Antifaschismus

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Antifaschismus bezeichnet die politische Ablehnung des Faschismus und möglicher Entwicklungen dorthin. Ursprünglich in den 1920er-Jahren als „antifascismo“ in Italien entstanden, bezeichnete der Ausdruck bald auch die Bekämpfung anderer rechtsgerichteter Diktaturen, vor allem die des deutschen Nationalsozialismus. Die allgemeinere Bedeutung blieb nach 1945 bestehen.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich bezeichnete Antifaschismus die Gegenbewegung zum italienischen Faschismus.

In Deutschland tauchte der Begriff Antifaschismus bereits frühzeitig auf. 1926 schrieb der österreichische Sozialdemokrat Julius Deutsch und federführender Gründer (1923) und Obmann des Republikanischen Schutzbundes das Buch Antifaschismus! Proletarische Wehrhaftigkeit im Kampfe gegen den Faschismus.

"Faschismus" war innerhalb des linken und linksliberalen Lagers eine übliche Bezeichnungen für die rechtstremistischen Bewegungen in Europa. So zeigte in der Terminologie des Wissenschaftlers Emil Julius Gumbel, bekannter Anhänger der Friedensbewegung und Mitglied der Deutschen Liga für Menschenrechte, "der Faschismus sein wahres Gesicht" in den rechtsradikalen "Fememorden" der 1920er Jahre.[1] Für Thomas Mann war der "Faschismus" eine "ethnische Religion".[2] Dieser Begrifflichkeit entsprach komplementär "Antifaschismus" für die Gegnerschaft gegen den "Faschismus".

Im weiteren Verlauf griff die KPD den Begriff zur Qualifizierung ihrer sozialdemokratischen Gegner mit dem Neologismus "Sozialfaschisten" auf, in denen sie die entscheidende Stütze der bürgerlichen Herrschaftsform sah.[3] Die SPD ihrerseits setzte die KPD als „rotlackierte Doppelausgabe der Nationalsozialisten“ (Kurt Schumacher, 1930) mit diesen gleich. Die Ablehnung des parlamentarisch-demokratischen Systems durch die KPD stand dem sozialdemokratischen uneingeschränkt legalistischen Kurs selbst angesichts regierungsamtlicher Verfassungsbrüche wie dem "Papenstreich" gegen die Preußische Regierung am 20. Juli 1932 gegenüber, "bis es zu spät war" (Wolfgang Benz).[4]m Schon in den 1920er Jahren rief der parteilose Schriftsteller Erich Mühsam die beiden Arbeiterparteien daher zum gemeinsamen Kampf gegen die Nationalsozialisten auf. In seiner Zeitschrift "Fanal" plädierte er "für eine Einheitsfront aller antifaschistischen Kräfte" (Wolfgang Benz). Die einzige Kraft, die imstande sei, Hitlers Machtergreifung zu verhindern, sei "der verbundene Wille der vom Nationalsozialismus nicht verwirrten deutschen Arbeiterschaft."[5]

Als Antifaschisten verstanden sich nach 1945 alle neu gegründeten politischen Parteien in Deutschland, die einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Nationalsozialismus sahen und das Wiedererstarken der Kräfte verhindern wollten, die Adolf Hitler zur Macht verholfen hatten. Auch die CDU hatte mit ihrem Ahlener Programm zunächst politische Zielvorstellungen, die ähnlich wie die der KPD eine Enteignung kriegswichtiger Schlüsselindustrien vorsahen. Im Lauf der Nachkriegsjahre setzte im linken Spektrum allerdings eine Ausdifferenzierung ein. Mit dem Kalten Krieg und der Deutschen Teilung wurde der Begriff des Antifaschismus in den Westzonen jedoch zunehmend vom Antikommunismus überlagert, während er in der Sowjetischen Besatzungszone zum antikapitalistischen Selbstverständnis der SED avancierte. Seit 1949 diente er in der Deutschen Demokratischen Republik zur ideologischen Abgrenzung gegenüber der Zeit des Nationalsozialismus und der als „postfaschistisch“ verstandenen Bundesrepublik Deutschland.

