Russische Sprache in der Ukraine

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Nikolai Gogol, einer der bekanntesten russischsprachigen Schriftsteller, stammte aus der Ukraine und war Ukrainer.

Die russische Sprache in der Ukraine ist dort neben dem Ukrainischen die meistgesprochene Sprache des Landes. Sie wird von fast allen Bewohnern des Landes zumindest grundlegend beherrscht und ist, je nach Art der Schätzung und Fragestellung, die Muttersprache oder bevorzugte Sprache von knapp 30 %[1] bis über 50 %[2] der Bevölkerung. Russisch verlor seinen Status als Amtssprache mit der Unabhängigkeit des Landes, das 1991 Ukrainisch als alleinige Amtssprache festlegte. Seit 2012 ist Russisch in neun Regionen des Landes wieder eine regionale Amtssprache, nach wie vor aber nicht dem Ukrainischen gleichgestellt. Verbreitet ist die Sprache insbesondere im Osten und Süden der Ukraine, aber auch in anderen Regionen ist es weiterhin eine wichtige Alltagssprache und spielt in der Wirtschaft und den Medien eine große Rolle.

Heutige Verbreitung und Status[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Russisch wird heute von fast der gesamten Bevölkerung der Ukraine beherrscht, schwerpunktmäßig aber vor allem im Osten und Süden des Landes, sowie in der Hauptstadt Kiew. Von 1991 bis 2012 verfügte es über keine offizielle Stellung, auch wenn zahlreiche östliche Regionen des Landes immer wieder Vorstöße machten, Russisch auf ihrem Territorium als lokale Amtssprache anzuerkennen.

Ein 2012 unter Wiktor Janukowytsch neu eingeführtes Sprachgesetz machte schließlich die Einführung von regionalen Amtssprachen offiziell möglich, sofern in einer Region der Anteil der Muttersprachler dieser Sprache die Marke von 10 % übersteigt.[3] Betroffen von der Aufwertung waren zwar auch andere Minderheitensprachen, doch bezog sich das Gesetz insbesondere auf das Russische, das damit, zumindest theoretisch, in 13 der 27 Verwaltungseinheiten des Landes regionale Amtssprache werden könnte. Letztlich wurde Russisch dann von neun Regionalparlamenten zur regionalen Amtssprache erklärt. Nach dem Sieg der Euromaidan-Revolution sollte das Sprachgesetz zunächst wieder gekippt werden, blieb aber nach Massenprotesten und einem Veto von Übergangspräsident Oleksandr Turtschynow doch in Kraft.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ukrainische Volkszählung ermittelte 2001 einen Anteil von 29,6 % russischen Muttersprachlern. Diese Zahl wurde wiederholt in Frage gestellt. So ermittelte die Ukrainische Akademie der Wissenschaften 2007, dass 38,6 % der ukrainischen Bevölkerung im privaten Umfeld ausschließlich Russisch sprechen und 17,1 % sowohl Russisch als auch Ukrainisch verwenden.[2] Auch andere Umfragen haben teils deutlich höhere Anteile an bevorzugt Russischsprachigen ergeben. Inwiefern diese Zahlen für Muttersprachler stehen, ist allerdings unklar.

Die russische Sprache ist insbesondere im Süden und Osten des Landes verbreitet. Während die offizielle Volkszählung die Russischsprachigen nur in den Oblasten Luhansk und Donezk sowie auf der Krim in der Mehrheit sieht, ist dies den meisten unabhängigen Statistiken zufolge auch in weiteren Gebieten der Fall, speziell in den Oblasten Charkiw, Dnipropetrowsk, Odessa, Mykolajiw und Saporischschja.[4] Auch in Kiew ist verschiedenen Statistiken zufolge die Mehrheit der Bevölkerung russischsprachig. Während die offizielle Volkszählung für Kiew nur rund 25 % russische Muttersprachler nannte, ergab die Statistik der Akademie der Wissenschaften, dass 41,2 % der Befragten sowohl Russisch als auch Ukrainisch im privaten Umfeld nutzen und 39,9 % sogar ausschließlich Russisch. Die Zahl derer, die dort nur Ukrainisch sprechen, lag nur bei rund 18 %.[2]

