Tourette-Syndrom

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Vergleichende Klassifikation nach
DSM-IV   ICD-10
307.23 Tourette-Syndrom bzw. Tourette-Störung F95.2 Kombinierte vokale und multiple motorische Tics [Tourette-Syndrom]
DSM IV online ICD-10 online
Gilles de la Tourette.

Das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (kurz: Tourette-Syndrom oder GTS) ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch das Auftreten von Tics (von französisch tic „(nervöses) Zucken“) charakterisiert ist. Ätiologisch befindet es sich weiter in Erforschung. Das Tourette-Syndrom wird zu den extrapyramidalen Hyperkinesien gerechnet. In der ICD-10 wird es unter "Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend" klassifiziert, im aktuelleren DSM-5 gehört das Tourette-Syndrom zu den "Störungen der Entwicklung des Nervensystems".[1] Bei den Tics handelt es sich um unwillkürliche, rasche, meistens plötzlich einschießende und mitunter sehr heftige Bewegungen, die immer wieder in gleicher Weise einzeln oder serienartig auftreten können. Verbale, ungewollte Äußerungen zählen mit dazu, wie auch Ausrufe oder Geräusche.

Benannt ist das Syndrom nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette, der die Symptomatik erstmals um 1885 auf wissenschaftlicher Basis beschrieb. Gilles de la Tourettes Arbeit geriet jedoch im Laufe der Zeit wieder in Vergessenheit, sodass in der Folge meist falsche Diagnosen gestellt wurden. Erst in den 1990er Jahren trat die Krankheit in Deutschland wieder verstärkt in das öffentliche Interesse.

Symptome[Bearbeiten]

Hauptsymptome sind motorische und/oder verbale Tics verschiedener Art, die häufig erstmals im Grundschulalter auftreten und sich meist bis ungefähr zum 14. Lebensjahr voll ausprägen. Eine Verstärkung ist oft in der Pubertät festzustellen. Bei einigen Patienten lassen die Tics zwischen dem 16. und 26. Lebensjahr wieder nach, die Mehrheit der Betroffenen muss jedoch lebenslang versuchen, mit den Tics zurechtzukommen.[2]

Einfache motorische Tics können sich als Augenblinzeln, Naserümpfen, Kopfwerfen oder Grimassen manifestieren. Beispiele für einfache vokale Tics sind das Ausstoßen von bedeutungslosen Lauten, Husten oder das Nachahmen von Tiergeräuschen. Die Variabilität der Symptome ist groß, so dass quasi jeder Betroffene ein spezifisches eigenes Symptombild hat, das sich über die Zeit auch verändern kann.[3]

Unter die Kategorie der komplexen Tics fallen im motorischen Bereich das Grimassieren, das Imitieren anderer Leute (Echopraxie) oder auch selbstverletzende Handlungen. Komplexe vokale Tics sind das Wiederholen von Wörtern (Echolalie bzw. Palilalie) oder das als Koprolalie bekannte Herausschleudern obszöner und aggressiver Wörter.

Die Symptome können entweder permanent auftreten, mehrfach am Tag (zumeist in Serien) oder nur in Belastungssituationen. Typisch ist auch die Fähigkeit vieler Betroffener, ihre Tics über bestimmte Zeiträume hinweg zu unterdrücken, was jedoch in der Regel zu starken Spannungsgefühlen und umso heftigeren Symptomen in der Folge führt ("Tic-Entladungen").[4] Als Vergleich hierzu werden manchmal das Niesen oder der Schluckauf herangezogen. Wenn möglich, ziehen sich Menschen mit Tourette-Syndrom meist in einen Schonraum zurück, um ihren Symptomen freien Lauf zu lassen, wenn sie die Tics zuvor über längere Zeit (z. B. in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit) unterdrücken konnten.[5] Anzahl, Häufigkeit, Art und Lokalisation der Tics befinden sich in einem wiederkehrenden Wechsel. Während des Schlafs kommt es bei der Mehrzahl der Betroffenen zu einem Verschwinden der Beschwerden. Verstärkt treten die Tics in emotional belastenden Situationen (Ärger, Anspannung, Stress etc.) auf, aber auch an Tagen nach zu wenig Schlaf.[6]

Die Palette möglicher Tics ist äußerst breit und vielfältig, was die eindeutige Diagnose erschwert. Der Verlauf der Erkrankung ist in der Regel chronisch, die Lebenserwartung nicht eingeschränkt. Betroffene zeigen außerdem eine gewöhnliche Normalverteilung bezüglich ihrer Intelligenz: Personen können also völlig unabhängig von ihrer Intelligenz erkranken.