Der Begriff Antifaschismus wurde in den 1980er-Jahren auch von den Autonomen aufgenommen, die, verstärkt nach der Wiedervereinigung Deutschlands, viele sogenannte Antifa-Gruppen bildeten, die sich in der Tradition des antifaschistischen Widerstands sehen. Die oppositionelle Grundhaltung wird oft ausgedehnt auf Nationalismus, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Antisemitismus und Kapitalismus, die viele Antifaschisten als Wurzeln und Bestandteile des Faschismus ansehen.

Deutsche Politikwissenschaftler und Verfassungsschützer wie Armin Pfahl-Traughber unterscheiden demokratischen von undemokratischem extremistischen Antifaschismus.[6]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Während des Spanischen Bürgerkriegs ab 1936 war Antifaschismus das Selbstverständnis des heterogenen Lagers auf der Seite der republikanischen Regierung, die gegen den von den Nationalsozialisten unterstützten Putsch Francos kämpfte.

Die historische Antifaschistische Aktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historisches Logo der Antifaschistischen Aktion 1932

Die Antifaschistische Aktion wurde 1932 vor dem Hintergrund der Erfolge der Nationalsozialisten geboren[7] und am 24. Mai von der KPD in der Roten Fahne (KPD-Zeitung) ausgerufen.[8] Als Führer der Aktion wird Ernst Thälmann in der Roten Fahne gefeiert.[9] Am 10. Juli 1932 fand in der Berliner Philharmonie mit über 1500 Personen der Einheitskongress der Antifaschistischen Aktion statt.[10]

Entwickelt hatte sich die eher als Bewegung zu bezeichnende Antifaschistische Aktion ab 1929. Nach dem Verbot des „Roten Frontkämpferbundes“ – anlässlich des „Blutmais“ nach dem 1. Mai 1929 in Berlin – kam es zur Gründung diverser Komitees des „Kampfbundes gegen den Faschismus“ (KGF). Dieser kann faktisch als Vorläufer der späteren Antifaschistischen Aktion betrachtet werden. Ereignisse wie der Blutmai schienen der KPD die Sozialfaschismus-These nachhaltig zu bestätigen.[11]

Ursprüngliches und vorrangiges Ziel der „Antifaschistische Aktion“ war es, die Zersetzung der als „sozialfaschistisch“ bezeichneten Sozialdemokratie voranzutreiben,[7] die als die „soziale Hauptstütze der Kapitalsdiktatur“[12] angesehen wurde. In der Praxis bedeutete die Antifaschistische Aktion ein Abweichen vom Kampf gegen den sogenannten Sozialfaschismus dahingehend, dass nun die NSDAP statt der SPD zum Hauptfeind der Arbeiterklasse erklärt wurde. Die Zerschlagung der SPD war aber weiterhin das erklärte Ziel der KPD. Mit der Antifaschistischen Aktion lotete die KPD das gegen die Führung der SPD ausgelegte und an die Mitglieder der SPD gerichtete Konzept der Einheitsfront von unten bis an seine Grenzen aus. Nur auf lokaler Ebene kam es zu Einheitsfronten von oben bei der auch die Führung der SPD einbezogen wurde. [8]

Zwar war sowohl der „Kampfbund gegen den Faschismus“ als auch die „Antifaschistische Aktion“ eine Initiative der KPD, jedoch ein parteiunabhängiger Ansatz. Mitglied konnte jeder und jede sein, die sich gegen den Straßen- und Saalterror der Nationalsozialisten, vor allem der SA stellte. In der Antifaschistischen Aktion fanden sich demnach nicht nur Kommunisten, sondern ebenfalls Gewerkschaftsmitglieder, Sozialdemokraten, Erwerbslose und Menschen mit eher christlichem Hintergrund wieder.

Die Antifaschistische Aktion wurde weder verboten noch aufgelöst. Wie die gesamte politische Opposition wurde auch sie nach der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten nach Januar 1933 durch Terror zerschlagen.

Viele Aktivistinnen und Aktivisten verschwanden in der Kerker- oder Schutzhaft oder starben in Konzentrationslagern. Ein Teil der Antifaschisten beteiligte sich von 1936 bis 1938 an den Internationalen Brigaden auf Seiten der Spanischen Republik im Kampf gegen General Franco.

