Schutzraum

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Dieser Artikel behandelt den physischen Schutzraum. Für die soziologische siehe Theorie Schutzraum (Soziologie).
Ein ziviler Verteidigungsbunker
Ein US-amerikanischer Schutzraum vor radioaktivem Niederschlag während des Kalten Krieges, 1957
Luftschutzhinweis am Haupteingang der Universität Berlin

Ein Schutzraum ist ein gegen Einflüsse aus der Umgebung abschließbarer Sicherheitsbereich, der – im engeren Sinn – dem Schutz der Zivilbevölkerung dient und im weiteren Sinn auch in Einrichtungen existiert, in denen für Mitarbeiter gefährliche Prozesse ablaufen.

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Schutzräumen zählen zum einen Anlagen des Zivilschutzes wie Bunker, Luftschutzbunker und Luftschutzkeller. Schutzräume des Grundschutzes schützen vor

  • Thermischer Strahlung
  • Brandeinwirkungen – Hitze und Rauch
  • Trümmerbelastung und Splitterwirkung
  • Chemischen und biologischen Verunreinigungen der Außenluft
  • Rückstandsstrahlung
  • Luftstoß- und Luftsogwellen

Je nach technischer Ausstattung sind Schutzräume für eine kurzfristige Unterbringung von etwa zehn Stunden oder bis zu vierzehn Tagen (Anlagen des Grundschutzes) und länger ausgelegt.

Schutzräume zur Lagerung von Kulturgut werden auch als Bergungsort oder -raum bezeichnet.

Mit Schutzräumen ausgestattet sind häufig auch Anlagen, in denen Versuche durchgeführt werden, die den Beteiligten oder der Umwelt gefährlich sein können, etwa bei Raketenprüfständen, in Umgebungen mit radioaktiver Strahlung, chemisch oder biologisch gefährlichen Umgebungen.

Anwendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt zivile Schutzräume und solche, welche für bestimmte Umgebungen wie zum Beispiel den Bergbau oder die Industrie (z.B. Chemie, Ölindustrie Gas) zum Einsatz kommen. Die Öl und Gasindustrie spricht in dem Zusammenhang von Temporary Refuge (TR).

Bergbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Bergbau kommen entweder Fluchtkammern oder Schutzräume zum Einsatz, wobei von Schutzräumen die Rede ist, wenn der eigentliche Raum z.B. durch Ausbrechen schon vorhanden ist und nur durch Atemluftversorgungssysteme ausgerüstet wird. Fluchtkammern sind meist fertig ausgerüstete Container, welche auch bei Bedarf noch bewegt werden können. Ein Unterscheidungskriterium ist auch die Größe. Fluchtkammern fassen meist bis 20 Personen, Räume oft über 100. Die Aufenthaltsdauer liegt üblicherweise zwischen vier und 36 Stunden.

Tunnelbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Tunnelbaustellen kommen aufgrund der begrenzten Zahl an Personen meist mobile Fluchtkammern zum Einsatz.

Verkehrstunnel im Betrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verkehrstunnel werden heutzutage meist zweiröhrig gebaut, so dass eine Flucht über Querschläge zwischen den beiden Röhren möglich ist. Bei einröhrigen Tunneln oder, wo es das Sicherheitskonzept vorschreibt, auch bei doppelröhrigen Tunneln, können zusätzlich Fluchträume vorgesehen werden, so z.B. beim Gotthard-Basistunnel. Ein wesentlicher Unterschied zu Tunneln im Bau ist die Brandlast. Diese ist bei einem Rückstau durch Pkw deutlich erhöht, so dass der thermische Einfluss auf die Eingangsbereiche der Schutzräume zu berücksichtigen ist.[1]

Öl- und Gasindustrie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hier wird allgemein von Temporary Refuge (TR) gesprochen[2][3]. Es handelt sich entweder um vorhandene Räume oder um Container, wobei teilweise mehrere Container zusammengefasst werden. Diese Räume werden dann mit Atemschutzsystemen ausgerüstet. Die Aufenthaltsdauer liegt meist bei drei Stunden.

