Stadtpalais

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Unter Stadtpalais (französisch PalaisPalast‘),[1] auch Stadtpalast oder Stadtschloss, versteht man Residenzen des Stadtadels und städtische Zweitwohnsitze des Landadels.

Historische Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mittelalter war der Adel durchwegs im ländlichen Raum ansässig oder außer- und oberhalb der Burgsiedlungen, die oft sekundär um den Ansitz entstanden waren. Nur dort, wo die Burgen Siedlungskerne größerer Städte waren, oder in explizit ausgesuchten Residenzstädten (Hauptstädten) befand sich der Wohnsitz der örtlichen Regenten in der Stadt.[2]

Der Ritter, der seinem Lehnsherrn die Aufwartung machte, schlug sein Zeltlager vor der Stadt auf; höhergestellten Persönlichkeiten wurde im eigenen Haus Quartier geboten. Eine Blüte erreichte das Stadtpalais (Palazzo) dann in der Renaissance Italiens,[3] von der merkantilen Bourgeoisie ausgeführt in den Stadtrepubliken wie Venedig, Florenz[4] und Siena und auch der Kirchenstadt Rom.[5] Schon Leon Battista Alberti behandelte den Stadtpalast in seiner kunsttheoretischen Schrift "Über das Bauwesen" (Decem libri de re aedificatoria) (ca. 1443–1452) als eigenständige Bauaufgabe. Eine Fortsetzung fand dies besonders im Kolonialismus Spaniens und Portugals.[6]

Mit dem ausgehenden Mittelalter wollte der Stadtadel, beginnend im Mittelmeerraum, aber zunehmend auch vor der Enge – und auch dem Schmutz – der wachsenden Städte in Landgüter ausweichen, zumindest saisonal als Sommerresidenz. Sonst wurden rund um die Städte zunehmend Vorstadtpaläste angelegt. Gleichzeitig begann auch der Landadel, seine Güter prunkvoll in Form von schlossartigen Villen auszubauen, besonders als mit dem aufkommenden Palladianismus ein völlig neuer Stil der Repräsentationsarchitektur modern wurde. Intensiv findet sich das im 17. Jahrhundert etwa in England mit der mächtigen Gentry (dem Landadel). Dort setzte die Industrialisierung denn auch im Umfeld der Landgüter, nicht in den Großstädten ein. Einen Höhepunkt erreichte die Stadtflucht des Adels mit der Errichtung der neuen Residenz des französischen Königs, Versailles, 20 Kilometer außerhalb von Paris, Mitte des 17. Jahrhunderts. Dem Beispiel folgten zahlreiche Fürstenhöfe in ganz Europa, und der Hofstaat pendelte anfangs saisonal zwischen Stadtschloss und Sommerresidenz und zog im Laufe des Barocks endgültig aus der Stadt aus. Die alten Stadtburgen wurden teils abgerissen, teils in Verwaltungsgebäude umgewandelt.

Im Zuge der außerstädtischen Ansiedlung der Residenzen wurden aber neue suburbane Siedlungskerne geschaffen, gleichzeitig wurden die Städte umstrukturiert und von Altstadtkernen mit Stadtmauern in moderne Festungen umgewandelt. Außerdem wurden Gerichtsbarkeit und öffentliche Verwaltung zunehmend zentralisiert, die Residenzstädte gewannen an Bedeutung und der Bedarf an Hofbeamten stieg.[7]

Paris: Stadtpalais des Salomon Rothschild in der Avenue de Friedland (erbaut 1873 bis 1882)

Es setzte eine Gegenbewegung ein, der Adel suchte die physische Nähe des Hofes, mochte vermehrt am städtischen Leben teilnehmen und auch den Unbilden des Landlebens zu entfliehen. Der vermögende Landadel begann nun, sich in den Kern- und Vorstädten prunkvolle Zweitwohnsitze zu schaffen, Stadtpalais genannt.[1]

Diese Entwicklung ging wieder vom Mittelmeer aus; in Kastilien und im Königreich beider Sizilien sammelte sich der Adel schon im 16. Jahrhundert in den Städten.[8] Im nördlicheren Europa waren die Landadeligen während der Landwirtschaftssaison weiter auf den Landgütern und nutzten die Stadtschlösser als Winterpalais. Zentren der Entwicklung waren die Höfe zu Paris (mit den typischen Hôtels), London und Wien (wo nach dem Ende der Türkengefahr 1683 die Vorstädte wieder als sicher galten).