Antifaschistischer Widerstand während der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der antifaschistische Widerstand war Teil des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Hauptsächlich bezeichnete sich der kommunistische Widerstand selbst als antifaschistisch, der sich beispielsweise im Rotfrontkämpferbund sammelte oder in Gruppen der historischen Antifaschistischen Aktion, aber auch Widerstand aus sozialdemokratischen, gewerkschaftlichen (z. B. organisiert in der Eisernen Front) und anarchistischen Kreisen wird manchmal so genannt. Der antifaschistische Widerstand grenzt sich von den anderen Widerstandsformen dadurch ab, dass er das Gesellschafts- und Herrschaftssystem des Faschismus insgesamt abschaffen, nicht nur die nationalsozialistische Regierung stürzen wollte.

Mit Ende der 1920er Jahre hatte die kommunistische Bewegung, wie die Kommunistische Internationale (Komintern) sie repräsentierte, die Sozialfaschismusthese entwickelt und "eine Zeitlang agitatorisch vertreten" (Bernd Faulenbach). Die KPD sah in der SPD in dieser Phase die "Hauptstütze" bürgerlicher Herrschaft (der "Bourgeoisie") und damit ihren Hauptgegner. Dieser Linie blieb sie, abgesehen von einer kurzen Phase im Frühjahr 1932, bis in das Jahr 1933 treu. Dabei ging es in Deutschland um die wechselseitige Wahrnehmung der deutschen Sozialdemokraten und der deutschen Kommunisten, die sich jeweils vorwarfen, den Rechtsradikalismus zu unterstützen.[13] Anders als die KPD und andere kommunistische und sozialistische Parteien gab die Komintern diesen Ansatz erst auf ihrem VII. Weltkongress in Moskau auf. Nicht zuletzt unter dem Druck der Mitgliederbasis trat ein Volksfront-Konzept an die Stelle, das - nach Hermann Weber - weniger als Instrument des Antifaschismus als vielmehr als "formale Anerkennung der westlichen Demokratien" und als Entscheidung für eine Auffächerung der nationalen Bündnisperspektiven zu sehen ist.[14]

Im Spanischen Bürgerkrieg entstand eine breite Koalition aus Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, Trotzkisten und anderen im gemeinsamen Kampf gegen die faschistische Franco-Armee. Die Opposition gegen die Franco-Diktatur hatte dabei mit zwei Gegnern zu kämpfen: dem äußeren und dem inneren. Der sowjetische Geheimdienst NKWD liquidierte im Namen des Antifaschismus missliebige Mitkämpfer, die tatsächlich oder vermeintlich von der Moskauer Linie abwichen. Deutsche Spanienkämpfer, wie z. B. Artur Becker, fielen auf Grund gezielter Hinweise der eigenen Leute Franco in die Hände.[15]

Nach dem Hitler-Stalin-Pakt erließ die Komintern-Zentrale in Moskau die Anweisung, wonach der Krieg nicht als Kampf gegen den Faschismus, sondern als eine Auseinandersetzung zwischen kapitalistisch-imperialistischen Staaten bezeichnet wurde. Entsprechend sollten und mussten kommunistische Parteien ihre Haltung radikal ändern. Erst mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 kam es zu einem Schwenk von dem deutsch-sowjetischen „Appeasement“ hin zu einer Anti-Hitler-Koalition mit den Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien.[16][17]

Antifaschismus als Staatsdoktrin der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1943 wurde auf Bestreben der KPD unter deutschen Kriegsgefangenen und kommunistischen deutschen Emigranten in der Sowjetunion das Nationalkomitee Freies Deutschland gegründet. Sie wollten eine völlig neue gesamtdeutsche Gesellschaftsordnung auf antifaschistischer Grundlage konzipieren.

