Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage

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Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ist eine europäische Jugendinitiative. Nationale Koordinierungsstellen gibt es in Belgien (seit 1988), wo das Projekt entstand, den Niederlanden (seit 1992), Deutschland (seit 1995), Österreich (seit 1999) und Spanien (seit 2002).

Schulen, die ausgezeichnet werden möchten, einigen sich in einer Selbstverpflichtung mehrheitlich darauf, aktiv gegen Rassismus vorzugehen. Über diese Grundidee hinaus wird das Projekt in den einzelnen Ländern unterschiedlich umgesetzt, wobei die nationalen Besonderheiten der Schullandschaft berücksichtigt werden.

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schüler einer Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage beim Gedenkmarsch am 27. Januar 2016 zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

Das Programm wurde in Deutschland 1995 von Aktion Courage e. V. initiiert. Angesichts der zunehmenden rassistisch und rechtsextremistisch motivierten Gewalt in Deutschland sollte es in Deutschland eine Organisation geben, in der Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben, ihren Beitrag zum Aufbau einer Zivilgesellschaft zu leisten.

Am 21. Juni 1995 gab es in Deutschland die erste Auszeichnung. Pate ist der Fernsehjournalist Friedrich Küppersbusch. In den Jahren 1995 bis 2000 war die Initiative im Wesentlichen auf Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen begrenzt.

2000 übernahm die Pädagogin Sanem Kleff die Projektleitung und konzipierte das Projekt inhaltlich und organisatorisch neu. Sie verlegte das Büro von Bonn nach Berlin. Geschäftsführer wurde 2002 Eberhard Seidel. Seitdem sind nicht nur der Rassismus im klassischen Sinne, sondern alle Formen von Diskriminierung (aufgrund der Religion, der sozialen Herkunft, des Geschlechts, körperlicher Merkmale, der politischen Weltanschauung und der sexuellen Orientierung) in den Projektansatz mit einbezogen. Die Initiative orientiert sich dabei an Artikel 21 der 2000 verabschiedeten und am 1. Dezember 2009 in Deutschland in Kraft getretenen Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Dort heißt es: „Diskriminierungen, insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse [sic!], der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder sonstigen Anschauung, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung, sind verboten.“

Die Initiative bietet Kindern und Jugendlichen einen Rahmen, in dem sie erste Schritte hin zur gesellschaftspolitischen Partizipation einüben und aktiv an der inhaltlichen Ausgestaltung der Menschenrechtserziehung teilnehmen können. In seiner Begründung zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille schrieb der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Jahr 2001: „Das Projekt setzt sich nachhaltig dafür ein, Unterricht und Zusammenleben so zu gestalten, dass Gewalt und Angst keine Chancen haben, die Mauer von Vorurteilen durchbrochen wird, ethnische und religiöse Minderheiten in ihren Eigenarten respektiert und integriert werden.“ Und das Bündnis für Demokratie und Toleranz der Bundesregierung begründete die Auszeichnung der Initiative als „Botschafter der Toleranz“ im Jahr 2004: „Die Schüler beziehen Position zu täglicher Diskriminierung in ihrem Lebensumfeld und engagieren sich zusammen mit Partnern, etwa aus der Jugendarbeit oder dem kirchlichen Bereich.“

Organisation und Zielsetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2017 gehörten deutschlandweit knapp 2400 Schulen, die von über 1,5 Million Schülern besucht werden, dem Netzwerk an. Es ist damit das größte Schulnetzwerk in Deutschland. Neben der Bundeskoordination in Berlin, die die nationale Koordinierung des Netzwerkes, die Titelverleihungen, verschiedene Publikationsreihen und inhaltliche Weiterentwicklung verantwortet, gibt es in 16 Bundesländern 15 Landeskoordinationen. Die Landeskoordinationen werden von der Bundeskoordination ernannt. Zudem gibt es seit 2014 in einigen Bundesländern auch Regionalkoordinationen, die auf regionaler Ebene aktiv sind und ebenso von der Bundeskoordination ernannt werden.

