zu können. Dieser Fall trat ein, als der Hunnenkönig Attila 452 Oberitalien verheeren ließ. Nach dieser Erfahrung sollen die Paduaner in der Lagune „Tribunen oder Zunftmeister“ eingesetzt haben, um die Kontrolle über die Zuflucht zu wahren. Nach Blainville erreichten die in der Lagune verbliebenen Adligen, dass sie „durch allerhand gefällige Dienste und gute Worte“ von den Nichtadligen zu „Beschützern des Volkes erkläret wurden“. So geschah es, dass „jedes Eyland seine eigenen Tribunen aus sich selbst erwählete, die nach und nach alle Macht und Ansehen an sich zogen“. Diese Tribunen der einzelnen Inseln verbanden sich demnach und ersuchten beim Kaiser um Erlaubnis, ein gemeinsames Oberhaupt einsetzen zu dürfen, um so von Padua unabhängig zu werden. Dies taten sie, nach Blainville, in Erinnerung daran, dass sich die Paduaner schon 552 beim oströmischen Feldherrn Narses beschwert hätten, dass die Inselbewohner ihnen, den Paduanern, „ihre Sümpfe und Hafen widerrechtlich“ vorenthalten hätten. Die Tribunen also hatten demnach im Jahr 697 „Paulum Anafestum zu ihrem ersten Doge“ „erkohren“[19] Ursache der Wahl des Anafestus war demnach, dass sich diese (adligen) Tribunen, die ein hohes Maß an Autonomie erlangt hatten, auf diese Weise – gemeinsam und unter Legitimation seitens des Kaisers in Konstantinopel – durch die Wahl eines Dogen dem Zugriff Paduas entziehen wollten.

Edward Gibbon deutete die Entwicklung romantischer, ohne näher auf die Ursache für den Übergang zum Dogenamt einzugehen: „Inmitten der Gewässer, frei, arm, fleißig, unzugänglich, verschmolzen sie allmählig zu einer Republik ... und an die Stelle der jährlichen Wahl von zwölf Tribunen trat das lebenslängliche Amt eines Herzoges oder Dogen“.[20]

Eine weitere Deutung der Vorgänge, die zur Wahl des ersten Dogen führten, fand Verbreitung bis in populäre Darstellungen hinein. So nahm August Daniel von Binzer 1845 an, dass es die Zerstrittenheit der Tribunen war, die dazu zwang, „zur Wiederherstellung der Einigkeit und Bewahrung der Unabhängigkeit des Staates“ eine „Wahl-Monarchie zu gründen“.[21] Samuele Romanin dehnte, im Gegensatz zu den äußerst knappen Quellen, in seinen Lezioni di Storia Veneta, die 1875 in Florenz erschienen, die über Jahrhunderte wuchernde, phantasievolle, aber auch gezielt zu politischen Zwecken eingesetzte Überlieferung über den ersten Dogen auf epische 23 Seiten aus.[22] 1861 beschrieb Francesco Zanotto in seinem Il Palazzo ducale di Venezia in einer Fußnote die legendären Zusammenhänge näher. So nahm man zu dieser Zeit an, die Familie des ersten Dogen stamme aus Padua. Sie habe zu dieser Zeit Antenorea geheißen, nach Antenor, dem trojanischen Gründer der Stadt. Diese Familie führte man zugleich auf die römische Familie Asconia zurück, die nach und nach den Namen Anafesta, Anapesta oder Anasesia übernommen habe.[23]

