Trickle-down-Theorie

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Der Begriff Trickle-down-Theorie (englisch trickle ‚sickern‘; auch englisch Horse and Sparrow Economics ‚Pferd-und-Spatz-Ökonomie‘, im deutschen Sprachraum Pferdeäpfel-Theorie[1]) bezeichnet den Glauben, dass Wirtschaftswachstum und allgemeiner Wohlstand der Reichen nach und nach durch deren Konsum und Investitionen in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickern würden (Trickle-down-Effekt). Der Begriff Trickle down entstammt einem Scherz des US-amerikanischen Komikers Will Rogers.[2]

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ansätze zur Idee der Trickle-down-Theorie finden sich schon im Werk Der Wohlstand der Nationen von Adam Smith aus dem Jahr 1776:

„Es ist die große Vermehrung der Produktion in allen möglichen Sparten als Folge der Arbeitsteilung, die in einer gut regierten Gesellschaft jenen universellen Reichtum verursacht, der sich bis zu den niedrigsten Bevölkerungsständen verbreitet.“

Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen, Buch 1, Kapitel 1, Seite 22, Absatz 10[3]

Nach dieser Auslegung wird die staatliche Lenkung von der gut regierten Gesellschaft durch Märkte als Mittel der Ressourcenallokation ersetzt. Smith kritisierte den König und andere Vertreter des Staates nachdrücklich als ökonomische Akteure, die ihre Macht zur Durchsetzung ihrer eigenen Sonderinteressen benutzten, als Teil dessen, was er das merkantile System nannte.

Unter verschiedenen anderen Namen wurde diese Vorstellung viele Dekaden vertreten, besonders in den USA der 1920er Jahre, als es so schien, als ob das Laissez-faire für das Unternehmertum der Wirtschaft einen endlosen Boom von Investitionen und Wachstum bescheren würde. Die Vorstellung, dass die Spitze der ökonomischen Struktur Wachstum und Erträge produzierte, die dann nach unten in Form von höheren Löhnen weitergegeben würden, wurde unter anderem durch Henry Ford verbreitet und hatte ihre Grundlage in der damaligen Interpretation des Say’schen Theorems. Politische Gegner dieser Vorstellung bespöttelten sie auch als „Toryismus“ – in den Worten von Franklin Delano Roosevelt. Nicht wenige Wirtschaftshistoriker machen die entsprechende Politik mitverantwortlich für die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise.

John Kenneth Galbraith wies darauf hin, dass man die Trickle-down-Theorie zu seiner Jugendzeit als horse and sparrow theory bezeichnete: „Wenn man einem Pferd genug Hafer gibt, wird auch etwas auf die Straße durchkommen, um die Spatzen zu füttern“,[4] woher im Deutschen auch die Bezeichnung Pferdeäpfel-Theorie rührt. Seit etwa 1980 fand sie insbesondere unter Neoliberalen wieder viele Anhänger und prägte die Steuerpolitik von Regierungschefs und Staatsoberhäuptern wie Ronald Reagan, Margaret Thatcher oder jüngst Donald J. Trump.

Reaganomics und die Trickle-down-Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausdruck Trickle-down-Theorie wurde nach einer Rede von David Stockman, Ronald Reagans Chefberater in Wirtschaftsfragen, geprägt. Er sah die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik als Teil einer langen Tradition der Ökonomie, wonach das Laissez-faire nicht nur jenen helfe, die gut im Markt platziert sind, sondern allen, auch den Ärmsten. Nach seinen Worten wäre es „in gewisser Weise schwierig [gewesen], Trickle-Down zu vermitteln, so dass die Formel von der Angebotsorientierung die einzige Möglichkeit bot, eine Steuerpolitik zu bekommen, die tatsächlich Trickle-Down ist. Angebotsorientierung ist Trickle-Down.“[5]

Die Trickle-down-Ökonomie war ein hochpolitisch besetzter Gegenstand der Reagan-Regierung. Die Verwendung des Begriffs ließ seit den späten 1980er Jahren nach, obwohl das Programm zur Senkung der Grenzsteuersätze, zum Verkauf der Staatsanteile und zur Deregulierung weiterhin ein zentraler Programmpunkt der US-amerikanischen Republikanischen Partei war und ist.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Namhafte Wirtschaftswissenschaftler bestreiten die Gültigkeit der Theorie. Paul Krugman äußerte 2008: „Wir warten auf diesen Trickle-down-Effekt nun seit 30 Jahren – vergeblich.“[6] Ähnlich bezweifelte Joseph Stiglitz 2012, dass „[…] an der sogenannten Trickle-down-Theorie […] auch nur ein Quäntchen Wahrheit“ wäre.[7]

Am 1. November 2012 berichtete die New York Times, dass ein unabhängiger Bericht des Congressional Research Services über den Zusammenhang zwischen Steuern und Wirtschaft[8] auf Druck der Republikanischen Partei zurückgezogen wurde. Der Bericht stellte die Prämisse, dass eine Senkung des Spitzensteuersatzes Wirtschaftswachstum und Arbeitsplatzschaffung stimuliere, grundsätzlich in Frage. Senatoren der Republikanischen Partei hätten demnach Bedenken über Methodik, Erkenntnisse, Formulierungen und andere angebliche Mängel des Berichts geäußert. Der demokratische Senator Charles Schumer wurde mit den Worten zitiert: „Das hat etwas von einer Bananenrepublik. Ein Bericht gefiel ihnen nicht, aber anstatt ihn zu widerlegen, haben sie sie dazu gebracht, ihn zurückzuziehen.“ Berater des Kongresses und außenstehende Ökonomen sagten, sie seien sich nicht bewusst, dass es jemals zuvor derartige Anstrengungen gegeben hätte, eine Studie des wissenschaftlichen Dienstes durch Eingriffe der Politik zu diskreditieren.[9]

