Paulusbriefe

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Als Paulusbriefe (paulinische Briefe oder Corpus Paulinum) bezeichnet man insgesamt 13 Episteln des Neuen Testaments (NT), die Paulus von Tarsus als Autor nennen. Sieben davon gelten unbestritten als authentisch. Sie sind die ältesten erhaltenen Schriften des Urchristentums, entstanden zwischen 48 und 61 n. Chr. Bei drei weiteren Briefen ist umstritten, ob sie von Paulus oder von einzelnen seiner Schüler verfasst wurden. Die Pastoralbriefe gelten meist als Werke von Paulusschülern.

Alle Paulusbriefe richten sich an von Paulus gegründete Gemeinden oder Einzelmitglieder davon. Sie verkünden Jesus Christus in Bezug auf damalige innergemeindliche Konflikte, vor allem zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Sie repräsentieren und bewahren die paulinische Theologie (siehe Paulinismus). Als wesentlicher Bestandteil des Bibelkanons haben sie bleibende Bedeutung im Christentum.

Übersicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verfasser Brief Kürzel Zeit und Ort[1]
Paulus 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher 1 Thess ~50 in Korinth;
eventuell vor 48
Paulus 1. Brief des Paulus an die Korinther 1 Kor Frühjahr 54 oder 55 in Ephesus
Paulus 2. Brief des Paulus an die Korinther 2 Kor Herbst 55 oder 56 in Makedonien
Paulus Brief des Paulus an die Galater Gal ~55 in Ephesus oder Makedonien
Paulus Brief des Paulus an die Römer Röm Frühjahr 56 in Korinth
Paulus Brief des Paulus an die Philipper Phil ~60 in Rom;
eventuell früher in Ephesus oder Caesarea Maritima
Paulus Brief des Paulus an Philemon Phlm ~61 in Rom;
eventuell früher in Ephesus oder Caesarea Maritima
ein Paulusschüler
(eventuell Timotheus)
Brief des Paulus an die Kolosser Kol ~70 in Kleinasien
ein Paulusschüler Brief des Paulus an die Epheser Eph ~80-90 in Kleinasien
ein Paulusschüler 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher 2 Thess 95-100 in Kleinasien oder Makedonien;
eventuell 50-51 in Korinth
ein Paulusschüler 1. Brief des Paulus an Timotheus
2. Brief des Paulus an Timotheus
Brief des Paulus an Titus
1 Tim
2 Tim
Tit
~100 in Ephesus

Verfasser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während die Alte Kirche auch den Hebräerbrief, der keinen Autor nennt, als paulinisch ansah und ihn deswegen in das Corpus Paulinum aufnahm, stellte die historisch-kritische NT-Forschung seit etwa 1800 die Autorschaft des Paulus bei jedem einzelnen der Briefe in Frage. Daraus wuchs ein relativer Forschungskonsens, welche davon tatsächlich von Paulus stammen und welche nicht. Die Authentizität von sieben Paulusbriefen ist heute unumstritten und wird in NT-Einleitungen vorausgesetzt, vor allem weil Paulus darin selbst auf Vorläuferbriefe und Schüler hinweist. Spätere Briefe lassen sich sprachlich und inhaltlich deutlich von den älteren Paulusbriefen abgrenzen und auf Paulusschüler zurückführen, die an seine Theologie anknüpften und seine Tradition bewahrten.[2]

Umstritten ist vor allem die Autorschaft der Briefe Eph, Kol und 2 Thess. Weitgehend unumstritten ist dagegen, dass die drei Pastoralbriefe wegen stilistischer und inhaltlicher Unterschiede von einem Paulusschüler stammen. Diese Pseudepigraphen nennt man „Deuteropaulinen“. Forscher, die bereits Eph, Kol und 2 Thess dazu zählen, nennen die späteren Pastoralbriefe dann „Tritopaulinen“ oder „tritopaulinisch“.[3]