Im Westen und der Zentralukraine sowie im Norden des Landes ist das Russische allerdings klar in der Minderheit, auch wenn es in einigen mehrheitlich ukrainischsprachigen Regionen, so etwa in der Oblast Sumy oder der Oblast Poltawa, größere russischsprachige Siedlungsgebiete gibt. Allerdings wird auch in Gebieten mit deutlicher ukrainischsprachiger Mehrheit in den Großstädten und Verwaltungszentren häufig Russisch gesprochen, so dass die Landbevölkerung bei Aufenthalten dort meist ins Russische wechselt. In der Westukraine ist das Russische seit 1991 fast vollständig aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Es wird zwar auch dort noch meist verstanden, es gibt dort allerdings eine wachsende Schicht junger Menschen, die die Sprache kaum mehr beherrschen.[5]

Offizieller Status[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Regionen der Ukraine, in denen Russisch seit 2012 eine regionale Amtssprache ist, sind folgende:

Region Übersetzung russischer Name Russischer Name Ukrainischer Name Einwohner
Flag of Kharkiv Oblast.svg Oblast Charkiw   Oblast Charkow Харьковская область Харківська область 2,73 Mio.
Flag of Kherson Oblast.svg Oblast Cherson   Oblast Cherson Херсонская область Херсонська область 1,07 Mio.
Flag of Dnipropetrovsk Oblast.svg Oblast Dnipropetrowsk   Oblast Dnepropetrowsk Днепропетровская область Дніпропетровська область 3,29 Mio.
Flag of Donetsk Oblast.svg Oblast Donezk   Oblast Donezk Донецкая область Донецька область 4,34 Mio.
Flag of Luhansk Oblast.png Oblast Luhansk   Oblast Lugansk Луганская область Луганська область 2,24 Mio.
Flag of Mykolaiv Oblast.svg Oblast Mykolajiw   Oblast Nikolajew Николаевская область Миколаївська область 1,17 Mio.
Flag of Odesa Oblast.svg Oblast Odessa   Oblast Odessa Одесская область Одеська область 2,40 Mio.
Flag of Zaporizhzhya Oblast.png Oblast Saporischschja   Oblast Saporoschje Запорожская область Запорізька область 1,78 Mio.

Darüber hinaus gilt das Gesetz auch auf der Krim und in Sewastopol, welche seit 2014 aber von Russland kontrolliert werden. Auch von den niedrigsten Schätzungen ausgehend, bilden die Russischsprachigen der Ukraine die größte russophone Bevölkerungsgruppe außerhalb Russlands.

Befürwortung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unterstützung für Russisch als Zweite Amtssprache, 2004

Während es für die Entscheidung, Russisch als zweite Staatssprache zuzulassen, in der gesamten Ukraine keine Mehrheit gibt, bilden die Befürworter einer solchen Entscheidung allerdings die Mehrheit im Süden und Osten des Landes.[6]

Bildungssektor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Massiv zurückgedrängt wurde das Russische seit der Unabhängigkeit im Bildungssektor. Der ukrainische Staat wandelte seitdem die meisten russischsprachigen Schulen in ukrainischsprachige Einrichtungen um und schaffte Russisch als verpflichtendes Schulfach ab. Der Anteil der russischsprachigen Schulen sank von 54 % im Jahr 1989[7] auf weniger als 20 % im Jahr 2009.[8] Im Westen und Zentrum des Landes und selbst in der Hauptstadt Kiew gibt es inzwischen fast keine russischsprachigen Schulen mehr. Auch in den meisten mehrheitlich russischsprachigen Gebieten überwiegen ukrainische Schulen inzwischen deutlich. Im Hochschulsektor wurde das Russische ebenfalls weitgehend verdrängt. Nur in den Gebieten Donezk (50,2 %) und Luhansk (54,2 %) besucht aktuell noch eine knappe Mehrheit der Schüler russischsprachige Schulen. Allerdings ist dieser Anteil auch dort mittlerweile deutlich unter dem Anteil der Muttersprachler.

Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verbreitung des Russischen spiegelt sich insbesondere in Bereichen wider, die nicht oder nur teilweise vom ukrainischen Staat reguliert werden, wozu auch die Medienlandschaft des Landes zählt. Im Radio sind etwa 60 % der gespielten Lieder russischsprachig,[9] auf dem Buchmarkt waren im Jahr 2012 fast 87 % der verkauften Bücher auf Russisch,[10] ebenso wie 83 % aller verkauften Zeitschriften.[10] Allerdings handelt es dabei häufig um Importe aus Russland.

Viele ukrainische Autoren, die auf Russisch schreiben, tun dies aus Gründen der Profitabilität. Russischsprachige Bücher können ohne Übersetzung nicht nur in der Ukraine und Russland, sondern auch in zahlreichen anderen post-sowjetischen Staaten verkauft werden und erreichen damit deutlich mehr potenzielle Leser als auf Ukrainisch geschriebene Bücher.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahlreiche der bekanntesten russischsprachigen Schriftsteller stammen aus der heutigen Ukraine. Unter ihnen sind Michail Bulgakow, Nikolai Gogol, Anna Achmatowa, Ilf und Petrow, Andrei Kurkow, Ilja Ehrenburg, Isaak Babel und der Lexikograf Wladimir Dal. Taras Schewtschenko, der bekannteste ukrainischsprachige Poet, schrieb sein persönliches Tagebuch ausschließlich auf Russisch.[12]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Russisch und Ukrainisch (sowie Weißrussisch) gingen aus derselben Sprache hervor, dem Altostslawischen, das die Sprache der Kiewer Rus war. Die damals gesprochene Sprache nahm zwar eine regional unterschiedliche Entwicklung, sprachlich herrschte jedoch bis etwa zum Beginn des 13. Jahrhunderts noch ein Dialektkontinuum vor. Im 13. Jahrhundert zerfiel die Kiewer Rus, das Gebiet der heutigen Ukraine kam in der Folgezeit weitgehend unter Kontrolle des Großfürstentums Litauen, später dann Polen-Litauens. Unter polnisch-litauischer Herrschaft begann eine kulturelle Polonisierung.

Es wird angenommen, dass sich die russische und ukrainische Sprache ab dem 14. Jahrhundert endgültig voneinander getrennt hatten.[13][14] Es ist jedoch nicht genau bekannt, wie lange eine problemlose, gegenseitige Verständlichkeit zwischen den beiden Sprachen noch existierte. So wirkte der erste namentlich bekannte russische Drucker, Iwan Fjodorow, im 16. Jahrhundert längere Zeit im heute ukrainischen Lemberg. Zumindest bis zu einem gewissen Grad besteht die gegenseitige Verständlichkeit der beiden Sprachen bis heute,[15][16][17] ist allerdings geringer als oft angenommen.[18]

Im 17. Jahrhundert waren die Unterschiede zwischen dem Russischen und Ukrainischen bereits so groß, dass bei der Unterzeichnung des Vertrags von Perejaslaw (zwischen den ukrainischen Saporoger Kosaken und dem Russischen Staat) ein Übersetzer benötigt worden sein soll.[19] Abgesehen von einigen kleinen, schon immer russischsprachigen Minderheiten, wie den Gorjunen, begann der große Einfluss der russischen Sprache in der Ukraine erst mit der Herrschaft der russischen Zaren.

