Stefano Delle Chiaie

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Stefano Delle Chiaie (* 13. September 1936 in Caserta) ist ein italienischer Neofaschist und Terrorist. Er war Gründer der rechtsextremen außerparlamentarischen Bewegung Avanguardia Nazionale und Mitglied der Terrororganisation Ordine Nuovo. Aufgrund seines Engagements in der Strategie der Spannung in Italien und der Operation Condor in Südamerika wurde weltweit nach ihm gefahndet.

Aktivitäten bis zur Verhaftung und Gerichtsverhandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Emblem der Avanguardia Nazionale

Delle Chiaie begann als Mitglied des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI), dessen Bereitschaft, an Wahlen teilzunehmen, er jedoch ablehnte. Daher verließ er 1960 die Partei, um die Avanguardia Nazionale als außerparlamentarische Bewegung zu gründen. Zu dieser Zeit trat er auch der Winkelloge Propaganda Due (P2) bei. Außerdem war er Mitglied der Stay-behind-Organisation Gladio.[1][2]

Er wirkte 1965 an der Schein-Presseagentur Aginter Press von Yves Guérin-Sérac in der portugiesischen Salazar-Diktatur mit.

Delle Chiaie war ein enger Verbündeter Junio Valerio Borgheses, mit dem er auch im Golpe Borghese involviert war, einem fehlgeschlagenen Putschversuch von 1970 in Italien, nach welchem er ins franquistische Spanien flüchtete. Dort setzte er seine Bemühungen am Aufbau der Avanguardia Nazionale fort, traf mit zukünftigen Mitgliedern der Grupos Antiterroristas de Liberación (GAL) zusammen und freundete er sich mit dem belgischen Faschisten Léon Degrelle an.

Delle Chiaie verbrachte danach die meiste Zeit in Lateinamerika und wurde von der CIA 1983 als der meistgesuchte rechtsgerichtete Terrorist bezeichnet. Im Zuge seiner Aktivitäten war Delle Chiaie auch unter verschiedenen Alias-Namen wie ALFA oder Alfredo Di Stéfano (nach dem berühmten Fußballspieler) bekannt. 1973 war er am Massaker von Ezeiza in Argentinien beteiligt[3] 1975 begegnete er dem US-amerikanischen DINA-Agenten Michael Townley, um das (später gescheiterte) Attentat am chilenischen Christdemokraten Bernardo Leighton vorzubereiten. Ebenfalls beteiligt war er beim Massaker von Montejurra, der Ermordung linksgerichteter Carlisten durch rechtsextreme Terroristen. 1980 half er gemeinsam mit dem nationalsozialistischen Kriegsverbrecher Klaus Barbie beim erfolgreichen Staatsstreich (sogenannter Cocaine Coup) des bolivianischen Diktators Luis García Meza Tejada. Die Ermittlungen des spanischen Untersuchungsrichters Baltasar Garzón ergaben, dass er sowohl für Augusto Pinochets Geheimpolizei DINA als auch für die Alianza Anticomunista Argentina (AAA) und die Diktatur Hugo Banzers in Bolivien tätig war.[3]

Delle Chiaie wurde 1987 in Caracas (Venezuela) festgenommen, nachdem er Bolivien nach der Amtsübernahme von Hernán Siles Zuazo im Oktober 1982 verlassen hatte.[4][5]

Delle Chiaie wurde an Italien ausgeliefert, um sich dort vor Gericht für seine Rolle am Massaker von der Piazza Fontana vom 12. Dezember 1969 zu verantworten. Das Assisengericht von Catanzaro sprach ihn und den mitangeklagten Massimiliano Fachini allerdings frei.[6]

Ihm wurde auch eine Mittäterschaft am Anschlag von Bologna 1980 zur Last gelegt. Er wurde jedoch, nach einer Verurteilung in erster Instanz, in der Berufungsverhandlung freigesprochen.[7]

Verstrickung in der Operation Condor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Operation Condor teilnehmende Staaten (grün); blassgrün markiert sind Staaten, die sich nur teilweise beteiligten, in blau die als Unterstützer tätigen USA.

