Scharlach

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Scharlach (Begriffsklärung) aufgeführt.
Klassifikation nach ICD-10
A38 Scharlach
ICD-10 online (WHO-Version 2016)
Himbeerzunge[1] (auch Erdbeerzunge) mit weißem Belag

Der Scharlach (lat. Scarlatina, engl. scarlet fever) ist eine akute exanthemische, durch β-hämolysierende Streptokokken verursachte Infektionskrankheit, die vor allem im Kindesalter von vier bis sieben Jahren auftritt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scharlach war vor Einführung der Antibiotika als Infektionskrankheit hochgefährlich. Sie wurde im 9. Jahrhundert nach Europa eingeschleppt. Die ersten morphologischen Beschreibungen sind 1556 von Giovanni Filipo Ingrassia von Palermo (als Rossania) und 1578 von Jean Coyttard (Purpurfieber) belegt. Die Abgrenzung der harmlosen Form des Scharlach (febris scarlatina) erfolgte durch Thomas Sydenham.[2][3][4][5]

Besonders in den Schwellenländern Osteuropas ist der Scharlach wieder regelmäßig epidemisch im Vormarsch.

Am 3. April 2009 wurde auch für England eine Scharlach-Epidemie gemeldet. Die Häufigkeit der Erkrankung übersteigt die Zahlen der letzten 20 Jahre. Für die tödlichen Scharlacherkrankungen (Scarlatina maligna) wurde eine hohe Sterblichkeit gemeldet und eine nationale Notfall-Warnung ausgesprochen.[6]

Erreger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Streptococcus pyogenes (Pappenheim-Färbung)

Scharlach wird durch Streptokokken der Lancefield-Gruppe A ausgelöst (v. a. Streptococcus pyogenes). Die Ansteckung erfolgt meist durch Tröpfchen- und Kontaktinfektion über Mund und Rachen. Auch über offene Wunden kann der Erreger übertragen werden (Wundscharlach). Viele Gesunde tragen unbemerkt den Keim in sich und sind die primäre Infektionsquelle.

Die Bakterien müssen einen Bakteriophagen (ein Virus im Bakterium) besitzen, der für die Produktion eines Scharlach-Toxins verantwortlich ist. Wenn das Toxin in die Haut gelangt, kommt es zu dem für Scharlach typischen Ausschlag.[7] Ohne diesen kommt es allein zu einer eitrigen Mandelentzündung.

Bei einer Behandlung mit Antibiotika besteht in der Folge Immunität gegen das jeweilige Toxin. Da drei verschiedene Toxine (SPE-A, -B und -C) existieren, können Menschen im Lauf des Lebens mehrfach an Scharlach erkranken. Mehrfachinfektionen können ebenfalls durch die nicht lebenslange Immunität bedingt sein.[8] Aufgrund wiederkehrender natürlicher Auffrischungen ("Boostering") durch die hohe Verbreitung der Erreger hält die Immunität jedoch lange an.[9] In jedem Fall verhindert Immunität gegen die Scharlachtoxine nicht die zugrundeliegende Infektion mit den eigentlichen A-Streptokokken, von denen mehr als 80 Serotypen existieren.[10]

Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Periorale Blässe
Schuppung der Haut an den Fingerkuppen

Die Krankheit beginnt nach einer Inkubationszeit von zwei bis vier Tagen typischerweise mit Fieber, Schüttelfrost, Erbrechen und einer Rachenentzündung (Pharyngitis), kann aber auch von Bauch- oder Kopfschmerzen begleitet sein. Der Rachen ist dabei typischerweise tief rot, und die Gaumenmandeln sind geschwollen (Scharlach-Angina), im weiteren Verlauf treten fleckige weißliche Beläge auf. Es kommt zu Schluckschmerzen und Schwellung submandibulärer Lymphknoten. Die Zunge ist zunächst weiß belegt, später lösen sich die Beläge, und die Zunge erscheint glänzend rot mit hervorstehenden Geschmacksknospen. Dies wird als Himbeerzunge[1] oder Erdbeerzunge bezeichnet. Dieses Symptom kann mit der Himbeerzunge beim Kawasaki-Syndrom verwechselt werden und dieses muss deshalb in Erwägung gezogen werden.

