Gladio

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Wappen & Leitmotto von Gladio: „Durch Schweigen bewahre ich die Freiheit“

Gladio (ital. „Kurzschwert“; von lat. Gladius) war der Deckname für eine geheime paramilitärische Organisation in Italien, die dort nach einer Invasion von Truppen des Warschauer Paktes Guerilla-Operationen und Sabotage gegen die Invasoren durchführen sollte.

Die Organisation wurde entdeckt, als im Juli 1990 der italienische Untersuchungsrichter Felice Casson im Rahmen seiner Untersuchungen von Terroranschlägen im Archiv des Geheimdienstes SISMI Dokumente fand, die auf eine geheime Organisation namens Gladio hinwiesen. Im August 1990 informierte Premierminister Giulio Andreotti die Öffentlichkeit erstmals über die Existenz einer solchen Organisation, die bei einem gegnerischen Einmarsch und Besetzung des Landes aktiv geworden wäre.

Ähnliche Stay-behind-Organisationen anderer Staaten Westeuropas wurden infolge der Aufdeckung von Gladio 1990 bekannt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1950 wurden in Italien Agenten für Guerillaoperationen und Sabotage gegen Besatzertruppen des Warschauer Pakts ausgebildet. Für diese „Stay Behind“-Operationen wurden europaweit geheime, illegale Waffendepots angelegt. Die Existenz der Untergrund-Armee wurde geheim gehalten und war nur einem kleinen Kreis von Regierungsmitgliedern bekannt. In den einzelnen Ländern wurde die Anwerbung und Führung der Agenten meist von Unterabteilungen der jeweiligen nationalen Geheimdienste übernommen.

Offiziere, die für die Stay Behind-Operationen vorgesehen waren, trainierten zusammen mit den US-amerikanischen Special Forces und dem britischen Special Air Service,[1] etwa auf einem geheimen Militärstützpunkt bei Capo Marrargiu auf Sardinien und im Raum von Bad Tölz in Bayern. Im Umfeld der Mitglieder der Geheimtruppen gab es einen Kreis ziviler Unterstützer, die erst im Ernstfall des Einmarsches sowjetischer Truppen aktiviert werden sollten. Die Einheiten wurden über CIA und MI6 unter anderem mit Maschinengewehren, Sprengstoff, Munition und Funkgeräten ausgestattet. Diese Ausrüstung wurde in Erdverstecken, die oft in Waldgebieten lagen, oder in unterirdischen Bunkern versteckt.[1]

Als Vorbild diente das Special Operations Executive, eine britische Spezialeinheit, die während des Zweiten Weltkrieges selbst verdeckte Operationen hinter feindlichen Linien ausgeführt und Widerstandsgruppen wie die Résistance unterstützt und ausgebildet hatte. Die Mitglieder der so gebildeten Geheimtruppen kamen aus militärischen Spezialeinheiten, Nachrichtendiensten oder aus dem Rechtsextremismus, letztere teilweise mit kriminellem Hintergrund.[2]

Laut Andreottis Aussage von 1990 hatte Gladio 622 Mitglieder und 139 Waffenlager, von denen 12 nicht mehr zugänglich waren.[3]

Aufdeckung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1984 untersuchte der Untersuchungsrichter Felice Casson ein Bombenattentat von 1972 mit drei Todesopfern, dessen Täter nicht ermittelt worden waren. Er fand viele Unstimmigkeiten in den früheren Untersuchungsergebnissen, die auf gezielte Manipulation und Beweisfälschung deuteten. Schließlich fand er den Rechtsextremisten Vincenzo Vinciguerra, einen Ordine Nuovo-Angehörigen, der ein umfangreiches Geständnis ablegte:[4] Er sei von Personen aus dem Staatsapparat gedeckt worden und das Attentat Teil einer umfassenden Strategie gewesen. Ferner sagte er im Prozess: „Man musste Zivilisten angreifen, Männer, Frauen, Kinder, unschuldige Menschen, unbekannte Menschen, die weit weg vom politischen Spiel waren. Der Grund dafür war einfach. Die Anschläge sollten das italienische Volk dazu bringen, den Staat um größere Sicherheit zu bitten. […] Casson ermittelte weiter und fand heraus, dass Mitarbeiter des SISMI, des Vorgängers SID, Neofaschisten zwischen 1960 und 1980 viele politisch motivierte Terroranschläge und Morde in Italien begangen hatten. Dabei hatte ein informelles Netzwerk von Personen in staatlichen Stellen durch Verbreitung von Falschinformationen und Fälschung von Beweisen dafür gesorgt, dass die Verbrechen linksextremen Terroristen zugeordnet wurden, vor allem den Roten Brigaden.“[4][5]