Russifizierung und russische Siedler in der Ukraine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die Verträge von Perejaslaw 1654 und Andrussowo von 1667 kam die linksufrige Ukraine in ein polnisch-russisches Kondominium. Durch den Russisch-Türkischen Krieg (1768–1774) kamen weitere, zuvor osmanische Gebiete unter russische Herrschaft. In dem damals sehr dünn bewohnten Gebiet wurden nun zahlreiche Städte neugegründet und Kolonisten aus anderen Teilen des Russischen Reiches angesiedelt. Russisch wurde in der Ukraine als Verwaltungs- und Amtssprache etabliert, die von der ukrainischen Elite schnell übernommen wurde. Auch andere Bevölkerungsgruppen, insbesondere Juden, wurden kulturell schnell russifiziert.

Anfang des 20. Jahrhunderts waren fast alle größeren Städte der Ukraine mehrheitlich russischsprachig und zum Teil auch mehrheitlich von Russen bewohnt, auch in Gebieten die heute in der westlichen Zentralukraine gelegen sind.[20] In Kiew bestand die Bevölkerung 1917 zu 54,7 % aus Russen, 19 % waren (meist russischsprachige) Juden und nur 12,2 % waren Ukrainer.[21] Ukrainer, die sich in den Städten Neurusslands oder stark durch russische Einwanderer geprägten Städten niederließen, übernahmen häufig die russische Sprache und Kultur. Die Landbevölkerung verblieb mehrheitlich ukrainischsprachig, mit dem Surschyk bildete sich unter der einfachen Bevölkerung allerdings eine Mischsprache aus Ukrainisch und Russisch, die bis heute weit verbreitet ist.

Das Ukrainische wurde von der russischen Obrigkeit als „kleinrussischer Dialekt“ des Russischen klassifiziert und die Existenz einer eigenständigen ukrainischen Sprache nicht anerkannt. Lange Zeit wurde Russisch gegenüber dem Ukrainischen zwar bevorzugt, das Ukrainische aber nicht aktiv bekämpft. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts langsam eine Art ukrainische Nationalbewegung entstand, wurde die Politik gegenüber der Sprache restriktiver. 1863 unterschrieb der russische Innenminister Pjotr Walujew aus Angst vor einem ukrainischen Separatismus einen Geheimerlass, der den Druck von Schulbüchern und religiösen Texten im „kleinrussischen Dialekt“ verbot.[22] Literatur durfte jedoch weiterhin publiziert werden. 1876 beschloss Alexander II. mit dem Emser Erlass das vollständige Verbot des Ukrainischen im Buchdruck, im Theater und sogar in Liedern. Zumindest das Verbot ukrainischer Lieder und Theaterstücke wurde aber schon 1883 von Alexander III. wieder aufgehoben. Nach der von Lenin und Tschernow geführten Russischen Revolution von 1905 wurde das Ukrainische auch in Büchern wiederzugelassen, der Emser Erlass an sich wurde aber erst 1917 im Zuge der Oktoberrevolution gänzlich abgeschafft. Das Russische wurde während dieser gesamten Zeit als die dominante Sprache der Verwaltung, Kultur und Bildung gefördert, während das Ukrainische als kleinrussischer Dialekt bezeichnet wurde und stark benachteiligt war.

Sowjetische Epoche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Zugehörigkeit der Ukraine zur Sowjetunion war die Politik gegenüber der russischen Sprache wechselhaft. Erstmals wurde das Ukrainische von der Regierung in Moskau als eigene Sprache anerkannt. Zwischen 1923 und 1931 wurde das Russische im Rahmen der Korenisazija-Politik in einem bisher beispiellosen Maße zu Gunsten des Ukrainischen zurückgedrängt. In diesem Zusammenhang wird heute auch erstmals von Ukrainisierung gesprochen.[23] Die sowjetische Führung folgte dabei Lenins Nationalitätenpolitik und hoffte, die Bevölkerung der Ukrainischen SSR somit in kommunistische Strukturen einzubinden und unter ihr eine positive Einstellung zur Sowjetunion zu verbreiten. Bereits damals gab es jedoch Kritik an diesen Maßnahmen, die von ihren Gegnern als „zu hart“ und „übertrieben“ bezeichnet wurden.[24]

