Quipu

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Quipu

Quipu (span.) oder Khipu (Quechua: „Knoten“) ist der Name der einzigartigen, im dezimalen Stellenwertsystem aufgebauten Knotenschrift der ursprünglichen südamerikanischen Bevölkerung. Diese Schrift entstand ab ca. 2.500 v. Chr. und bestand bis zu den Inka (ca. 1400 bis 1532 n. Chr.) in Altperu. Nach der Eroberung des Reichs der Inka durch die Spanier wurde sie durch das lateinische Alphabet abgelöst.

Nach heutiger Erkenntnis gab es zwei verschiedene Schriftsysteme: eines zur statistischen Erfassung von Gütern, wie Lagerbestände, Menschen, Tieren, Pflanzen und Ländereien und eines für Nachrichtenverkehr, wie Briefwechseln.

Die Knotenschrift für den Briefverkehr bestand aus den Haaren unterschiedlicher Tierarten, wie Vicuña, Alpaca, Guanaco, Lama, Hirsch und dem Pfeifhasen Vizcacha. Die Tierhaare waren in 14 verschiedenen Farben gefärbt und konnten so bis zu 95 verschiedene Silben wiedergeben. Die Knotenschrift für den Schriftverkehr ist bis heute nicht entziffert. Jedoch machen es auf komplexe Art geknüpfte und gefärbte Khipus aus Tierhaaren, die im Dorf San Juan de Collata in der Provinz Huarochirí in Peru gefunden wurden, äußerst wahrscheinlich, dass eine solche Silbenschrift in Knotenform existierte.[1] [2][3]

Ein Khipu-Knüpfer (khipu kamayuq) wählte Baumwolle oder Haare für die Schnüre aus, färbte die Schnüre, knüpfte die Knoten in die einzelnen Schnüre und ordnete diese an einer Hauptschnur zu einem Khipu, der dann von einem anderen Khipu-Knüpfer gelesen werden konnte.[4][5]

Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An einem bis zu vier Meter langen Hauptfaden sind farblich abgestufte Nebenfäden angeknüpft, die mit zehn verschiedenartigen Knoten versehen sind. Vorherrschend waren der mehrfache Überhandknoten, der aus dem Überhandknoten bestehende Franziskanerknoten und der Achtknoten. Je nach vertikaler und horizontaler Position in diesem vorhangähnlichen Gebilde, der Fadenfarbe und -länge und dem Knotentyp besitzen diese Knoten unterschiedliche Bedeutungen.

Die Inka benutzten ein dezimales Stellenwertsystem mit einer Vorstufe der Zahl Null: Hatte am Faden eine Stelle keinen Wert, so befand sich dort auch kein Knoten. Bis zur Zahl 10000 war die Darstellung möglich. Die Quipus wurden vor allem im Distributionssystem (Wiederverteilungssystem) der Inka eingesetzt. Es gilt als relativ gesichert, dass sie die Quipus für Vorratslisten und Lagerinventar verwendeten. Des Weiteren muss wahrscheinlich die Position, die Beschaffenheit und die Farbe der Quipus beachtet werden, mit der dem Leser Informationen vermittelt werden sollten. Vor dem Knüpfen wurde die genaue Länge abgeschätzt. Verschiedene Fäden wurden mehrmals zu einer Schnur gedreht. Einzelne Fäden bestanden aus Pflanzenfasern oder (Menschen-)Haaren, einige aus Wolle, die meisten aus Baumwolle. Eine in einem Grab gefundene Schnur wiegt fast 4 kg. Um die Farben zu fixieren, wurden zum Beispiel Alaun oder Eisensalze als Beize benutzt. Diese zerstört allerdings im Laufe der Zeit die Farben.

Quipus wurden unter anderem für die Buchhaltung zur Steuererhebung benutzt. Danach entspricht jede Ebene dem darüber geordneten Verwaltungsbezirk. Man kann so die Steuersumme der darunter liegenden Bezirke ablesen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2005 entdeckte Ruth Shady in Peru dasselbe Knotensystem, jedoch in den Ruinen der ältesten Zivilisation Amerikas in Caral. Die Entstehung dieses Systems ließ sich somit, trotz Meinungsverschiedenheiten über die geringere Komplexität des Fundes, auf ca. 2627–2100 v. Chr. datieren; es ist also ca. 4100–4800 Jahre alt.[6]

Die meisten Quipus wurden durch die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert zerstört. 1981 waren gerade mal 400 bekannt, bis 2004 sind weltweit etwa 800 Quipus gefunden worden. Das Ethnologische Museum Berlin besitzt 289 und damit die größte Sammlung ihrer Art. Sie stammen alle mehr oder weniger aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Allerdings wurden so gut wie keine Quipus in Cuzco oder einem anderen Teil des Hochlandes gefunden, fast alle Funde stammen von der Küste. Dies kann aber in erster Linie an den klimatischen Bedingungen gelegen haben, die im Endeffekt die Konservierung begünstigten.

