Ruthild Hahne

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Ruthild Hahne mit Otto Nagel und Wilhelm Pieck, 1951

Ruthild Hahne (* 19. Dezember 1910 in Wilmersdorf; † 1. September 2001 in Berlin) war eine deutsche Bildhauerin, die ihre Hauptschaffensphase in den ersten Jahren der DDR hatte.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Atelierhaus von Ruth Hahne in der Beatrice-Zweig-Straße

Ausbildung und Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ruthild Hahne wuchs als Tochter einer Kaufmanns- und Fabrikantenfamilie in einer großbürgerlichen Villa in Berlin-Schmöckwitz mit Haushälterin, Gärtner und Chauffeur auf. 1920 war sie in Italien, für das sie eine Leidenschaft entwickelte. Sie sprach später fließend Italienisch.[1]

Nach dem Besuch des Neuköllner Lyzeums bis 1927 machte sie eine Ausbildung zur orthopädischen Turnlehrerin und Physiotherapeutin an der Universitätsklinik Berlin und arbeitete bis 1936 in diesem Beruf. Obwohl sie in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen war, hatte sie bereits früh Kontakte zur Arbeiterbewegung und zur KPD. Dabei lernte sie 1930 den Chef der Roten Tänzer Jean Weidt kennen, der sie zum in dieser Gruppe praktizierten Ausdruckstanz brachte. 1933 nahm sie an der ersten Revolutionären Theaterolympiade in Moskau teil. 1936 begann sie, Bildhauerei an der Hochschule der Bildenden Künste zu studieren, wo sie Meisterschülerin von Wilhelm Gerstel war und in Monumentalplastik von Arno Breker unterrichtet wurde. Das Jahr 1941 verbrachte sie als Stipendiatin an der Villa Massimo in Rom. Während dieser Zeit entstanden an den klassischen Formen orientierte Kleinplastiken und Kinderporträts.[2]

Zu den Meisterschülern von Gerstel gehörten neben Hermann Blumenthal, Gustav Seitz und Waldemar Grzimek auch Fritz Cremer und Cay von Brockdorff, über die sie nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten auch in Kontakt mit Wolfgang Thiess kam, in den sie sich verliebte. Aus dem Kreis der Kunststudenten wurde eine Widerstandsgruppe der Roten Kapelle, in der auch Ruthild Hahne aktiv wurde. Unter anderem wurde in ihrer Wohnung in der Nachodstraße 20 in Berlin-Wilmersdorf an der illegalen Zeitung Die innere Front gearbeitet. Nach der Aufdeckung der Gruppe im Herbst 1942 wurde Wolfgang Thiess zum Tod verurteilt und hingerichtet. Gegen Ruthild Hahne wurde eine vierjährige Zuchthausstrafe verhängt. Im Zug der Wirren der letzten Kriegsmonate des Zweiten Weltkriegs gelang es ihr, aus dem Gefängnis zu fliehen. Sie schlug sich zur Ostfront durch und wechselte auf die sowjetische Seite.

Wirken als Bildhauerin in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1946/1947 war sie Mitbegründerin der „Hochschule für Angewandte Kunst“ (der heutigen Kunsthochschule Berlin-Weißensee), an der sie auch einige Jahre als Dozentin arbeitete. Künstlerisch konzentrierte sie sich auf die Schaffung von Porträtplastiken, insbesondere von Politikern der kommunistischen Bewegung wie Lenin, Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck. Daneben schuf sie auch mehrere Kinderporträts.