Nachdem er das Vertrauen Augusto Pinochets gewonnen hatte, zog Stefano Delle Chiaie 1974 von Spanien nach Chile, wo er nicht nur für die dortige Regierung tätig war, sondern auch in Argentinien und El Salvador sowohl Regierungstruppen als auch konterrevolutionäre Banden ausbildete und sich somit aktiv am Schmutzigen Krieg und dem Staatsterrorismus der Operation Condor beteiligte.

Zusammen mit dem NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie und rund 70 Agenten des argentinischen Geheimdienstes SIDE verhalf er 1980 im so genannten Cocaine Coup dem rechtsextremen bolivianischen Offizier Luis García Meza Tejada an die Macht. Delle Chiaie stellte sich dann in den Dienst des neuen Regimes und bildete seine Soldaten aus. Er äußerte sich in einem 1983 geführten Interview mit einem spanischen Reporter folgendermaßen:[8]

«Decisi che dovevo dare un contributo alla creazione di un movimento rivoluzionarlo internazionale. […] Così, quando si affacciò in Bolivia la proposta di una rivoluzione nazionale, noi eravamo lì, con i nostri a fianco dei camerati boliviani. Non eravamo né torturatori né narcoterroristi, ma militanti politici.»

„Ich entschied mich, einen Beitrag zur Schaffung einer internationalen revolutionären Bewegung zu leisten. […] Als sich die Möglichkeit einer nationalen Revolution in Bolivien ergab, standen wir daher unseren bolivianischen Kameraden bei. Wir waren weder Folterknechte noch ‚Narco-Terroristen‘, sondern politisch Militante.“

Bei einer Vernehmung durch den Parlamentsausschuss unter Vorsitz von Senator Giovanni Pellegrino im Jahre 1997 sprach Stefano Delle Chiaie von einer „schwarzen faschistischen Internationale“ und seinen Hoffnungen, die Grundlagen einer „internationalen Revolution“ zu schaffen. Er erwähnte auch die Antikommunistische Weltliga, gab aber an, bei den Treffen in Paraguay nie anwesend gewesen zu sein, da er die Weltliga für eine Tarnorganisation der CIA hielt.[8] Er gab lediglich seine Teilnahme bei der Organisation Neue Europäische Ordnung zu und stritt ab, mit der Internationalen Antikommunistischen Allianz um 1974 zusammengearbeitet zu haben.

Delle Chiaie traf sich 1975 in Madrid mit Pinochet bei der Begräbnisfeier Francisco Francos, was den Ausgangspunkt für seine Tätigkeit für das chilenische Regime und die Operation Condor darstellen sollte. Nach Angaben des Juristen Alun Jones, der die spanische Justiz beim Pinochet-Auslieferungsgesuch gegenüber Großbritannien vertrat, soll bei Pinochets Treffen mit Delle Chiaie ein Mordanschlag auf Carlos Altamirano, dem Vorsitzenden der Sozialistischen Partei Chiles, besprochen worden sein. Das Vorhaben scheiterte allerdings aufgrund Altamiranos Umsicht – oder weil ein ausländischer Nachrichtendienst unbekannter Herkunft ihn vorgewarnt haben könnte.[3][9]

CIA-Dokumente besagen, dass Stefano Delle Chiaie auch mit dem DINA-Agenten Michael Townley und dem Exil-Kubaner Virgilio Paz Romero Kontakt hatte, um mit Hilfe von Francos Geheimpolizei die Ermordung des chilenischen Politikers Bernardo Leighton zu planen. Am 6. Oktober 1975 wurden Leighton und seine Frau im römischen Exil durch Schüsse schwer verletzt.[10]

Des Weiteren wird vermutet, dass Delle Chiaie an der Ermordung von General Carlos Prats am 30. September 1974 in Buenos Aires beteiligt gewesen sein soll. Diesbezüglich sagte Delle Chiaie im Dezember 1995 in Rom zusammen mit seinem Komplizen Vincenzo Vinciguerra vor dem Richter Servini de Cubria aus; hierbei lasteten sie Michael Townley und dem früheren chilenischen Geheimagenten Enrique Arancibia Clavel die Haupttäterschaft an.[11] Townley gab an, dass Arancibia im Herbst 1977 nach Kalifornien gereist sei, um Bankgeschäfte für Delle Chiaie zu erledigen.[12] Gegen Arancibia wurde 2004 in Argentinien wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit Anklage erhoben.[13]