Zivilschutz: Einzelne Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schutzraum für den Heizer im Wasserwerk Hattersheim, welches ursprünglich mit einer Dampfmaschine betrieben wurde

In Deutschland liegen Bau und Bereitstellung von Schutzräumen laut Grundgesetz in der Gesetzgebungskompetenz des Bundes. Daraus ergibt sich aber keine Schutzbaupflicht. Ein Problem ist, dass der Bund nach Art. 73 GG ausschließlich für den Zivilschutz verantwortlich ist, alle anderen Schutzmaßnahmen, etwa gegen singuläre und örtlich begrenzte Vorkommnisse, aber in die Kompetenz der einzelnen Bundesländer fallen (Katastrophenschutz).

Ursprünglich für den Schutz gegen die atomare Bedrohung des Kalten Krieges gedacht, haben Schutzräume aber in Katastrophenfällen, wie z. B. Unwetterkatastrophen, bei Reaktor- oder Chemieunfälle ihre Berechtigung. Öffentliche Schutzräume wurden im Kalten Krieg seit den 1960er Jahren zum Beispiel im Zuge des Baus von Tiefgaragen oder U-Bahnen als so genannte Mehrzweckanlagen errichtet. Für den privaten Schutzraumbau erhielt der Bauherr vom Bund für jeden geschaffenen Schutzplatz einen Pauschalbetrag, um die Mehrkosten der Schutzraum-Zusatzausstattung aufzufangen.

Da Schutzraumbau teuer und nicht populär ist, wurde er in Deutschland nach dem Ende des Kalten Krieges aufgegeben. Die Schutzraumdichte in Deutschland ist gering: In Berlin existieren nur 27.000 Schutzplätze für ca. 3,39 Millionen Einwohner. Die Bundesrepublik Deutschland hat im Mai 2007 bekannt gemacht, sich aus dem Schutzraum-Konzept zurückzuziehen und bis auf einzelne, die bestehenden Anlagen alle anderen aufzugeben. Nach § 7 Zivilschutzgesetz besteht für geförderte private Schutzräume ein grundsätzliches Veränderungsverbot, was aber durch die Entscheidung der Bundesregierung, die Schutzräume aufzugeben, nicht mehr zwingend zu sein scheint.

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Typische Handfilterpumpe in einem privaten Schweizer Luftschutzkeller
Notausgang aus Zivilschutzanlage

Als sich in den 1930er Jahren der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs abzeichnete, forcierte die Schweiz den Bau von Luftschutzräumen. 1934 verabschiedete der Bund einen Bundesbeschluss zum Aufbau eines Luftschutzes. Ziel war es, jedem Schweizer einen Platz in einer Luftschutzanlage bieten zu können. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden in der Schweiz fast 34.000 Zivilschutzanlagen. Im Kalten Krieg wurden die Zivilschutzanlagen technisch aufgerüstet, um auch vor radioaktivem Niederschlag schützen zu können.

Unterirdisch bietet das einzige Zivilschutz-Museum der Schweiz in Zürich Einblick in dieses Stück Schweizer Geschichte.

Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die gesetzlichen Grundlagen für den Bau von Schutzräumen finden sich in Art. 45 ff. des Bundesgesetzes über den Bevölkerungsschutz und den Zivilschutz[4] (BZG). Bei Neubauten müssen Zivilschutzräume eingerichtet werden (Art. 45 BZG). Kommt der Bauherr dieser Vorschrift nicht nach, hat er eine Ersatzabgabe zu entrichten, die vorrangig der Finanzierung öffentlicher Schutzräume der Gemeinden zugutekommen muss (Art. 47 Abs. 2 BZG). In vielen Schweizer Privathäusern wurden so private Luftschutzkeller eingerichtet, die mit einer Filteranlage, Betten und schwerer Stahlbetontür ausgestattet sind. Jeder Hausbesitzer mit einem Schutzraum ist für die Instandhaltung und Ausrüstung des Raumes verantwortlich. In Friedenszeiten werden diese als normale Kellerräume genutzt. Grundsätzlich muss jeder Raum innerhalb 24 Stunden voll einsatzbereit sein, was auch das Einlagern von Vorräten umfasst. Für die periodische Kontrolle aller Anlagen ist je nach Kanton oder Region der örtliche Zivilschutz, der Kanton oder private Schutzraumkontrolleure zuständig.