Die Historizität des Paulucius wurde von nachfolgenden Historikern jedoch in Frage gestellt, allen voran von Roberto Cessi.[24] Für ihn begann die Reihe der Dogen erst mit dem der Legende nach dritten Dogen, mit Orso Ipato, denn auch die Überlieferung zum zweiten Dogen basierte auf denselben Quellen wie die zum ersten. Darüber hinaus ergeben die Quellen noch nicht einmal eine sichere Aussage darüber, ob der zweite Doge überhaupt mehr war, als ein Magister militum. Nach Cessi wurde der dritte Doge in einem Aufstand gegen Byzanz gewählt, nachdem Kaiser Leo III. versucht habe, durch ein Dekret seine bilderfeindliche Politik auch in Venedig durchzusetzen. Für Cessi war die Wahl eines Dogen unter dem seiner Ansicht nach dafür zu strikten Regime Konstantinopels nicht denkbar. Während Cessi in Marcellus einen möglichen Vertreter der byzantinischen Herrschaft sah, vermeinte er, dass ein lokaler Vertreter gar nicht die imperiale Macht besessen haben könne, derart souverän Grenzen zu bestimmen, wie sie im Pactum Lotharii genannt werden. Cessi schloss die Existenz eines Dogen Paulucius daher aus und identifizierte den im Pactum genannten Unterzeichner mit dem Exarchen Paulus. Dessen Titel eines „patricius“, den die kaiserlichen Statthalter regelmäßig trugen, sei in der korrupten Überlieferung mit einem Eigennamen verschmolzen, in der Form Paulus patricius = Paulicius. Damit erst sei ein „Paulicius“ erfunden worden. Es sei möglich, dass der Patricius Paulus, zuvor Duca Siziliens, diesen Titel beibehalten habe. Dieser Auffassung schloss sich Gino Luzzatto in einer Festschrift für Cessi verklausuliert nur insofern an, als er Paulucius für einen der in byzantinischer Zeit üblichen Duces hielt, die im Auftrag des Ravennater Exarchen nun eben die Lagune militärisch-administrativ kontrollierten. Zweifel an seiner Existenz äußerte er dabei nicht.[25]

Eine spätere Interpretation identifizierte Paulicius mit dem langobardischen Duca di Treviso. Damit wurde aus dem Pactum Lotharii eine bloße Abstimmung der Grenzen zwischen zwei aneinandergrenzenden Territorien, nämlich des ursprünglich langobardischen Dukates Treviso und des Exarchats Ravenna.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den wenigen erzählenden Quellen gehört die von Roberto Cessi edierte Origo Civitatum Italiae seu Venetiarum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense), Rom 1933, S. 28, 46, 115, 127, 154-157, 165, 169 f. Für die spätere staatlich kontrollierte Überlieferung ist vor allem Andrea Dandolos Chronica per extensum descripta wichtig, die von Ester Pastorello herausgegeben wurde (Rerum Italicarum Scriptores XII), Bologna 1938–1958, S. 104 f. Wichtige Editionen sind zudem die gleichfalls von Roberto Cessi herausgegebenen Documenti relativi alla storia di Venezia anteriore al Mille, Bd. I, secoli V-IX, Venedig 1991 (eigentlich eine korrigierte Ausgabe der von Carlo F. Polizzi 1942 besorgten Edition), S. 28 und schließlich Luigi Andrea Berto (Hrsg.): Giovanni Diacono, Istoria Veneticorum, Bologna 1999.[26]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Beitrag beruht vor allem, wo nicht anders angegeben, auf Giorgio Ravegnani: Paoluccio, Anafesto, in: Raffaele Romanelli (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 81 (Pansini-Pazienza), Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2014. Noch nicht verfügbar ist Valeria Favretto: Paulicius dux. Le origini del potere ducale a Venezia, tesi di laurea, Venedig 2006.

