Ringhoffer-Werke

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Die Ringhoffer-Werke A.G., tschech. Ringhofferovy závody a.s.[1] waren ein Unternehmen des Maschinenbaus in der Tschechoslowakei. Haupterzeugnisse des Werkes waren Brauerei- und Zuckerfabrikseinrichtungen, aber auch Reise- und Güterwagen, Lokomotivtender, Triebwagen sowie Straßenbahnen. Nach der Übernahme aller namhaften Waggonbaubetriebe der Tschechoslowakei war das Unternehmen um 1937 als Ringhoffer-Tatra Werke AG der damals größte Produzent von Schienenfahrzeugen weltweit.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Anfang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichte des Unternehmens begann im Jahre 1769, als der junge Kupferschmiedgeselle Franz Ringhoffer (1744-1829) aus Müllendorf, Kom. Ödenburg/Ungarn bei Eisenstadt aus einer burgenländischen Familie nach Prag kam und sich in der Prager Altstadt eine Werkstatt einrichtete, wo er Braupfannen und Gefäße für Brauereien herstellte. Sein einziger Sohn und Erbe Joseph Ringhoffer (1785-1847) erwarb 1822 in Kamenice bei Eule im Süden von Prag eine Wassermühle, die er zu einem Kupferhammerwerk umbaute und die später durch ein Kupfer-Walzwerk erweitert wurde. 1832 wurde er von Kaiser Franz I. zum kaiserlich-königlichen Hof-Kupferschmiedemeister ernannt. Er erhielt die Fabrikationsbefugnis zur Erzeugung von Kupfer- und Messingwaren. Aus der handwerksmäßigen Produktionsstätte, die sein Vater gegründet hatte, machte er eine Manufaktur mit rund siebzig Beschäftigten. Der Betrieb produzierte Arbeitseinrichtungen für Bierbrauereien, Spirituosenbrennereien und Zuckerfabriken und lieferte in alle Kronländer der Monarchie Österreich-Ungarn.

Waggonfabrik R. Ringhoffer Smichow[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Josefs ältester Sohn Franz Ringhoffer II. errichtete einen größeren Betrieb in der Prager Neustadt und baute 1852 eine Waggonfabrik im südwestlichen Vorort Smíchov, wo er 1854 mit der Fertigung von Eisenbahnwagen begann, zunächst Güter-, ab 1860 auch Personenwagen. Da es damals die über Smíchov führende Böhmische Westbahn noch nicht gab, mussten die Wagen durch die Stadtmitte zum 4 km entfernten Prager Staatsbahnhof (heute: Praha Masarykovo nádraží) per Fuhrwerk gebracht werden. 1867 wurde die Fabrik um eine neue Halle und einige Nebenbetriebe erweitert und es wurde mit dem Bau von Salonwagen begonnen. Bekannt wurde später der Salonwaggon für Kaiser Franz Joseph I. (von 1902), der heute im Technischen Nationalmuseum in Prag ausgestellt ist. Das Unternehmen begann zu exportieren.

Nach dem Tod von Franz Ringhoffer 1873 übernahm sein Sohn Franz III. Freiherr von Ringhoffer mit den Brüdern Emanuel und Viktor das Unternehmen. Unter seiner Führung wuchs die Firma zu einem der größten Industrieunternehmen in Österreich-Ungarn. Gebaut wurden nicht nur Schienenfahrzeuge aller Art wie Elektrolokomotiven, Triebwagen, Tender für Dampflokomotiven und Straßenbahnen, sondern weiter auch Produktionseinrichtungen für Zuckerfabriken, Brennereien, Brauereien und Kühlanlagen für Kühlhäuser.

Ringhoffer-Werke AG[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründeraktie der Ringhoffer-Werke AG über 2000 Kronen von 1911

1909 übernahm sein ältester Sohn Franz Freiherr von Ringhoffer der IV. (1874-1940) das Unternehmen, das er 1911 in eine Aktiengesellschaft umwandelte. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung der Tschechoslowakei im Oktober 1918 erwarb dessen Bruder Hans (Hanusch) Freiherr von Ringhoffer (* 1885, im Oktober 1946 verstorben im Internierungslager Mühlberg/Elbe) nach und nach Aktien aller größeren Waggonhersteller in der Tschechoslowakei. So ging im Jahr 1923 die bisherige Nesselsdorfer Wagenbau in Kopřivnice in sein Eigentum über. Der Betrieb firmierte fortan als Tatra-Werke, Automobil- und Waggonbau AG. Im Jahr 1925 wurden die Erzeugnisse der Ringhoffer-Werke A.-G. Prag-Smíchov, der Nesselsdorfer Wagenbau-Fabriks-Gesellschaft Kopřivnice und der Staudinger Waggonfabrik Studénka, gemeinsam von der Export-Vereinigung der Čechoslovakischen Waggonfabriken in Prag[2] von der Familie Ringhoffer vermarktet.

