Rafle du Vélodrome d’Hiver

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Razzia in Paris am 20. August 1941

Als Rafle du Vélodrome d’Hiver (dt. Razzia des Wintervelodroms; benannt nach dem größten der Sammelpunkte, dem Vél’ d’Hiv’ in Paris) wird die am 16. und 17. Juli 1942 von französischer Polizei durchgeführte Massenfestnahme und die einige Tage später von Deutschen durchgeführte Deportation von mehreren tausend französischen Juden in die Vernichtungslager Osteuropas bezeichnet.

Die Razzia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1940 wurde der Norden Frankreichs von der deutschen Wehrmacht besetzt, im Süden herrschte die Vichy-Regierung unter Marschall Philippe Pétain. Diese Regierung, der die Polizei von ganz Frankreich unterstand, arbeitete mit den deutschen Besatzern zusammen. Im September 1940 wurde in Paris eine Volkszählung durchgeführt, um die Zahl der Juden (150.000) festzustellen.

Nach gemeinsamer Planung deutscher und französischer Beamter begannen 1942 die Vorbereitungen für eine Massenrazzia in Paris. Es sollten staatenlose und ausländische Juden zwischen 16 und 60 Jahren verhaftet werden. Nur ein Viertel der Juden, die vor Ausbruch des Krieges in Paris lebten, waren in Frankreich geboren worden; die meisten waren Flüchtlinge aus Osteuropa, Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei.[1]

Am 16. und 17. Juli 1942 wurde die Razzia durchgeführt. Mehr als 10.000 Juden konnten sich der Festnahme entziehen, weil sie von Polizeibeamten gewarnt worden waren. 13152 Juden wurden festgenommen. 8160 von ihnen (4115 Kinder, 2916 Frauen und 1129 Männer) wurden im Vélodrome zusammengepfercht. Gestapo wollte Juden, die jünger als 16 waren, ursprünglich gar nicht übernehmen; sie wurden ihr von der französischen Verwaltung geradezu aufgedrängt.[2] Mindestens 4.500 französische Polizisten waren beteiligt. Die Razzia wird als „la grande rafle du Vel’ d’Hiv’“ bezeichnet.[3]

Unter dem Glasdach der Radsporthalle stiegen die Temperaturen ins Unerträgliche. Es gab keine Toiletten; Hilfsorganisationen durften nur wenig Nahrung und Wasser bringen. 30 Menschen starben schon dort. Nach fünf Tagen wurden die Erwachsenen über das Sammellager Drancy, das Lager in Beaune-la-Rolande sowie das Camp de transit de Pithiviers (Département Loiret) in das Vernichtungslager KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Etwa hundert der gefangenen Menschen begingen vor dem Weitertransport Suizid.

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gedenkplastik von Spitzer
Gedenkplakette am Ort des Stadions;
Aufnahme von 2009 an der Metrostation Bir-Hakeim

Die Beteiligung der Vichy-Regierung sowie französischer Polizeibeamter an dieser Aktion war jahrzehntelang ein Tabuthema in Frankreich. Erst am 16. Juli 1995 entschuldigte sich der damalige französische Staatspräsident Jacques Chirac öffentlich.[4]

An der Stelle, wo bis 1959 das Radstadion (Velodrom) stand, wurde im Jahre 1994 eine Gedenkplakette zur Erinnerung an die Judenrazzia „Rafle du Vél’ d’Hiv’“ eingeweiht. Gestaltet wurde das Denkmal vom Architekten Mario Azagury und dem polnischen Bildhauer Walter Spitzer, der zu den Überlebenden von Auschwitz gehört.

Seit etwa dem Jahr 2000 wird der 16. Juli oder der folgende Sonntag als Gedenktag „zur Erinnerung an die rassistischen und antisemitischen Verbrechen des État français und zur Ehrung der Gerechten unter den Völkern Frankreichs“ landesweit mit Veranstaltungen begangen.[5]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ereignisse bilden den Rahmen des Spielfilms Monsieur Klein von Joseph Losey aus dem Jahr 1976. Große Teile des Dramas wurden an Originalschauplätzen gedreht. Der Film erhielt 1977 u. a. den französischen Filmpreis César in den Kategorien bester Film und beste Regie.