Komorbidität[Bearbeiten]

Bis zu 90 % der Tourette-Patienten zeigen noch weitere Störungen und Auffälligkeiten (Komorbidität). Begleitende Zwangssymptome sind fast regelhaft in unterschiedlicher Intensität anzutreffen,[7][8] des Weiteren werden häufig begleitende Symptome wie ADS/ADHS, Impulsivität, Asperger-Syndrom, Restless-Legs-Syndrom, Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, Schlafstörungen, Angststörungen, selbstverletzendes Verhalten[9] und Depressivität festgestellt.[10]

Folgen[Bearbeiten]

Psychosoziale Folgen[Bearbeiten]

Die Betroffenen leiden vor allem unter der Reaktion ihrer Umwelt auf ihre Symptome. Gerade weil Menschen mit Tourette-Syndrom teilweise keine oder nur unzureichende Einflussmöglichkeiten auf ihre Tic-Symptomatik haben, werden die mit dem Tourette-Syndrom verbundenen Auffälligkeiten häufig als schlechte Angewohnheiten gedeutet.

Dies führt dazu, dass Eltern von betroffenen Kindern oft Schuldgefühle wegen ihrer vermeintlich verfehlten Erziehung entwickeln. Die Heranwachsenden selbst treffen in Öffentlichkeit und Schule auf viel Unverständnis und Ablehnung, was wiederum zu einer Verstärkung der Auffälligkeiten führen kann. Auch Erwachsene mit Tourette-Syndrom werden vielfach diskriminiert und erfahren oft Einschränkungen in ihrer beruflichen und privaten Entfaltung.

Außenstehende fühlen sich oft durch die unwillkürlichen Tics persönlich provoziert. Dies ist besonders bei Koprolalie und Kopropraxie zu beobachten und kann zu einer Zuspitzung solcher Situationen führen.

Tourette-Patienten sind zwar für gewöhnlich ebenso leistungsfähig wie ihre Altersgenossen und können, sofern keine Komorbiditäten vorliegen, theoretisch am gesellschaftlichen Leben umfänglich teilnehmen. Erschwert wird dies praktisch jedoch durch eine soziale Stigmatisierung durch die Umwelt und ablehnende Reaktionen durch das soziale Umfeld. Problematisch können weiterhin eine Neigung zu selbstverletzendem Verhalten und schwere vokale Tics bei der Berufsausübung in Bereichen mit Publikumsverkehr sein.

Assoziierte kognitive Besonderheiten[Bearbeiten]

Viele Menschen mit Tourette-Syndrom besitzen eine gute Reaktionsfähigkeit. Durch geringere zentralnervöse Hemmungsmechanismen lassen sich Bewegungen leichter auslösen. Die psychomotorische Genauigkeit ist bei vielen Patienten erhöht. Oliver Sacks schreibt von „außerordentlich raschen und genauen Reaktionen“ sowie „überschäumenden, zügellosen motorischen Impulsen“, weswegen viele Betroffene eine Neigung zu Sport[11] und Musik[12] hätten. Sacks thematisiert den Zusammenhang zwischen Tourette und Musik in zwei Kapiteln seiner Bücher. Das Syndrom sei impulsiv und produktiv. Es könne einerseits zu repetitiven Bewegungen führen, andererseits eine „elaborierte, phantasmagorische Form annehmen“. Menschen mit einem phantasmagorischen Tourette-Syndrom könnten, wenn es ihnen gelänge, es nutzbar zu machen, „eine überschäumende und fast unbezähmbare Kreativität an den Tag legen“. Der amerikanische Komponist Tobias Picker, der das Tourette-Syndrom hat, ist während des Komponierens und Musizierens frei von Tics. Er selber glaubte, dass die Tics Eingang in sein kreatives Vorstellungsvermögen gefunden haben. Der englische Pianist Nick van Bloss sieht sein Tourette-Syndrom als Energie, die er beim Musizieren nutzt und kanalisiert. Besonders attraktiv sei nach Sacks der Jazz und die Rockmusik wegen ihrer schweren Beats und der Freiheit zur Improvisation.[13]