Die Bundeskoordination und die Landeskoordinationen unterstützen die Kinder und Jugendlichen bei ihren selbstbestimmten Aktivitäten im Bereich der Menschenrechtserziehung. Die Initiative richtet sich an alle Schulmitglieder. Das heißt, die Pädagogen und die Schüler bestimmen gemeinsam, was die Inhalte ihrer Aktivitäten im Rahmen von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage sein sollen.

Die Bundeskoordination bringt im Abstand von ein oder zwei Jahren die von Schülern für Schüler gestaltete Zeitung Q-Rage! mit einer Auflage von 500.000 Exemplaren heraus.[1][2] Seit Mai 2017 ist die Q-Rage! auch online verfügbar. Auf der Plattform berichten Schüler aus Courage-Schulen aus ihrer Perspektive über aktuelle Themen aus Gesellschaft und Politik.[3]

Kooperationspartner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt bundesweit vielfältige Kooperationspartner, Förderer und über 2500 Paten. Unter den Kooperationspartnern sind so unterschiedliche Organisationen wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, das Jüdische Museum Berlin, das Anne Frank Zentrum, die Medienanstalt Berlin-Brandenburg und staatliche Einrichtungen wie die Bundeszentrale für politische Bildung, aber auch viele kleinere Projekte und Initiativen. 2011 stiegen auch die Schulen von Campus Berufsbildung e. V.[4] ein. Zum Start des Projekts gab es im September 2011 einen Veranstaltungstag zum Thema Diskriminierung und Toleranz.

Paten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine wichtige Rolle bei spielen die Paten. Mehr als 2500 Persönlichkeiten unterstützen eine oder mehrere Schulen, darunter Fußballspieler, Künstler, Musiker, Schauspieler und Politiker.

Aufnahmebedingungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um den Titel zu bekommen, müssen Schulen drei Voraussetzungen erfüllen: Mindestens 70 Prozent aller Menschen, die in einer Schule lernen und arbeiten, müssen eine Selbstverpflichtungserklärung unterschreiben, dass sie sich künftig gegen jede Form von Diskriminierung wenden. Sollte es zu Diskriminierungen kommen, verpflichten sich die Unterzeichner zu aktivem Einschreiten. Schließlich muss eine Courage-Schule mindestens einmal im Jahr einen Projekttag zum Thema durchführen. Außerdem muss die Schule, bevor sie den Titel verliehen bekommt, einen Paten finden, der ihre Schule unterstützt.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Q-Rage-Ausgabe vom 28. November 2008 wurde ein Artikel zweier jugendlicher Journalisten mit dem Titel Die evangelikalen Missionare veröffentlicht,[5] in dem es unter anderem hieß, in evangelikalen Gemeinden würden „erzkonservative, zum Teil verfassungsfeindliche Ideologien fast nebenbei vermittelt“.[6][7] Hartmut Steeb, der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, kritisierte die seiner Meinung nach verleumderische Darstellung. Der Artikel sei voller falscher Behauptungen und verdrehe die Tatsachen.[8] Daraufhin erklärte Thomas Krüger als Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, diese halte „diesen Beitrag in seiner Einseitigkeit und Undifferenziertheit für gänzlich unakzeptabel“. Man habe „auf die ausgewogene Berichterstattung früherer Ausgaben vertraut“.[6][7][8] Diese Distanzierung wiederum rief erneute Kritik hervor. So verteidigte Spiegel Online die jugendlichen Autoren der Zeitung, die unter anderem von Spiegel-Online-Autoren unterstützt worden seien: Der Artikel sei eine Stellungnahme, aber keine Hetzschrift; der Furor sei „vollkommen übertrieben“.[6]

2013 warf der Publizist Alan Posener dem Netzwerk vor, im Schulungsheft Rassismus erkennen und bekämpfen den „virulenten Antisemitismus arabischer und türkischer Zuwanderer“ zu verschweigen.[9] Die Initiative wies darauf hin, dass sie sich in Publikationen und Fortbildungsseminaren seit 2004 mit dem Antisemitismus unter arabischen und türkischen Zuwanderern und dem Islamismus als totalitäre politische Ideologie befasse.[10]

Wie der Journalist Andreas Speit am 15. Juli 2015 in der TAZ berichtete,[11] bewarb Schule ohne Rassismus mehrfach das dicke, in Katalogform mit vielen Bildern erschienene und von vielen Experten kritisierte Buch Frei.Wild: Südtirols konservative Antifaschisten über die umstrittene Band Frei.Wild von Klaus Farin,[12] Beisitzer im Vorstand des Trägervereins von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, Aktion Courage e. V., sowie Freund und Co-Autor des Geschäftsführers von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, Eberhard Seidel.