Einzelne Neutestamentler bestritten im Forschungsverlauf die paulinische Verfasserschaft für sämtliche Paulusbriefe. Dabei stützten sie sich vor allem auf Angaben der Apostelgeschichte des Lukas (Apg), die sie für älter und zuverlässiger erklärten. Der englische Deist Edward Evanson bestritt 1792 die Authentizität des Römerbriefs. Der deutsche Philosoph Bruno Bauer bestritt 1850 die Authentizität aller Paulusbriefe, auch des Röm, Gal, 1 und 2 Kor, die die Tübinger Schule damals für paulinisch hielt. Ihm folgten ab 1878 einige niederländische Neutestamentler, deren Thesen später als Holländische Radikalkritik bezeichnet wurden. Bereits 1904 wies William Wrede ihre These, kein Paulusbrief sei authentisch, als „schwere Verirrung der Kritik“ zurück.[4] Diese These hat heute keine Bedeutung mehr in der Paulusforschung.[5]

Entstehungsdaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 1 Thess gilt als älteste erhaltene urchristliche Schrift. Er kann 20 bis 30 Jahre vor dem Evangelium nach Markus, dem ältesten der vier kanonischen Evangelien, entstanden sein. Er wird wegen der Namen im ersten Vers, die auch Apg 18,5 nennt, meist auf das Jahr 50 in Korinth datiert.[6] Andere datieren den Brief auf die frühen 40er Jahre vor dem Apostelkonzil (48), weil er keine Hinweise darauf gibt; oder man datiert das Konzil nach den ersten Korinthaufenthalt des Paulus.[7]

Der 1 Kor wird wegen der Ortsangabe in 1 Kor 16,8 und dem Hinweis auf Reisepläne um Ostern in 1 Kor 16,5-8 auf das Frühjahr vor der Abreise des Paulus aus Ephesus (54 oder 55) datiert.[8] Der 2 Kor wurde wegen der Reisehinweise darin sechs bis 18 Monate später verfasst: Wegen eines Konflikts mit einem Gemeindeglied sei Paulus vom ersten Korinthbesuch überstürzt nach Ephesus zurückgekehrt (2 Kor 2,3-11). Den dadurch veranlassten (nicht erhaltenen) „Tränenbrief“ habe Titus nach Korinth gebracht und sei dann nach Makedonien zu Paulus zurückgekehrt (2 Kor 7,5-9). Dazwischen lag ein Jahreswechsel (2 Kor 8,10). Da der Paulus bekannte makedonische Kalender den Jahresanfang auf den Herbst legte, kann der 2 Kor im Spätherbst 55 entstanden sein. Falls der römische Kalender gemeint war, entstand der 2 Kor im Herbst 56.[9]

Der Gal wurde bis zum frühen 20. Jahrhundert oft als ältester Paulusbrief eingestuft. Heute wird er wegen der inhaltlichen Nähe zum Röm später datiert. Umstritten ist, ob er vor dem 2 Kor in Ephesus oder danach auf der Makedonienreise des Paulus (Apg 20,2) entstand. Laut Gal 2,10 fand die von Paulus angeordnete Kollekte für die Jerusalemer Urgemeinde (1 Kor 16,1) auch in Galatien statt und war kein Streitpunkt im Konflikt mit den Galatergemeinden. Da Paulus hier betont, er habe die Kollektenvereinbarung voll erfüllt, die 2 Kor erwähnt, datieren die meisten Neutestamentler den Gal heute auf Spätherbst 55.[10]

Den Röm schrieb Paulus im Haus des Gaius in Korinth, bevor er nach Jerusalem zur Kollektenübergabe aufbrach (Frühjahr 56). Das ergibt sich aus seinen Angaben: Er wollte die nicht von ihm gegründete Gemeinde in Rom als Unterstützer seiner geplanten Spanienmission gewinnen (Röm 15,23f.) und zuvor die Spenden aus Makedonien und Achaia nach Jerusalem bringen (Röm 15,28f.). Er lässt die Gemeinde von seinem Gastgeber Gaius grüßen (Röm 16,23), den 1 Kor 1,14 als von ihm getauftes Gemeindeglied von Korinth erwähnt.[11]

