Schlacht von Baghuz

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Schlacht um al-Baghuz-Faqwani
Datum 9. Februar 2019 bis 23. März 2019
Ort SyrienSyrien al-Baghuz Fawqani Welt-IconKoordinaten: 34° 26′ 50″ N, 40° 57′ 50″ O
Ausgang Sieg der Koalition
Folgen Ende des IS-Kalifats
Konfliktparteien

Flag of Syrian Democratic Forces.svg Demokratische Kräfte Syriens
Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten
FrankreichFrankreich Frankreich

Flag of the Islamic State of Iraq and the Levant2.svg Islamischer Staat

Befehlshaber

Mazlum Kobanê (Oberkommandierender der SDF), Jiya Furat (Befehlshaber in der Schlacht)

Abu Bakr al-Baghdadi (Oberster Führer des IS), Abu Khaled Al-Ansari (Oberbefehlshaber von ISIL)


Die Schlacht von Baghuz, oder Schlacht um al-Baghuz-Faqwani, war die Entscheidungsschlacht im Kampf gegen den Islamischen Staat im Irak und der Levante (ISIL). Diese hatten im Juni 2014 ein Kalifat ausgerufen, das als staatenähnliches Gebilde Territorien in Irak und Syrien beanspruchte. Nach zahlreichen Gebietsgewinnen gingen dann deren gegnerische Streitkräfte ab 2016 in die Offensive, unterstützt von Luftangriffen durch internationale Partner im Rahmen der Operation Inherent Resolve. Bis Januar 2019 war ISIL dann vollständig niedergerungen, bis auf einen kleinen Flecken im Tal des mittleren Euphrat-Flusses. In der Nähe der Ortschaft al-Baghuz Faqwani entwickelte sich dann ein Kampf, geführt von den Demokratischen Kräften Syriens (SDF), der sich zum Schutz der eingeschlossenen Zivilisten effektiv zu einer längeren Belagerung entwickelte, die erst am 23. März 2019 beendet werden konnte.

Ausgangslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersichtskarte des Gefechtsgebietes

Durch die Wirrungen der Besetzung des Irak 2003–2011 nach dem Dritten Golfkrieg konnten islamistische Gruppierungen fähige Militärs und Geheimdienstler des ehemaligen irakischen Staates anwerben. Im Zuge des Bürgerkrieges in Syrien seit 2011 konnten sich diese auf syrisches Territorium ausbreiten. Der syrische Zentralstaat war dabei zu schwach, um die Gebiete im Norden und Osten des Landes kontrollieren zu können. Zum Hauptgegner von ISIL entwickelten sich dort vor allem die kurdischen Kämpfer der Volksverteidigungseinheiten YPG/YPJ. Die internationalen Partner gegen den IS versorgten diese mit Waffen und einer militärischen Ausbildung, was deren Schlagkraft mit der Zeit drastisch erhöhte.

Eingebettet in die Koalition mit anderen syrischen Rebellengruppen, standen sich Anfang 2019 dann etwa 15.000 Kämpfer der kurdisch-geführten SDF gegen etwa 5000 verbliebene Kämpfer der ISIL am nördlichen Ufer des Euphrat zum letzten Gefecht gegenüber. In der Grenzregion zwischen Irak und Syrien liegen die Streusiedlungen der Ortschaft al-Baghuz Faqwani dabei auf syrischem Territorium. Der Fluss windet sich dabei um die Ortschaft herum und liegt so auch nordwestlich an, wo die letzte Brücke Baghuz-Bukhamal noch stand. Streitkräfte sorgten am südlichen Ufer dafür, dass die ISIL Kämpfer nicht über den Fluss versorgt werden konnten. Unter den ISIL-Kämpfern wurden hauptsächlich ausländische Islamisten vermutet, die nicht in den regionalen Stämmen untertauchen konnten und bis zum Tode kämpfen würden.