Vinciguerra sagte 1990 zum Guardian: „Der Weg des Terrors wurde von getarnt agierenden Personen verfolgt, die zum Sicherheitsapparat gehörten, oder die durch Weisung oder Zusammenarbeit mit dem Staatsapparat verbunden waren. Jede einzelne der Gewalttaten nach 1969 passte genau in ein einheitliches, organisiertes Schema […] Die Avanguardia Nazionale wurde ebenso wie der Ordine Nuovo für einen Kampf mobilisiert, der Teil einer antikommunistischen Strategie war. Diese entstammte nicht etwa staatsfernen Institutionen, sondern dem Staatsapparat selbst, genauer dem Bereich der Verbindungen des Staats zur NATO.“[6]

Die Untersuchungskommission Terrorismus und Massaker (1994–2000) des italienischen Senats stellte fest: „Diese Massaker wurden organisiert oder unterstützt von Personen in Institutionen des italienischen Staates und von Männern, die mit dem amerikanischen Geheimdienst in Verbindung standen.“[4] Der italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti bestätigte am 3. August 1990 auf eine Parlamentsanfrage hin die Existenz einer „Operation Gladio“ des SISMI.[7]

Der italienische Historiker Vladimiro Satta veröffentlichte 2016 eine Gesamtdarstellung I nemici della Repubblica und untersuchte darin unter anderem die Recherchen der parlamentarischen Untersuchungen. Er spricht sich gegen die in Italien populäre Theorie aus, wonach staatliche und geheimdienstliche Verschwörungen für die terroristischen Anschläge verantwortlich sein könnten. Ebenso widerlegt er klar die Hypothese, wonach es eine Strategie der Spannung durch die Organisation Gladio gegeben hätte.[8]

Entschließung des Europäischen Parlaments[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entschließung des Europäischen Parlaments 1990

Das Europäische Parlament drückte nach einer Sonderdebatte am 22. November 1990 seinen „entschiedenen Protest“ gegenüber der NATO und den beteiligten Geheimdiensten aus.[9] Es ging dabei davon aus, dass die Aktivitäten von der Exekutive ausgingen und keiner parlamentarischen Kontrolle unterlagen, die Legislativen der betroffenen Staaten also nicht involviert waren.[10]

Der EU-Resolution folgten parlamentarische Anfragen in mehreren Ländern und die Resolution führte zu Untersuchungskommissionen in Italien und Belgien. Am 5. November 1990 erklärte der NATO-Sprecher Jean Marcotta, dass „die NATO niemals einen Guerillakrieg oder Geheimaktionen in Betracht gezogen hat.“ Einen Tag später bezeichnete ein anderer NATO-Sprecher dies als inkorrekt. Die Journalisten erhielten ein kurzes Kommuniqué, das besagte, dass die NATO sich grundsätzlich nicht zu geheimen militärischen Angelegenheiten äußere und Marcotta gar nichts hätte sagen sollen.[11]

Angeblicher Bezug zur NATO[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kontrovers diskutiert wird die Frage der Verbindung von Gladio und anderen Stay-behind-Organisationen zu offiziellen Organen der NATO. Laut Daniele Ganser war das Allied Clandestine Committee eine Abteilung des NATO Supreme Headquarters Allied Powers Europe gewesen.[12] Olav Riste und andere Historiker vertreten jedoch die Ansicht, dass die Stay-Behind-Organisationen wie Gladio Teil der nationalen Ernstfall-Vorbereitungen gewesen seien und keinen direkten Bezug zur NATO aufweisen.[13] In den meisten Ländern waren die Vorbereitungen Teil der Nachrichtendienste und diese organisierten zwecks Koordination - beispielsweise die Beschaffung von Funkgeräten - gemeinsame Treffen. Da die meisten europäischen Länder Teil der NATO waren, entstand 1990 der Eindruck, es sei eine natoweite Organisation gewesen.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1990 informierte Premierminister Giulio Andreotti die Öffentlichkeit erstmals über die Existenz von Gladio