Außer in Privathäusern gibt es Großbunkeranlagen des Zivilschutzes. In Luzern wurde etwa der Sonnenbergtunnel der A2 so ausgerüstet, dass er im Krisenfall als Luftschutzbunker für bis zu 20.000 Menschen zur Verfügung stand. Damit wurde das Ziel, jedem Schweizer einen Schutzplatz zu bieten, erreicht. Aktuell gibt es in der Schweiz rund 270.000 Personenschutzräume und 3.500 öffentliche Schutzanlagen. Einige Anlagen integrieren Spitäler, Lagerräume oder Kommandoposten etc. 95 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu einem Schutzraum. Die Schweiz erreicht damit eine Schutzplatzquote von 120 Prozent – also 1,2 Schutzplätze für jede Einwohnerin und jeden Einwohner.

Einen Beinahe-Ernstfall bedeutete 1986 der große Chemie-Brand in Schweizerhalle. Jedoch wurde die Basler Bevölkerung aufgrund einer Gefahren-Einschätzung letztlich nicht zum Schutzraum-Bezug, sondern nur zum Verbleib in geschlossenen oberirdischen Räumlichkeiten aufgefordert. Eine nachträgliche Analyse ergab, dass viele der Schutzräume aufgrund ihrer zivilen Verwendung nicht rechtzeitig bezugsbereit gewesen wären.[5]

Ernstfälle, bei denen die gefährdete Bevölkerung evakuiert und in Zivilschutzanlagen untergebracht wurde, fanden vor allem bei Erdrutschen statt, wie bei der Katastrophe im Jahr 2000 in Gondo.

Andere Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch Singapur und Schweden haben eine sehr hohe Schutzraum-Dichte für ihre Bevölkerung. Diese Staaten verfügen auch über Konzepte zur Nutzung von Schutzbauwerken in Zeiten, in denen sie ihre Schutzfunktion nicht erfüllen müssen. Die örtlichen Verwaltungen vermieten die Räume an Vereine, Clubs und Jugendgruppen oder als Lagerräume.

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Schutzraum besteht immer aus einer Hülle und der dazugehörigen Technik wie Beleuchtung und lebenserhaltende Systeme.

Hülle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hülle hat die Aufgabe, die Personen vor Umwelteinflüssen zu schützen. Dies kann Kontamination, aber auch Druckwellen oder Hitze sein.

Kontaminationsschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Schutz vor Umgebungskontamination wie z.B. Partikel (Rauch) oder Gase (CO, H₂S...) soll die Hülle inklusive Türen oder Durchführungen gasdicht sein.

Thermischer Schutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hülle inklusive aller Durchführungen soll hitzebeständig sein. Hierbei reicht aber nicht der Erhalt der Struktur des Bauwerkes als solches, sondern es muß sichergestellt werden, dass die Personen im Inneren des Raumes nicht zu Schaden kommen (z.B. durch unzulässige Erwärmung der Luft). Auch die technischen Einrichtungen dürfen nicht beschädigt werden.

Schutz vor Druckwellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hülle inklusive aller Durchführungen soll einer Druckwelle widerstehen. Hierbei reicht aber nicht der Erhalt der Struktur des Bauwerkes als solches, sondern es muß sichergestellt werden, dass die Personen im Inneren des Raumes nicht zu Schaden kommen (z.B. durch Fortpflanzung der Druckwelle im Inneren bei flexiblen Wänden oder Übertragung des Schocks auf das Innere durch starre Bauteile). Auch die technischen Einrichtungen dürfen nicht beschädigt werden.

Ausrüstung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Ausrüstung gehören Einrichtungen wie Sitze, WCs und Beleuchtung, aber auch lebenserhaltende Systeme wie Klimaanlagen.

