Sounds (deutsche Zeitschrift)

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Sounds war eine deutsche Musikzeitschrift, die 1966 gegründet wurde. Anfangs lag der Schwerpunkt auf Free Jazz, ab 1968 dann beim Progressive Rock. Gegen 1978/79 verlagerte sich der Schwerpunkt auf die (damals in Deutschland noch wenig bekannte) Punk- und New-Wave-Musik. Im Laufe der Zeit avancierte Sounds zum ersten deutschen Popmusik-Magazin.[1]

Gründer und Namensgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründer, Verleger und Schreiber in einer Person war der zuvor als Tourneemanager tätige und nebenher Gedichte verfassende Rainer Blome. Die erste, zu Beginn rein auf zeitgenössischen Jazz ausgerichtete Ausgabe von Sounds kam 1966 in Solingen heraus, ihr Untertitel lautete Die Zeitschrift für Neuen Jazz.[2] Zur Wahl des Namens Sounds wurde Blome durch eine Bemerkung des Jazz-Saxophonisten Albert Ayler angeregt, die denn auch als programmatisches Motto im ersten Heft zu lesen ist: »Our music is no longer about notes, it’s about sounds«.[3]

Entwicklungsgeschichte des Magazins[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einer der Redaktionssitze von Sounds während der Jürgen-Legath-Ära, Heilwigstraße 33/Ecke Isestraße, Hamburg

Das Auf-und-Ab in der Gesamtentwicklung des Heftes zeigt sich an den siebenmal gewechselten Redaktionssitzen: Die Erstausgabe erschien 1966 in Solingen (Entenpfuhl 4), zwischen 1968 und 1972 hatte die Redaktion nacheinander drei verschiedene Kölner Standorte (Isabellenstraße 18a; Ubierring 13 Hohestraße 156) und von 1973 bis 1983 in Hamburg wechselte sie von der Heilwigstraße 33 erst in den Winterhuder Weg, dann an den Steindamm. Es spiegelt sich aber auch an der Erscheinungsweise wider, die sich erst nach und nach eingependelt hat: erst unregelmäßig, dann zweimonatlich, in den Blütezeiten von Sounds schließlich eine Ausgabe pro Monat.[4]

Erste Etappe (Rainer-Blome-Ära)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hatte sich Sounds im ersten Jahr des Erscheinens ausschließlich mit dem Free Jazz solcher Musiker wie Ornette Coleman, Sonny Rollins und Albert Ayler beschäftigt, kündigte sich im Jahre 1967 mit einer Rezension der LP »Freak Out« von Frank Zappas Band Mothers of Invention bereits die allmähliche Hinwendung zur Rockmusik an.[5] Bald schon stand Rockmusik im Zentrum des Redaktionsinteresses und die Berichterstattung über aktuellen Jazz fristete bald nur noch ein Schattendasein. Die Konsequenz: Ab 1969 Sounds nannte sich im Untertitel »Magazin zur Popmusik«.[6] Was einst als kleines unregelmäßig erscheinendes Fanzine auf gräulichem Abzugspapier gestartet wurde, entwickelte sich unter Boome im Laufe der Zeit zum regelmäßig erscheinenden Periodikum und wegen seines profunden Umgangs mit Musik zu einem meinungsbildenden Magazin ersten Ranges.[7] War es zwar meinungs-, so war es jedoch keineswegs auflagenstark — wie sich die wirtschaftliche Situation auf den Nenner bringen lässt. Auch eine eigene Österreich-Beilage, ein vierseitiges Faltblatt in Schwarz-Weiß, an dem die österreichischen ORF-Radiojournalisten Wolfgang Kos und Michael Schrott und Günter Brödl mitarbeiteten, trug nicht nennenswert zur Auflagensteigerung bei.[8] 1972 kam es zum Wechsel des Verlegers. Der die Krautrock-Band Ihre Kinder promotende Manager Jonas Porst, Sohn des linken Nürnberger Fotounternehmers Hansheinz Porst, steckte Kapital in Sounds und versprach: „Nun sind alle Etats erhöht, und den Leuten in der Redaktion sind alle Existenzsorgen genommen. Niemand ist mehr gezwungen, die Zeitschrift, zwar mit ganzem Herzen, aber doch nebenberuflich zu machen.“[9] Doch nur fünf Monate später existierte gar kein Arbeitsplatz mehr für Blome. Nach Auseinandersetzungen mit Porst, die wohl um dessen nicht eingehaltene Zusage, ihn zum Chefredakteur mit entsprechenden inhaltlichen Entscheidungsbefugnissen zu machen, schied der Sounds-Gründer unerwartet aus und taucht im August-Heft des Jahres lediglich als Mitarbeiter auf. Diedrich Diederichsen hat Blome, der 1995 verstorben ist, posthum als „eine extrem interessante Figur“ gerühmt, die „äußerst meinungsintensiv und aggressiv und auch leidenschaftlich“ zu schreiben verstand.[10]

