Selbsttäuschung

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Selbstbetrug ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zum deutschen Fernsehkrimi siehe Polizeiruf 110: Der Selbstbetrug.
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Die Begriffe Selbsttäuschung oder Selbstbetrug umfassen eine Vielfalt von Denkens- und Verhaltensweisen mit Bezug auf das Selbst und das Selbstbewusstsein. Die Selbsttäuschung ist seit der Antike Gegenstand der philosophischen Betrachtung, wobei Definition und zahlreiche Aspekte umstritten sind.[1] In der Gegenwart sind Selbsttäuschungen Forschungsgegenstand der Kognitionspsychologie, spezifische Muster der Selbsttäuschung in pathologischer Ausprägung auch in der Psychiatrie. Als alltägliches un- oder unterbewusstes Phänomen ist sie auch Gegenstand vieler literarischer Werke, die sich mit Authentizität, Verblendung und Selbsterkenntnis beschäftigen.

Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Selbsttäuschungen kommen in unterschiedlichem Ausmaß vor, von harmlosen kognitiven Verzerrungen bis zu krankhaften Bewusstseinsstörungen. Sie erscheinen in verschiedenen Formen, zum Beispiel als Erinnerungsverfälschung oder als Planungsfehlschluss. Als Selbsttäuschung können sowohl kurz andauernde kognitive Zustände beschrieben werden als auch langfristige Erscheinungen. Ein Extremfall der psychologisch notwendigen Selbsttäuschung ist die Lebenslüge, die literarisch vor allem von Henrik Ibsen verarbeitet und bekannt gemacht wurde.

Als Ursache kommen beispielsweise kognitive Dissonanzen in Frage – verschiedene Wahrnehmungen, Gedanken, Einstellungen, Wünsche oder Absichten, die nicht miteinander vereinbar sind – oder auch Bestätigungsfehler, die auf der Neigung beruhen, Informationen so zu suchen, auszuwählen und zu interpretieren, dass die eigenen Erwartungen erfüllt werden. Die Psychoanalyse führt Selbsttäuschungen auf Abwehrmechanismen zurück.

Selbsttäuschungen betreffen häufig die Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Person, das sogenannte Selbstbild (siehe auch Selbstkonzept und Selbstwert). Daher spielen sie auch bei bestimmten Persönlichkeitsstörungen eine Rolle, wie der Borderline-Persönlichkeitsstörung, der narzisstischen Persönlichkeitsstörung und der histrionischen Persönlichkeitsstörung.[2] Eine psychotherapeutisch relevante Form der Selbsttäuschung liegt dann vor, wenn dadurch Schwierigkeiten bei einer realitätsnahen Anpassung an eine gegebene Umwelt entstehen.[3]

In der Philosophie spielen im Zusammenhang mit der Selbsttäuschung nicht nur die erkenntnistheoretischen Dimensionen eine Rolle, sondern auch Fragen der Handlungstheorie sowie nach Verantwortung und Rechtfertigung. So stellte etwa Schopenhauer prominent in Frage, ob die Annahme der Willkürfreiheit eine notwendige Selbsttäuschung sei. Es lassen sich grob aktive Arten der Selbsttäuschung als Verfälschen oder Unterdrücken von Wahrnehmungen und Vorstellungen hinsichtlich der eigenen Befindlichkeit, des Verhältnisses zu anderen oder bezüglich des Werts oder der Motive des eigenen Handelns unterscheiden von passiven Selbsttäuschungen, die analog zu Sinnestäuschungen im Bereich der Wahrnehmung der eigenen Emotionen und Absichten zu betrachten sind. Das letztere passive Verständnis ist zentraler Teil der Anthropologie Max Schelers.[4] Eine wichtige Rolle spielt die Spannung von Selbsterkenntnis und Selbsttäuschung bei Søren Kierkegaard.

In der modernen philosophischen Diskussion steht im Zentrum des Begriffsfelds ein „Ausweichen vor einer als unangenehm empfundenen Wahrheit, ein ‚Sicheinreden‘ eines Glaubens, von dem man irgendwie doch weiß oder zumindest ahnt, dass er falsch ist“.[5] Eine Person, die sich selbst täuscht, ist aufgrund einer besonderen Motivation anscheinend von etwas Falschem überzeugt; ihr Verhalten deutet aber unter Umständen darauf hin, dass sie sich der Wahrheit zu einem gewissen Grad bewusst ist.[6] In jüngerer Zeit wurde argumentiert, dass die Selbsttäuschung eine notwendige motivationale Funktion haben könnte.[7]

Aus evolutionsbiologischer Sicht hat Robert Trivers die Selbsttäuschung als Sonderfall von überlebens- und reproduktionsförderlichen Täuschungen beschrieben, die im gesamten Tierreich und daher auch unter Menschen sowohl als natürliches Phänomen als auch als bewusst eingesetzte Strategie auftritt.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(Chronologisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ian Deweese-Boyd: Self-Deception. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy.
  2. Charles Ford: Lies!, lies!!, lies!!! : The psychology of deceit. American Psychiatric Press, Washington, DC 1999, ISBN 0-88048-997-9, S. 103–125.
  3. Selbsterkenntnis. In: Dorsch- Lexikon der Psychologie. (online)
  4. W. Halbfass: Selbsttäuschung II. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9, S. 541.
  5. Kathi Beier: Selbsttäuschung. De Gruyter, 2010, ISBN 978-3-11-022931-8, S. 7 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Ian Deweese-Boyd: Self-Deception. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy. Zitat: “self-deception involves a person who seems to acquire and maintain some false belief in the teeth of evidence to the contrary as a consequence of some motivation, and who may display behavior suggesting some awareness of the truth”.
  7. Albert Newen, Gottfried Vosgerau: Irren ist … sinnvoll! In: Steve Ayan (Hrsg.): Rätsel Mensch - Expeditionen im Grenzbereich von Philosophie und Hirnforschung. Springer, Berlin 2017, ISBN 978-3-662-50326-3, S. 35–40.
  8. Robert Trivers: Betrug und Selbstbetrug. Wie wir uns selbst und andere erfolgreich belügen. Ullstein, Berlin 2013.