Nach Kirsten Müller-Vahl besitzen viele Tourette-Betroffene ein sehr rasches Auffassungsvermögen und eine besondere Schlagfertigkeit. Auch ein gutes mathematisches Verständnis sowie ein ausgeprägtes Langzeit-, Personen- und Zahlengedächtnis seien häufig zu beobachtende Fertigkeiten. Daneben sollen nahezu alle Betroffenen besonders pünktlich sein.[14]

Tourette und Persönlichkeit[Bearbeiten]

Oliver Sacks thematisiert in seinen verschiedenen Publikationen das Verhältnis des Tourette-Syndroms zum Selbst des betroffenen Menschen. Das Syndrom entwickle im Laufe des Lebens eine oft komplizierte Verflechtung mit der Persönlichkeit.[15] Die Beziehung könne so destruktiv sein, dass einige Patienten „angesichts des verwirrenden Chaos und des gewaltigen Drucks der Impulse“ kaum ihre wahre Identität fänden. Anderen Patienten würde es gelingen, das Syndrom in ihre Persönlichkeit zu integrieren und „aus dem rasenden Tempo der Gedanken, Assoziationen und Einfälle, die dieses Syndrom mit sich bringt, einen Nutzen zu ziehen.“[16] Das Syndrom könne zu „ungewöhnlichen und manchmal verblüffenden Leistungen“ führen.[15]

Ursachen[Bearbeiten]

Die pathophysiologischen Ursachen sind noch nicht vollständig bekannt, jedoch gilt eine starke genetische Komponente inzwischen als gesichert.[17] Wissenschaftler haben Hinweise darauf, dass Mutationen in bestimmten Genen (z. B. SLITRK1 auf Chromosom 13q31.1) die normale Ausbildung von Nervenzellen behindern und diese Fehlbildung zum Tourette-Syndrom führen könnte.[18][19] Wenn ein betroffener Elternteil die Erbanlage für das Tourette-Syndrom in sich trägt, wird vermutet, dass sein Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 5 bis 10 % von Tics (nicht zwangsläufig vom Vollbild eines Tourette-Syndroms) betroffen sein kann.[20]

Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei Tourette-Patienten Stoffwechselvorgänge im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten (in den Basalganglien). Insbesondere betrifft dies den Neurotransmitter Dopamin.[21] Dieser dient im Gehirn der Signalübertragung (beispielsweise für Bewegungsabläufe) und ist teilweise übermäßig aktiv.

In den letzten Jahren mehren sich Hinweise darauf, dass das Tourette-Syndrom eine Autoimmunerkrankung sein könnte, da entsprechende Tourette gleichende Symptombilder im Rahmen des PAN-Syndroms auftreten können.[22] Charakteristisch ist dabei, dass Antikörper, die ursprünglich eine Oberflächenstruktur der infizierenden Erreger erkannten, sich als Autoantikörper verhalten, die gegen die Basalganglien gerichtet sind und diese angreifen. Auf die Spur dieses Mechanismus kam man im Rahmen der Erforschung des PANDAS-Syndroms (inzwischen eine Untergruppe von PANS), das sich nach einer Infektion des Hals- und Rachenraums bzw. des Mittelohrs mit β-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A (Scharlach, Otitis media) manifestiert.[23]

In einer breit angelegten, paneuropäischen Studienreihe (EMTICS) soll bis 2017 erforscht werden, welche genaue Rolle die Genetik im Rahmen von Ticstörungen hat und welche weiteren Einflussfaktoren (z.B. Infektionen und autoimmune Faktoren) von Bedeutung sind.[24]

Diagnose[Bearbeiten]

Die Diagnose des Tourette-Syndroms wird rein anhand der beobachteten Symptome und des bisherigen Krankheitsverlaufs gestellt. Es existieren keine neurologischen oder psychologischen Verfahren, die eine Diagnose des Tourette-Syndroms leisten können.