Zweite Etappe (Jürgen-Legath-Ära)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übergangsweise führte Michael Wallossek die Redaktion, bevor im August 1972 der durch seine Tätigkeit beim Stern als profiliert ausgewiesene Graphikdesigner Jürgen Legath an Bord geholt wurde. Dessen ausgesprochene Idealvorstellung eines zeitgemäßen Musik-Magazins war am amerikanischen Rolling Stone ausgerichtet. Spätestens mit der Dezember-Ausgabe von Sounds war dies auch für die Leserschaft bereits am Kiosk unübersehbar. Statt des bisherigen DIN-A 4-Formats (210 x 297 mm), erschien Sounds im Magazinformat (210 x 280 mm), im Vierfarbdruck, auf hochwertigem Papier. Auch das Layout im Inneren des Heftes wurde von Legath umgestaltet. Rubriken wie Inhaltsverzeichnis (‘In diesem Heft’), Leserbriefe, News, Tourneedaten, Features, Berichte von Live-Konzerten, Plattenkritiken sowie die Spalte Filme/Bücher — alles wurde in eine Form gebracht, die bis zum Ende von Sounds weitestgehend erhalten geblieben ist. Als Jürgen Legath 1973 die Notwendigkeit einer Übersiedlung der Redaktion von Köln nach Hamburg, wo seinerzeit nahezu alle großen Plattenfirmen residierten, ins Spiel und energisch in Gang brachte, stieg Porst aus — und Legath erwarb das Blatt kurzerhand selbst, verantwortlicher Herausgeber und Eigentümer in einer Person.[11]

Die „Gonzo-Faust“, zwei Daumen einen Peyote-Kaktus haltend, — ‚Wasserzeichen’ des Gonzo-Journalismus

Drei Personen bildeten den harten Kern einer ansonsten eher frei 'flottierenden' Redaktion: Jürgen Legath, genannt „Commander“, sowie dessen ‚Kumpel’ Jörg Gülden, Schreiber (Pseudonym Dr. Gonzo) und Bandmitglied von Flying Klassenfeind und Teja Schwaner, einer der produktiven Englisch-Übersetzer und Autor im Bereich Popkultur.[12] Alle drei schätzten die subjektive Schreibweise des deutschsprachigen Popjournalismus der 60er Jahre.[13] Folgerichtig waren Legath, Gülden und Schwaner Fans all dessen, was vom New Journalism aus Amerika herüberkam, besonders Hunter S. Thompson und der so genannte Gonzo-Journalismus.[14][15] Aus dieser Position heraus, gab es eine große Offenheit für jede Art von „Rock-Schreibe“ (Diederichsen),[16] frei nach Neuterts Provo-Parole: „Nur nicht sachlich werden, immer schön persönlich bleiben.“[17] So schrieben — auf ihre je ureigene Weise — so unterschiedliche Leute wie Werner Büttner, Detlef Diederichsen (unter dem Pseudonym Ewald Braunsteiner), dessen Bruder Diedrich Diederichsen, Andreas Dorau, Peter Glaser, Peter Hein, Alfred Hilsberg, Rainer B. Jogschies (Deutsch-Rock, Festivals, Musikerinitiativen), Hans Keller, Kid P. (eigentlich Andreas Banaski), Michael O.R. Kröher, Reinhard Kunert, Joachim Lottmann, Albert Oehlen, Olaf Dante Marx, Georg Seeßlen, Joachim Steinhöfel und Alexander Sevschek (unter den Pseudonymen Xao Seffcheque und O.R.A.V.). Was sie einte, war ein linker Gestus, eines „nicht näher definierten Haufen(s) von Seinesgleichen“, der sich laut einer späten Selbstkritik von Diederichsen „außerhalb jeder praktischen Politik, aber auch außerhalb jedes politischen Verhältnisses zur zeitgenössischen Politik aufhielt.“[18] Aus ihren Reihen kam gegen 1978/79 der wichtige Impuls, den thematischen Schwerpunkt von „Sounds“ von der Rockmusik auf die (damals in Deutschland noch wenig bekannte) Punk- und New-Wave-Musik zu verlagern.[19] Im Zuge dieser Entwicklung geriet „Sounds“ sogar zu einer Art ‚Zentralorgan’ der Neuen Deutschen Welle, was einer Vielzahl (vermutlich älterer) Abonnenten gar nicht gepasst hat. Die Auflagenzahlen sanken. Und die Krise der Plattenindustrie, die immer weniger Anzeigen schaltete, tat ihr Übriges. Im Januar 1983 erschien die letzte Ausgabe von „Sounds“.