Bei einer Ausschreibung zur Schaffung eines Thälmann-Denkmals für den bis 1986 so benannten Thälmannplatz (vorher Wilhelmplatz, jetzt Teil der Wilhelmstraße) in Berlin-Mitte setzte sie sich gegen 182 Konkurrenten durch. Aus praktischen und finanziellen Überlegungen sowie aus politischer Überzeugung zog sie 1953 von West- nach Ost-Berlin in die damals neu entstandene Straße 201 (heute: Beatrice-Zweig-Straße) in Berlin-Niederschönhausen in ihr eigenes Atelierhaus um. Dieses wurde nach dem 17. Juni 1953 gegen ihren Willen in kommunales Eigentum überführt. Im Gegensatz zu den sonstigen Typenhäusern dieser Straße hatte sie sich einen eigenen Architekten dafür ausgesucht und bei der Gestaltung mitgewirkt. Im nahe gelegenen Atelier im Pankower Bürgerpark entstanden zunächst verkleinerte Modelle des geplanten Denkmals. Dieses besteht aus zwei Strömen von Menschen, die die Arbeiterparteien KPD und SPD symbolisieren sollen, an deren Spitze Ernst Thälmann, eine Hand zur Faust geballt, steht. 1958 wurde ein Teilgips des geplanten Denkmals auf der „IV. Deutschen Kunstausstellung“ der DDR gezeigt.[3] Mit dem Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 geriet der vorgesehene Standort am Thälmannplatz in das Sperrgebiet und eine Aufstellung des Denkmals war so nicht mehr möglich. Auch stand die DDR-Führung nicht mehr hinter der 1951 unter starker Einflussnahme entwickelten Denkmalskonzeption von Ruthild Hahne. 1965 musste sie ihre Arbeit am Thälmann-Denkmal, ihrem zentralen Lebenswerk, beenden. Ein Teil der geschaffenen Modelle wurde vernichtet, andere, so Thälmann als Frontfigur sowie die nachfolgende Gruppe Arbeiter und Bäuerin im Maßstab 1:2 sind heute noch in ihrem Haus Nr. 1 in der Beatrice-Zweig-Straße in einem von ihrem Sohn geführten privaten Museum zu sehen. Das Märkische Museum Berlin bewahrt zwei Reliefteile im Maßstab 1:4 auf.

Nach 1965 arbeitete sie weiter als Bildhauerin und schuf noch eine Reihe von Porträt- und Kleinplastiken. 1971 wurde sie mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber ausgezeichnet.[4]

Die letzte Ruhe fand sie auf dem Friedhof Pankow III.

Das Atelierhaus wurde zum Ateliermuseum Ruthild Hahne und kann auf Anfrage besichtigt werden. Es dient auch gelegentlich als Tagungsstätte.[5]

Bildnerische Darstellung Ruthild Hahnes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Riemann: Porträt Ruthild Hahne (Fotografie, um 1954)[6]

Gerhard Kiesling: Ruthild Hahne bei der Arbeit an dem Entwurf für ein Thälmann-Denkmal (Fotografie, 1959)[7]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stehender Junge (Statue, Bronze mit schwarzbrauner Patina)[8]
  • Knabenbildnis Tobby (Büste, Bronze; ausgestellt 1949 auf der 2. Deutschen Kunstausstellung)[9]
  • Kinderporträt Nora (Büste, Bronze, 1947; ausgestellt 1949 auf der 2. Deutschen Kunstausstellung)[10]
  • Wilhelm Pieck (Büste, Bronze; ausgestellt 1958/1959 auf der Vierten Deutschen Kunstausstellung)

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1979: Berlin, Ausstellungspavillon am S-Bahnhof Friedrichstrasse (mit Ernst Jazdzewski)
  • 1995: Berlin, Schadow-Haus („Ruthild Hahne, Geschichte einer Bildhauerin“)

