Teufelsseekanal

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Teufelsseekanal im Mündungsbereich zur Havel mit dem Oberhavelsteg

Der Teufelsseekanal ist ein Stichkanal der Berliner Oberhavel. Er zweigt an Kilometer 5,34 von der Havel-Oder-Wasserstraße (HOW) ab und liegt im Ortsteil Hakenfelde des Bezirks Spandau. Nach Westen, im Spandauer Forst, schließt sich der Kleine Teufelssee an.

Die Landesschifffahrtsverordnung Berlin verzeichnet den Kanal als schiffbare Landeswasserstraße.[1] Zurzeit (Stand 2011) ist er allerdings für den Schiffsverkehr gesperrt. Der Teufelsseekanal wurde in den 1910er-Jahren insbesondere zur Versorgung des – zwischen 2005 und 2009 abgerissenen – Kraftwerks Oberhavel angelegt. Während der Deutschen Teilung befand sich hier ein Grenzübergang für den gewerblichen Güterverkehr auf der Wasserstraße und die Kontrollstelle des West-Berliner Zolls. An der Mündung in die Havel führt der 125 Meter lange Oberhavelsteg über den Kanal. Die 1991 fertiggestellte Zügelgurtbrücke ist Teil des Havelradwegs, des Radfernwegs Berlin–Kopenhagen, der Königin-Luisen-Route und des Havelseenwegs, des Wanderwegs 12 der 20 grünen Hauptwege Berlins.

Lage, Naturraum, Namensgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ehemalige Teufelssee und die Rustwiesen 1842 (oben links)

Das rund 450 Meter lange Gewässer zieht sich vom Havelufer schnurgerade nach Westen bis zur Niederneuendorfer Allee am Spandauer Forst. Jenseits der Allee schließt sich der rund 100 Meter lange Kleine Teufelssee an, der bis zu den Gleisen der ehemaligen Bötzowbahn reicht. Auf der Westseite der Bahnstrecke beginnt das Naturschutzgebiet Teufelsbruch und Niedermoore, das aus dem ehemaligen Teufelssee hervorging. Dieser inzwischen vermoorte, auf der nebenstehenden Karte von 1842 noch eingezeichnete See gab dem Kanal, dem kleinen Teufelssee und dem Bruch den Namen.

Der Ostteil des Kanals wurde in den Rustwiesen, einem ehemaligen Sumpfgebiet an der Havel (siehe Karte), ausgehoben. Zuvor war der sogenannte „Rust“ mit großen Sandmassen, die im Aushub des 1906 begonnenen Ausbaus des Hohenzollernkanals gewonnen wurden, aufgeschüttet und trockengelegt worden.[2] Der Rustweg, auf halber Strecke zwischen dem Teufelsseekanal und dem südlich folgenden Aalemannkanal gelegen, erinnert an die vermoorten Wiesen.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Versorgungskanal für das Kraftwerk Oberhavel [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Teufelsseekanal wurde in den 1910er-Jahren zur Versorgung des Städtischen Kreiskraftwerks Spandau (später Kraftwerk Oberhavel) angelegt – der zu dieser Zeit selbständige Stadtkreis Spandau wurde erst 1920 nach Groß-Berlin eingemeindet. 1914 ging das Kraftwerk an das Stromnetz. Bereits 1916 wurde es erweitert, da der Erste Weltkrieg eine deutliche Verlagerung von der Versorgung mit Gas hin zum Gebrauch der Elektrizität mit sich brachte, die insbesondere mit Kohle erzeugt wurde. In den Kriegsnotjahren rüsteten vor allem die Industriebetriebe auf die Stromversorgung um.[4]

Das Kraftwerk lag auf der Nordseite des Kanals und wurde mit Binnenschiffen vor allem mit Kohle und Öl versorgt. Parallel zum Kanal und zum Kleinen Teufelssee verläuft ein inzwischen stillgelegtes Anschlussgleis zur Bötzowbahn, das gleichfalls und ausschließlich zur Brennstoffversorgung des Kraftwerks genutzt wurde.[5] Die Gleise führten nach Hennigsdorf und zum Güterbahnhof Berlin-Spandau Johannesstift, der heute (Stand 2011) von der Havelländischen Eisenbahn als zentraler Bahnhof und Verwaltungssitz genutzt wird. Die von 1923 bis 1945 auf der Bötzowbahn von Spandau nach Hennigsdorf verkehrende Straßenbahnlinie 120 hatte eine Haltestelle „Kraftwerk“.