Lebenserhaltende Systeme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Klimaanlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da der menschliche Körper seine Temperatur nur über das Schwitzen regulieren kann, muß das Raumklima geregelt werden in Bezug auf Temperatur und Feuchtigkeit. Bei hoher Luftfeuchtigkeit versagt die natürliche Temperaturregelung des Körpers, so dass es schon bei geringen Temperaturen zum Kollaps kommen kann.

Atemluftversorgungssysteme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird zwischen Isolierschutz und umgebungsabhängigen Systemen unterschieden. Umgebungsabhängige Systeme sind z.B. Filtersysteme, welche Umgebungsluft aufbereiten. Isolierschutz ist komplett unabhängig und speist sich entweder aus Atemluftflaschen oder funktioniert als Regenerationssystem.

Wenn sich Personen in einem geschlossenen Raum aufhalten, reichern sie die Luft mit CO₂ an und verbrauchen Sauerstoff. Bereits bevor es zu Beeinträchtigungen durch Sauerstoffmangel kommt, führt der gestiegene Gehalt an CO₂ zu Vergiftungserscheinungen, da CO₂ die Regulierung der Atmung beeinträchtigt.

Isolierschutz: Spülluftsystem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Spülluftsystem wird Atemluft aus Hochdruckspeicherflaschen in den Raum dosiert. Hierdurch wird für einen konstanten Luftaustausch gesorgt. Die Luft verlässt den Raum durch ein Raumüberdruckventil, so dass Schadgase sowie durch die Insassen selbst erzeugtes CO₂ konstant ausgespült werden und Sauerstoff mit der Atemluft wieder in die Raumatmosphäre gelangt. Gleichzeitig wird ein erwünschter, leichter Raumüberdruck erreicht. Dadurch wird das Eindringen von Schadgasen in den Raum vermieden.

Isolierschutz: Regenerationssystem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Regenerationssystem wird die im Raum befindliche Luft konstant aufbereitet. Durch CO₂-Absorptionsanlagen wird das ab bestimmten Konzentrationen toxisch wirkende Gas gebunden. Sauerstoff wird aus Hochdruckflaschen oder Chloratkerzen zudosiert. Ein Überdruck im Raum stellt sich hier nicht zwangsläufig ein. Hierfür ist das System durch eine Überdruckhaltung, welche sich aus zusätzlichen Atemluftflaschen speist, zu ergänzen.

Umgebungsluftabhängig: Filtersystem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filtersysteme saugen über Ventilatoren Umgebungsluft an und filtern Schadstoffe heraus. Wie beim Spülluftsystem verlässt die Luft den Raum über ein Raumüberdruckventil, so dass ein konstanter Austausch gewährleistet ist und sich ein gewünschter Raumüberdruck einstellt. Der Vorteil liegt in den Anlagenkosten. Nachteilig ist, dass Filter nicht bei allen Gasen wirken und es das Risiko von Filterdurchbrüchen gibt. Wenn die Art der Kontamination im Vorfeld bekannt ist (z.B. H₂S bei Raffinerien), sind Filteranlagen ein möglicher Weg. Bei Brandgasen sind sie aufgrund fehlender Vorhersagemöglichkeiten bezüglich der Gaszusammensetzung nicht vorzusehen. Auch bei kompletter Abwesenheit von Sauerstoff in der Umgebungsluft funktionieren Filtersysteme nicht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vorschrift der Luftwaffe: Luftwaffen-Dienstvorschrift 793 – Baulicher Luftschutz Planung und Durchführung der baulichen Maßnahmen bei öffentlichen Luftschutzräumen. Berlin 1939.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Schutzraum – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Gotthard-Strassentunnel: Technik auf gotthardtunnel.ch
  2. http://www.iadclexicon.org/temporary-refuge
  3. https://www.onepetro.org/conference-paper/SPE-164948-MS
  4. Bundesgesetz über den Bevölkerungsschutz und den Zivilschutz (Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetz, BZG) vom 4. Oktober 2002 (Stand am 1. Januar 2011) (PDF; 172 kB). Besucht am 11. März 2011.
  5. "Schweizerhalle", Bericht des Regierungsrates an den Landrat (Baselland), 1987