Siegfried Zimmer (Religionspädagoge)

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Siegfried Zimmer (* 29. Januar 1947 in Marktoberdorf) ist ein deutscher Pädagoge, evangelischer Theologe und Religionspädagoge.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zimmer wuchs im Remstal bei Stuttgart auf. Er besuchte das Gymnasium in Schorndorf und machte 1966 das Abitur. 1966–1968 absolvierte er seinen Zivildienst in einem Stuttgarter Krankenhaus. 1968–1971 studierte er an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd die Fächer Geschichte, Politik und Evangelische Theologie. Er schloss mit der ersten Dienstprüfung für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen ab. 1971–1977 studierte er evangelische Theologie an den Universitäten Heidelberg, Münster und Tübingen und schloss mit der ersten Theologischen Dienstprüfung ab. Parallel dazu war er drei Jahre lang Lehrer mit 50 Prozent Lehrauftrag.

1977–1978 folgte ein Vikariat in Hechingen mit anschließender Ordination zum Pfarrer. 1978–1983 war er wissenschaftlicher Assistent für Religionspädagogik am Lehrstuhl von Karl Ernst Nipkow an der Universität Tübingen. 1984–1985 war er Pfarrvikar in Meßstetten und bestand die zweite Theologische Dienstprüfung. 1986–1993 war er Dozent für Religionspädagogik an der landeskirchlichen Diakonen-Ausbildungsstätte Karlshöhe in Ludwigsburg. 1993 promovierte er zum Doktor der Theologie mit dem Thema Das Problem der Kindertaufe in der Theologie Martin Luthers – Luthers reformatorische Grunderkenntnisse als Maßstab für die Frage nach der Kindertaufe. 1993–2012 war er Professor für evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Heute ist er emeritiert.[1][2]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zimmer ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Ludwigsburg.[3]

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben Zimmers beruflicher Arbeit als Professor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg entstanden mit ihm zusammen mehrere Projekte, bei denen er jeweils als Hauptredner tätig war oder bis heute ist.

Nachteulengottesdienste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammen mit Pfarrer Georg Schützler gründete Zimmer 1996 die Nachteulengottesdienste in Ludwigsburg. Zu diesem monatlichen Alternativgottesdienst kamen bis zu über 1000 Besucher. Die Nachteulengottesdienste basierten auf drei Elementen: (1) Einer ausführlichen Verkündigung, (2) meditativen Körper- und Phantasieübungen und (3) einer musikalischen Gestaltung, die sich nicht an der traditionellen Kirchenmusik orientiert, sondern an der damals aktuellen Popularmusik.[4] Mit Georg Schützler zusammen brachte Zimmer zwei Bücher über dieses Format des Gottesdienstes heraus. Die Nachteulengottesdienste werden inzwischen von anderen Verantwortlichen gestaltet.

Worthaus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2010 war Zimmer mit daran beteiligt, den Verein Worthaus zu gründen. 2011 fand in Weimar die erste mehrtägige Veranstaltungsreihe von Worthaus statt, bei der er Hauptreferent war. Seither fanden weitere Vortragsreihen in verschiedenen deutschen Städten mit zunehmendem Publikum statt. Zudem konnte er weitere Kollegen wie Thomas Breuer, Thorsten Dietz, Marco Frenschkowski, Wilfried Härle, Manfred Oeming, Simone Paganini, Stefan Schreiber, Andreas Schüle, Klaus von Stosch, Michael Welker und Peter Zimmerling als Vortragsredner für Vorträge bei Worthaus gewinnen. Zimmer versucht, Erkenntnisse aus den Fachbereichen Theologie, Bibelwissenschaft, Geschichte, Orientalistik und Pädagogik zusammenzuführen, verständliche Schlüsse zu ziehen und an seine Zuhörerschaft anregend zu kommunizieren. Er gebraucht bei seinen Vorträgen eine möglichst einfache Sprache, die auch von jungen und säkular geprägten Menschen verstanden werden kann. Er pflegt den Dialog mit Zuhörenden und Andersdenkenden und betont zugleich seine religiöse Verankerung im evangelischen Glauben.[5][6][7][8] Anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubliäums 2017 hielt Zimmer 2016 und 2017 etliche Vorträge zu Martin Luther und dessen bahnbrechenden Entdeckungen.[9]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zimmer greift Christen mit einem fundamentalistischen Schriftverständnis und einem konservativen Lebensstil an und wirft ihnen Voreingenommenheit, Sturheit und Negierung wissenschaftlicher Erkenntnisse vor. Mitunter wirkt seine Kritik scharf, plakativ, polemisch und herablassend. So meint etwa Thomas Schirrmacher: „Zimmer stellt Andersdenkende pauschal als ungebildete, unwissende und fromme Angsthasen dar.“[10]