Abriss des Kraftwerks, Zustand 2008
Der Kanal und das ehemalige Kraftwerksgelände (rechts) 2011

In den Anfangsjahren des Werks führten Lärmbelästigungen durch die Kohleförderung aus dem Kran und aus den Kühlluft-Generatoren zu Beschwerden von Anwohnern aus Hakenfelde, aber auch aus Heiligensee und Tegelort. Der Lärmpegel wurde daraufhin deutlich reduziert. 1929 übernahm die BEWAG die Betriebsführung.[6] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Kraftwerk Oberhavel gemeinsam mit dem Kraftwerk West zum Hauptträger der West-Berliner Energieversorgung. 1959 wurde das Kraftwerk erheblich ausgebaut. Sein Schornstein erreichte eine Höhe von 120 Metern. 1976 verhinderten Bürgerinitiativen die Verlegung und den Ausbau des Kraftwerks in den Spandauer Forst am Oberjägerweg. 50.000 Bäume hätten hierfür gerodet werden müssen, was das Oberverwaltungsgericht schließlich untersagte.[7] Stattdessen wurde das Heizkraftwerk Reuter West im Spandauer Industriegebiet an der Spree gebaut. Nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989 verlor das Kraftwerk Oberhavel an Bedeutung und im Februar 2002 wurde der Betrieb eingestellt. Zwischen 2005 und 2009 wurde das Werk abgerissen. Das Grundstück wurde vom Betreiber Vattenfall an einen Investor veräußert.[8][6][9]

Auf der Südseite des Kanals liegt das Gelände des ehemaligen Betonwerks Engel und Leonhard, das mit Stand 2011 gleichfalls weitgehend brachliegt. Lediglich am Kanalwestende werden noch kleinere Areale bewirtschaftet, unter anderem von der Baugruppe Alpine als Containerlagerplatz. Die Industriebrachen an beiden Ufern sind abgesperrt, sodass der Teufelsseekanal nur in seinem Mündungsbereich zur Havel und an seinem Westende an der Niederneuendorfer Allee öffentlich zugänglich ist. Von seiner industriellen Zeit zeugen noch der Schiffsanleger des Kraftwerks und die Bahngleise, die die Niederneuendorfer Allee sichtbar kreuzen.

Kontrollstelle des West-Berliner Zolls [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zur Abzweigung des Havelkanals bei Kilometer 10,40 war die Oder-Havel-Wasserstraße während der Deutschen Teilung in zwei Hälften geteilt. Hier befand sich der Grenzübergang Teufelsseekanal/Hennigsdorf, einer der Berliner Grenzübergänge an den Wasserstraßen. Während die Kontrollstation der DDR stromaufwärts bei Hennigsdorf lag, befand sich die Kontrollstelle des West-Berliner Zolls, für die DDR-Behörde nicht einsehbar, am Teufelsseekanal. Der Übergang diente nur dem Wechselverkehr und Transitverkehr nach Polen, nicht in die Bundesrepublik Deutschland. Zugelassen war er lediglich für den gewerblichen Güterverkehr. Sportboote mussten auf Binnenschiffe verladen werden oder im Schlepp die Strecke passieren. Unter den abgefertigten Schiffen waren viele polnische Schiffe mit Kohle, Schrott und Schotter. Das Verkehrsaufkommen war gering. 1964 wurden auf DDR-Seite 6093 Schiffe abgefertigt; 1988 waren es 6344. Die DDR-Grenze war durch eine Schwimmsperre gesichert, die in jeweils 27 Sekunden für jedes Schiff einzeln geöffnet und geschlossen wurde. An die Berliner Mauer erinnert nur noch der Grenzturm des Grenzregiments 38 „Clara Zetkin“ an der Dorfstraße direkt am Ufer in Nieder Neuendorf.[10][11]

