Trickle-down-Theorie

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Der Begriff Trickle-down-Theorie (englisch trickle ‚sickern‘), auch (englisch Horse and Sparrow Economics ‚Pferd-und-Spatz-Ökonomie‘), im deutschen Sprachraum Pferdeäpfel-Theorie,[1] bezeichnet die These, dass Wirtschaftswachstum und allgemeiner Wohlstand der Reichen nach und nach durch deren Konsum und Investitionen in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickern würden (Trickle-down-Effekt). Sie wurde von David Stockman als synonyme Bezeichnung für angebotsorientierte Wirtschaftspolitik eingeführt. Insbesondere in den USA besitzt sie unter Konservativen viele Anhänger.

Führende Ökonomen, unter anderem die zwei keynesianisch orientierten Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Paul Krugman und Joseph E. Stiglitz, bezweifeln hingegen die Gültigkeit der Theorie. So sagte Paul Krugman 2008 dazu: „Wir warten auf diesen Trickle-down-Effekt nun seit 30 Jahren – vergeblich.“[2] Ähnlich bezweifelte Joseph E. Stiglitz 2012, dass „[…] an der sogenannten Trickle-down-Theorie […] auch nur ein Quäntchen Wahrheit“ wäre.[3]

2013 stellte Papst Franziskus in seinem apostolischen Schreiben fest, dass die nie bestätigte Trickle-down-Theorie ein „undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus[drücke], die die wirtschaftliche Macht in Händen halten, wie auch auf die vergötterten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems.“[4]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Als Begründer der Trickle-down-Theorie gilt vielen Adam Smith:

„Es ist die große Vermehrung der Produktion in allen möglichen Sparten als Folge der Arbeitsteilung, die in einer gut regierten Gesellschaft jenen universellen Reichtum verursacht, der sich bis zu den niedrigsten Bevölkerungsständen verbreitet.“

Adam Smith: Wealth of Nations[5]

Nach dieser Auslegung wird die staatliche Lenkung von der gut regierten Gesellschaft durch Märkte als Mittel der Ressourcen-Allokation ersetzt. Smith kritisierte den König und andere Vertreter des Staates nachdrücklich als ökonomische Akteure, die ihre Macht zur Durchsetzung ihrer eigenen Sonderinteressen benutzten, als Teil dessen, was er das merkantile System nannte.

Unter verschiedenen anderen Namen wurde diese Vorstellung viele Dekaden vertreten, besonders in den 1920er Jahren, als es so schien, als ob das Laissez-faire für das Unternehmertum der Wirtschaft einen endlosen Boom von Investitionen und Wachstum bescheren würde. Die Vorstellung, dass die Spitze der ökonomischen Struktur Wachstum und Erträge produzierte, die dann nach unten in Form von höheren Löhnen weitergegeben würden, wurde unter anderem durch Henry Ford verbreitet und hatte ihre Grundlage in der damaligen Interpretation des Say’schen Theorems. Politische Gegner dieser Vorstellung bespöttelten sie auch als „Toryismus“ – in den Worten von Franklin Delano Roosevelt.

John Kenneth Galbraith wies darauf hin, dass man die Trickle-down-Theorie zu seiner Jugendzeit als horse and sparrow theory bezeichnete: „Wenn man einem Pferd genug Hafer gibt, wird auch etwas auf die Straße durchkommen, um die Spatzen zu füttern“,[6] woher im Deutschen auch die Bezeichnung Pferdeäpfel-Theorie rührt.

Reaganomics und die Trickle-down-Theorie[Bearbeiten]

Der Ausdruck Trickle-down-Theorie wurde nach einer Rede von David Stockman, Ronald Reagans Chefberater in Wirtschaftsfragen, geprägt. Er sah die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik als Teil einer langen Tradition der Ökonomie, wonach das Laissez-faire nicht nur jenen helfe, die gut im Markt platziert sind, sondern allen, auch den Ärmsten. Nach seinen Worten wäre es „in gewisser Weise schwierig [gewesen], Trickle-Down zu vermitteln, so dass die Formel von der Angebotsorientierung die einzige Möglichkeit bot, eine Steuerpolitik zu bekommen, die tatsächlich Trickle-Down ist. Angebotsorientierung ist Trickle-Down.“[7]

Die Trickle-down-Ökonomie war ein hochpolitisch besetzter Gegenstand der Reagan-Regierung. Die Verwendung des Begriffs ließ seit den späten 1980er Jahren nach, obwohl das Programm zur Senkung der Grenzsteuersätze, zum Verkauf der Staatsanteile und zur Deregulierung weiterhin ein zentraler Programmpunkt der US-amerikanischen Republikanischen Partei war und ist.

Kritik[Bearbeiten]

Kritiker der Theorie wie der britische Journalist Jacques Peretti meinen, dass der Konsum von Luxusgütern durch Reiche kaum Arbeitsplätze und Wohlstand großer Teile der Bevölkerung schaffe. Das Vermögen der reichsten Menschen der Welt sei vielmehr drastisch gestiegen, der Lebensstandard der restlichen Bevölkerung würde jedoch stagnieren oder abnehmen. Auch Investitionen in den Immobiliensektor durch Reiche würde eher zu einem Vergrößern der Schere zwischen arm und reich beitragen, da Personen, die über weniger Kapital verfügen, vom Immobilienmarkt abgeschnitten seien würden und somit zur Miete leben müssten und den wohlhabenden Immobilienbesitzern noch mehr Geld zuführen würden. Der südkoreanische Wirtschaftswissenschaftler Chang Ha-joon hält die Trickle-down-Theorie für keine grundsätzlich falsche These, allerdings zeige diese Idee in der Praxis keine Wirkung. Er verweist auf die Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien: wo Politiker auf diesen Effekt gesetzt hätten, sei das Wirtschaftswachstum gesunken. Der Milliardär Nick Hanauer meint, dass jemand, der das tausendfache eines Durchschnittseinkommens seines Landes verdient, nicht tausendmal soviel konsumieren könne wie ein Durchschnittsbürger. Nur eine stabile Mittelschicht könne daher eine Volkswirtschaft stützen.[8]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans-Ernst Schiller: „Gerechtigkeit ist Gleichheit“. In: Christine Brinkmann, Reinhold Knopp (Hg.): „Gerechtigkeit- auf der Spur gesellschaftlicher Teilhabe: Betrachtungen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen“. Band 10 von Transfer aus den Sozial- und Kulturwissenschaften, Frank & Timme GmbH, 2009, ISBN 3865962238, S. 50.
  2. Die USA sind kein Vorbild, Interview mit Paul Krugman, Manager-Magazin, 26. Mai 2008.
  3. Der Preis der Ungleichheit Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2012, Seite 31-32
  4. http://www.vatican.va/holy_father/francesco/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium_ge.html
  5. Adam Smith: Wealth of Nations
  6. "If you feed the horses enough oats, some will pass through to the road for the sparrows", zitiert nach Richard S. Gilbert: How much do we deserve?: an inquiry into distributive justice. Ausgabe 2, Unitarian Universalist Association of Congregations, 2001, ISBN 1558964169, S. 167.
  7. "It's kind of hard to sell 'trickle down,' so the supply-side formula was the only way to get a tax policy that was really 'trickle down.' Supply-side is 'trickle-down' theory." "The Education of David Stockman" by William Greider
  8. [1]