Shōnen

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Dieser Artikel behandelt eine Manga-Zielgruppe. Zum gleichnamigen Film von Nagisa Ōshima siehe Der Junge.

Der japanische Begriff Shōnen (jap. 少年, auch Shonen oder Shounen, dt. „Junge, Jugendlicher“) bezeichnet eine Kategorie von Manga und Anime, die sich an ein jugendliches männliches Publikum richten.[1] Das Gegenstück zu Shōnen ist Shōjo, dessen Zielgruppe weibliche Jugendliche sind. Shōnen ist die auf dem japanischen Markt am stärksten vertretene Manga-Gattung.[2][3] Die Einteilung des Marktes, insbesondere der Manga-Magazine, nach Zielgruppen hat sich in Japan bereits ab Beginn des 20. Jahrhunderts, besonders aber ab den 1960er Jahren etabliert und wird von den Verlagen auch offen kommuniziert.[4] Während des Höhepunkts der Manga-Verkaufszahlen in der Mitte der 1990er Jahre gab es 23 Shōnen-Magazine, die zusammen 662 Millionen Exemplare verkauften. Der gesamte Markt an Manga-Magazinen umfasste 265 Titel mit 1,595 Milliarden verkauften Exemplaren.[5] Die verwandte, sich ein etwas älteres männliches Publikum richtende Kategorie ist Seinen.[6]

Merkmale[Bearbeiten]

Werke des Shōnen richten sich an heranwachsende Jungen, Hauptzielgruppe ist das Alter von 9 bis 18 Jahren.[7] Die tatsächliche Leserschaft besteht, wie bei anderen demografischen Kategorien von Anime und Manga, bei weitem nicht nur aus der Kernzielgruppe.[8][3] Die Zielgruppenorientierung tritt besonders in den Shōnen-Manga-Magazinen, die neben den Serien auf die Interessen männlicher Jugendlicher zugeschnittene Werbung, beispielsweise für Spiele, und Zusatzinhalte bieten. Werbung und weitere Inhalte gehören meist zu einem Franchise der Serien im Magazin.[9][3]

Der thematische Schwerpunkt liegt vorwiegend auf Action und Abenteuer[10] auf Krieg und dem Kampf gegen Monster und böse Mächte. Teilweise werden daher Werke nicht wegen ihrer Zielgruppe dem Shōnen zugeordnet, sondern nur weil ihr inhaltlicher Schwerpunkt auf Action liegt.[6][11] Es geht aber auch die Bewältigung realer Alltagsprobleme in der Schule und im Freundeskreis. Innerhalb der demografischen Kategorie Shōnen gibt es trotz der thematischen Schwerpunkte eine große inhaltliche Vielfalt und eine Vielzahl an Genres bzw. Subgenres. Dazu zählen auch Kriminalgeschichten, Alltagskomödien, Sport und Geschichten um Hobbys und Berufe. Hauptthema ist jedoch fast immer Rivalität und das Fortschreiten der Handlung steht im Fokus, weniger die Entwicklung der Charaktere.[11] Das sehr dominante Action-Genre stellt sich in allen möglichen Szenerien dar, von realistischer historischer oder zeitgenössischer Darstellung bis Fantasy oder Science Fiction.

Eine übliche Heldenfigur hat, so Jason Thompson, „wahnwitzig zackiges Haar“, sodass seine Silouette sich leicht von der anderer Figuren unterscheidet. Der Charakter der Helden ist oft von widersprüchlichen Eigenschaften geprägt: aufbrausend und cool, ernst und zynisch, tollpatschig und unfehlbar – Helden, die wie Nichtsnutze erscheinen, aber verborgene Fähigkeiten besitzen. In manchen Serien nimmt dieser Widerspruch in Form von Henshin wörtlich Gestalt. Der Held kann hier zwischen zwei Persönlichkeiten wechseln. Beispiele sind Yu-Gi-Oh oder Samurai Deeper Kyo. Oft verknüpft damit sind Bünde mit Geistern, Monstern oder Robotern. Ein weiteres gängiges Handlungselement ist das Happy End.[3] Die Geschichten werden im Gegensatz zum auf Emotionen und Charakterentwicklung fokussierten Shōjo von Dialogen und Action schneller vorangetrieben.[12]

Oft handeln solche Geschichten von ganz normalen Kindern und Jugendlichen, die plötzlich durch besondere Kräfte zu Superhelden werden und mit ihren Superkräften ihre Freunde und/oder die ganze Welt retten. Um ihre Freunde besser beschützen zu können, versuchen männliche Charaktere häufig, sich ständig zu verbessern. Ein weltweit bekannter Vertreter des „klassischen“ Shōnen-Manga ist die Serie Dragon Ball.