Nach einem bis vier Tagen zeigt sich der charakteristische Ausschlag mit dicht beieinander stehenden, stecknadelkopfgroßen, intensiv rot gefärbten leicht erhabenen Flecken. Bevorzugte Stellen sind die Achseln und die Leisten, es kann aber auch der ganze Körper befallen sein, allerdings bleibt das Mund-Kinn-Dreieck frei. Diese periorale Blässe wird mitunter umgangssprachlich auch als Milchbart[11] bezeichnet. Etwa 14 Tage nach Beginn kann es zu einer ebenfalls charakteristischen Abschuppung der Haut an den Finger- oder Zehenkuppen oder auch an den gesamten Handflächen und Fußsohlen kommen. Dadurch lässt sich manchmal die Diagnose auch noch im Nachhinein stellen.

Das Auftreten eines solchen scarlatiniformen Exanthems beweist noch nicht, dass der Betroffene an Scharlach erkrankt ist. Auch viele andere Erkrankungen, allen voran diverse Viruserkrankungen, sowie allergische Reaktionen auf Medikamente oder andere Substanzen können einen solchen Ausschlag zur Folge haben.

Der Verlauf dieser Krankheit kann sowohl schwer, also mit starken Schmerzen, hohem Fieber und deutlichen Ausschlägen, als auch leicht ausfallen, wobei lediglich leichte Halsschmerzen und wenige Auffälligkeiten auftreten. Scharlach kann auch ohne Fieber, rote Zunge und Ausschlag auftreten, sodass er nicht immer als Scharlach erkannt wird. Immer ist jedoch eine mehr oder weniger ausgeprägte Mandelentzündung oder − falls die Mandeln schon entfernt wurden − eine Rachenentzündung vorhanden.

Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scharlach spricht gut auf eine orale Behandlung mit Penicillin V an. Wegen des erhöhten Risikos von Komplikationen und Spätfolgen bei unbehandelten oder zu früh abgebrochenen Verläufen sollte diese Therapie auch konsequent zehn Tage lang durchgeführt werden. Liegt eine Penicillin-Allergie vor, kann auf ein Makrolidantibiotikum wie Erythromycin oder Clarithromycin ausgewichen werden. Daneben gehören zur Behandlung symptomatische Maßnahmen, wie Fiebersenkung, Linderung der Schluckbeschwerden durch Gurgeln oder lokal schmerzlindernde Lutschtabletten.

Prävention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kontaktvermeidung zu Erkrankten während der potentiellen Ansteckungszeit. Bei unvermeidbaren Kontakten regelmäßiges Händewaschen mit Seife zur Schmierinfektions-Vermeidung. Eine präventive Behandlung von Kontaktpersonen mit Antibiotika wird nur für an einer Abwehrschwäche oder unter schweren Grundkrankheiten leidenden und somit besonders gefährdeten Menschen empfohlen.[12]

Erkrankte Personen sollten während der ansteckenden Phase den Kontakt mit anderen Personen möglichst einschränken und sich insbesondere beim Husten und Niesen von diesen abwenden. Besonders empfohlen wird, nicht in die Handfläche, sondern in ein Papiertaschentuch o. ä. zu niesen oder zu husten und dieses im Anschluss unmittelbar in einen Abfallbehälter mit Deckel zu entsorgen.[13]

Eine Schutzimpfung gegen Scharlach existiert derzeit nicht.[14] Ein ehemaliges Produkt namens Diphterie-Scharlach-Impfstoff Behring bestand aus einer Mischung zu gleichen Teilen von Diphterie-Impfstoff Al. F. T. und Scharlach-Adsorbat-Impfstoff.[15]

Ansteckung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scharlach ist ansteckend, sobald und solange ein Patient den entsprechenden Erreger in sich trägt, mindestens jedoch bereits zwei bis vier Tage bevor die ersten Symptome auftreten. Die Ansteckungsgefahr hält mindestens bis zum Abklingen der Symptome an. In der Regel dauert dies bis zu zwei Wochen nach Beginn der Beschwerden. Bei einer Antibiotikabehandlung geht man davon aus, dass nach 24 Stunden keine Ansteckungsgefahr mehr besteht. Etwa jeder Fünfte ist Keimträger, ohne selbst krank zu sein.[16] Gesunde Keimträger spielen jedoch eine geringe Rolle als Krankheitsüberträger.[17]

Komplikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Komplikationen gefürchtet sind vor allem die sogenannten Streptokokken-Nacherkrankungen: die Poststreptokokken-Glomerulonephritis, das rheumatische Fieber mit rheumatischer Endokarditis. Dabei handelt es sich um immunologische Erkrankungen durch die Abwehrreaktion des Immunsystems gegen die Scharlach-Erreger, die etwa vier bis sechs Wochen nach Erkrankung auftreten können.

Ferner gibt es Hinweise darauf, dass die Streptokokken-Infektion zu neuropsychiatrischen Autoimmunerkrankungen führen kann. Siehe PANDAS, Tourette-Syndrom, Chorea minor.