Im Jahr 1928 erwarb Hans (Hanusch) Freiherr von Ringhoffer auch die Mehrheit der Aktien der Waggonfabrik Studénka. Sie firmierte ab 9. November 1929 als Moravskoslezská vozovka, a.s. Bis Mitte der 1930er Jahre kaufte Ringhoffer die Waggonfabriken in Kolín und Böhmisch Leipa (Česká Lípa) auf.

Ringhoffer-Tatra Werke AG[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Firmenlogo von Ringhoffer-Tatra

Im Jahr 1935 fusionierten die Ringhoffer Werke mit der Tatra-Werke AG, Automobil- und Waggonbau in Kopřivnice. Der neue Industriekonzern erhielt den Namen Ringhoffer-Tatra Werke AG (tschech: Závody Ringhoffer-Tatra a.s.).

Im Jahr 1937 gehörten folgende Firmen zur Ringhoffer-Tatra AG:

Nach dem Tod von Franz Ringhoffer IV. 1940 übernahm sein jüngerer Bruder Hans (Hanusch) Freiherr von Ringhoffer (1885-1946), welcher nach dem Zweiten Weltkrieg im Internierungslager Mühlberg/Elbe verstarb, die Führung des Konzerns und arbeitete mit Albert Speer zusammen, Rüstungsminister im Deutschen Reich, worauf auch gepanzerte Schienenfahrzeuge gebaut wurden.

Verstaatlichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 7. März 1946[3] wurde die Firma entsprechend der Beneš-Dekrete des Präsidenten der Tschechoslowakei vom 24. Oktober 1945 während der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei verstaatlicht und den Ringhoffer enteignet. Das Unternehmen firmierte dann als Tatra, národní podnik, bis es wieder in die Einzelbetriebe aufgespalten wurde. Die Betriebe des Schienenfahrzeugbaues wurden 1958 einschließlich der slowakischen Waggonfabrik Poprad unter der Firma Československé vagónky Tatra n.p. mit Sitz in Studénka zusammengeschlossen. Tatra in Kopřivnice produzierte fortan nur noch Kraftfahrzeuge.

Das ehemalige Ringhoffer-Werk in Prag-Smíchov firmierte zunächst als Vagonka Tatra Smíchov n.p., ab 1963 als Teilbetrieb von ČKD als ČKD Tatra n.p. Seit 2001 gehört es zum Siemens-Konzern. Wichtigstes Produkt des Werkes waren von 1951 bis 1999 die sogenannten Tatra-Straßenbahnen, die in fast alle Länder des damaligen Ostblocks exportiert wurden.

Produkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ferdinand Seibt, Hans Lemberg, Helmut Slapnicka: Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder. Herausgegeben im Auftrag des Collegium Carolinum (Institut), Bd. III, R. Oldenbourg Verlag München, 2000, ISBN 3-486-55973-7, S. 472 ff. dort: Namensträger der Industriellen-Dynastie Ringhoffer mit Kurzbiographien von: Ringhoffer, Emanual, Ritter von (seit 1900), Techniker; Ringhoffer, Emanual Josef Franz Freiherr von, Großindustrieller; Ringhoffer Franz, Kupferschiedemeister; Ringhoffer Franz Freiherr von (seit 1873) Großindustrieller; Ringhoffer, Franz Freiherr von, Großindustrieller; Ringhoffer, Franz Seraph Josef Freiherr von, Großindustrieller; Ringhoffer Hans (Hanusch) Freiherr von, Großindustrieller in Prag-Smíchov, (* 1885 in Prag, verstorben 1946 im Internierungslager Mühlberg/Elbe), Generaldirektor des Ringhoffer-Konzern, Gouverneur der tschechischen Nationalbank, königlicher norwegischer Generalkonsul.
  • Der Ringhoffer-Konzern in Wort und Bild. Beilage in Prager Presse 25.12.1927
  • Ludvík Losos, Ivo Mahel: Salonní vozy Ringhoffer. NADATUR u. a., Praha 1999, ISBN 80-85884-92-5.
  • Lubomír Kysela: Přehled vozů v podnikovém muzeu DP Praha. Dopravní podnik, Praha 1980.
  • Martin Harák: Straßenbahnen der k.u.k. Donaumonarchie. Tramway- und Trolleybusbetriebe in Österreich-Ungarn. Verlag bahnmedien.at, Wien 2015. ISBN 978-3-9503304-9-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ringhoffer Works – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Aktie
  2. Katalog der Export-Vereinigung der Čechoslovakischen Waggonfabriken in Prag von 1925
  3. Zeitleiste zu Tatra