Die Darstellung der Augen ist im Shōnen, vor allem in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg, deutlich kleiner als im Shōjo. Da werden die größeren Augen zur besseren Vermittlung von Emotionen genutzt – ein Aspekt der bei Shōnen weniger Priorität hat.[11] Neil Cohn beschreibt den Zeichenstil im Shōnen-Manga generell als „kantiger“ denn beim Shōjo und von diesem in der Regel vom geübten Leser leicht zu unterscheiden.[13]

Die thematische Ausrichtung der Gattung ist gut erkennbar an den Grundwerten oder Motto, das sich japanische Magazine üblicherweise geben. Beim Shōnen Jump sind dies „Freundschaft, Ausdauer und Sieg“,[3] das CoroCoro Comic für Grundschulkinder nennt „Mut, Freundschaft und Kampfgeist“.[5]

Geschichte[Bearbeiten]

Bis zum Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Magazine mit nach Geschlecht getrennter Zielgruppe bestanden in Japan seit der Zeit um 1900. 1895 war das an Jungen gerichtete Shōnen Sekai das erste seiner Art Ab 1902 folgten Magazine für Mädchen, jedoch enthielten diese Publikationen noch keine Mangas, die sich in der modernen Form erst in der folgenden Zeit entwickeln sollten.[14] Shōnen Pakku von 1907 war das erste an Jungen gerichtete Magazin, das auch Mangas bot. 1914 folgte ihm Shōnen Club, später Yonen Club. Zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Serien in diesen Magazinen zählten Norakuro Nitō Sotsu, in der es um das Leben eines jungen Soldaten geht, und Tank Tankuro, die Geschichte eines menschlichen, vielseitig einsetzbaren Panzers. in Kugelform.[15]

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

In der Besatzungszeit wurde das japanische Verlagswesen unter zunächst strengen Vorgaben neu aufgebaut. Der moderne Manga entwickelte sich in dieser Zeit unter dem maßgeblichen Einfluss von Osamu Tezuka mit Serien wie Astro Boy und Kimba, der weiße Löwe.[16][17][18] Die Serien dieser Zeit wurden überwiegend von Jungen und jungen Männern gelesen,[19] sie konzentrierten sich auf den „urbildlichen Jungen“, Handlungen, die beispielsweise Roboter, Raumfahrt und heroische Action-Adventures mit eingeschlossen haben, wurden oft behandelt.[20] Eines der ersten neuen Magazine war 1947 Manga Shōnen,[21] das neben Osamu Tezuka auch frühe Werke von Leiji Matsumoto und Shotaro Ishinomori publizierte.[3] Nachdem 1952 die Zensur endete, nahm der Absatz von Manga und die Zahl der Magazine deutlich zu und neben den schon etablierten Shōnen-Manga etablierten sich langsam die an Mädchen gerichtete Gattung Shōjo. Im Shōnen kam das Genre Sport als heute stark vertretenes hinzu. 1959 starteten die noch heute erfolgreichen Shōnen Sunday und Shōnen Magazine,[22] die ersten wöchentlichen Magazine der Gattung.[3] Das seit langem meist verkaufte Magazin Weekly Shōnen Jump wird seit 1968 herausgegeben.[23] Viele der populärsten bzw. kommerziell erfolgreichsten Shōnen-Manga wurden und werden in diesem Magazin veröffentlicht, unter anderem Dragon Ball, Naruto, Bleach, One Piece und Slam Dunk. Um 1970 entwickelte sich mit Seinen ein Genre für das ältere männliche Publikum.