Des Weiteren kann das gefährliche Streptokokken-Toxic-Shock-Syndrom auftreten, sollten die Erreger in die Blutbahn gelangen.

Rechtslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland besteht keine generelle Meldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz. Allerdings haben einige Bundesländer das Infektionsschutzgesetz per Landesverordnung ausgeweitet, so dass in Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen Erkrankungen an und Tod durch Scharlach meldepflichtig sind.[18]

Gemäß § 34 des Infektionsschutzgesetzes dürfen sich an Scharlach und Streptococcus pyogenes Erkrankte sowie einer Infektion verdächtigte Personen nicht in Gemeinschaftseinrichtungen (z. B. Schulen) aufhalten.

In Österreich unterliegen Erkrankungs- und Todesfälle an Scharlach der Anzeigepflicht gemäß § 1 des Epidemiegesetzes 1950.

In der Schweiz gibt es keine grundsätzliche Meldepflicht beim Auftreten von Erkrankungs- und Todesfälle an Scharlach. Davon abgesehen sind jedoch meldepflichtig: "Krankheits- oder Todesfälle [so wie laboranalytische Befunde], die das zu erwartende Ausmass für den betreffenden Zeitraum oder Ort übersteigen und mutmasslich auf eine übertragbare Krankheit zurückzuführen sind und Massnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit erfordern könnten. Gilt auch für Krankheits- oder Todesfälle, die im Einzelfall nicht oder nicht innert 24 Stunden meldepflichtig sind." [19]

Historische Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch in die Dichtung fand die Krankheit Eingang: Um 1830 entstanden die Kindertotenlieder des Dichters Friedrich Rückert, nachdem zwei seiner Kinder an Scharlach verstorben waren.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Scharlach – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Scharlach – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch, Walter de Gruyter GmbH Berlin 2014, 266. Aufl. S. 1897
  2. Max Micoud: Die ansteckenden Krankheiten. Klinische Beobachtung. In: Illustrierte Geschichte der Medizin Bd. 4, S. 2196
  3. Albrecht N. Rauch: Krankheitsnamen im Deutschen. Eine dialektologische und etymologische Untersuchung der Bezeichnungen für Diphtherie, Febris scarlatina, Morbilli, Parotitis epidemica und Varicellae. Stuttgart 1995 (= Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, Beiheft 84).
  4. Paul Richter: Beiträge zur Geschichte des Scharlachs. In: Sudhoffs Archiv 1, 1908, S. 161–204.
  5. Werner Köhler: Scharlach. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1289.
  6. Group A streptococcal infections: third update on seasonal activity, 2008/09, The National Archives – UK Government Web Archive, Health Protection Report, News Archives Volume 3 No 13; 3. April 2009, Abruf 24. Juli 2017
  7. Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie; Mims, Dockrell; Elsevier 2006
  8. DGPI Handbuch: Infektionen bei Kindern und Jugendlichen; Deutsche Gesellsch. f. Pädiatr. Infektiologie (Herausgeber); Georg Thieme Verlag, 2013; S.97
  9. RKI Merkblatt: Erreger (Robert-Koch-Institut)
  10. Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie; Hahn, Kaufmann, Schulz, Suerbaum; Springer 2009; S. 209
  11. Ausbildung-Heilberufe – Scharlach: Prüfungsfragen, Abruf 23. Juli 2017
  12. "Scharlach" – Wie kann ich mich schützen? bei infektionsschutz.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Abruf 23. Juli 2017
  13. "Scharlach" – Was muss ich bei einer Erkrankung beachten? bei infektionsschutz.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Abruf 23. Juli 2017
  14. RKI Merkblatt: Präventiv- und Bekämpfungsmaßnahmen (Robert-Koch-Institut)
  15. Rudolf Franck - Moderne Therapie in Innerer Medizin und Allgemeinpraxis - Ein Handbuch der Medikamentösen, Physikalischen und Diätetischen Behandlungsweisen der Letzten Jahre. Springer Verlag. Abgerufen am 9. Januar 2017.
  16. RKI Merkblatt: Reservoir (Robert-Koch-Institut)
  17. Ch. Kappler, D. Reinhardt, Scharlach – Ansteckung wann und wie?
  18. Robert-Koch-Institut: Epidemiologisches Bulletin Nr. 5 2. Februar 2009 S. 46
  19. Leitfaden zur Meldepflicht, Bundesamt für Gesundheit (BAG) der Schweizerischen Eidgenossenschaft, PDF 409 KB
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