Der Phil entstand in einer längeren Haftsituation (Phil 1,7), die Paulus nicht am Missionieren hinderte (1,12-17). Er rechnete mit Todesstrafe oder Freispruch, auf den er hoffte (1,19-25), und erwartete das baldige Urteil, um dann die Philippergemeinde zu besuchen (2,23f.). Viele Neutestamentler nehmen Ephesus als Ort dieser Haft an, einige Caesarea Maritima. Neuere Forscher plädieren meist für Rom, weil Phil 1,13 eine Prätorianergarde, 4,22 einen kaiserlichen Sklaven, Apg 28,30f. eine milde, zweijährige Haftsituation in Rom erwähnt, aber keine lange Haft in Ephesus. Zudem erwähnt der Phil die Kollekte für Jerusalem nicht, wohl weil diese beendet war. Sprachliche Indizien bestätigen, dass der Phil nach dem Röm entstand. Der Besuchswunsch in Philippi widerspricht der geplanten Spanienreise nicht unbedingt, da Paulus auch nach anderen Briefen Reisepläne wegen widriger Umstände änderte und der Wunsch, die Briefadressaten zu besuchen, zum Formschema seiner Briefe gehört. In Rom kann der Phil frühestens im Jahr 60 entstanden sein.[12] Auch der Phlm entstand in einer milden Haftsituation und in Gegenwart derselben Mitarbeiter des Paulus (Verse 1, 9, 10, 13, 23f.). Viele Exegeten datieren ihn mit dem Phil nach Ephesus, einige nach Caesarea. Für Rom spricht, dass Paulus sich nur im Phlm (Vers 9) „Presbyter“, nicht Apostel nennt, wohl weil er die römische Gemeinde nicht gegründet hatte.[13]

Der Kol nennt keinen Abfassungsort, erwähnt aber die Städte Kolossä (1,2), Laodicea (2,1) und Hierapolis (4,13). Dieser Brief entstand daher wohl im südlichen Kleinasien, eventuell in Ephesus, dem wahrscheinlichen Sitz der Paulusschule. Der Autor kannte den Paulusmitarbeiter Tychikus (Kol 4,7; Apg 20,4) und den Gemeindegründer Epaphras (Kol 1,7; 4,12). Er setzte den Kampf des Paulus gegen die Verfälschung seiner Lehre fort. Sein Brief gilt daher als der älteste der Deuteropaulinen.[14]

Auch der Eph nennt keinen Abfassungsort. Der Empfängerwohnort „in Ephesus“ fehlt in frühen Handschriften und gilt daher als sekundär ergänzt. Sicher ist, dass der Autor den Kol als Vorlage verwendete und sich wie dieser an die Gemeinden in Kleinasien richtete, darunter Ephesus. Weil sein Brief Ignatius (um 95) bekannt war, wird er auf 80-95 datiert.[15]

Die Datierung des 2 Thess ist stärker umstritten. Wer ihn als Werk des Paulus oder eines seiner Mitarbeiter einstuft, datiert ihn dann wie den 1 Thess auf 50-51. Andere verweisen dagegen darauf, dass der 2 Thess der Naherwartung der Wiederkunft Jesu Christi im 1 Thess deutlich widerspricht und viele dort fehlende Ausdrücke benutzt. Eine theologische Reflexion der abklingenden Naherwartung findet sich sonst erst im 2. Petrusbrief (2 Petr 3,1-13), der um 100 entstand. Daher wird der 2 Thess meist ebenfalls auf das Ende des ersten Jahrhunderts datiert. Als Entstehungsort wird dann Kleinasien oder Makedonien vermutet.[16]

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Paulusbriefe bilden im NT eine eigene literarische Gattung, die kein direktes Vorbild im Judentum hatte. Paulus diktierte sie wie damals üblich einem kundigen Schreiber (Röm 16,22). Dieser benutzte vor allem Papyrus, russhaltige Tinte und ein angespitztes Schilfrohr zum Schreiben. Die Abschlussworte schrieb Paulus selbst (Gal 6,11–18; 1 Kor 16,21; Phlm 19) oder seine Schüler (2 Thess 3,17; Kol 4,18). Der fertige Brief wurde gerollt oder gefaltet. Auf die Außenseite wurden Adressaten, Absender und oft auch der Bestimmungsort geschrieben. Ein Netz privater Boten, Männer wie Frauen, brachte die fertigen Briefe zu den Gemeinden. Die Boten waren Vertrauenspersonen aus den eigenen Reihen, die den Adressaten zusätzliche mündliche Erläuterungen geben konnten (Röm 16,1f.). Die Briefe zirkulierten in den Gemeinden als Abschriften, von denen viele erhalten sind.[17]