Der Schweizer Untersuchungsrichter Pierre Cornu kam 1991 in seinem Bericht zum Schluss, dass zwar die meisten NATO-Staaten Widerstandsvorbereitungen getroffen hatten, diese Organisanisationen und ihre Koordinationsgremien jedoch institutionell unabhängig von der NATO gewesen seien.[14]

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser untersuchte Gladio im Rahmen seiner Dissertation über angebliche NATO-Geheimarmeen 2005 auf der Basis von Medienberichten und parlamentarischen Untersuchungsberichten und schrieb: „Washington, London und der italienische militärische Geheimdienst befürchteten, dass der Einzug der Kommunisten in die [italienische] Regierung die Nato von innen heraus schwächen könnte.“ Um dies zu verhindern, sei das Volk manipuliert worden: Rechtsextreme Terroristen hätten Anschläge ausgeführt, diese seien durch gefälschte Spuren dem politischen Gegner angelastet worden, worauf das Volk selber nach mehr Polizei, weniger Freiheitsrechten und mehr Überwachung durch die Nachrichtendienste verlangt hätte.

Im Rahmen ihrer Geschichtsreihe Timewatch strahlte die britische BBC 1992 eine Dokumentation von Alan Francovich in drei Teilen zu je etwa 50 Minuten über Gladio aus. Zahlreiche Schlüsselpersonen der Operation kommen darin in teilweise anonymisierten Interviewsequenzen zu Wort, darunter der wegen Mordes verurteilte Vincenzo Vinciguerra, ehemalige Spitzenfunktionäre der italienischen Militärgeheimdienste und eine Reihe von hohen in Italien eingesetzten CIA-Agenten. Die Filme sind die einzigen Dokumente, in denen maßgeblich beteiligte Personen selbst berichten. So stammt etwa das weitverbreitete Zitat von Vinciguerra ursprünglich aus einem der Interviews (Gladio Part 2). Darüber hinaus sprechen Vorsitzende und Mitglieder der staatlichen italienischen Untersuchungskommission sowie Journalisten über ihre Erkenntnisse.

Die drei Teile der Dokumentation haben die Titel Gladio. Part 1 – The Ring Masters (Die Direktoren), Gladio. Part 2 – The Puppeteers (Die Puppenspieler) und Gladio. Part 3 – The Foot Soldiers (Die Fußsoldaten; Aufnahmen auch unter dem Titel Operation Gladio – Behind False Flag Terrorism … (part 3)).

Das Außenministerium der USA gab im Jahr 2006 als Reaktion auf die Veröffentlichung Gansers eine Pressemitteilung heraus.[15] Darin wurde eines der von Ganser zitierten Dokumente, das United States Army Field Manual 30-31B,[16] als sowjetische Fälschung und die Terrorismusvorwürfe insgesamt als falsch bezeichnet. 1982 hatte ein KGB-Überläufer vor einer Kongressanhörung den sowjetischen Ursprung des Dokuments benannt.[17] Ganser hingegen nannte als Anhaltspunkte für die Echtheit des Dokuments Aussagen von US-Geheimdienstmitarbeitern wie Ray Cline, einen ehemaligen CIA-Führungskader, und den Ex-Chef der italienischen P2-Loge, Licio Gelli. Beide hätten die Echtheit des Handbuchs bezeugt.[18]