Mit Hilfe von Fragebögen und Schätzskalen zur Beurteilung des Tic-Schweregrads und medizinischen Untersuchungen wie z. B. einem Elektroenzephalogramm wird eine Abgrenzung des Syndroms von anderen Erkrankungen versucht. Beispielsweise unterscheidet sich gemäß ICD-10 die „multiple Ticstörung“ (F95.1) vom „Tourette-Syndrom“ (F95.2) dadurch, dass letzteres neben motorischen auch einen vokalen Tic beinhaltet. Weiterhin muss ausgeschlossen werden können, dass die Auffälligkeiten eine körperliche Reaktion auf eine eingenommene Substanz darstellen oder einem anderen medizinischen Krankheitsfaktor entspringen.

Bedingungen für die Diagnose sind mindestens ein vokaler und mindestens zwei motorische Tics in der Anamnese; diese müssen aber nicht gleichzeitig aufgetreten sein. Beim Tourette-Syndrom treten die Tics mehrmals täglich zumeist anfallartig entweder fast jeden Tag oder über ein Jahr lang wiederkehrend auf. Die Symptome müssen vor dem 21. Lebensjahr erstmals aufgetreten sein, die Stärke der Tics spielt keine Rolle in der Diagnosestellung.

Dem ICD-10 und der aktuellen Version des DSM-IV (siehe[25]) folgend, ist ein zusätzlicher Befund einer stärkeren inneren Anspannung und negativer Folgen in wichtigen Lebensbereichen für die Diagnose des Tourette-Syndroms nicht mehr erforderlich.

Therapie[Bearbeiten]

Da die Erkrankung nicht heilbar ist, geht es bei einer Therapie um eine Verbesserung der Symptome. Dazu kommen primär medizinische Verfahren zum Einsatz. Psychotherapie, Psychoedukation und Sozialarbeit werden ergänzend eingesetzt.[26] In den unter Leitung des deutschen Kinder- und Jugendpsychiaters Veit Rößner erstellten Europäischen Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung des Tourette-Syndroms wurden erstmals klare Kriterien benannt, wann, wie und mit welchen Medikamenten eine Behandlung der Tics in Betracht gezogen werden sollte.[27]

Zur Abklärung individuell abgestimmter Therapiemaßnahmen ist der fachliche Rat von Ärzten, vorzugsweise von Kinder- und Jugendpsychiatern, Psychiatern oder Nervenärzten, einzuholen.

Pharmakologische Therapie[Bearbeiten]

Die beobachtbaren Symptome lassen sich hauptsächlich durch Behandlung mit Psychopharmaka aus der Gruppe der Neuroleptika mindern, jedoch sind die meisten Personen mit Tourette-Syndrom nicht so schwerwiegend beeinträchtigt, dass eine Medikation oder sonstige fachliche Hilfen notwendig werden.

Wenn aufgrund der Schwere der Erkrankung oder begleitender Komorbiditäten (z. B. Zwangssymptome) eine medikamentöse Intervention erforderlich wird, stehen verschiedene Präparate zur Verfügung, deren individuell verschiedene notwendige Dosis durch behutsame Steigerung erst herausgefunden werden muss. In Deutschland wird gewöhnlich Tiaprid eingesetzt, daneben gelten Pimozid und Haloperidol als erfolgversprechend. In den USA kommen zusätzlich die nur wenig getesteten Präparate Fluphenazin und Clonazepam zum Einsatz.

Dagegen können Stimulantien wie Methylphenidat oder Pemolin unter Umständen Tics verstärken. Bei begleitenden Zwangsstörungen können Fluvoxamin, Clomipramin, Paroxetin oder Fluoxetin hilfreich sein.