Sowohl die stilistischen als auch die inhaltlichen Unterschiede der beiden großen Kategorien haben sich seit den 1980er Jahren deutlich verringert, es fand ein weitreichender Austausch von Stilmitteln und Themen statt. So wurden große Augen auch in Shōnen-Werken für die Vermittlung von Gefühlszuständen genutzt und weibliche Figuren bekamen wichtigere Rollen, manchmal auch die Hauptrolle. Auch Frauen begannen, erfolgreich Shōnen-Mangas zu zeichnen.[24] Im Shōjo entwickelte grafische Erzähltechniken wie Montagen aus mehreren Panels wurden auch im Shōnen üblich.[12]

Zu Beginn des Erfolgs von Mangas in der westlichen Welt Anfang der 1990er Jahre war die Gattung in diesen neuen Märkten so dominant, dass sie das Bild von Manga insgesamt prägte.[12]

Die Stellung der Frau[Bearbeiten]

Ursprünglich spielten in Shōnen-Manga Männer und Jungen nahezu alle Hauptrollen, wobei Frauen und Mädchen häufig, wenn sie überhaupt vorkamen, die Rollen der Schwester, Mutter oder der Freundin spielten. Ab den 1980ern begannen Frauen und Mädchen jedoch wichtigere Rollen einzunehmen. Zum Beispiel im 1980 zuerst erschienenem Dr. Slump war der Hauptcharakter ein starkes, verschmitztes Mädchen namens Arale Norimaki. Eine Rolle, die zu der Zeit üblicherweise einem Jungen oder einem Mann zugeschrieben wurde.

Die Rollen von Frauen und Mädchen in Shōnen-Mangas haben sich seit Akira Toriyamas Dr. Slump stark verändert. Oft sind Mädchen bzw. Frauen Bishōjos, d. h. eine junge Frau mit beispielsweise stark betonten Taillen und Brüsten und mit allgemein einem Aussehen, das (von Lesern und von den Charakteren innerhalb des Mangas) als attraktiv empfunden werden soll und sind daher oft für andere männliche (Haupt-)Charaktere ein Objekt des emotionalen bzw. sexuellen Verlangens. Beispiele hierzu wären: Belldandy in Oh My Goddess! von Kōsuke Fujishima und Shao-lin in Guardian Angel Getten von Minene Sakurano. In anderen Serien jedoch ist der männliche Protagonist von eben genannten Frauen und/oder Mädchen umgeben, wie zum Beispiel in Magister Negi Magi von Ken Akamatsu und Hanaukyo Maid Team von Morishige (siehe auch: Harem). Männliche Hauptcharaktere sind mit dem Versuch, eine Beziehung mit weiblichen Charakteren einzugehen, nicht immer erfolgreich. In anderen Fällen jedoch wird der ursprünglich naive und infantile männliche Protagonist der Geschichte „erwachsen“ und lernt, wie man mit Frauen emotional und/oder sexuell leben bzw. umgehen soll oder kann, Beispiele von Protagonisten verschiedenster Serien, die diesem Beispiel folgen, wären: Yota in Video Girl Ai von Masakazu Katsura und Train Man in Train Man: Densha Otoko von Hidenori Hara.[25] Seit den 1990er Jahren jedoch haben Frauen und Mädchen eine höher gestellte Rolle in Shōnen-Manga erreicht und weibliche Protagonisten sind seither zwar immer noch nicht die Mehrheit, aber üblich. Zu den Shōnen-Manga, die weibliche Protagonisten beinhalten, zählen Fairy Tail, Soul Eater und WataMote.

In den 1980er Jahren kamen erstmals weibliche Künstler mit Shōnen-Manga zu größerer Bekanntheit. Zu ihnen zählen Kei Kusunoki mit Horrorgeschichten wie Yōma und Rumiko Takahashi mit den romantischen Komödien Ranma ½ und Urusei Yatsura sowie ebenfalls Horrorgeschichten.[26]

Manga-Magazine[Bearbeiten]