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1949, 1953/1954, 1958/1959 und 1967/1968: Dresden, Deutsche Kunstausstellung bzw. Kunstausstellung der DDR
  • 1951: Berlin, Museumsbau am Kupfergraben („Künstler schaffen für den Frieden“)
  • 1968: Halle/Saale („Sieger der Geschichte“)
  • 1970: Berlin („Auferstanden aus Ruinen“)
  • 1970: Berlin, Altes Museum („Im Geiste Lenins“)
  • 1970: Berlin, Akademiegalerie („Die Akademie ehrt Lenin“)
  • 1970/1971: Linz, Neue Galerie der Stadt Linz („Berliner Bildhauer – Deutsche Demokratische Republik“)
  • 1971: Berlin, Altes Museum („Das Antlitz der Arbeiterklasse in der bildenden Kunst der DDR“)
  • 1979: Berlin, Altes Museum („Weggefährden – Zeitgenossen“)
  • 1979: Berlin, Altes Museum („Jugend in der Kunst“)
  • 1981: Dresden („25 Jahre NVA“)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jutta Schmitt: Wirken für die Sache der Arbeiterklasse. Zu Leben und Werk von Ruthild Hahne, Hans Kies und Heinz Worner. In: Bildende Kunst, Berlin, 1971, S. 289–294
  • Gertrud Heider: Für eine bessere Zukunft. Ruthild Hahne zum 75. Geburtstag. In:  Bildende Kunst, Berlin, 1985, S. 558–560
  • Stefan Eitze, Stefan Grunert, Stefan Hahne: Unter Bäumen regnet es länger. über Leben und Werk der Bildhauerin Ruthild Hahne. Stefan Eitze, Berlin 2016, DNB 1081668083 (136 S.).
  • Jörg Fidorra, Katrin Bettina Müller: Ruthild Hahne – Geschichte einer Bildhauerin. Katalog. Hrsg.: Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e. V. Schadow-Gesellschaft, Berlin 1995, ISBN 3-9802288-8-6.
  • Astrid von Killisch-Horn: Bürgerpark Pankow – Grüner Lebensraum im Zeitenwandel. Rudolstadt 2007, ISBN 978-3-00-021923-8, S. 167, 175–181. (Ausführlicher, bebilderter Text zum Wirken Ruthild Hahnes in ihrem Atelier im Bürgerpark Pankow 1951–1963, wo die Modelle zum Thälmann-Denkmal entstanden.)
  • Peter Michel: Schlichtheit und Größe. Eine Erinnerung an die Bildhauerin Ruthild Hahne anlässlich ihres 110. Geburtstages am 19. Dezember. In: junge welt vom 18. Dezember 2020
  • Stefan Roloff: Die Rote Kapelle. Ullstein 2002. ISBN 3-548-36669-4.
  • Gert Rosiejka: Die Rote Kapelle. „Landesverrat“ als antifaschistischer Widerstand. – Mit einer Einführung von Heinrich Scheel. ergebnisse, Hamburg 1986, ISBN 3-925622-16-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ruthild Hahne – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deike Diening: Ruthild Hahne. Ernst beiseite. In: tagesspiegel.de. 2. September 2013, abgerufen am 31. Dezember 2019.
  2. Jobst C. Knigge: Die Villa Massimo in Rom 1933–1943. Kampf um künstlerische Unabhängigkeit. Humboldt-Universität Berlin, Berlin 2013, S. 237–243, doi:10.18452/13566.
  3. SLUB Dresden: Vierte deutsche Kunstausstellung Dresden 1958. Abgerufen am 28. September 2021 (deutsch).
  4. Berliner Zeitung, 27. Februar 1971, S. 4.
  5. IBAES10_PROGRAMM. In: .rz.hu-berlin.de. Abgerufen am 31. Dezember 2019.
  6. Johannes Riemann: Porträt Ruthild Hahne (1910-2001; Bildhauerin). Fotografie um 1954. Dresden: Deutsche Fotothek. 1955, abgerufen am 27. September 2021.
  7. Gerhard Kiesling: Ruthild Hahne bei der Arbeit an dem Entwurf für ein Thälmann-Denkmal. 1959, abgerufen am 27. September 2021.
  8. lot-tissimo.com: Ruthild Hahne (1910 – Berlin – 2001)Stehender Junge. Bronze mit schwarzbrauner Patina. Höhe: 57,. Abgerufen am 28. September 2021 (deutsch).
  9. Hahne, Ruthild: Knabenbildnis Tobby. Abgerufen am 28. September 2021.
  10. Hahne, Ruthild: Kinderporträt Nora. 1947, abgerufen am 28. September 2021.
  11. Hahne, Ruthild (Bildhauerin): Karl Liebknecht. Abgerufen am 28. September 2021.
  12. Manfred; Hahne Thonig: Walter Ulbricht. 1969, abgerufen am 28. September 2021.
  13. Christian; Hahne Borchert: Porträtbüste des Schriftstellers Kurt Stern. 1971, abgerufen am 28. September 2021.