Bei keiner dieser Handschriften ist die äußere Adresse erhalten. Jedoch wiederholt das innere Präskript Namen und Titel der Absender, die Adressaten und deren Wohnort oder Region. Sechs authentische Paulusbriefe nennen die Namen von Mitabsendern; der Gal nennt kollektiv „alle Brüder mit mir“. Als Adressaten erscheinen immer Kollektive, meist mit dem Ausdruck ekklesia (wörtlich „Herausgerufene“; Gemeinde, Kirche). Nur im Röm schreibt Paulus als alleiniger Absender „an alle, die in Rom sind“, weil er diese Gemeinde nicht selbst gegründet hatte. Diesen Angaben folgt der Eingangsgruß an die Empfänger „Gnade euch und Friede…“, ähnlich wie die antike salutatio. Jedoch kommt dieser Segen laut allen Paulusbriefen nicht vom menschlichen Absender, sondern „…von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus“. Nur im Gal wich Paulus im Blick auf die dortige Situation des Abfalls von dieser Grußformel ab.[18]

Die Paulusbriefe sind viel länger als gewöhnliche antike Privatbriefe, haben eine überlegte Gliederung und waren zum öffentlichen Verlesen im urchristlichen Gottesdienst bestimmt. Sie enthalten eine Vielfalt literarischer Kunstformen, die der Autor gezielt als Mittel der theologischen Argumentation einsetzte und die seine rhetorische Bildung zeigen. Ihr Zweck, eine persönliche Beziehung zwischen Autor und Adressaten zu bewahren und zu vertiefen, verbindet sie mit gewöhnlichen Freundschafts- und Familienbriefen. Ihre Kombination von lehrhaften, ethischen und autobiografischen Inhalten verbindet sie mit zeitgenössischen philosophischen Briefen. Darum werden die Paulusbriefe formal und inhaltlich als spezifisch urchristliche Literaturform eingestuft.[19]

Anlässe und Zwecke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Paulusbriefe verkünden vorrangig Kreuz und Auferstehung Jesu Christi und enthalten anders als die Evangelien nur wenige Angaben zum irdischen Leben Jesu. Es sind erweiterte Privatbriefe an bestimmte christliche Ortsgemeinden, die Paulus und/oder seine Mitarbeiter zuvor gegründet hatten, und an Einzelpersonen solcher Gemeinden. Die übrigen NT-Briefe richteten sich nicht an bestimmte Gemeinden und heißen deshalb „katholische“ (allgemeine) Briefe.[20]

Erst nach vielen Jahren seiner Missionstätigkeit begann Paulus, Briefe als Mittel der Gemeindeleitung zu verwenden. Damit reagierte er auf bestimmte Konflikte, die in seinen Gemeinden entstanden waren, um diese zu lösen. Seine Briefe sind also situativ bedingte Gelegenheitsschreiben. Der Philemonbrief ist an eine Einzelperson gerichtet, behandelt das zu lösende Problem (die Behandlung eines Sklaven) aber nicht als Privatsache, sondern verbindlich für alle Mitchristen. Der Römerbrief ist an eine Ortsgemeinde gerichtet und von einer bestimmten Situation (Kollekte) veranlasst, sollte aber von vornherein an weitere Gemeinden gesandt werden und redet diese über ihre Mitglieder ebenfalls an. Er fasst die Grundlinien der Theologie des Paulus in Form eines Traktats zusammen und gilt daher als frühes Beispiel einer urchristlichen Publizistik.[21]

Paulus zitiert in seinen Briefen öfter ältere urchristliche Überlieferung und betont ihre Bedeutung für den gemeinsamen christlichen Glauben (z.B. in 1 Kor 11,23; 15,3). Seine Briefe erwähnen 40 verschiedene Mitarbeiter, zum Teil auch als Mitabsender. Einige davon verfassten wahrscheinlich Teile der authentischen Paulusbriefe und spätere Briefe unter seinem Namen. Diese Paulusschule war der Trägerkreis der Paulusmission. Anders als die erste Christengeneration missionierten sie nicht durch Wanderungen von Ort zu Ort, sondern blieben an einem Ort, bis dort eine eigenständige Gemeinde entstanden war. Sitz der Paulusschule war wahrscheinlich die Ortsgemeinde in Ephesus, wo Paulus sich lange aufgehalten und einige seiner Briefe verfasst hat. Sie spiegeln Ausschnitte aus dem Kommunikationsprozess zwischen ihm und seinen Gemeinden.[22]

Sammlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Paulusbriefe wurden von Beginn an gesammelt. Den Anstoß dazu gab der darin enthaltene theologische Wahrheitsanspruch (1 Thess 1,5; 1 Kor 2,4; Röm 1,16 und öfter). Sie sollten vorgelesen (1 Thess 5,27; Röm 16,16) und weitergegeben werden (Gal 1,2; 2 Kor 1,1), damit die Empfänger sie einsehen konnten (Gal 6,11). Demgemäß wurden sie in den Gemeinden ausgetauscht (Kol 4,16). Auch Gegner rühmten ihre Überzeugungskraft (2 Kor 10,10). Vor gefälschten Exemplaren wurde gewarnt (2 Thess 2,2; 3,17); das setzt eine Sammlung voraus. Der Autor von 2 Petr 3,15f. kannte eine solche, da er sich zum Inhalt der Paulusbriefe insgesamt äußert. Diese Notizen im NT zeigen die hohe Wertschätzung der Paulusbriefe im Urchristentum. Wegen ihrer konzentrierten theologischen und ethischen Inhalte und rhetorischen Kraft erhielten sie schon zu Lebzeiten des Paulus überregionale Bedeutung, unabhängig von ihrem Situationsbezug, und behielten diese nach seinem Tod. Seine Mitarbeiter und Schüler versuchten seine Theologie mit selbstverfassten Briefen unter seinem Namen zu aktualisieren und zu bewahren. Für sie war die Sammlung der originalen Paulusbriefe entscheidend. Die Autoren des Kol, des Eph und der drei Pastoralbriefe bezogen sich auf bis zu sechs authentische Paulusbriefe. Ab 95 belegen nichtkanonische Schriften (Erster Clemensbrief, Ignatiusbriefe, Polykarp von Smyrna) die Existenz verschieden großer Paulusbriefsammlungen. Marcion stellte um 150 zehn davon, darunter die sieben authentischen, zu einer Liste zusammen. Für Irenäus gehörten um 200 alle 13 Paulusbriefe neben den vier Evangelien und der Apg zum werdenden NT.[23]

Weil man den Hebräerbrief für einen Paulusbrief hielt, wurde er mit aufgenommen. Dieses Corpus Paulinum war wurde zunächst in einem eigenen Handschriftenband zusammengefasst, ebenso wie das Corpus Apostolicum (Apg und katholische Briefe) und die Evangeliare. Diese drei Sammelschriften waren Vorstufen zur Kanonisierung des NT und bildeten seinen Grundstock.

Nicht erhaltene Paulusbriefe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1 Kor 5,9 EU, 2 Kor 2,4 EU, 2 Kor 10,10 EU und Kol 4,16 EU erwähnen verschiedene weitere Paulusbriefe. Diese sind nicht erhalten, über ihre Inhalte ist sonst nichts bekannt. Manche Exegeten identifizieren sie mit Textpassagen der bekannten Paulusbriefe, betrachten diese Teile also als später eingefügt. So wird vermutet, der in 2 Kor 2,4 erwähnte „Tränenbrief“ sei in 2 Kor 1,3–2,11, die in 2 Kor 10,10 erwähnten „Briefe“ (Plural) seien in 2 Kor 10–13 enthalten.[24] Andere verweisen dagegen darauf, dass die jeweiligen Stellen verschiedene Konflikte und Gegner behandeln.[25] Solche Teilungs- oder Kompositionsthesen haben sich bisher mangels historischer Analogien nicht durchgesetzt,[26] sie werden aber weiter diskutiert.[27]