In Manga-Magazinen werden Shōnen-Mangas zielgruppenorientiert veröffentlicht. Die bedeutendsten japanischen Shōnen-Manga-Magazine sind die wöchentlich erscheinenden Shōnen Jump von Shueisha, Shōnen Magazine von Kodansha und Shōnen Sunday von Shogakukan. Die drei Verlage sind zugleich die bedeutendsten Manga-Verlage. Das vierte wichtiges Magazin, wenn auch mit deutlich Abstand in den Verkaufszahlen, ist Weekly Shōnen Champion von Akita Shoten, das in den 1970er ud 1980er Jahren große Bedeutung hatte und noch immer besteht. Auch CoroCoro Comic und Comic Bombom werden zu den Shōnen-Magazinen gezählt,[3] auch wenn sie sich an eine Zielgruppe im Grundschulalter richten und auch der an Kinder gerichteten Gattung Kodomo zuzuordnen sind.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Frederik L. Schodt: Manga! Manga! The World of Japanese Comics. Kodansha America, 1983, ISBN 0-87011-752-1, S. 88–105. (englisch)
  • Angela Drummond-Mathews: What Boys Will Be: A Study of Shonen Manga. In: Toni Johnson-Woods (Hrsg.): Manga – An Anthology of Global and Cultural Perspectives. Continuum Publishing, New York 2010, ISBN 978-0-8264-2938-4, S. 62-76.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Miriam Brunner: Manga. Wilhelm Fink, Paderborn 2010, ISBN 978-3-7705-4832-3, S. 116.
  2.  Trish Ledoux, Doug Ranney: The Complete Anime Guide. Tiger Mountain Press, Issaquah 1995, ISBN 0-9649542-3-0, S. 212.
  3. a b c d e f g h  Jason Thompson: Manga. The Complete Guide. Del Rey, New York 2007, ISBN 978-0-345-48590-8, S. 338-340.
  4.  Toni Johnson-Woods: Introduction. In: Toni Johnson-Woods (Hrsg.): Manga – An Anthology of Global and Cultural Perspectives. Continuum Publishing, New York 2010, ISBN 978-0-8264-2938-4, S. 8.
  5. a b c  Frederik L. Schodt: Dreamland Japan: Writings on Modern Manga. Diane Pub Co., 1996, ISBN 0-7567-5168-3, S. 82-84.
  6. a b  Antonia Levi: Antonia Levi: Samurai from Outer Space - Understanding Japanese Animation. Carus Publishing, 1996, ISBN 0-8126-9332-9, S. 163.
  7. McCarthy, 2014, S. 26.
  8. Brunner, 2010. S. 62.
  9. Brunner, 2010. S. 73.
  10.  Andreas C. Knigge: Comics - Vom Massenblatt ins multimediale Abenteuer. Rowohlt, Reinbek 1996, ISBN 3-499-16519-8, S. 247.
  11. a b c Levi, 1996, S. 9.
  12. a b c  Jennifer Prough: Shōjo Manga in Japan and Abroad. In: Toni Johnson-Woods (Hrsg.): Manga – An Anthology of Global and Cultural Perspectives. Continuum Publishing, New York 2010, ISBN 978-0-8264-2938-4, S. 94, 97.
  13.  Neil Cohn: Japanese Visual Language. In: Toni Johnson-Woods (Hrsg.): Manga – An Anthology of Global and Cultural Perspectives. Continuum Publishing, New York 2010, ISBN 978-0-8264-2938-4, S. 189.
  14.  Helen McCarthy: A Brief History of Manga. ilex, Lewes 2014, ISBN 978-1-78157-098-2, S. 12f.
  15. McCarthy, 2014, S. 16-21.
  16. Matt Thorn: A History of Manga. Matt-thorn.com. Juni 1996. Abgerufen am 18. März 2013.
  17. Kōdansha intānashonaru: Eibun nihon shōjiten: Japan Profile of a nation, Überarbeitet ed., 1. ed., Kōdansha Intānashonaru, Tōkyō 1999, ISBN 4-7700-2384-7, S. 692–715.
  18. Frederik L. Schodt: The Astro Boy essays: Osamu Tezuka, Mighty Atom, and the manga/anime revolution. Stone Bridge Press, Berkeley, Calif. 2007, ISBN 978-1-933330-54-9.
  19. Schodt, 1986, op. cit., Kapitel 3, S. 68–87.
  20. Schodt, 1986, op. cit., Kapitel 3; Gravett, 2004, op. cit., Kapitel. 5, S. 52–73.
  21. McCarthy, 2014, S. 24.
  22. McCarthy, 2014, S. 28-34.
  23. 2009 Japanese Manga Magazine Circulation Numbers. Anime News Network. 18. Januar 2010. Abgerufen am 30. Oktober 2011: „The bestselling manga magazine, Shueisha's Weekly Shonen Jump, rose in circulation from 2.79 million copies to 2.81 million.“
  24. Levi, 1996, S. 14 f.
  25. Perper, Timothy and Martha Cornog. 2007. "The education of desire: Futari etchi and the globalization of sexual tolerance." Mechademia: An Annual Forum for Anime, Manga, and Fan Arts, 2:201-214.
  26.  Trish Ledoux, Doug Ranney: The Complete Anime Guide. Tiger Mountain Press, Issaquah 1995, ISBN 0-964954-23-0, S. 56.