Finanzierung durch die CSU[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Recherchen des ZDF-Fernsehmagazins Kennzeichen D erhielt Delle Chiaie finanzielle Zuwendungen über die Hanns-Seidel-Stiftung der CSU, wobei Franz Josef Strauß eine zentrale Rolle gespielt haben soll. Als weitere Beteiligte wurden Marcel Hepp als Kontaktmann und ein Dieter Huber als Geldbote genannt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paola Bernasconi: Zwischen Aktivismus und Gewalt: Die Wurzeln des italienischen Neofaschismus. In: Massimiliano Livi, Daniel Schmidt, Michael Sturm (Hrsg.): Die 1970er Jahre als schwarzes Jahrzehnt. Politisierung und Mobilisierung zwischen christlicher Demokratie und extremer Rechter. Campus, Frankfurt a. M./New York 2010, ISBN 978-3-593-39296-7, S. 171-189.
  • Stuart Christie: Stefano Della Chaie: Portrait of a Black Terrorist. Refract Publications, 1983, ISBN 0-946222-09-6.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dienstbereit - Nazis und Faschisten im Auftrag der CIA, Regie und Buch: Dirk Pohlman; Februar Film GmbH in Zusammenarbeit mit dem ZDF, ZDF Enterprises und ARTE 2013

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ali Cem Deniz: Yeni Türkiye - Die neue Türkei: Von Atatürk bis Erdoğan. Promedia Verlag, 2016, ISBN 978-3-85371-839-1 (google.de [abgerufen am 7. Januar 2017]).
  2. Jürgen Roth: Der tiefe Staat: Die Unterwanderung der Demokratie durch Geheimdienste, politische Komplizen und den rechten Mob. Heyne Verlag, 2016, ISBN 978-3-641-16033-3 (google.de [abgerufen am 7. Januar 2017]).
  3. a b c Sergio Sorin: Conspiración para matar. In: Nizkor Project. 4. Februar 1999, abgerufen am 26. Juli 2008 (spanisch).
  4. Ludmilla Vinogradoff: Detenido en Caracas el neofascista Stefano delle Chiaie. In: ELPAÍS.com. 30. März 1987, abgerufen am 26. Juli 2008 (spanisch).
  5. Italian Extremist Held By Venezuelan Police. In: New York Times. 30. März 1987, abgerufen am 26. Juli 2008 (englisch).
  6. Processi, indagini e misteri. In: Repubblica.it. 3. Mai 2005, abgerufen am 26. Juli 2008 (italienisch).
  7. Four Convicted Of Mass Murder In Italian Bombing That Killed 85, Associated Press. 11. Juli 1988. 
  8. a b Commissione parlamentare d'inchiesta sul terrorismo in Italia e sulle cause della mancata individuazione dei responsabili delle stragi: 26ª SEDUTA. 22. Juli 1997, abgerufen am 26. Juli 2008 (italienisch).
  9. J. Patrice McSherry: Predatory States: Operation Condor and Covert War in Latin America. Rowman & Littlefield Publishers, 2012, ISBN 978-0-7425-6870-9 (google.de [abgerufen am 7. Januar 2017]).
  10. Chile and the United States: Declassified Documents relating to the Military Coup, 1970-1976. In: The National Security Archive. Abgerufen am 26. Juli 2008 (englisch).
  11. Stella Calloni: Arancibia, "clave" en la cooperación de las dictaduras. In: La Jornada On Line. 22. Mai 2000, abgerufen am 26. Juli 2008 (spanisch).
  12. Declassified Document. In: The National Security Archive. Abgerufen am 26. Juli 2008 (engl.).
  13. Elliott Gotkine: Vital rights ruling in Argentina. In: BBC NEWS. 24. August 2004, abgerufen am 26. Juli 2008 (englisch).