Einzelne klinische Studien haben bestätigt, dass THC, einer der Hauptwirkstoffe von Cannabis, Tics wirksam reduziert. Dazu gehört beispielsweise eine sechswöchige Studie von Kirsten Müller-Vahl an der Medizinischen Hochschule Hannover.[28]

Psychotherapie und Sozialberatung[Bearbeiten]

Als neuropsychiatrische Erkrankung fällt das Tourette-Syndrom in den Behandlungsbereich von Psychiatrie (Medizin) und Neurologie. "Tiefenpsychologisch-orientierte Psychotherapie ebenso wie Psychoanalyse müssen als ungeeignet in der Therapie von Tics eingestuft werden, da die Ursache von Tics organisch und nicht psychogen ist. Verhaltenstherapeutische Ansätze werden hinsichtlich ihres Effektes kontrovers diskutiert."[29] Psychotherapeutische und psychoedukative Maßnahmen können jedoch zur besseren Bewältigung der Krankheitsfolgen beitragen, wobei psychodynamische Therapien bei Tourette als nicht wirksam gelten, während es für die Verhaltenstherapie bei leichteren Krankheitsverläufen Hinweise auf eine mäßige Wirksamkeit gibt.[30] Auch können pädagogische, sonderpädagogische und heilpädagogische Beratung im Umgang mit den häufig auftretenden Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen hilfreich sein.

Begleitend stehen auch Entspannungsverfahren und verschiedene verhaltenstherapeutische Ansätze zur Verfügung, mit dem Ziel, Stresssituationen, die zu einer Verstärkung der Tics führen, zu reduzieren. Durch Selbstkontrolltrainings können im Einzelfall sozial unangenehme Tics durch einen sozial eher akzeptierten Tic ersetzt werden, wobei die Schwere der Erkrankung an sich unverändert bleibt.

Positive Ergebnisse bei der Sublimierung von Tics sind auch aus der Musiktherapie bekannt. Teilweise lassen sich nervöse Impulse durch das Spielen eines Instrumentes ableiten. Besonders geeignet erscheinen hierzu schnelle Instrumente sowie Instrumente, bei denen der Spieler mit Händen und Füßen aktiv ist, z. B. das Schlagzeug[31] und die Orgel. Auch kommt die Neigung zur Palipraxie dem steten Wiederholen von Phrasen, Takten und Tonleitern beim Üben entgegen. Weiterhin gibt es die Möglichkeit, Kontrollzwänge sinnvoll in den Übungsablauf einzubauen. Vokale Tics können in manchen Fällen dagegen in Stimmbildungsübungen oder bläserische Artikulationsübungen umgewandelt werden.

Chirurgische Behandlung[Bearbeiten]

Tiefe Hirnstimulation wird inzwischen erfolgreich zur Behandlung eingesetzt, in Deutschland an entsprechend spezialisierten Universitätskliniken.[32]

Häufigkeit[Bearbeiten]

Die deutsche Gesellschaft für Neurologie schätzt, dass es in Deutschland 287.000 bis 574.000 Betroffene mit Tourette-Syndrom gibt. Experten vermuten, dass bei vielen Personen mit Tourette-Syndrom die Diagnose bisher noch nicht gestellt wurde. Männer sind dabei etwa dreimal so häufig betroffen wie Frauen.

Hilfsorganisationen[Bearbeiten]

Nach US-amerikanischem Vorbild bildeten sich auch in anderen Ländern Hilfsorganisationen, die sich allgemein zur Aufgabe machen, durch Information und Aufklärung zu vermehrter Toleranz zu führen, aber auch die Ausbildung von Fachpersonal zu verbessern, sodass sowohl medizinische Früherkennung als auch pädagogischer Umgang mit den Symptomen forciert werden. Zudem wird die Hilfe zur Selbsthilfe propagiert, und Selbsthilfegruppen bieten die Möglichkeit des Austausches unter Betroffenen.

In Deutschland wurde 1993 der „Tourette-Gesellschaft Deutschland e. V.“ (TGD) gegründet, 2007 folgte der „InteressenVerband Tic & Tourette Syndrom e. V.“ (IVTS). Im Juli 2010 folgte der „ALLGEMEINHILFE TIC & ADHS e. V.“ (AH-TA), der sich auf die reine Einzelfallhilfe vor Ort spezialisiert hat.