Spätestens ab den frühen 1930er-Jahren begann jedoch wieder eine massive Förderung des Russischen, die, mit einigen kurzen Unterbrechungen, auch bis zur Auflösung der Sowjetunion anhielt. Das Ukrainische und Russische waren zwar nominell gleichberechtigt, implizit fand aber eine Bevorzugung des Russischen statt.[25] Russisch galt als prestigeträchtigere Sprache und eröffnete auf dem Arbeitsmarkt viele Möglichkeiten. Viele ursprünglich ukrainische Muttersprachler begannen untereinander Russisch zu sprechen. Begünstigt wurde dieser Sprachwechsel durch die nahe Verwandtschaft der beiden Sprachen und die Tatsache, dass es in der Ukraine bereits seit zaristischen Zeiten signifikante russischsprachige Bevölkerungsgruppen gab. Einwanderer aus anderen Teilen der Sowjetunion, wie etwa Georgier, Russen, oder Armenier, lernten nur in den seltensten Fällen Ukrainisch, da Russisch überall in der Ukraine verstanden wurde und in vielen Regionen sogar die meistgesprochene Sprache war.

Als die Ukraine 1991 unabhängig wurde, sprach ein großer Teil der ukrainischen Bevölkerung bevorzugt Russisch. Auf der Krim oder im Osten des Landes war es nicht unüblich, dass sogar ethnische Ukrainer das Ukrainische nur schlecht oder teils gar nicht beherrschten. Lediglich in der Westukraine (mit Ausnahme der Region Transkarpatien), die erst 1939 Teil der Sowjetunion wurde, blieb der Einfluss der russischen Sprache begrenzt,[26] auch wenn es dort ebenfalls signifikante Anteile an Russischsprachigen gab, besonders in den Städten.[27]

Entwicklung seit 1991: Zwischen Ukrainisierung und Ausgleich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Demonstration für die Anerkennung des Russischen als regionale Amtssprache in Charkiw (2006)

Im Zuge der Unabhängigkeit des Landes wurde Ukrainisch als einzige Amtssprache gewählt, während Russisch erstmals seit mehreren Jahrhunderten jegliche offizielle Stellung in der Ukraine verlor. Unmittelbar nach der Unabhängigkeit begann eine intensive Ukrainisierung des öffentlichen Lebens. Russisch wurde im Bildungswesen massiv zurückgedrängt, zweisprachige ukrainisch-russische Straßen- und Ortsschilder gegen einsprachig ukrainische Exemplare ausgetauscht und zahlreiche Gesetze erlassen, die den Gebrauch des Ukrainischen fördern und den des Russischen zurückdrängen sollten. Vornamen russischer Herkunft werden in ukrainischen Pässen grundsätzlich ukrainisiert.[28] So kann etwa der Name Sergei auch auf ausdrücklichen Wunsch des Betroffenen nicht in offiziellen Dokumenten verwendet werden und wird immer in die ukrainische Namensform Serhij umgewandelt.

Im Jahr 2000 versuchten die westukrainische Stadt Lwiw und die Oblast Lwiw erstmals ein zumindest zeitweise bestehendes Sprechverbot des Russischen durchzusetzen. So sollte die Benutzung der Sprache auf öffentlichen Plätzen, in Restaurants und Geschäften verboten werden, ebenso wie das Senden russischsprachiger Musik in lokalen Radiosendern.[29]

In Teilen des Landes wurde und wird immer wieder die Einführung des Russischen als zweite Amtssprache und ein Stopp der Ukrainisierung gefordert. Teile der russischsprachigen Bevölkerung sehen sich durch diese Politik bis heute als bedroht an, besonders auf der Krim.[30] Die Sprachenfrage ist seitdem ein ständiges Konfliktthema in der ukrainischen Politik.