Die DDR hat sich selber in die Nachfolge des antifaschistischen Kampfes der KPD und des kommunistischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus gestellt. Wegen dieses Anspruchs erhob sie den Antifaschismus früh zur leitenden Staatsdoktrin, die zur Abgrenzung vom Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland diente und die Existenz der DDR, das Machtmonopol der SED ebenso wie die Berliner Mauer („antifaschistischer Schutzwall“) rechtfertigen sollte. Beispielhaft deutlich wird dies in der Präambel der Verfassung der DDR von 1968: „[…] in Ansehung der geschichtlichen Tatsache, daß der Imperialismus unter Führung der USA im Einvernehmen mit Kreisen des westdeutschen Monopolkapitals Deutschland gespalten hat, […] hat sich das Volk der Deutschen Demokratischen Republik, fest gegründet auf den Errungenschaften der antifaschistisch-demokratischen und der sozialistischen Umwälzung der gesellschaftlichen Ordnung, […] diese sozialistische Verfassung gegeben.“

Aufgrund der dimitroffschen Faschismustheorie wurde die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland als Ausdruck sich verschärfenden Klassenkampfs betrachtet. Darum wurde das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus besonders auf kommunistische Widerstandskämpfer konzentriert, und die ermordeten Juden und andere Opfergruppen wurden nur am Rande thematisiert. Die Rassenideologie der NSDAP wurde lediglich als „Instrument zur Täuschung der Arbeiterklasse“ erklärt. Die Bundesrepublik verstand man als „postfaschistisch“ und versuchte, dort ideologische und personelle Kontinuitäten zum Nationalsozialismus nachzuweisen. Mit diesem Geschichtsbild legitimierte die DDR-Führung ihre Herrschaft. Der DDR-Bevölkerung bot sie die Möglichkeit, eventuelle Verstrickungen in den Nationalsozialismus zu externalisieren, da der Faschismus als Phase des Klassenkampfes quasi historisch zwangsläufig erschien und mit der „antifaschistischen DDR“ endgültig überwunden sei. Jeder DDR-Bürger konnte sich selbst und die DDR als Sieger der Geschichte begreifen.

Anspruch und Feindbild der DDR-Staatsideologie werden spätestens seit der Wende von 1989 stark kritisiert: Sie hätten eine wirkliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus dort verhindert. Der von oben verordnete Antifaschismus habe eine wirkliche Entnazifizierung und einen Bruch mit autoritären und totalitären Staatsformen blockiert, die Bevölkerung nicht erreicht und sei zur Durchsetzung politischer Selbstbehauptung im Rahmen des Kalten Krieges instrumentalisiert worden.

Nach parteiinternen Analyse von 1954 hatten DDR-weit 25,8 Prozent der Mitglieder der SED eine nationalsozialistische Vergangenheit. In einzelnen Parteiorganisationen stellten sie nach der SED-Statistik mehr als 85 Prozent der Mitglieder. Lokale, betriebliche und regionale SED-Leitungen waren in den frühen Jahren der DDR oft mehrheitlich mit NSDAP-Mitgliedern besetzt. Für das MfS wurden in den 1950er-Jahren gezielt bekannte nationalsozialistische Kriminelle angeworben, die nach der Direktive Nr. 38 des Alliierten Kontrollrats vom Oktober 1946 als „Hauptschuldige“ eingestuft waren. Durch die Täterschaft als Druckmittel sollte eine aktive Zusammenarbeit erzwungen werden.[18] Der von der DDR propagierte Antifaschismus war nicht nur in Einzelfällen ein Mythos. Dort wurde nur ein winziger Bruchteil der nationalsozialistischen Verbrechen gerichtlich verfolgt. SED und Staatssicherheit blockierten Ermittlungen gegen Täter des Nationalsozialismus im eigenen Land, wenn sie dem Image der DDR zuwiderliefen.[19][20][21]

Antifaschismus in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sommer 1945: Plakat, das die Ermordung von Antifaschisten in Auschwitz anprangert. Die genauen Opferzahlen waren damals noch nicht bekannt, die angegebene Zahl entspricht nicht den historischen Tatsachen.

Hauptschwerpunkt antifaschistischer Maßnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg waren die bis 1951 währenden Entnazifizierungmaßnahmen durch die alliierten Besatzungsmächte. Nach dem Potsdamer Abkommen sollten die deutsche und österreichische Gesellschaft, Kultur, Presse, Ökonomie, Jurisdiktion und Politik von allen Einflüssen des Nationalsozialismus befreit werden. Dies sollte im Zusammenhang einer umfassenden Demokratisierung und Entmilitarisierung geschehen. Die Zahl der Urteile gegen Nationalsozialisten wird auf 50.000 bis 60.000 geschätzt.[22]

Als Organisation für vom NS-Regime verfolgte Antifaschisten gründete sich 1945 die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), die sich 1971 mit dem Bund der Antifaschisten (BdA) zur VVN-BdA zusammenschloss. Sie sprachen sich etwa gegen die Integration ehemals aktiver Nationalsozialisten in hochrangige Ämter in Politik, Justiz und Verwaltung der Bundesrepublik, gegen deren Remilitarisierung und Westintegration aus. Zahlreiche Mitglieder der VVN wurden in den 1950er-Jahren strafrechtlich verfolgt. Sie wurden seit den 1970er-Jahren durch den Verfassungsschutz beobachtet, bis 2005 als Angehörige einer von der DKP dominierten Organisation eingeschätzt.[23]

Zu Beginn der 1980er-Jahre gründeten sich im gesamten Gebiet der Bundesrepublik sogenannte Antifa-Gruppen, die teilweise aus der Autonomen- und Hausbesetzer-Szene stammten. Diese stellten sich ebenfalls in die Tradition des Antifaschismus, um unterschiedliche Gruppen zu einen. Sie sahen ihre Hauptaufgabe darin, rechtsextreme Aktivitäten zu stören und zu verhindern, z. B. Parteitage der NPD und sogenannte Nazi-Aufmärsche. Sie befürworteten dazu eine direkte Konfrontation mit Neonazis, um deren Auftreten zurückzudrängen. Dies war damals jedoch noch kein Schwerpunkt aller autonomen Gruppen.

Angesichts der Zunahme rechtsextremer Gewalttaten nach der Wiedervereinigung Deutschlands befürchteten die Antifa-Gruppen ein Wiedererstarken des Nationalismus. Daraufhin verstärkten viele linksgerichtete Gruppen ihre Versuche, rechtsextreme Organisation und Propaganda in der Öffentlichkeit wirksam zu verhindern. Besonders in der autonomen Szene entwickelten sich diese Bestrebungen unter dem Begriff Antifaschismus nun zum Hauptaktionsfeld. Im Verlauf der 1990er-Jahre entstanden daher weitere Antifagruppen im gesamten Bundesgebiet. 1992 haben sich einige davon als Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) organisiert.

Der Verfassungsschutz kommt zu der Auffassung, dass das Ziel der sogenannten Antifaschismus-Arbeit – in linksextremistischen Organisationen – „[…] der Kampf gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung als »kapitalistisches System« sei, um die angeblich diesem Gesellschaftssystem immanenten Wurzeln des »Faschismus« zu beseitigen.“[24] Die Bekämpfung des Rechtsextremismus sei dabei lediglich eine „vordergründig[e]“ Aktivität.

Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die marxistische Faschismustheorie vor 1945 sah das Aufkommen und den Machtantritt faschistischer Regimes in den 1930er-Jahren als Ergebnis ungelöster Klassenwidersprüche und Wirtschaftskrisen des Kapitalismus. Deshalb meinte man den Faschismus und Nationalsozialismus nur zusammen mit seiner „Basis“, der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, wirklich überwinden zu können. Solange dies nicht geschehe, so die antifaschistische Grundüberzeugung, sei eine Entwicklung zu einem neuen Faschismus in den Strukturen dieser Gesellschaft angelegt und werde in einer ökonomischen Krisensituation erneut hervorbrechen, wie es Bertolt Brecht formulierte:

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Die Kommunistische Internationale übertrug den Faschismusbegriff recht bald nicht nur auf weitere rechtsgerichtete Parteien und Systeme Europas sondern auch auf die sozialdemokratischen Parteien. Zwischen 1928 und 1934 vertraten die der Kommunistischen Internationale angeschlossenen kommunistischen Parteien offiziell die Sozialfaschismusthese, der zufolge die Sozialdemokratie den „linken Flügel des Faschismus“ bildete und daher vorrangig zu bekämpfen war. Bereits 1924 hatte Stalin geäußert: „Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus.“[25]

Gleichwohl sehen Antifaschisten den schon seit Mitte der 1960er-Jahre vorhandenen Rechtsextremismus nicht als isoliertes Randphänomen, sondern im Zusammenhang mit anderen Diskriminierungsideologien wie Sexismus und Rassismus. Sie sehen deren Kontinuität und phasenweises Anwachsen als Ausdruck tieferer Gesellschaftsprobleme. Deshalb seien die „bürgerlichen“ Parteien nicht in der Lage und willens, rechtsextremistische Tendenzen wirksam zu bekämpfen und deren Wählerschichten zu integrieren. Stattdessen werde der Rechtsextremismus geduldet und teilweise sogar für eigene Zwecke – z. B. die Aushöhlung des Asylrechts, Populismus, Abbau des Sozialstaats u. a. – instrumentalisiert. Man müsse daher von einem „Extremismus der Mitte“ sprechen, aus dem der Rechtsextremismus seine Konstanz, seinen Rückhalt und sein latent ausdehnungsfähiges Wählerreservoir beziehe.

Aus dieser Sichtweise leiten sie für die Praxis die Forderung ab, dass konsequenter Antifaschismus sich nicht auf die Bekämpfung des Rechtsextremismus beschränken dürfe, sondern diesen zusammen mit anderen „systemimmanenten“ Herrschaftsideologien angreifen und deren Zusammenhang sichtbar machen müsse.

Im Verständnis der meisten Antifaschisten können die Wurzeln des Faschismus, den sie nur graduell vom Nationalsozialismus unterscheiden, letztendlich nur innerhalb einer anarchistischen oder kommunistischen Gesellschaft aufgehoben werden. Viele heutige Antifaschisten beziehen sich dabei auf den Schwur von Buchenwald:

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

Die Politikwissenschaftlerin Antonia Grunenberg vom Oldenburger Hannah-Arendt-Zentrum sieht den Begriff wegen seiner nur negativen Definition als eine „merkwürdige Wortschöpfung, die ein Dagegen-Sein ausdrückt, aber kein politisches Konzept“[26]. Vermisst werde eine damit verbundene einheitliche positive Zielsetzung: Daher könne Antifaschismus sowohl mit demokratischen Überzeugungen wie totalitären Ideologien verbunden sein. Jeder Demokrat sei ohnehin Antifaschist, aber nicht jeder Antifaschist sei Demokrat.

Auch für den Bonner Politikwissenschaftler Manfred Funke verwischt der Begriff den Unterschied zwischen Demokraten und Gegnern der Demokratie. Antifaschismus sei eine politische Allzweckwaffe mit Blendcharakter.[27]

Der Maler Anselm Kiefer unterscheidet zwischen Antifaschismus im Faschismus und Antifaschismus in der Demokratie:

„Man kann nicht in einer Zeit, wo es nicht viel kostet, anti zu sein, für sich ein Wort in Anspruch nehmen, was nur Sinn macht in einer Zeit, wo es das Leben gekostet hat, antifaschistisch zu sein.“[28]

Die Losung „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ galt bis Anfang der 1990er-Jahre als Konsens. Seit dem Zweiten Golfkrieg, als Hans Magnus Enzensberger Saddam Hussein mit Adolf Hitler verglich und so den Krieg gegen den Irak als „antifaschistisch“ legitimierte, wird dieser einstige Konsens aufgeweicht, so dass es heute, vor allem unter sogenannten „Antideutschen“ sich als „antifaschistisch“ verstehende Organisationen gibt, welche die Kriege vor allem der USA und Israels für legitim halten. Andere linke Kritiker sehen diesen Umstand als Zeichen eines „historischen Niedergangs“ an.[29]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manfred Agethen/Eckhard Jesse/Ehrhart Neubert: Der missbrauchte Antifaschismus. DDR-Staatsdoktrin und Lebenslüge der deutschen Linken. Freiburg i. Br. 2002, ISBN 3-451-28017-5
  • Peter Brandt/Ulrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): Antifaschismus – Ein Lesebuch. Deutsche Stimmen gegen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus von 1922 bis zur Gegenwart. LitPol-Verlagsgesellschaft, Berlin 1985, ISBN 3-88279-030-X
  • Christoph Classen: Faschismus und Antifaschismus. Die nationalsozialistische Vergangenheit im ostdeutschen Hörfunk (1945–1953). Böhlau Verlag, Köln [u. a.] 2003.
  • Hans Coppi: Die nationalsozialistischen Bäume im sozialdemokratischen Wald. Die KPD im antifaschistischen Zweifrontenkrieg. In: Utopie kreativ, H. 96/Oktober 1998, S. 5–12 und H. 97/98/November/Dezember 1998, S. 7–17.
  • Hans Coppi: Antifaschismus, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 1, Argument-Verlag, Hamburg, 1994, Sp. 326-338.
  • Julius Deutsch: Antifaschismus. Proletarische Wehrhaftigkeit im Kampfe gegen den Faschismus. Wien 1926 (Buchdaten bei OBV)
  • Frank Deppe, Georg Fülberth, Rainer Rilling (Hrsg): Antifaschismus, Distel-Verlag. Heilbronn 1996, ISBN 3-929348-14-4
  • Jürgen Danyel: Die geteilte Vergangenheit, Akademie Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-002642-1
  • Antonia Grunenberg: Antifaschismus – Ein deutscher Mythos, rororo 1993, ISBN 978-3499131790
  • Klaus Kinner: Rechtsextremismus und Antifaschismus. Dietz-Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-320-02015-3
  • Heinz Karl/Erika Kücklich (Hrsg.): Die Antifaschistische Aktion – Dokumentation und Chronik, Mai 1932 bis Januar 1933, Dietz-Verlag, Berlin 1965
  • Henry Leide: NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR, 2., durchges. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006
  • Annette Leo/Peter Reif-Spirek: Helden, Täter und Verräter. Studien zum DDR-Antifaschismus, Metropol, Berlin 1999.
  • Tim Peters: Der Antifaschismus der PDS aus antiextremistischer Sicht, VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14775-7 (online)
  • Gestapo-Berichte über den antifaschistischen Widerstandskampf der KPD 1933 bis 1945, ausgew., eingel. u. bearb. von Margot Pikarski, Dietz, Berlin 1989
  • Martin Sabrow (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR. Darin: Annette Leo: Antifaschismus. München 2009.
  • Josef Spiegel: Die Faschismuskonzeption der KPD 1929–1933. Eine Untersuchung mit besonderer Berücksichtigung der kommunistischen Presse, Lit, Münster 1986, ISBN 3-88660-285-0.
  • József Wieszt: KPD-Politik in der Krise 1928–1932. Zur Geschichte und Problematik des Versuchs, den Kampf gegen den Faschismus mittels Sozialfaschismusthese und RGO-Politik zu führen, Materialismus Verlag, Frankfurt am Main 1976. (Anmerkung: RGO = Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition, die kommunistische Gewerkschaft in der Weimarer Republik)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Antifaschistischer Widerstand – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Benz, Der Kampf gegen den Nationalsozialismus vor 1933, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur politischen Bildung, H. 243 (2003), siehe: [1].
  2. Eung-Jun Kim, Literatur als Historie: Zeitgeschichte in Thomas Manns "Doktor Faustus" und in Günter Grass' "Blechtrommel", Würzburg 2004, S. 123.
  3. Wolfgang Benz, Der Kampf gegen den Nationalsozialismus vor 1933, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur politischen Bildung, H. 243 (2003), siehe: [2].
  4. Wolfgang Benz, Der Kampf gegen den Nationalsozialismus vor 1933, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur politischen Bildung, H. 243 (2003), siehe: [3].
  5. Wolfgang Benz, Der Kampf gegen den Nationalsozialismus vor 1933, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur politischen Bildung, H. 243 (2003), siehe: [4].
  6. Armin Pfahl Traughber: Antifaschismus als Thema linksextremistischer Agitation
  7. a b Jürgen Zarusky, 2006: Stalin und die Deutschen: Neue Beiträge der Forschung. Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte: Sondernummer Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte / Schriftenreihe. Oldenbourg Verlag, ISBN 3-486-57893-6, ISBN 978-3-486-57893-5, S. 33.
  8. a b Quelle: Carsten Voigt, 2009: Kampfbünde der Arbeiterbewegung: das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und der Rote Frontkämpferbund in Sachsen 1924–1933. S. 543ff. online
  9. Nikolaus Jackob, 2007: Wahlkämpfe in Deutschland: Fallstudien Zur Wahlkampfkommunikation 1912–2005, S. 89, online
  10. [5]
  11. „Hauptfeind Sozialdemokratie“ oder „Antifaschistische Aktion“? Die Politik von KPD und Komintern in der Endphase der Weimarer Republik, in: Heinrich A. Winkler (Hrsg.), Weimar im Widerstreit. Deutungen der ersten deutschen Republik im geteilten Deutschland, München 2002, S. 105–130, S. 112.
  12. Zitiert nach Hermann Weber, Der „Antifaschismus“-Mythos der SED. Kommunistischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus: Leistung, Problematik, Instrumentalisierung.
  13. Bernd Faulenbach, Zur Rolle von Totalitarismus- und Sozialfaschismus-"Theorien", in: Mike Schmeitzner (Hrsg.), Totalitarismuskritik von links: deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen 2007, 119-134, hier: S. 119, 122, 125.
  14. Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein, Aleksandr Galkin, Deutschland, Russland, Komintern - Überblicke, Analysen, Diskussionen: Neue Perspektiven auf die KPD und die Geschichte der Deutsch-Russischen Beziehungen, Berlin/Boston 2014, S. 314.
  15. Walter Janka: Spuren eines Lebens; Berlin 1991, S. 170–172.
  16. Tablot Imlay: Mind the Gap. The Perception And Reality of Communist Sabotage of French War Production During the Phoney War. In: Past and Present, No. 189, (Nov. 2005), S. 179-234. Joel Blatt: The French Defeat of 1940. Reassessments. Berghahn Books: Oxford, 1998, ISBN 1-57181-226-1, S. 141.
  17. Tim Peters: Der Antifaschismus der PDS aus antiextremistischer Sicht, VS Verlag, 2006, ISBN 3-531-14775-7, ISBN 978-3-531-14775-8.
  18. Zeitgeschichte: Für ehrliche Zusammenarbeit In: Der Spiegel 19/1994 vom 9. Mai 1994, S. 84–91.
  19. NS-Verbrecher und Stasi: "Wer Nazi war, bestimmen wir!" In: Spiegel Online. 27. Januar 2006, abgerufen am 1. Mai 2016.
  20. Henry Leide: NS-Verbrecher und Staatssicherheit, Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, ISBN 3-525-35018-X
  21. Rezension des Buchs bei Perlentaucher
  22. Manfred Görtemaker, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Fischer, 2004.
  23. Verfassungsschutzbericht 2005 (PDF, S. 171 f.) (Memento vom 26. Oktober 2007 im Internet Archive)
  24. Verfassungsschutzbericht 2010 (Memento vom 10. Mai 2012 im Internet Archive) (PDF; 4,3 MB), S. 193.
  25. Stalin: Zur internationalen Lage; Werke, Band 6; S. 251–269, hier S. 253.
  26. Antonia Grunenberg: Antifaschismus, ein deutscher Mythos, Rowohlt, Berlin 1993, Seitenangabe fehlt
  27. Manfred Funke, in: Agethen u. a. (Hrsg): Der missbrauchte Antifaschismus, Freiburg i.B. 2002, ISBN 3-451-28017-5, S. 305 ff.
  28. Ulf Poschardt: Anselm Kiefer macht den Hitlergruß zu Kunst. In: Berliner Morgenpost. 18. Mai 2008, abgerufen am 3. November 2012.
  29. Matthias Rude: "Nie wieder Faschismus" - immer wieder Krieg. Ein bürgerliches Trauerspiel in drei Akten, in: Susann Witt-Stahl, Michael Sommer (Hrsg.): „Antifa heißt Luftangriff!“ Regression einer revolutionären Bewegung, Hamburg 2014, S. 101-120, S. 101.