Warmes Wasser mit Rekordfischen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kanal im Jahr 2011

Die Wasserzufuhr durch das Kraftwerk Oberhavel sorgte im Teufelsseekanal für unnatürlich warmes Wasser. Die aus der Erwärmung resultierende Zunahme von Nährstoffen führte in der Betriebszeit des Werks über das Nahrungsnetz zu einem überdurchschnittlich großen Fischreichtum. Neben den haveldominierenden Weißfischen Blei und Güster wurden dort jährlich riesige Welse und Karpfen mit einem Gewicht von über 20 kg gefangen. Rekordfang der 1990er-Jahre war ein 1,64 m langer Wels mit 31 kg.[12] Entsprechend war der Kanal eines der bevorzugtesten Berliner Angelgewässer. Bei der Ausgabe der Angelkarten für die bevorstehende Saison kam es im Fischereiamt wegen des Teufelsseekanals zu langen Warteschlangen. Der Berliner Tagesspiegel berichtete:

„Schon um fünf Uhr früh standen die ersten Besucher vor der Tür des Fischereiamtes an, um sich eine Angelkarte für das Jahr 1982 zu holen. Der Ansturm galt vor allem den Angelgenehmigungen für den Teufelsseekanal. […] Insgesamt wurden gestern 600 Angelkarten ausgegeben; 2000 schriftliche Bestellungen lagen noch vor.“

Der Tagesspiegel, 6. Januar 1982[13]

Inzwischen erreichen die Fische bei weitem nicht mehr die Gewichte der Zeit, als der Kanal bei Anglern als das „Mekka der Karpfenszene“ galt.[14]

Oberhavelsteg [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick von Tegelort auf den Oberhavelsteg und auf die Kanalmündung

Kurz vor der Mündung in die Havel führt der Oberhavelsteg über den Kanal. Die 1991 fertiggestellte Zügelgurtbrücke hat eine Länge von rund 125 Metern und ist an zwei H-Pylonen eingehängt. Das stählerne Bauwerk ist barrierefrei und verfügt über großzügige Rampen.[15]

Die Fuß und Radwegbrücke ist Teil des Radfernwegs Berlin–Kopenhagen, der hier wiederum Teil des Havelradwegs ist, ferner Teil der Königin-Luisen-Route und des Havelseenwegs, des Wanderwegs 12 der 20 grünen Hauptwege® Berlins.[16] Nach Norden schließen die Bürgerablage und die ehemalige Exklave Erlengrund an, nach Süden der Aalemannkanal mit der Aalemannkanalbrücke und der Nordhafen Spandau.

→ Zur weiteren Einbindung der Brücke in das Berliner Wegenetz siehe das entsprechende Kapitel bei Nordhafen Spandau.

Der Kanal in der Literatur [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kinderbuchautor Joachim Masannek – Verfasser der verfilmten Wilden Fußballkerle – machte den Teufelsseekanal zum Ausgangspunkt seiner „Wildernacht“-Romane. In Wildernacht (Band 1) lässt er die Hauptperson, den 13-jährigen Charly, im Sommer 2006 beim Piratenspielen auf dem Teufelsseekanal eine Metallkiste mit sechs Tagebüchern finden, in denen der fiktive Schriftsteller Michael Klondeik niederschrieb, wie die Welt vor den Mächten der Dunkelheit gerettet werden kann.[17] Im Prolog Das Ende der Welt, einem den Kladden[18] beigelegten Brief, fleht Klondike den Finder der Schatzkiste an:

„Deshalb betrüge ich jetzt auch den Teufel. Ich verbrenne die Kladden nicht, wie er es verlangt. Nein, ich stecke die Tagebücher in diese Kiste und versenke sie hier im Kanal, im Teufelsseekanal nahe der Brücke. Und bevor Sie mich verurteilen, bevor Sie mich für verrückt halten und den Brief zusammen mit diesen alten, fleckigen Kladden auf den Müll werfen wollen, bevor Sie das tun, geben Sie mir bitte noch eine Chance. Lesen Sie weiter. Versuchen Sie zu verstehen und retten Sie sich und unsere Welt. Beim Atem des Drachen, ich flehe Sie an!“

– Michael Klondeik, Berlin-Spandau, am 21. Juni 1994. Prolog[19]

Drei Jahre lang geht der konsolensüchtige Charly nicht mehr zur Schule und spielt die Tagebücher als Computerspiel nach, bevor er erkennt, dass die Tagebücher real sind und das Böse in der Wirklichkeit um ihn herum bereits mächtiger ist, als er sich vorstellen kann. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte werden der Teufelsseekanal und die ehemaligen Hallen der Industriebrachen mehrfach zum Schauplatz der Handlung.[20]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Slawenburg, Landesfestung, Industriezentrum. Untersuchungen zur Geschichte von Stadt und Bezirk Spandau. Colloquium-Verlag, Berlin 1983, ISBN 3-7678-0593-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Teufelsseekanal – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Oberhavelsteg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verordnung zur Regelung des Schiffsverkehrs auf den Gewässern des Landes Berlin (Landesschifffahrtsverordnung Berlin – LandesSchiffVO Bln). Vom 27. April 1998 (GVB1. S. 91), geändert durch die Verordnung vom 8. Oktober 1999 (GVB1. S. 558), S. 7. (PDF; 41 kB)
  2. Der Rust. VDSF LV Berlin-Brandenburg.
  3. Rustweg. In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim Kaupert)
  4. Michael Erbe: Spandau im Zeitalter der Weltkriege. In: Slawenburg, Landesfestung, Industriezentrum. Untersuchungen … S. 274.
  5. Durchs Teufelsbruch zum Schweinehirten. Eine Tour durch den Spandauer Forst. (PDF; 329 kB) Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.
  6. a b Wasserrettungsstation Bürgerablage. Kraftwerk Oberhavel.
  7. Gut gedacht. Plan2. In: Der Tagesspiegel, 24. Februar 2007.
  8. Michael Erbe: Ausblick. Industriezentrum im geteilten Berlin. In: Slawenburg, Landesfestung, Industriezentrum. Untersuchungen … S. 323f.
  9. Über die Sprengarbeiten, unter anderem des Schornsteins, des Kraftwerks Oberhavel im Jahr 2007. Heiligensee online.
  10. Geschichte. Havel-Oder Wasserstraße (HOW). Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin
  11. Passkontrolle DDR. Dokumentation des ehemaligen Passkontrolleinheiten-Stabsoffiziers Hans-Dieter Behrendt. Siehe Grenzübergangsstellen → Grenzübergangsstelle Hennigsdorf.
  12. Christian Kersten: Riesige Karpfen und Welse gehen jedes Jahr an den Haken. In: Berliner Zeitung, 17. August 1995.
  13. Der Tagesspiegel, 6. Januar 1982.
  14. Gewässer. Carpteam-Berlin.
  15. Oberhavelsteg im Brückenweb
  16. Havelseenweg. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.
  17. Bibliotheken Service für Schulen. Wildernacht.
  18. Die Tagebücher Klondeiks werden unter dem Namen Wildernacht, Kladde 1 etc. parallel zu der Romanreihe mit Percy veröffentlicht.
  19. Joachim Masannek: Wildernacht – 1. Tagebuch. Franz Schneider Verlag, Köln 2009, ISBN 978-3-505-12597-3, S. 7. Leseprobe, Prolog (PDF; 1,9 MB) Wildernacht, Band 1, S. 7
  20. Joachim Masannek: Wildernacht – 1. Tagebuch, …, S. 39f, 127f.

Koordinaten: 52° 34′ 39″ N, 13° 12′ 56″ O