Neues Sprachgesetz ab 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im August 2012 trat unter der Regierung Wiktor Janukowytschs das neue Sprachgesetz „Zu den Grundlagen der staatlichen Sprachpolitik“ in Kraft. Dieses Gesetz besagte, dass in Gebieten mit einem Anteil von wenigstens 10 Prozent Muttersprachlern eine Sprache zur regionalen Amtssprache erhoben werden kann. Betroffen war davon insbesondere das Russische.[31][32] Allerdings wurde dadurch auch die Förderung weiterer Minderheitensprachen, darunter Rumänisch, Bulgarisch und Ungarisch, beschlossen. Die Debatte und die Abstimmung über das Sprachgesetz im Parlament im Mai 2012 war von Tumulten und Schlägereien begleitet.[33]

Theoretisch hätte Russisch damit in 13 der 27 Verwaltungseinheiten des Landes aufgewertet werden können, letztlich erhoben es aber nur neun Regionen in den neuen Status. Größere Auswirkungen, etwa im Schulsystem oder in sonstigen Gebieten, hatte das Gesetz bislang allerdings nicht zur Folge. Der damalige Parlamentssprecher der Krim, Wolodymyr Konstantynow, erklärte Anfang 2013, das Gesetz habe auf der Krim „nichts gebracht oder verändert“.[34]