Bis zum 1. Februar waren die ISIL Kämpfer auf einen Bereich von etwa vier Quadratkilometern zurückgedrängt worden. Da zehntausende Zivilisten aus dem eingeschlossenen Gebiet strömten, wurden die Angriffe für etwa zehn Tage unterbrochen. Als offizieller Beginn der Schlacht von Baghuz gilt daher der 9. Februar 2019. An diesem Tag erfolgte ein Besuch der französischen Verteidigungsministerin Florence Parly in der französisch-amerikanischen Feuerunterstützungsbasis Saham, in der sie die volle Unterstützung der Bodentruppen der SDF ausrief.[1]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der SDF Kommandeur zeigt das Kampfgebiet zu Beginn der Schlacht am 11. Februar

Zu Beginn der Schlacht vermuteten die vereinigten Streitkräfte nur noch etwa 400 bis 1000 Kämpfer im eingeschlossenen Gebiet und dass ein Großteil der Zivilisten bereits geflohen ist.[2] Die Schlacht begann mit heftiger Bombardierung durch Artillerie und US-Bomber am Nachmittag des 9. Februar.[3] Die Kämpfe zogen sich in die folgende Nacht, wobei sowohl Kämpfe an der Brücke als auch ein Gegenangriff der ISIL um vier Uhr morgens abgewehrt werden konnten. Über den freigehaltenen Fluchtkorridor wurden etwa 200 Zivilisten empfangen.

Die SDF Kämpfer machten trotz schlechten Wetters anfangs große Fortschritte, trafen jedoch zunehmend auf ein Netzwerk von Tunneln und verminten Bereichen, die aufwändig gesäubert werden mussten. Der tägliche Geländegewinn sank daher bis zum 14. Februar wieder ab. Am 16. Februar meldete der SDF Kommandeur Jiya Furat, dass ISIL nur noch ein Gebiet von 700 Metern verblieb.[4] Am 19. Februar gab es ein letztes Ultimatum an die eingeschlossenen Kämpfer sich zu ergeben.[5] Dutzende von Lastern mit Frauen und Kindern nutzten die Feuerpause, um aus der Enklave zu fliehen. In der Nacht zum 20. Februar erfolgten noch zwei Luftangriffe in das Gebiet hinein.[6]

Lager mit geflüchteten Familien von IS-Kämpfern

Am 20. Februar gab es verschiedene Schätzungen, wonach laut SDF etwa 120 bis 300 Kämpfer erwartet wurden, und mindestens 100 verbliebene Zivilisten.[7] Die UN vermutete etwa 200 Familien, die noch eingeschlossen sind. Mit den letzten Angriffen vermutete die SDF, dass die restlichen Zivilisten bis zum 21. Februar das Gebiet verlassen würden. Beim weiteren Vorrücken zeigten sich die Kräfte dann überrascht über die enormen Mengen an Zivilisten, auf die sie trafen. Das UNOCHA in Syrien gab am 26. Februar an, dass in den vergangenen Tagen über 9000 Menschen geflohen sind, zu 99 % Frauen und Kinder.[8] Bis zum 1. März stieg die geschätzte Zahl der Geflüchteten im vergangenen Monat auf etwa 15.000 Menschen an. Darunter waren auch die Frauen und Kinder der ISIL-Kämpfer, die sich teils in den Screening-Centern (Aufnahmelagern) zu erkennen gaben.

Am Abend des 1. März 2019 wurden die Angriffe der SDF wieder aufgenommen.[9] Deren Angaben zufolge erstreckte sich das verbleibende Gebiet nur noch auf ein paar Zeltstädte, die über Tunnel untereinander verbunden waren. In den Tunneln und Höhlen versteckten sich die letzten ISIL Kämpfer, bereit zu heftigem Widerstand. Laut Angaben der Geflüchteten sollten sich jetzt keine Zivilisten mehr in dem Bereich befinden. Die vorherigen Luftangriffe in das Gebiet hinein wurden eingestellt, und die SDF kam durch verminte Bereiche und unter dem Feuer von ISIL-Scharfschützen langsam voran, unterstützt von Kampfhubschraubern, die über dem Gebiet das Vorrücken absicherten.

Voice of America Bericht der nächtlichen Angriffe am 12. März 2019

Am 4. März berichtete die SDF, dass sie immer noch auf Zivilisten trafen[10], die offensichtlich als menschliche Schutzschilde eingesetzt wurden. Sie richteten einen Fluchtkorridor ein, über den an diesem Tag etwa 500 Menschen das Gebiet verließen. Darunter wurden auch etwa 150 ISIL-Kämpfer vermutet. Am 5. März flohen etwa 3000 Menschen aus dem Gebiet. Am 6. März ergaben sich 400 ISIL Kämpfer. Diese Art der Kämpfe ging weiter bis zum 10. März 2019.