2017 wurde der Fall eines Berliner Schülers bekannt, der sich genötigt sah, die Gemeinschaftsschule in Berlin-Friedenau zu verlassen, nachdem muslimische Mitschüler ihn wegen seiner jüdischen Religionszugehörigkeit über vier Monate hin mehrfach beleidigt und schließlich angegriffen hatten. Die Schule war seit 2016 Teil des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Die Eltern des Schülers kritisierten, der Schulleiter habe zu spät reagiert und Anfragen der Familie nicht beantwortet, was dieser zurückwies.[13][14][15] Michael Hanfeld nannte die Einlassungen des Schulleiters in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein „Dokument der Kapitulation“. Muslimischer Antisemitismus würde gern verschwiegen, da sogleich der Reflex einsetze, es würden antimuslimische Klischees bedient.[16]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet:

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bundeskoordination des Netzwerks vertreibt Publikationen und „Promo-Artikeln“. Dazu zählen unter anderem:[17]

Von 2007 bis 2012 hat die Bundeskoordination das Internetradio Radio Q-rage produziert. Zudem gibt sie jährlich seit 2005 die Zeitung Q-rage! heraus, die von Jungjournalisten mit redaktioneller Unterstützung professioneller Journalisten erstellt wird. Sie erscheint in einer Auflage von 500.000 Exemplaren und ist seit Mai 2017 auch online verfügbar.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage: Q-rage – Die Zeitung abgerufen am 21. November 2017.
  2. Q-Rage 2016 10. Ausgabe 2016/2017, abgerufen am 21. November 2017. (PDF; 2,6 MB)
  3. a b Q-rage! – Hier schreiben Schüler*innen des Courage-Netzwerks. Abgerufen am 24. Mai 2017.
  4. Wir sind eine „Schule ohne Rassismus / Schule mit Courage“ In: campus-berlin.de, 15. Dezember 2011, abgerufen am 21. November 2017.
  5. Q-rage (PDF; 4,85 MB) S. 11. 28. November 2008. Abgerufen am 3. Juli 2011.
  6. a b c spiegel.de: Evangelikale führen Kreuzzug gegen Schüler-Autoren. 20. Dezember 2008.
  7. a b Bundeszentrale knickt ein. auf taz.de vom 19. Dezember 2008
  8. a b Kontroverse zwischen Evangelikalen und Bundesbehörde. Evangelische Nachrichtenagentur idea. 15. Dezember 2008. Abgerufen am 6. Mai 2013.
  9. Alan Posener: Rassistischer Antirassismus für den Unterricht. In: welt.de, 31. Juli 2013, abgerufen am 2. August 2013.
  10. Stellungnahme auf Schule-ohne-rassismus.org, zuletzt abgerufen am 23. Juli 2015.
  11. Streit um Buch über Frei.Wild Rechts? Nicht rechts? Rechts? Der Autor Klaus Farin hat ein Buch über die umstrittene Band geschrieben. Schule ohne Rassismus hat es promotet. Darum gibt es jetzt Streit. Andreas Speit, TAZ 15. Juli 2015.
  12. Freispruch für Frei.Wild Störungsmelder 24. Juni 2015.
  13. Verena Mayer: Antisemitismus: Jüdischer Junge verlässt Schule, Süddeutsche Zeitung, 2. April 2017.
  14. Jüdischer Junge verlässt Schule nach Antisemitismus-Vorfällen, WeltN24, 1. April 2017.
  15. Armin Langer: Eine Plakette „Schule ohne Rassismus“ reicht nicht aus, Zeit Online, 14. April 2017.
  16. Michael Hanfeld: Sie schlugen ihn und zielten auf seinen Kopf, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Oktober 2017.
  17. Liste der Publikationen bei Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.