Am 10. März 2010 kam in Frankreich der Film Die Kinder von Paris (La Rafle) in die Kinos, Regie Roselyne Bosch, produziert von Ilan Goldman, der sich ebenfalls mit den Ereignissen im Vél’ d’Hiv’ beschäftigt. Im selben Jahr wurde der preisgekrönte Spielfilm Sarahs Schlüssel von Gilles Paquet-Brenner veröffentlicht. Das Drama, das auf dem gleichnamigen Roman von Tatiana de Rosnay basiert, erzählt von einer in Paris lebenden US-amerikanischen Journalistin (gespielt von Kristin Scott Thomas), die an einem Artikel zur Massendeportation recherchiert.

Ebenfalls des Themas nehmen sich der Dokumentarfilm Les Enfants du Vel d’hiv (1992, Regie: Maurice Frydland) und der Spielfilm Les Guichets du Louvre (1974, Regie: Michel Mitrani) an.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maurice Rajsfus: Jeudi noir. L’Harmattan, Paris 1988, ISBN 2-7384-0039-6 (französisch).
  • Érik Orsenna: L’Exposition coloniale. France loisirs, Paris 1988, ISBN 2-7242-4362-5 (französisch),
  • Claude Lévy, Paul Tillard: La Grande rafle du Vel d’Hiv (16 juillet 1942). Robert Laffont, Paris 1967 (frz.). Als Taschenbuch: 2002, ISBN 2-221-09750-5,
    • deutsch: Der schwarze Donnerstag. Kollaboration und Endlösung in Frankreich. Walter, Olten 1968, ISBN 3-7918-8012-8
    • englisch: Betrayal at the Vel’ d’Hiv. New York 1967.
  • Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel. Roman. Aus dem Englischen von Angelika Kaps. Bloomsbury, Berlin 2007, ISBN 978-3-8270-0700-1 (Über die Rafle und ihre Spuren, mehrere Neuauflagen bei verschiedenen Verlagen, auch als Hörbuch, 2010 verfilmt: Elle s’appelait Sarah; Begleitmaterial: ISBN 978-3-8333-0548-1).
  • Daniel Goldenberg, Gabriel Wachman: Evadé du Vél’ d’Hiv. Calmann-Lévy, Paris 2006, ISBN 978-2-7021-3651-5 (französisch).
  • Käthe Hirsch: Im Pariser Sammellager Vélodrome d’Hiver. In: Hanna Schramm, Barbara Vormeier (Hrsg.): Menschen in Gurs. Erinnerungen an ein französisches Internierungslager 1940–1941. Mit einem Dokumenten-Anhang zur französischen Internierungspolitik (S. 246–384). Heintz, Worms 1977, ISBN 3-921333-13-X, S. 332–334 (= Deutsches Exil 1933–1945, Band 13).
  • Annette Muller, Manek Muller: La petite fille du Vel d’Hiv. Du camp d’internement de Beaune-la-Rolande 1942 à la maison d’enfants du Mans 1947. Cercil, Paris 2010, ISBN 2950756174; wieder Hachette, 2012, ISBN 2013232918 (Zeitzeugenbericht).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tatiana de Rosnay, Sarahs Schlüssel – Lesekreisanhang (PDF; 360 kB)
  2. Der Spiegel 38/2001 / Romain Leick: TABU VICHY
  3. Der Spiegel 29. September 1997, S. 174; Der Spiegel 38/2001: TABU VICHY (letzte Seite)
  4. Tatiana de Rosnay, Sarahs Schlüssel – Lesekreisanhang (PDF; 360 kB)
  5. Journée nationale à la mémoire des victimes des crimes racistes et antisémites de l’État français et d’hommage aux «Justes» de France. Der ursprüngliche, später geänderte Titel des Tages betonte stärker eine Illegitimität des Vichy-Regimes (… Verbrechen, begangen in Ausübung (sous) der Staatsgewalt, die sich „Regierung des État français“ nannte), war aber damit historisch ungenau, da Pétain formal korrekt ernannt worden war.