Am Abend des 10. März wurden Luftangriffe auf vermutete Waffenlager geflogen.[11] Die ISIL-Kämpfer antworteten und schickten dabei auch Selbstmordattentäter in die gegnerische Front. Die SDF meldete für den 11. März eine Reihe von Verlusten. ISIL veröffentliche an diesem Tag einen letzten Propagandafilm. Schon am folgenden Tag ergaben sich jedoch hunderte Kämpfer, teils mit ihren Familien. Am 13. März wurde gemeldet, dass sich in den vergangenen beiden Tagen über 3000 Menschen ergeben hatten.[12]

Unter den Hängen des Jabal Baghuz wurde tiefe Tunnel gegraben, deren Zugänge in der Schlacht eingeebnet wurden (Bild von 2014)

Am 17. März meldete die SDF, dass seit Beginn der Schlacht 34.000 Zivilisten das Gebiet verlassen hatten. Darunter seien etwa 5000 Kämpfer gewesen, weitere 1306 ISIL-Kämpfer wurden getötet und 520 im Gefecht gefangen genommen. Ihre eigenen Verluste bezifferten sie mit 11 Toten und 61 Verletzten.[13] Am 18. und 19. März trafen die vorrückenden Truppen vor allem auf Verletzte, vermuteten nun jedoch in einem irrwitzigen Netz von Tunneln und Höhlen noch bis zu 5000 verbleibende ISIL-Kämpfer.

Das verbleibende Gebiet unter den Hängen des Baghuz-Kliffs (Jabal Baghuz) wurde nun mit massiven Luftschlägen eingedeckt. Beim Vorrücken am 23. März traf die SDF dann im Wesentlichen nur noch Tote und Verwundete an. Während noch Schüsse zu hören waren, hisste man im oberirdischen Zeltlager die Flagge und erklärte den Sieg.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen der Schlacht wurden tausende IS-Kämpfer aus fremden Staaten festgesetzt. In einigen europäischen Staaten entbrannte ein Streit darüber, ob man diese Staatsbürger zurückführen und in ihrem Land vor Gericht stellen sollte, oder ob man dies den siegreichen Streitkräften und Ländern überlassen sollte.

Mit dem Ende der Kämpfe wird eine Unterstützung zur Reintegration der Truppen notwendig. Die USA rechnen mit 200 bis 300 Millionen Dollar für 2020, die großteils für paramilitärische Kräfte der Polizei aufgewendet werden. Dies erscheint auch nötig, da vermutlich viele IS-Kämpfer fliehen konnten und in der Region weiter Anschläge verüben könnten.

Durch die Kämpfe wurden hunderttausende Menschen vertrieben. Durch die Schlacht von Baghuz ist das Flüchtlingslager Al-Haul mit 70.000 Bewohnern Ende März um ein mehrfaches überbelegt. Rund 9.000 Ausländer wurden dabei in einem abgesperrten Bereich interniert.[14]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Schlacht von Baghuz – Sammlung von Bildern

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 'Intense' clashes as SDF make last push against ISIS. Abgerufen am 16. Februar 2019.
  2. US-backed Fighters Launch Final Push to Defeat IS in Syria. Abgerufen am 16. Februar 2019.
  3. In Syria, U.S.-backed forces launch battle for last Islamic State foothold.
  4. Cornered Islamic State group fighters 'refuse to surrender to SDF, seek exit to Idlib'. 
  5. Daesh terrorists in Syria face two choices: Surrender or death. 19. Februar 2019. 
  6. Air strikes hit Islamic State pocket as Syrian fighters press attack. In: Reuters, 19. Februar 2019. 
  7. The last group of ISIS militants are mainly holed up at Hawi al-Dandal, they are ~120 elements, using ~100 civilian as a human shields, and they are led by an Iraqi terrorist. the SDF have evacuated by trucks on yesterday a group of civilians and ISIS surrendering elements/families..
  8. Thousands Evacuate Last Islamic State Hold-Out in Syria. In: Voice of America, 26. Februar 2019. 
  9. The Latest: US-backed Syrian forces to resume assault on IS. In: Washington Post, 1. März 2019. 
  10. ISIS tactics slow SDF offensive on final enclave in Syria’s Baghouz.
  11. SDF launches assault on last ISIS enclave in eastern Syria. The Guardian. 10. März 2019. Abgerufen am 15. März 2019.
  12. US-backed SDF says fight against ISIL enters 'final moments'.
  13. SDF: Estimated 5,000 ISIS fighters and their families remain in Baghouz. In: Rudaw, 17. März 2019. 
  14. http://www.rudaw.net/english/middleeast/syria/300320191