  • Roberto Cessi: Paulicius dux, in: Archivio veneto-tridentino 10 (1926) 158–179.
  • Giuseppe Maranini: La costituzione di Venezia, Bd. 1: Dalle origini alla serrata del Maggior Consiglio, Venedig 1927, S. 30 f. (Nachdruck Florenz 1974).
  • Antonio Carile, Giorgio Fedalto: Le origini di Venezia, Bologna 1978, ab S. 226.
  • Girolamo Arnaldi: Le origini dell’identità lagunare, in: Storia di Venezia, Bd. 1: Origini. Età ducale, Rom 1992, S. 431.
  • Stefano Gasparri: Venezia fra i secoli VIII e IX. Una riflessione sulle fonti, in: Gino Benzoni, Marino Berengo, Gherardo Ortalli, Giovanni Scarabello (Hrsg.): Studi veneti offerti a Gaetano Cozzi, Vicenza 1992. (online, PDF)
  • Fiori Luca: Il codice autografo di Piero Giustinian: un esempio di genesi ed evoluzione della cronachistica medievale, dottorato di ricerca, Bologna 2014 (zur venezianischen Geschichtsschreibung). (online, PDF)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Paolo Lucio Anafesto – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fiori Luca: Il codice autografo di Piero Giustinian: un esempio di genesi ed evoluzione della cronachistica medievale, tesi di laurea, Bologna 2014, S. 21.
  2. MGH, Scriptores XIV, Hannover 1883, S. 60, Chronicon Venetum (vulgo Altinate).
  3. Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. 1, Gotha 1905, S. 417.
  4. Pietro Marcello: De vita, moribus et rebus gestis omnium Ducum Venetorum, Venedig 1574 (Digitalisat).
  5. Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Erstem Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, Übersetzung (Digitalisat).
  6. Alessandro Maria Vianoli: Historia Veneta, Giovanni Giacomo Hertz, Venedig 1680 (Digitalisat).
  7. Francesco Sansovino, Girolamo Bardi: Delle Cose Notabili Della Città Di Venetia, Libri II, Salicato, Venedig 1606 (Digitalisat).
  8. Der Name des Verfassers erscheint nirgendwo in der Chronik. Eine Zeit lang wurde sie einem Giovanni Sagornino zugeschrieben, weshalb sie als Sagornina bekannt war. Auf die Autorschaft des Johannes Diaconus weist hin, dass der mysteriöse Besuch Ottos III. in Venedig von ihm stammt, und dass einige der Ereignisse nur ihm bekannt sein konnten, sowie den beiden Herrschern, dem Kaiser und dem seinerzeitigen Dogen. Außerdem erscheint sein Name unter den Firmatoren der Verträge zwischen Venedig und Otto III. (Giovanni Monticolo: Cronache veneziane antichissime, Rom 1890, S. XXIX-XXXV).
  9. Die Cronaca des Johannes Diaconus umfasst die Zeit von der Entstehung Venedigs bis 1008. Zuerst erscheint Johannes in den Quellen im Privileg Ottos III. vom 1. Mai 995, zuletzt belegt ist er für das Jahr 1018 (Antonio Menniti Ippolito: Johannes Diaconus. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 5, Artemis & Winkler, München/Zürich 1991, ISBN 3-7608-8905-0, Sp. 569 f.).
  10. Roberto Cessi (Hrsg.): Documenti relativi alla Storia di Venezia anteriori al Mille, Bd. I: Secoli V-IX, Padua 1942, n. 44, S. 71-75.
  11. Antonio Rossi: Sulla Cronaca Altinate, in: Archivio Storico Italiano 8 (1845) 3-228, hier: S. 20 (Digitalisat).
  12. Dies behauptet etwa N. Stivieri: Storia di Venezia dalla sua origine fino ai giorni nostri, Mailand/Venedig/Triest 1870, S. 4, doch leitet er die Behauptung, der Doge sei dabei ums Leben gekommen, mit „Dicesi“ ein, „Man sagt“ (Digitalisat).
  13. Pietro Marcello, Silvester Girellus, Heinrich Kellner: De vita, moribus, et rebus gestis omnium ducum Venetorum, Paul Reffeler für Sigismund Feyerabend, Frankfurt, 1574.
  14. Heliodorus von Altino, um 335-404.
  15. Pietro Marcello: Vite de'prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 1-2 (Digitalisat).
  16. Petri marcelli De uitis principum et gestis Venetorum compendium, Venedig 1502, o. S. (Digitalisat).
  17. Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Erstem Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, Übersetzung (Digitalisat).
  18. Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Erstem Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, S. 30.
  19. Johann Tobias Köhler (Übers.): Des Herrn von Blainville ehemaligen Gesandtschaftssekretärs der Generalstaaten der vereinigten Niederlande an dem Spanischen Hofe Reisebeschreibung besonders durch Italien enthaltend eine Beschreibung von Venedig, dem Wege nach Rom und von Rom selbst mit der umliegenden Gegend, Bd. 2, Abt. 1, Meyersche Buchhandlung, Lemgo 1765, S. 47 (Digitalisat).
  20. Zitiert nach: Johann Sporschil: Gibbon's Geschichte des Verfalles und Unterganges des römischen Weltreiches, Leipzig 1837, S. 2277.
  21. August Daniel von Binzer: Venedig im Jahre 1844, Gustav Heckenast, Leipzig 1845, S. 11 f.
  22. Samuele Romanin: Lezioni di Storia Veneta, Bd. 1, Florenz 1875, S. 23–45 (Digitalisat).
  23. Francesco Zanotto: Il Palazzo ducale di Venezia, Bd. 4, Venedig 1861, S. 7, Anm. (1).
  24. Roberto Cessi: Paulicius dux, in: Archivio veneto-tridentino 10 (1926) 158–179.
  25. Gino Luzzatto: L'opera storica di Roberto Cessi, in: Bd. 1, Rom 1958, S. XIII–XXIV, hier: S: XX.
  26. Dazu auch Luigi Andrea Berto: Il vocabolario politico e sociale della “Istoria Veneticorum” di Giovanni Diacono, Il poligrafo, Padua 2001.
VorgängerAmtNachfolger
---Doge von Venedig
697–717
Marcello Tegalliano