In der Schweiz wurde 1996 die Tourette Gesellschaft Schweiz (TGS) gegründet.

Tourette-Syndrom in Film und Literatur[Bearbeiten]

Im Kriminalroman "Wilsberg und der tote Professor" von Jürgen Kehrer bezeichnet sich eine der handelnden Personen als "Touretter". Er wird ausführlich mit seinen sprachlichen Ticks beschrieben. Auch im Roman „Coma“ von John Niven wird ein Protagonist nach einem Unfall zum „Touretter“.

In dem Film Vincent will Meer spielt Florian David Fitz einen am Tourette-Syndrom leidenden jungen Mann. Ein weiterer Film, der dieses Syndrom thematisiert, ist die Komödie Ein Tick anders mit Jasna Fritzi Bauer.

In der Serie South Park behauptet Eric in der Folge "Ein bisschen Tourette" am Tourette-Syndrom erkrankt zu sein, um ungestraft alle Leute in seiner Umgebung beleidigen zu können. Ebenfalls am Tourette-Syndrom leidet die Figur Marty Fisher in der Serie Shameless, mit einer sehr ausgeprägten Koprolalie.[33]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kirsten R. Müller-Vahl: Tourette-Syndrom und andere Tic-Erkrankungen im Kindes- und Erwachsenenalter. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin, 2010. ISBN 978-3-941468-15-3.
  • Uttom Chowdhury, Isobel Heyman: Tics and Tourette Syndrome: A Handbook for Parents and Professionals. Jessica Kingsley Publishers, New York 2004, ISBN 1-84310-203-X.
  • James F. Leckman, Donald J. Cohen: Tourette's Syndrome Tics, Obsessions, Compulsions: Developmental Psychopathology and Clinical Care. John Wiley & Sons, New York 2002, ISBN 0-471-11375-1.
  • Barbara Moe: Coping with Tourettes and Tics. Rosen Publishing Group, New York 2004, ISBN 0-8239-4089-6.
  • Manfred Döpfner, Veit Roessner, Katrin Woitecki, Aribert Rothenberger: Tic-Störungen: Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie. Hogrefe, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8017-1728-5.
  • Manfred Döpfner, Veit Roessner, Katrin Woitecki, Aribert Rothenberger: Tic-Störungen: Ratgeber Kinder- und Jugendpsychotherapie. Hogrefe, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8017-1729-2.
  • Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn. Goldmann, München 2004, ISBN 3-442-54187-5.

Zeitschriften

  • Astrid Viciano: Der mit den Tics. In: DIE ZEIT. Nr.7 vom 9. Februar 2006. (über Christian Hempel, Tourette-Patient, 32 J., EDV-Beruf)