Das Field Manual 30-31B sei erstmals in den 1970er Jahren in europäischen Medien veröffentlicht worden. Laut dem Geheimdienstforscher Giuseppe de Lutiis hatte als erstes die türkische Zeitung Baris seine Veröffentlichung angekündigt. Der Journalist, in dessen Besitz das Dokument gelangt war, sei jedoch vor der Veröffentlichung spurlos verschwunden. Auf die spanische Zeitung Triunfo und das italienische Wochenmagazin Europeo sei später Druck ausgeübt worden, das Dokument nicht zu veröffentlichen. Als 1981 die Tochter von Licio Gelli auf dem Flughafen von Rom verhaftet wurde, hätten sich in ihrem Gepäck Teile des Dokuments befunden.[19]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Daniele Ganser: NATO’s Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe: An Approach to NATO’s Secret Stay-Behind Armies. Cass, London 2005, ISBN 3-8000-3277-5, S. 1 ff.
  2. Peter Murtagh: The Rape of Greece. The King, the Colonels, and the Resistance. Simon & Schuster, London 1994, S. 29. Zitiert bei Daniele Ganser: NATO-Geheimarmeen, 2008, S. 213
  3. Das blutige Schwert der CIA. In: Der Spiegel. Nr. 47, 1990 (online).
  4. a b c Gunther Latsch: Die dunkle Seite des Westens. In: Der Spiegel. Nr. 15, 2005, S. 48–50 (online).
  5. Karl Hoffmann: Vor 25 Jahren: Bomben-Anschlag im Bahnhof von Bologna. In: Deutschlandfunk. 2. August 2005, abgerufen am 20. Juli 2008.
  6. Ed Vulliamy: Secret agents, freemasons, fascists… and a top-level campaign of political ‘destabilisation’. The Guardian 12/ 5. Dezember 1990, S. 12
  7. Giampiero Buonomo, Profili di liceità e di legittimità dell’organizzazione Gladio in Questione giustizia, 1991, n. 3.
  8. Paolo Mieli: Anni di piombo, la dietrologia da sfatare. In: Corriere della Sera, 29. Februar 2016 (italienisch); Leopoldo Fabiani: Gli anni di piombo senza dietrologie. In: L’Espresso, 31. März 2016 (italienisch); Giampietro Berti: Anni di piombo senza dietrologie nel libro di Satta. In: Il Giornale, 24. August 2016 (italienisch).
  9. Entschließung zur Gladio-Affäre. In: Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften Nr. C 324. Europäische Gemeinschaft, 24. Dezember 1990, abgerufen am 4. Februar 2016 (PDF): „… protestieren entschieden dagegen, daß sich bestimmte amerikanische Militärkreise des SHAPE und der NATO das Recht angemaßt haben, in Europa eine geheime Infrastruktur zur Übermittlung von Nachrichten und Durchführung von Aktionen zu schaffen …
  10. Daniele Ganser (Neue Zürcher Zeitung, 15. Dezember 2004): Die Geheimarmeen der Nato.
  11. The European, 9. November 1990
  12. Daniele Ganser: NATO-Geheimarmeen in Europa. Zürich 2008, S. 56–74.
  13. Olav Riste: "Stay Behind": A Clandestine Cold War Phenomenon. In: Journal of Cold War Studies. Band 16, Nr. 4, 2014, S. 35–59.
  14. Pierre Cornu: Schlussbericht in der Administrativuntersuchung zur Abklärung der Natur von allfälligen Beziehungen zwischen der Organisation P-26 und analogen Organisationen im Ausland. Bern 1991, S. 2.
  15. US-Außenministerium: Misinformation about „Gladio/Stay Behind“ Networks Resurfaces 20. Januar 2006
  16. zugeschrieben General William C. Westmoreland, Chief of Staff of the US Army (Headquarters, Department of the Army, Washington D.C.): US Field Manual 30-31B 18. (März 1970, PDF; deutsche Übersetzung bei Regine Igel: Andreotti, München 1997, Anhang S. 345–358)
  17. United States House of Representatives, 97th Congress, 2nd session (Hrsg.): Hearings Before the Permanent Select Committee on Intelligence. Soviet Active Measures. U.S. Government Printing Office, 1982, S. 37 (13.–14. Juli).
  18. Raul Zelik: Die SPD sprach von Ku-Klux-Klan. Freitag, 2. Mai 2008
  19. Regine Igel: Terrorjahre: Die dunkle Seite der CIA in Italien. München 2006, S. 110