Es soll auch Quipus aus dem Mittleren Horizont geben (ca. 800 n. Chr.), die sich insofern unterscheiden, als keine Knoten geknüpft, sondern mit bunten Fäden farbige Umwicklungen vorgenommen wurden. Die Vermutung besteht, dass es sich um die Vorläufer der Inka-Quipus handelt, womit diese ursprünglich nicht von den Inka stammen würden. Im Ethnologischen Museum in Berlin ist allerdings davon keines vorhanden.

Ethnologisches Museum Berlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die weltweit größte Sammlung von Khipus befindet sich im Ethnologischen Museum Berlin. Dort befindet sich auch ein Khipu aus dem 18. Jahrhundert, der bunt und struppig ist. Diese bunten Khipus wurden in den 1990er Jahren nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Museen wegen ihren Buntheit als "Fälschungen" klassifiziert. Es dürfte sich jedoch um einen echten Text-Khipu handeln.[1]

Modell für die Entwicklung der Schrift[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Knotenschrift gilt als ein grundlegendes Modell dafür, dass sich die Ursprünge der Schrift aus dem Rechnungswesen oder der Buchhaltung alter Kulturen entwickelt haben, wie auch die Keilschrift in Mesopotamien.

Bildergalerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Forscher

  • Gary Urton (* 1946), Anthropologe an der Harvard-Universität in Boston, ist Experte für Khipu.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gary Urton: A new twist in an old yaen... in: Baessler-Archiv. N.F. Reimer, Berlin 42.1994. ISSN 0005-3856
  • Gary Urton: Signs of the Inka Khipu. Binary Coding in the Andean Knotted-String Records. University of Texas Press, Austin Tx 2003 (Paperback) ISBN 0-292-78540-2 (Ausführliche Analyse. Im Anhang 20 S. Bibliographie)
  • Kenneth Adrien, Andean Worlds: Indigenous History, Culture and Consciousness. Albuquerque, University of New Mexico Press, 2001. ISBN 0-8263-2359-6.
  • The Archaeological Institute of America, Conversations: String Theorist Archaeology Volume 58 Number 6, November/December 2005
  • Marcia Ascher and Robert Ascher, Code of the Quipu: Databook, University of Michigan Press, Ann Arbor, 1978.
  • Marcia Ascher and Robert Ascher, Code of the Quipu: A Study in Media, Mathematics, and Culture, University of Michigan Press, Ann Arbor, 1980. ISBN 0-472-09325-8.
    • Neuauflage 1997: Marcia Ascher and Robert Ascher: Mathematics of the Incas - Codeof the Quipu, Dover Publications, Mineola, NY ISBN 0-486-29554-0
  • Ernst Doblhofer: Die Entzifferung alter Schriften und Sprachen. Reclam, Leipzig 1993, 2000, 2003. ISBN 3-379-01702-7
  • Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift. Campus, Frankfurt 1990, 1991, Zweitausendeins, Frankfurt 2004. ISBN 3-593-34346-0, ISBN 3-86150-703-X (div. Lizenzausg.)
  • Leslie Leland Locke: The ancient quipu, or Peruvian knot record. The American Museum of Natural History, New York 1923.
  • Quipu. contar anuando en el imperio Inka. knotting account in the Inka Empire. Museo Chileno de Arte Precolombino. Univ. de Havard, Havard-Santiago de Chile 2003. ISBN 956-243-043-X
  • A calendrical and demographic tomb text from northern Peru. in: Latin American Antiquity. a journal of the Society for American Archaeology. Washington DC 12.2001,2, S. 127–147. ISSN 1045-6635
  • Bjerregard: The Leymebamba Quipus. In: The Leymebamba Textiles. Museum Tusculanum Press, Copenhagen (in Vorber.)
  • Eva Andersen, Makramee als Kunst und Hobby, Falkenverlag 1980, ISBN 3-8068-4085-7

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Sabine Hyland: Writing with Twisted Cords: The Inscriptive Capacity of Andean Khipus. In: Current Anthropology. University of Chicago Press Journals, 19. April 2017; abgerufen am 23. April 2017 (englisch).
  2. Daniel Stone: Discovery May Help Decipher Ancient Inca String Code. National Geographic, 19. April 2017; abgerufen am 23. April 2017 (englisch).
  3. Cheyenne Macdonald: Ancient Inca 'string writing' was NOT just used for accounting: New evidence suggests the colorful cords represented syllables and could even tell a story. DailyMail Online, 21. April 2017; abgerufen am 23. April 2017 (englisch).
  4. Makramee als Kunst und Hobby, Seite 16
  5. Museum für Völkerkunde, Berlin
  6. http://www.nytimes.com/2016/01/03/world/americas/untangling-an-accounting-tool-and-an-ancient-incan-mystery.html Quipu New York Times
  7. History and Science of Knots, J.C. Turner, S. 209

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Quipu – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien