Reinhard Höhn

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Reinhard Höhn (* 29. Juli 1904 in Gräfenthal; † 14. Mai 2000 in Bad Harzburg) war ein führender deutscher Staats- und Verwaltungsrechtler in der Zeit des Nationalsozialismus. Höhn gründete nach seiner Entnazifizierung im Jahr 1956 die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft GmbH, Bad Harzburg und war 1962 Erfinder des Harzburger Modells.

Bis 1945[Bearbeiten]

Der Sohn eines Amtsanwalts wurde 1922 Mitglied des Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes und studierte ab 1923 Rechtswissenschaften. 1929 erfolgte Höhns Promotion an der Universität Jena mit der Arbeit Stellung des Strafrichters in den Gesetzen der französischen Revolutionszeit.

Zwischen 1923 und 1932 war Höhn Mitglied des Jungdeutschen Ordens und so enger Mitarbeiter von Artur Mahraun, über den er 1929 ein Buch publizierte: Artur Mahraun, der Wegweiser der Nation.

Im Juli 1933 trat Höhn in die NSDAP und im Dezember desselben Jahres in die SS ein. Von 1933 bis 1935 war er Hauptabteilungsleiter im SD-Hauptamt. Sein direkter Vorgesetzter war Reinhard Heydrich.

Höhn machte rasch Karriere. Als Assistent von Franz Wilhelm Jerusalem war er 1934 maßgeblich an der Organisation und Durchführung eines Soziologentreffens in Jena beteiligt, auf dem Ferdinand Tönnies als Präsident und Leopold von Wiese als Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie entmachtet wurden, was zur Gleichschaltung der Soziologenvereinigung notwendig war. Höhn habilitierte sich 1935 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg mit der Arbeit Der individualistische Staatsbegriff und die juristische Staatsperson.

Mit weiteren SS-Intellektuellen hatte Höhn für das Ende der Karriere von Carl Schmitt im Dritten Reich gesorgt. Sie warfen Schmitt vor, in seinem Gedankengebäude das „völkische Denken“ mit dessen Kategorien von Blut, Rasse und Volk sträflich zu vernachlässigen.[1]

Ab 1936 war Höhn Mitglied der nationalsozialistischen Akademie für deutsches Recht und stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Polizeirecht, Ausschussvorsitzender war Werner Best.[2] 1936 versuchte er eine rechtsphilosophische Rechtfertigung des Führerprinzips, wobei er unter anderem schrieb: „Gegenüber Führerentscheidungen, die in Form eines Gesetzes oder einer Verordnung gekleidet sind, steht dem Richter kein Prüfungsrecht zu“.[3] 1939 wurde er Abteilungsleiter im Reichssicherheitshauptamt (RSHA).[4] Zwischen 1939 und 1945 war Höhn Direktor des Instituts für Staatsforschung an der Universität Berlin. Im Mai 1942 wurde er zum wissenschaftlichen Direktor der Internationalen Akademie für Staats- und Verwaltungswissenschaften ernannt. [5] Von 1941 bis 1943 betreute er die Publikation Reich – Volksordnung – Lebensraum. Zeitschrift für völkische Verfassung und Verwaltung. Zum Herausgeberkreis gehörten neben Höhn vier Spitzenbeamte, die alle mit Fragen der Herrschaftssicherung in den von Deutschland besetzten Gebieten befasst waren. Zwei dieser Mitherausgeber nahmen am 20. Januar 1942 an der Wannsee-Konferenz zur endgültigen Vernichtung des europäischen Judentums teil: der Staatssekretär im Innenministerium und SS-Obergruppenführer, Wilhelm Stuckart, mit dem Höhn persönlich befreundet war, und SS-Gruppenführer Gerhard Klopfer, Staatssekretär in der Parteikanzlei. Ein weiterer Herausgeber war Werner Best.

1942 erhielt Höhn das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse ohne Schwerter.[5]

In der Hierarchie der SS wurde Höhn 1939 zum SS-Standartenführer und 1944 zum SS-Oberführer befördert.

Der bis zum Opportunismus wandlungsfähige Mahraun-Schüler Höhn lehnte den liberalen Verfassungsstaat und die Demokratie ab und suchte nach rechtsphilosophischen Begründungen für die „Volksgemeinschaft als Artgemeinschaft des Volkes“ und den „Führerstaat“. Auch trat er gegen Ende des Krieges für ein hartes Strafrecht gegenüber Nichtdeutschen ein und äußerte 1944 die Meinung, dass der Eid auf Adolf Hitler auch über dessen Tod hinaus Gültigkeit besäße. Er war einer der (im negativen Sinne) profiliertesten unter den NS-Rechts- und Staatswissenschaftlern und betrieb eine selbst für nationalsozialistische Verhältnisse besonders radikale Auflösung rechtsstaatlicher Prinzipien.

Nach 1945[Bearbeiten]

Nach dem Krieg tauchte Höhn zunächst unter und ging einer Arbeit als Heilpraktiker nach. Nach 1955 – er war entnazifiziert worden – leitete Höhn die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad Harzburg.

Im Jahr 1962 stellte Höhn sein geschlossenes Management-System, das Harzburger Modell vor, das in den folgenden Jahrzehnten die Unternehmensführung in Deutschland bestimmte. Das Modell war eingebettet in den Harzburger Bildungsverbund, dessen bekanntester Bestandteil die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft war.

Höhn scheint sich nach dem Krieg der demokratisch verfassten Grundordnung der Bundesrepublik angepasst zu haben, ohne in der Frage des Führereids eine neue grundsätzliche Erklärung abgegeben zu haben. Allerdings ist umstritten, inwieweit er seine antidemokratischen Ansichten tatsächlich abgelegt hat.

Zahlreiche von Höhns Schriften wurden in der Sowjetischen Besatzungszone und in der Deutschen Demokratischen Republik auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[6][7][8]

Sonstiges[Bearbeiten]

Einer seiner bekanntesten Schüler ist Rolf H. Ruhleder, der bis 1989 Marketingleiter der Akademie war.

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Artur Mahraun, der Wegweiser zur Nation. Sein politischer Weg aus seinen Reden und Aufsätzen, Rendsburg: Schleswig-Holsteinische Verlags-Anstalt, 1929
  • Der bürgerliche Rechtsstaat und die neue Front. Die geistesgeschichtliche Lage einer Volksbewegung, Berlin 1929
  • Die Staatswissenschaft und der Jungdeutsche Staatsvorschlag, Berlin 1929
  • Allgemeines Schuldrecht. Lehrbuch, Berlin 1934
  • Die Wandlung im staatsrechtlichen Denken, Hamburg 1934
  • Vom Wesen der Gemeinschaft. Vortrag, gehalten auf der Landesführerschule des deutschen Arbeitsdienstes, Berlin 1934
  • Rechtsgemeinschaft und Volksgemeinschaft, Hamburg 1935
  • Otto von Gierkes Staatslehre und unsere Zeit, zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Rechtssystem des 19. Jahrhunderts, Hamburg 1936
  • mit Theodor Maunz und Ernst Swoboda, Grundfragen der Rechtsauffassung, München 1938
  • Verfassungskampf und Heereseid. Der Kampf des Bürgertums um das Heer (1815–1850), Leipzig 1938
  • Hrsg., Das ausländische Verwaltungsrecht der Gegenwart. Wesen, Aufgabe und Stellung der Verwaltung in Italien, Frankreich, Großbritannien und USA, Berlin 1940
  • Frankreichs demokratische Mission in Europa und ihr Ende, Darmstadt 1940
  • mit Wilhelm Stuckart und Herbert Schneider, Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgesetze Norwegens. Sammlung der wichtigsten Gesetze, Verordnungen und Erlasse, Darmstadt 1942
  • Die englische Ideologie vom Volksaufstand in Europa, Prag 1944
  • Revolution, Heer, Kriegsbild, Darmstadt 1944
  • Scharnhorsts Vermächtnis, Bonn 1952
  • Die Führung mit Stäben in der Wirtschaft, Bad Harzburg 1961
  • mit Gisela Böhme, Menschenführung im Handel, Bad Harzburg 1962
  • Die Armee als Erziehungsschule der Nation. Das Ende einer Idee, Bad Harzburg 1963
  • Die Stellvertretung im Betrieb. Ein Führungs- und Organisationsproblem im modernen Unternehmen, Bad Harzburg 1964
  • mit Gisela Böhme, Führungsbrevier der Wirtschaft, Bad Harzburg 1966
  • Das tägliche Brot des Management, Bad Harzburg 1978, ISBN 3-8020-0201-6
als Herausgeber
  • Reich, Volksordnung, Lebensraum. Zeitschrift für völkische Verfassung und Verwaltung. R. H. war Hrsg. von 1941–1943. Mit-Hrsg. waren u.a.: Staatssekretär im Innenministerium und SS-Obergruppenführer Wilhelm Stuckart, mit dem Höhn persönlich befreundet war, und SS-Gruppenführer Gerhard Klopfer, Staatssekretär in der NSDAP-Parteikanzlei.

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Grüttner: Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik, Heidelberg 2004, S. 76.
  • Helmut Heiber: Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands. Deutsche Verlagsanstalt DVA, Stuttgart 1966, S. 880 ff.
  • Christian Ingrao: Hitlers Elite. Die Wegbereiter des nationalsozialistischen Massenmordes. Übers. Enrico Heinemann & Ursel Schäfer. Propyläen, Berlin 2012 ISBN 9783549074206; wieder Bundeszentrale für politische Bildung BpB, Bonn 2012 ISBN 9783838902579 (zuerst Paris 2010)
  • Otto Köhler: Der hässliche Deutsche: Reinhard Höhn. In: konkret 12/1981, S. 27.
  • Bernd Rüthers: Reinhard Höhn, Carl Schmitt und andere – Geschichten und Legenden aus der NS-Zeit. In: NJW 2000, S. 2866 bis 2871.
  • Andreas Schwegel: Der Polizeibegriff im NS-Staat. Polizeirecht, juristische Publizistik und Judikative 1931–1944, Tübingen 2005 (Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, 48). ISBN 3-16-148762-1 (beleuchtet vor allem Höhns Rolle in der NS-Justiz)
  • Michael Wildt: Der Fall Reinhard Höhn. Vom Reichssicherheitshauptamt zur Harzburger Akademie. In: Alexander Gallus, Axel Schildt (Hrsg.): Rückblickend in die Zukunft. Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und um 1930, Göttingen 2011 (= Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, 48), S. 254–271.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Reinhard Höhn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe hierzu mit Verweis auf weiterführende Literatur Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft. 1903–1989. Bonn 1996, S. 274, S. 601, Anm. 73. ISBN 3-8012-5030-X.
  2. Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903–1989. Dietz, Bonn 1996, S. 177, ISBN 3-8012-5019-9.
  3. Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Fischer Taschenbuch 2005, S. 261.
  4. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 261.
  5. a b Anna-Maria von Lösch: Der nackte Geist: Die Juristische Fakultät der Berliner Universität im Umbruch von 1933, Mohr Siebeck, 1999, S. 322.
  6. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-h.html
  7. http://www.polunbi.de/bibliothek/1947-nslit-h.html
  8. http://www.polunbi.de/bibliothek/1953-nslit-h.html