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Tourettesyndrom – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. American Psychiatric Association: Highlights of changes from DSM-IV to DSM-5. [1] Abgerufen am 7. November 2013
  2. Singer HS. "Tourette syndrome and other tic disorders". Handb Clin Neurol. 2011;100:641ff.
  3. Robertson MM. "Gilles de la Tourette syndrome: the complexities of phenotype and treatment". Br J Hosp Med (Lond). 2011 Feb;72(2):100–7.
  4. Dure LS 4th, DeWolfe J. "Treatment of tics". Adv Neurol. 2006;99:191ff.
  5. Bagheri MM, Kerbeshian J, Burd L. "Recognition and management of Tourette's syndrome and tic disorders". American Family Physician. 1999
  6. Peterson BS, Cohen DJ. "The treatment of Tourette's Syndrome: multimodal, developmental intervention". J Clin Psychiatry. 1998
  7. Pauls DL, Towbin KE, Leckman JF, et al. "Gilles de la Tourette's syndrome and obsessive–compulsive disorder. Evidence supporting a genetic relationship". Arch Gen Psychiatry. 1986 Dec;43(12), S. 1180ff.
  8. Miguel EC, do Rosario-Campos MC, Shavitt RG, et al. "The tic-related obsessive–compulsive disorder phenotype and treatment implications". Adv Neurol. 2001;85:43–55.
  9. Robertson MM. "Tourette syndrome, associated conditions and the complexities of treatment". Brain. 2000;123 Pt 3:425–62.
  10. Jankovic J, Mejia NI. "Tics associated with other disorders". Adv Neurol. 2006;99:61–68.
  11. Oliver Sacks: Das Leben eines Chirurgen. In: Eine Anthropologin auf dem Mars S. 144.
  12. Oliver Sacks: WittyTiccy Ray. In: Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte.
  13. Oliver Sacks: Der einarmige Pianist - Kapitel: Musik und Tourette-Syndrom.
  14. Kirsten Müller-Vahl: Gilles de La Tourette-Syndrome http://www.handicap-network.de, eingesehen am 14. Januar 2010
  15. a b Oliver Sacks: Das Leben eines Chirurgen in Eine Anthropologin auf dem Mars S. 119.
  16. Oliver Sacks: Witty Ticcy Ray in Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte S. 131.
  17. Gunter, J. et al.: Catecholamine-related gene expression in blood correlates with tic severity in tourette syndrome. Psychiatry Res. 2012 Dec 30;200(2-3):593-601
  18. Davis LK, Yu D, Keenan CL, et al.: Partitioning the heritability of tourette syndrome and obsessive compulsive disorder reveals differences in genetic architecture. PLoS Genet. 2013 Oct;9(10):e1003864. doi: 10.1371/journal.pgen.1003864. Epub 2013 Oct 24.
  19. Melchior L, Bertelsen B, Debes NM, et al.: Microduplication of 15q13.3 and Xq21.31 in a family with tourette syndrome and comorbidities. Am J Med Genet B Neuropsychiatr Genet. 2013 Jul 27. doi: 10.1002/ajmg.b.32186.
  20. Ozomaro U, Cai G, Kajiwara Y, et al.: Characterization of SLITRK1 variation in obsessive-compulsive disorder. PLoS One. 2013 Aug 21;8(8):e70376. doi: 10.1371/journal.pone.0070376.
  21. Buse J, Schoenefeld K, Münchau A, Roessner V: Neuromodulation in Tourette Syndrome: Dopamine and beyond. Neuroscience & Biobehavioral Reviews
  22. PDF bei pandasnetwork.org
  23. [2]
  24. Webseite der EMTICS Studie: http://www.emtics.eu/
  25. 3-8017-1660-0_lese.pdf
  26. Tourette-Syndrom: Immunerkrankung, Entzündung oder Neuroakanthozytose? (Abgerufen am 25. Juni 2011) (PDF; 893 kB)
  27. Roessner V, Plessen K J, Rothenberger A, Ludolph A, Rizzo R, Skov L, Strand G, Stern J, Termine C, Hoekstra P J, the ESSTS Guidelines Group: European clinical guidelines for Tourette syndrome and other tic disorders. Part II: pharmacological treatment. Eur Child Adolesc Psychiatry, 20(4): 173-96, 2011.
  28. K. R. Müller-Vahl, U. Schneider u. a.: Treatment of Tourette's syndrome with Delta 9-tetrahydrocannabinol (THC): a randomized crossover trial. (PDF; 79 kB) In: Pharmacopsychiatry. Band 35, Nummer 2, März 2002, S. 57–61, ISSN 0176-3679. doi:10.1055/s-2002-25028. PMID 11951146.
  29. PD Dr. med. Kirsten R. Müller-Vahl: Behandlung des Tourette-Syndroms. Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie Medizinische Hochschule Hannover. 2005. S.16ff.
  30. Kirsten Müller-Vahl: Tourette-Syndrom und andere Tic-Erkrankungen: im Kindes- und Erwachsenenalter. Berlin 2010. Seite 131ff.
  31. Oliver Sacks: Der einarmige Pianist S. 283.
  32. Tiefenhirnstimulation bei Tourette-Syndrom langfristig wirksam
  33. imdb.com: Marty Fisher. Abgerufen am 18. März 2014.
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