Etappen-Ende (Marquard/Springer-Ära)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noch im selben Jahr verkaufte Legath „Sounds“ an den Schweizer Verleger Jürg Marquard. Der verlegte bereits »Musikexpress« und brachte nun beide Periodika unter dem Doppeltitel „Musikexpress Sounds“ als eins heraus. Und dies auf eine Weise, die inhaltlich und von der Schreibweise her weitgehend dem traditionellen Musik- und Journalismus-Verständnis des Musikexpress entsprach. Zahlreiche Redakteure und Autoren von Sounds sprangen daraufhin ab und wechselten zur Zeitschrift Spex. Nach einer Übernahme durch den Axel-Springer-Verlag im Jahr 2000, hieß es nur noch Musikexpress. 2008 wiederum versuchte genau dieser Verlag die mittlerweile legendär gewordene Sounds doch noch einmal wiederzubeleben und ging mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren auf den Markt, [20] was gründlich daneben ging. Nach sieben Ausgaben, die sicherlich keine schwarze Zahlen geschrieben haben dürften, wurde das fragwürdige Unternehmen gestoppt und November 2009 wieder gänzlich eingestellt.[21]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jürgen Legath (Hrsg.): Sounds – Platten 66-77. 1827 Kritiken; Frankfurt/Main 1979 (nur noch antiquarisch erhältlich)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Stichwort Sounds. In: roxikon . Das Lexikon zur Rock- und Pop-Musik http://www.roxikon.de/medien/sounds/
  2. Sounds Nr. 1 erschien Winter 66/67. Auf dem Cover: Free-Jazz-Saxophonist Peter Brötzmann, bester Freund von Blome. Mit ihm und mit Peter Kowald betrieb Blome die »New Jazz Artists’ Guild«. Vgl. Rubrik Archiv (1966). In: Sounds-Archiv. A German Music Monthly 1966 – 1983 http://sounds-archiv.at/styled-201/styled-202/
  3. Vgl. Rubrik Archiv. In: Sounds-Archiv. A German Music Monthly 1966 – 1983 http://sounds-archiv.at/styled-201/styled-202/
  4. Vgl. Rubrik Archiv. In: Sounds-Archiv. A German Music Monthly 1966 – 1983 http://sounds-archiv.at/styled-201/styled-202/
  5. Vgl. Stichwort Sounds. In: roxikon . Das Lexikon zur Rock- und Pop-Musik http://www.roxikon.de/medien/sounds/
  6. Vgl. Rubrik Archiv (1966 und 1967). In: Sounds-Archiv. A German Music Monthly 1966 – 1983 http://sounds-archiv.at/styled-201/styled-202/
  7. Vgl. Rubrik Archiv (1966 und 1967). In: Sounds-Archiv. A German Music Monthly 1966 – 1983 http://sounds-archiv.at/styled-201/styled-202/
  8. Vgl. Rubrik Sounds in Österreich. In: Sounds-Archiv. A German Music Monthly 1966 – 1983 http://sounds-archiv.at/styled-201/styled-202/
  9. Vgl. Rubrik Archiv (1972). In: Sounds-Archiv. A German Music Monthly 1966 – 1983 http://sounds-archiv.at/styled-201/styled-202/
  10. Vgl. http://sounds-archiv.at/styled-201/styled-202/
  11. Vgl. Ronald Strehl: „Die Sounds-Story“. Die Geschichte des 1. deutschen Popmusik-Magazins. Sendung des NDR-Nachtclub, Hamburg 2006.
  12. Ronald Strehl: „Die Sounds-Story“. Die Geschichte des 1. deutschen Popmusik-Magazins. Sendung des NDR-Nachtclub, Hamburg 2006.
  13. Leute also wie Nettelbeck, Neutert oder Salzinger (der unterm Pseudonym Jonas Überohr dann ja auch nicht umsonst ständiger Kolumnist von „Sounds“ geworden ist).
  14. Vgl. hierzu Diedrich Diederichsen im Interview mit Clara Drechsler: Lebe sparsam – und koche nach Rezept. In: Spex 10/1995, S. 56–59, hier S. 56.
  15. Ronald Strehl: „Die Sounds-Story“. Die Geschichte des 1. deutschen Popmusik-Magazins. Sendung des NDR-Nachtclub, Hamburg 2006.
  16. Obwohl laut eigenem Bekunden ‚anti-rockistisch’ eingestellt, gebraucht Diedrich Diederichsen tatsächlich den Ausdruck „Rock-Schreibe“. Vgl. das Interview mit Clara Drechsler: Lebe sparsam – und koche nach Rezept. In: Spex 10/1995.
  17. Natias Neutert in: Boa Vista, Zeitschrift für Kunst und Literatur, Nr. 3, Hamburg 1975, S. 55.
  18. Diedrich Diederichsen: „Wer ist die Gehirnpolizei“? In: SPEX Nr. 10, Oktober 1995, S. 50–55, hier S. 52.
  19. Jürgen Legath (Hrsg.): Sounds – Platten 66-77. 1827 Kritiken; Frankfurt/Main 1979 (nur noch antiquarisch erhältlich).
  20. Peter Mühlbauer: Etikettenschwindel. Der Axel-Springer-Verlag lässt „Sounds“ wiederauferstehen
  21. Jens Schröder: „Springer legt Musikmagazin Sounds auf Eis“, bei meedia.de, 26. Februar 2010