2013 stellte Papst Franziskus in einem apostolischen Schreiben fest, dass die Trickle-down-Theorie ein „undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus[drückt], die die wirtschaftliche Macht in Händen halten, wie auch auf die sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems.“ (Evangelii Gaudium, Nr. 54)[10]

Der Journalist Mark Schieritz kritisierte, das gewonnene Geld würde durch die Reichen nicht ausgeben, "sondern auf dem Bankkonto deponiert oder an der Börse angelegt". Die Trickle-down-Theorie verkläre das Anhäufen von Reichtümern durch Einzelne zur guten Tat und liefere damit die moralische Absicherung für die Gier an den Finanzmärkten.[11]

Vertreter des Center for American Progress gehen von einer kontraproduktiven Wirkung der politischen Maßnahmen aus, die auf der Trickle-Down-Theorie beruhen. Demnach werden die finanziellen Mittel, die durch Steuersenkungen für Reiche frei werden, von diesen nicht für Konsum genutzt oder in Produktionsmittel investiert. Sie würden vielmehr gespart, für Kapitalanlagen genutzt oder in Steuerparadiese überführt. Dies sorge für eine höhere Ungleichheit in einer Gesellschaft und einem Mangel an finanziellen Mitteln in mittleren und unteren Einkommensschichten. Dieser finanzielle Mangel senkt die Nachfrage und damit letztlich auch das Wirtschaftswachstum.[2]

Empirische Befunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn massive Anteile des Einkommens einer Nation in den Händen einiger weniger konzentriert sind, leidet das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Eine Studie des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2015 ergab, dass „wenn der Einkommensanteil der obersten 20% (der Reichen) steigt, das BIP-Wachstum mittelfristig tatsächlich abnimmt, was darauf hindeutet, dass Gewinne nicht nach unten durchsickern“, während „eine Zunahme des Einkommensanteils der unteren 20% (der Armen) mit einem höheren BIP-Wachstum verbunden ist.“[12][13][14]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans-Ernst Schiller: „Gerechtigkeit ist Gleichheit“. In: Christine Brinkmann, Reinhold Knopp (Hg.): „Gerechtigkeit- auf der Spur gesellschaftlicher Teilhabe: Betrachtungen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen“. Band 10 von Transfer aus den Sozial- und Kulturwissenschaften, Frank & Timme GmbH, 2009, ISBN 3865962238, S. 50.
  2. a b The wealth that failed to trickle down: The rich do get richer while poor stay poor, report suggests. In: independent.co.uk. The Independent, 19. Januar 2015, abgerufen am 3. Januar 2018 (englisch).
  3. Adam Smith: Wealth of Nations. 1776, abgerufen am 21. Dezember 2016 (Absatz 10).
  4. "If you feed the horses enough oats, some will pass through to the road for the sparrows", zitiert nach Richard S. Gilbert: How much do we deserve?: an inquiry into distributive justice. Ausgabe 2, Unitarian Universalist Association of Congregations, 2001, ISBN 1558964169, S. 167.
  5. "It's kind of hard to sell 'trickle down,' so the supply-side formula was the only way to get a tax policy that was really 'trickle down.' Supply-side is 'trickle-down' theory." "The Education of David Stockman" by William Greider
  6. Die USA sind kein Vorbild, Interview mit Paul Krugman, Manager-Magazin, 26. Mai 2008.
  7. Der Preis der Ungleichheit Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2012, Seite 31–32
  8. Thomas L. Hungerford: Taxes and the Economy: An Economic Analysis of the Top Tax Rates Since 1945. (PDF) Congressional Research Service, 14. September 2012, abgerufen am 27. Februar 2016.
  9. Jonathan Weisman: Nonpartisan Tax Report Withdrawn After G.O.P. Protest. The New York Times, 1. November 2012, abgerufen am 27. Februar 2016.
  10. http://www.vatican.va/holy_father/francesco/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium_ge.html
  11. Der Kapitalismus soll netter werden. Abgerufen am 14. Juli 2020.
  12. Era Dabla-Norris, Kalpana Kochhar, Nujin Suphaphiphat, Frantisek Ricka, Evridiki Tsounta: Causes and Consequences of Income Inequality: A Global Perspective. Hrsg.: International Monetary Fund. Juni 2015 (imf.org [PDF]): “if the income share of the top 20% (the rich) increases, then GDP growth actually declines over the medium term, suggesting that the benefits do not trickle down” [while] “an increase in the income share of the bottom 20% (the poor) is associated with higher GDP growth.”
  13. Larry Elliott Economics editor: Pay low-income families more to boost economic growth, says IMF. In: The Guardian. 15. Juni 2015, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 27. Mai 2020]).
  14. Tobias Kaiser: Einkommensverteilung: IWF warnt vor Ungleichheit und Armut. In: DIE WELT. 15. Juni 2015 (welt.de [abgerufen am 27. Mai 2020]).