Im Frankreich des 18. Jahrhunderts etwa lebten 40 % des Adels in der Stadt, Ende des Mittelalters waren es 4 % gewesen.[9] Mit dieser Abwanderung der Wohlhabenden und Mächtigen verarmte gleichzeitig der Landadel zunehmend. Die Stadt- und Vorstadtpalais wurden zunehmend zur Abbildung der Fürstenhöfe im Kleinen.[10] Parallel entwickelte sich – im katholischen Süden Europas – das Bischofspalais als repräsentativer Sitz der geistlichen Fürsten. Mit der Abschaffung der Grundherrschaft und des Leibeigentums nach der Revolution bis in die 1850er Jahre und mit dem vermehrten Aufkommen der nicht-adeligen hochindustriellen Unternehmerschaft abseits der Städte,[11] noch einmal intensiviert in der Schleifung der Stadtbefestigungen ab Mitte des 19. Jahrhunderts (Gründerzeit in Deutschland), was neuen Bauraum in der Zentralstadt schuf, finden sich auch wieder bürgerliche Prachtbauten, die ebenfalls „Stadtpalais“ genannt wurden: Ein repräsentativer Sitz in der Stadt, der jedem alten Adelshaus paroli bieten konnte, war der erste Schritt in den Geldadel. Sonst glichen sich in dieser Zeit Stadtpalais, Bürgerhaus und (gehobeneres) Zinshaus im Erscheinungsbild weitgehend an. Mit den Umbrüchen der Weltkriege endet diese Entwicklung.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ronald G. Asch: Europäischer Adel in der Frühen Neuzeit: Eine Einführung. Band 3086 von UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher – Geschichte. Verlag UTB, 2008, ISBN 978-3-8252-3086-9, Das adlige Haus und seine Angehörigen, S. 97–131 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Eduard von Habsburg-Lothringen: Wo Grafen schlafen: Was ist wo im Schloss und warum? C.H.Beck, 2011, ISBN 978-3-406-60703-5, Abschnitt Geschichtliche Entwicklung, S. 23 ff. (Google eBook, Leseprobe in der Google-Buchsuche).

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Das französische Lehnwort Palais, aus dem römischen Stadtberg Palatinus und im Palas der Burg schon einmal entlehnt, zeigt die Herkunft der Entwicklung im deutschen Raum aus Frankreich. Vergl. dazu Walter Pape: Raumkonfigurationen in der Romantik. 2. Auflage. Band 7 von Schriften der Internationalen Arnim-Gesellschaft. Walter de Gruyter, 2009, ISBN 978-3-11-023101-4, S. 140 (eingeschränkte Vorschau).
  2. Karl M. Swoboda: Römische und romanische Paläste. Eine architekturgeschichtliche Untersuchung (1919/1924). 3. Aufl., Böhlau, Wien/Kön/Graz 1969.
  3. Andreas Tönnesmann: Zwischen Bürgerhaus und Residenz. Zur sozialen Typik des Palazzo Medici. In: Andreas Beyer, Bruce Boucher (Hrsg.): Piero de'Medici ‹il Gottoso› (1416–1469). Kunst im Dienste der Mediceer. Akademie-Verlag, Berlin 1993, S. 71–88.
  4. James R. Lindow: The Renaissance Palace in Florence. Magnificence and Splendour in Fifteenth-Century Italy. Ashgate, Aldershot 2007.
    Francesco Gurrieri, Patrizia Fabbri: Die Paläste von Florenz. München 1996.
  5. Christoph Luitpold Frommel: Der römische Palastbau der Hochrenaissance. 3 Bände, Reihe Römische Forschungen der Bibliotheca Hertziana, Wasmuth, Tübingen 1973.
  6. Der Glanz der Residenzen: Renaissance und Barock in Europa, Schwarzafrika und Altamerika. Reihe Brockhaus, die Bibliothek. Kunst und Kultur 4; Brockhaus, Leipzig/Mannheim: 1998.
  7. vergl. Tilman Harlander: Villa und Eigenheim: suburbaner Städtebau in Deutschland. Dt. Verlags-Anst., 2001, ISBN 978-3-421-03299-7, Kapitel Jeder Familie ihr eigenes Haus und Suburbanisierung Die wachsende Peripherie, S. 18 ff. und 50 ff., insb. 28.
  8. In Neapel etwa repräsentierten die Stadtteile, die seggi, die Vertretung sämtlicher Barone des Königreichs. Asch: Europäischer Adel. S. 128.
  9. Asch: Europäischer Adel. S. 130.
  10. vergl. Dietrich W. H. Schwarz: Sachgüter und Lebensformen: Einführung in die materielle Kulturgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Band 11 von Grundlagen der Germanistik/kognitiven Sprachverarbeitung. Verlag Erich Schmidt, 1970, S. 32 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. freie Unternehmerschaft gab es vorher primär im Handel, mit seinen stolzen Bürgerhäusern ab dem Spätmittelalter, in der Urproduktion im ländlichen Raum nur in Form der Gewerken im Bergbau und der Kleineisenindustrie mit ihren Herrenhäusern.