Weniger als zwei Tage nach dem Sieg der Euromaidan-Revolution beschloss das ukrainische Parlament in einer seiner ersten Amtshandlungen der Post-Janukowytsch-Ära mit einer knappen Mehrheit die Aufhebung des Sprachgesetzes.[35] Die Initiative dazu kam vom Abgeordneten Wjatscheslaw Kyrylenko. Die Förderung aller Minderheitensprachen, darunter nicht nur Russisch, hätte damit eingestellt werden sollen. Kritik an dieser Entscheidung gab es von Seiten Russlands,[36] der OSZE,[37] des Europarats[38] und von den Außenministern Polens, Ungarns und Rumäniens. Die Unruhen im Osten des Landes verschärften sich dadurch weiter, letztlich legte Übergangspräsident Oleksandr Turtschynow ein Veto ein, so dass das Gesetz weiterhin in Kraft blieb.[39] Danach äußerten sich Politiker, die kurz zuvor noch für die Abschaffung des Sprachgesetzes gestimmt hatten, positiv gegenüber diesen. Zu den neuerlichen Unterstützern zählte auch Julija Tymoschenko.[40]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Численность и состав населения Украины по итогам Всеукраинской переписи населения 2001 года. In: 2001.ukrcensus.gov.ua. Abgerufen am 9. Januar 2015.
  2. a b c Oleksandr Kramar auf UkrainianWeek.com, 14. April 2012: Russification Via Bilingualism: Under the current circumstances in Ukraine, most bilingual people ultimately become Russian-speakers
  3. Mehrheit stimmt für Russisch als zweite Amtssprache. Tagesschau, 6. Juni 2012 (Memento vom 8. Juni 2012 im Internet Archive)
  4. Портрет электоратов Ющенко и Януковича. (Nicht mehr online verfügbar.) In: analitik.org.ua. 18. Januar 2005, archiviert vom Original am 3. April 2015; abgerufen am 9. Januar 2015. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.analitik.org.ua
  5. Linguistic Future: Ukrainians Who Do Not Speak Russian? « Russia Watch. In: blogs.voanews.com. 26. Juli 2012, abgerufen am 9. Januar 2015 (englisch).
  6. Poll: Over half of Ukrainians against granting official status to Russian language. In: kyivpost.com. 27. Dezember 2012, abgerufen am 9. Januar 2015.
  7. Степень украинизации образования на Украине. In: igpi.ru. Abgerufen am 9. Januar 2015.
  8. How to Bring Up a Ukrainian-Speaking Child in a Russian-speaking or bilingual environment (Memento vom 5. Februar 2013 im Webarchiv archive.today) In: ukrainianweek.com
  9. Yulia Kudinova: The Russian language in Ukraine: Cultural bridge or divide – Russia Beyond The Headlines. In: rbth.co.uk. 24. April 2014, abgerufen am 9. Januar 2015 (englisch).
  10. a b Українська мова втрачає позиції в освіті та книговиданні, але тримається в кінопрокаті. In: life.pravda.com.ua. 9. November 2012, abgerufen am 9. Januar 2015.
  11. Книгоиздание в Украине: мн&#. In: archive.kontrakty.ua. Abgerufen am 9. Januar 2015 (russisch).
  12. Shevchenko, Taras. In: encyclopediaofukraine.com. Abgerufen am 9. Januar 2015 (englisch).
  13. Филин Ф. П. Происхождение русского, украинского и белорусского языков, «Наука», Ленинград, 1972.
  14. Откуда родом русский язык (Memento vom 4. Mai 2003 im Internet Archive) In: ruscenter.ru
  15. Britt Peterson: The long war over the Ukrainian language. In: bostonglobe.com. 16. März 2014, abgerufen am 9. Januar 2015 (englisch).
  16. Österreichischer Integrationsfonds: Wie spricht Österreich? (Nicht mehr online verfügbar.) In: integrationsfonds.at. Archiviert vom Original am 13. Januar 2015; abgerufen am 9. Januar 2015. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.integrationsfonds.at
  17. E-Papiere zu Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik Jahrgang 3, Heft 1, Juni 2003, ISSN 1617-5425, S. 99/100.
  18. Laada Bilaniuk: Contested Tongues. Cornell University Press, 2005, ISBN 0-8014-7279-2, S. 3 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  19. Nicholas Chirovsky: On the historical beginnings of eastern slavic Europe: readings New York Shevchenko Scientific Society, 1973, S. 184.
  20. Дністрянський М.С. Етнополітична географія України. Лівів Літопис, видавництво ЛНУ імені Івана Франка, 2006, page 342, ISBN 966-7007-60-X.
  21. Пученков А. С. Национальный вопрос в идеологии и политике южнорусского Белого движения в годы Гражданской войны. 1917–1919 гг. // Из фондов Российской государственной библиотеки : Дисс. канд. ист. наук. Специальность 07.00.02. — Отечественная история. — 2005.
  22. Alexei Miller: The Ukrainian Question. The Russian Empire and Nationalism in the Nineteenth Century. Budapest-New York: Central European University Press, 2003, ISBN 963-9241-60-1.
  23. Wasyl Iwanyschyn, Jaroslaw Radewytsch-Wynnyzyj, Mowa i Naziya, Drohobytsch, Vidrodzhennya, 1994, ISBN 5-7707-5898-8.