Evangelikale Theologen empfinden Zimmers Darlegungen als einseitig: „Vereinfachungen und Pauschalierungen“ meint Beat Weber darin zu erkennen, und weist darauf hin, dass Zimmer in seinem Plädoyer für die universitäre Bibelwissenschaft die darin enthaltenen Prämissen wie etwa den „methodischen Atheismus“ nicht wahrnehme.[11] Armin Daniel Baum und Reinhard Junker bemängeln, dass Zimmer die facettenreiche, globale evangelikale Bewegung und Theologie einseitig wahrnehme und zu undifferenziert kritisiere. Zudem werde die Autorität der Bibel als Wort Gottes von ihm relativiert und ausgehöhlt, da nach seiner Auffassung Jesus selbst die Heilige Schrift kritisch interpretiert habe. Die für das bibeltreue Schriftverständnis prägende Vorstellung einer Einheit des fleischgewordenen Wort Gottes Jesus und dem inspirierten geschriebenen Wort Gottes werde damit aufgegeben. Aus evangelikaler Sicht zentrale christliche Glaubensaussagen wie die „historische“ leibliche Auferstehung Jesu, Himmel, Hölle und Teufel würden in einzelnen Worthaus-Referaten anders als von den evangelikalen Autoren gefordert interpretiert oder in Frage gestellt.[12][13][14] Der Theologe Markus Till wies in einem Vortrag darauf hin, dass Siegfried Zimmer grundlegende christliche Lehren negiere, wie zum Beispiel die Gottessohnschaft von Jesus oder die Erlösung durch seinen Tod.[15]

In seinen Vortragsreihen bei Worthaus greift Zimmer auch umstrittene Themen auf, so auch das Verhältnis von Homosexualität und Christentum. Dieser Vortrag hat große Beachtung gefunden, weil Zimmer darin behauptet, dass die Ablehnung von Homosexualität sich nicht auf die Bibel berufen könne und daher für Christen nicht haltbar sei. Er hat dazu sowohl Zustimmung als auch Widerspruch erhalten.[16][17][18]

Mit einigen Autoren dieser kritischen Reaktionen ist Zimmer in Dialog getreten und hat wiederum öffentlich Stellung bezogen.[19]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Problem der Kindertaufe in der Theologie Martin Luthers. Luthers reformatorische Grunderkenntnisse als Maßstab für die Frage nach der Kindertaufe. 2 Teil-Bde. 1992 (Maschinenschr. Diss. Univ. Tübingen 1992, Ref. Oswald Bayer u. Karl-Ernst Nipkow)
  • Was ist Geschichte? Plädoyer für die Befreiung der historisch-kritischen Methode aus einem verengten Geschichtsverständnis. In: Wolfgang J. Bittner, Siegfried Zimmer (Hrsg.): Was ist Bibeltreue? Fundamente, aber kein Fundamentalismus. St. Gallen (Schweiz) 1995. S. 51–57.
  • mit Georg Schützler: Wohin gehen die „Nachteulen“? Argumente, Geschichten und Phantasien für Gottsucher und solche, die es werden könnten. Stuttgart 1998, ISBN 978-3791834634
  • mit Georg Schützler: Nachteulen-Gottesdienste. Spirituelle Angebote für Kirchenferne. Stuttgart 2001. ISBN 978-3-783119-83-1
  • Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts. Göttingen 2007. – 2., überarb. Aufl. 2008. Göttingen 2008. – 3., durchgehend überarb. Aufl. 2010. Göttingen 2010. ISBN 978-3-525573-06-8 – 4., unveränd. Aufl. 2012.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Homepage von Siegfried Zimmer
  2. Siegfried Zimmer auf www.ph-ludwigsburg.de
  3. Beruflicher Werdegang. In: siegfriedzimmer.de. Abgerufen am 3. August 2016.
  4. Nachteulengottesdienst. In: siegfriedzimmer.de. Abgerufen am 3. August 2016.
  5. Siegfried Zimmer auf worthaus.org
  6. Siegfried Zimmer zur Bibel im ERF-Magazin Antenne Schweiz März 2013
  7. Interview mit Siegfried Zimmer (Memento vom 1. Januar 2015 im Internet Archive) in der TV-Sendung Fenster zum Sonntag
  8. Siegfried Zimmer auf www.meinspring.de (Memento vom 28. Februar 2014 im Internet Archive)
  9. Tobias Becker: Luther heute: Frei nach Luther – Unterwegs mit Siegfried Zimmer. In: Programmtipps. 4. November 2016. Auf Bibel.TV, abgerufen am 14. April 2022.
  10. Thomas Schirrmacher: Siegfried Zimmer und der „Menschensohn“. Ein Kommentar zu einer Passage aus dem Worthaus-Vortrag „Der Prozess vor Pilatus (Mk 15,1–15)“ von Prof. Dr. Siegfried Zimmer, in: Glauben und Denken heute, Heft 1 von 2020, S. 14–17, dort 15.
  11. Beat Weber: Besprechung von Zimmers Buch Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?, in: Jahrbuch für Evangelikale Theologie 22 (2008), S. 260–262.
  12. Armin D. Baum: Rückmeldung an Siegfried Zimmer
  13. Rezension Reinhard Junker in Wort und Wissen
  14. Markus Till: Spaltet die "Worthaus"-Theologie? IdeaSpektrum, Wetzlar 1. November 2017, S. 26–27
  15. Dr. Till Markus: Konsultation 2020: Kontroversen innerhalb der evangelikalen Bewegung: „WORTHAUS". Netzwerk Bibel und Bekenntnis, 14. November 2020, abgerufen am 22. Juli 2022.
  16. Michael Kotsch: Diffamierung als „bestes“ Argument. 4. Mai 2015
  17. Debatte über christlichen Umgang mit Schwulen entbrannt. (PDF; 182KB) In: www.idea-pressedienst.de. 22. April 2015, S. 4, abgerufen am 12. Februar 2016.
  18. Johannes Hartl: Familiensynode, Siegfried Zimmer und die Auslegung der Bibel. 21. April 2015 (Memento vom 13. Mai 2016 im Internet Archive)
  19. Theologische Stellungnahmen. In: siegfriedzimmer.de. Archiviert vom Original am 18. Oktober 2016; abgerufen am 18. Oktober 2016.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/siegfriedzimmer.de