Apokryphe Paulusschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kanon Muratori erwähnt zwei ausdrücklich als Fälschungen bezeichnete Paulusbriefe: den Laodizenerbrief und einen Brief des Paulus an die Alexandriner, von dem nur der Name bekannt ist. In einigen Handschriften der Vulgata ist ein lateinisch abgefasster Laodizenerbrief enthalten. So befindet sich eine Abschrift beispielsweise im Buch von Armagh, die zugleich in einer Warnung als Fälschung gekennzeichnet ist. Es ist umstritten, ob dieser identisch ist mit dem Laodizenerbrief, der im Kanon Muratori erwähnt wird, eine andere Schrift mit demselben Namen ist, oder mit ihm zusammenhängt.[28] Unter den Nag-Hammadi-Schriften gibt es das Gebet des Apostels Paulus, das aber gnostische Begriffe verwendet und eindeutig nicht auf Paulus zurückzuführen ist. Der 3. Korintherbrief ist ebenfalls eine Pseudepigraphie. Aus dem vierten Jahrhundert existiert ein fiktiver Briefwechsel zwischen Seneca und Paulus, den keiner von beiden verfasst hat. Bei den Paulusakten handelt es sich um eine apokryphe Apostelgeschichte aus dem 2. Jahrhundert, die aus Kleinasien stammt.

Weiterführende Informationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Daniel Kosch, Sabine Bieberstein: Paulus und die Anfänge der Kirche: Neues Testament Teil 2. Theologischer Verlag, Zürich 2012, ISBN 3290200817
  • Arthur J. Dewey, Roy W. Hoover, Lane C. McGaughy, Daryl D. Schmidt: The Authentic Letters of Paul: A New Reading of Paul's Rhetoric and Meaning: the Scholars Version. Polebridge Press, 2010, ISBN 1598150197
  • Udo Schnelle: Die Paulusbriefe. In: Einleitung in das Neue Testament. 7. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-8252-1830-0, S. 31–167.
  • Alfred Suhl: Die Briefe des Paulus: eine Einführung. Katholisches Bibelwerk, 2007, ISBN 3460030542
  • Hans Conzelmann, Andreas Lindemann: Arbeitsbuch zum Neuen Testament. 14. Auflage, UTB, Mohr Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 978-3-8252-0052-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. alle Angaben nach Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 58–166
  2. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 46f.
  3. David Meade: Pseudonymity and Canon: An Investigation into the Relationship of Authorship and Authority in Jewish and Earliest Christian Tradition. WUNT 39, Mohr, Tübingen 1986, S. 118.
  4. Emmanuel L. Rehfeld: Relationale Ontologie bei Paulus: Die ontische Wirksamkeit der Christusbezogenheit im Denken des Heidenapostels. Mohr Siebeck, Tübingen 2012, ISBN 3161520122, S. 4, Fn. 11
  5. Michael Wolter: Der Brief an die Römer: Teilband 1: Röm 1–8. Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 3788728833, S. 24.
  6. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 59 und Fn. 89
  7. Fritz W. Röcker: Belial und Katechon: Eine Untersuchung zu 2Thess 2,1-12 und 1Thess 4,13-5,11. Mohr Siebeck, Tübingen 2009, ISBN 3161499239, S. 260, Fn. 14
  8. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 71
  9. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 90
  10. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 107 f.
  11. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 124.
  12. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 146–148.
  13. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 159.
  14. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 304.
  15. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 319 und Fn. 95
  16. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 333.
  17. Stefan Schreiber: Briefliteratur im Neuen Testament. In: Martin Ebner, Stefan Schreiber (Hrsg.): Einleitung in das Neue Testament. Kohlhammer, Stuttgart, 2007, ISBN 3170188755, S. 250–252
  18. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 51−53.
  19. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 48–50.
  20. Gerd Theißen: Das Neue Testament. 3. Auflage, Beck, München 2006, ISBN 3-406-47992-8, S. 12
  21. Gerd Theißen: Das Neue Testament. München 2006, S. 40–56
  22. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 44–47.
  23. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, Göttingen 1999, S. 363–369
  24. Dieter Sänger (Hrsg.): Der zweite Korintherbrief. Literarische Gestalt - historische Situation - theologische Argumentation. Festschrift zum 70. Geburtstag von Dietrich-Alex Koch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-647-53533-3, S. 152
  25. Udo Schnelle: Paulus: Leben und Denken. 2. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin 2014, ISBN 3110301571, S. 189 f.
  26. Peter Stuhlmacher: Biblische Theologie des Neuen Testaments 1: Grundlegung. Von Jesus zu Paulus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, S. 223
  27. Martin Ebner, Stefan Schreiber (Hrsg.): Einleitung in das Neue Testament. Stuttgart 2007, S. 258
  28. Karl August Credner: Zur Geschichte des Kanons, Halle 1847, S. 88.