  24. С. А. Цвілюк: Українізація України. Тернистий шлях національно-культурного відродження доби сталінізму. Маяк, Odessa 2004, ISBN 966-587-115-3 (ukrainisch).
  25. Lenore A. Grenoble: The ukrainian SSR. In: Language Policy in the Soviet Union. Kluwer, Dordrecht 2003, ISBN 1-4020-1298-5, Chaper three, S. 83–86 (google books [abgerufen am 30. September 2014]).
  26. Karoline Pemwieser: Ukrainisch kontra Russisch. Die Sprachsituation in der Ukraine. Diplomarbeit, Grin, München 2011.
  27. William Jay Risch: The Ukrainian West (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  28. Kristin Henrard: Synergies in Minority Protection. Cambridge University Press, 2008, ISBN 978-0-521-86483-1, S. 341 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  29. The Ukrainian Weekly vom 2. Juli 2000.
  30. Would Most Crimeans Rather Be Russian? – Vocativ. (Nicht mehr online verfügbar.) In: vocativ.com. 18. April 2015, archiviert vom Original am 6. Oktober 2014; abgerufen am 9. Januar 2015 (englisch). i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.vocativ.com
  31. K. Savin und A. Stein: Der Sprachenstreit in der Ukraine. Heinrich-Böll-Stiftung, 22. Juni 2012, abgerufen am 30. September 2014.
  32. Matthias Guttke, Hartmut Rank: Analyse: Mit der Sprachenfrage auf Stimmenfang. Zur aktuellen Sprachgesetzgebung in der Ukraine. Bundeszentrale für politische Bildung, 14. September 2012, abgerufen am 30. September 2014: „Das am 10. August 2012 in Kraft getretene neue ukrainische Sprachengesetz »Über die Grundlagen der staatlichen Sprachenpolitik« löst das »Gesetz der Ukrainischen Sowjetrepublik ›Über die Sprachen‹« ab. Während das aus der Sowjetzeit stammende Sprachengesetz unter Wahrung der Rechte von Minderheiten und nicht-ukrainischer Nationalitäten in erster Linie den Status des Ukrainischen aufwertete und förderte, privilegiert das neue Sprachengesetz mit Verweis auf die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in zahlreichen Gebieten der Ost- und Südukraine de facto v. a. die russische Sprache, ohne dass dies im Gesetz solchermaßen klar ausgesprochen wird. Das ist wohl auch den politischen Kräften und weiten Teilen der Bevölkerung – und damit der Wählerschaft – bewusst. In immer mehr Munizipalitäten wird unter Anwendung des neuen Sprachengesetzes in jüngster Zeit Russisch zur Regionalsprache erhoben. Deren Verwendung ist in allen öffentlichen Bereichen uneingeschränkt möglich. In sprachlicher Hinsicht bringt die Novelle eine gesetzliche Zementierung des Nebeneinanders des Russischen und des Ukrainischen; einer Entwicklung, die einerseits den faktischen Gegebenheiten entspricht und andererseits die sprachliche Segregation in der Ukraine fördert. Inwiefern das neue Sprachengesetz auch eine Eindämmung oder gar Zurückdrängung des Ukrainischen zeitigen wird, bleibt abzuwarten. Anzeichen hierfür lassen sich bisher nicht erkennen. Doch eines ist klar: Als integrations- und identifikationsstiftender Faktor im Nationsbildungsprozess hat die ukrainische Sprache in jedem Fall an Bedeutung verloren. Die von der Opposition eingerichtete »Fan-Zone der ukrainischen Sprache«, die in sprachlicher und örtlicher Anlehnung an die im Juni 2012 an gleichem Ort befindliche Fan-Zone für in- und ausländische Fußballfans anknüpft, befindet sich derzeit auf dem Prospekt der Freiheit in Lwiw. Sie ist allerdings nach Beobachtung der Autoren eher mäßig besucht und wird wohl spätestens nach den Parlamentswahlen Ende des kommenden Monats rasch wieder verschwinden. Damit ist auch die Hoffnung verbunden, dass sich die politischen Kräfte wieder dringenderen Problemen zuwenden werden.“
  33. Ukrainische Politiker lassen die Fäuste sprechen. In: Spiegel Online. Abgerufen am 30. September 2014.
  34. "Языковой" закон Колесниченко-Кивалова ничего не дал Крыму. In: pravda.com.ua. 27. März 2013, abgerufen am 9. Januar 2015.
  35. Lenta.ru: Бывший СССР: Украина: На У. In: lenta.ru. 25. Januar 2014, abgerufen am 9. Januar 2015 (russisch).
  36. Долгов: отмена закона о язы&. In: ria.ru. 25. Februar 2014, abgerufen am 9. Januar 2015 (russisch).
  37. The Hague: Restraint, responsibility and dialogue needed in Ukraine, including Crimea, says OSCE High Commissioner on National Minorities – OSCE. In: osce.org. 24. Februar 2014, abgerufen am 9. Januar 2015 (englisch).
  38. Deutsche Welle: Совет Европы призвал Киев &#. In: dw.de. 9. Januar 2015, abgerufen am 9. Januar 2015.
  39. Andrew E. Kramer: Ukraine Turns to Its Oligarchs for Political Help. In: nytimes.com. 2. März 2014, abgerufen am 9. Januar 2015 (englisch).
  40. Russian language must retain regional language status – Tymoshenko. In: en.interfax.com.ua. 20. Oktober 2012, abgerufen am 9. Januar 2015.