Angebotspolitik

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Angebotspolitik (auch angebotsorientierte Wirtschaftspolitik) ist eine konjunktur- und wachstumspolitische Konzeption. Sie basiert auf der Annahme, dass Beschäftigung und Wachstum einer marktwirtschaftlichen Volkswirtschaft in erster Linie von den Bedingungen auf der Angebotsseite der Märkte abhängen. Den Gegensatz bildet die Theorie der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik.

Die Verbesserung der Bedingungen auf der Angebotsseite führen (so die Theorie) über die Schaffung neuer Arbeitsplätze indirekt auch zu einer Verbesserung der Bedingungen auf der Nachfrageseite. Dieser indirekte Effekt wird auch als Trickle-down-Theorie bezeichnet.

Eine Studie des IWF deutet auf kontraproduktive Effekte von Angebotspolitik hin.[1][2]

Theoretische Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung (so die Theorie) sind die Investitionen der Unternehmen. Eine Verbesserung der Rahmenbedingungen (geringere Steuern, Abbau von Regulationen …) verbessert die Renditeerwartungen der Unternehmen, was zu höheren Investitionen und der Schaffung von Arbeitsplätzen führt.

Angebotspolitische Überlegungen gehen auf einen frühen Vertreter der neoklassischen Wirtschaftstheorie, Alfred Marshall zurück, der 1890 die Grenzwertlehre entwickelte.[3] Nach dieser Lehre haben die Unternehmen ein Interesse daran, so lange Arbeitnehmer einzustellen, bis der Lohn, den das Unternehmen einem weiteren Arbeitnehmer zahlen müsste, genauso hoch ist wie der Gewinn, den dieser Arbeitnehmer erwirtschaften würde. Verbessern sich (so die Theorie) nun die Bedingungen für die Unternehmen, so dass die Gewinne steigen, steigt die Produktivität der Arbeitnehmer. Das setzt den Unternehmen einen Anreiz, das Beschäftigungsvolumen zu erhöhen und höhere Löhne zu zahlen. Auf diese Weise profitieren dann auch die Arbeitnehmer.[4]

Instrumente der Angebotspolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um den theoretisch beschriebenen Effekt der Verbesserungen der Angebotsseite zu erzielen, beinhaltet das Konzept der Angebotspolitik eine Reihe von Instrumenten.[5]

Der Kern der Angebotspolitik besteht aus der Forderung nach Deregulierung, d. h. der Beseitigung von Regulierungen, die Unternehmen davon abhalten könnten, Investitionen zu tätigen. Von zentraler Bedeutung sind hierbei die Unternehmensbesteuerung sowie eine Flexibilisierung des Arbeitsmarkts.

Da Besteuerung das Verhalten der Akteure auf dem Arbeitsmarkt negativ beeinflusst (höhere Lohnforderungen, geringeres Beschäftigungsvolumen) ist es aus Sicht der Angebotspolitik sinnvoll, eine relativ niedrige Staatsquote anzustreben, die Steuersenkungen erlaubt.

Eine besondere Bedeutung kommt der Geldpolitik zu. Für die Unternehmen ist ein stabiles Währungssystem unabdingbar. Daher sind Inflation und Deflation schädlich. Aufgabe der Zentralbanken ist daher eine Sicherung der Preisniveaustabilität. Angebotstheoretische Ansätze, die sich mit diesem Aspekt beschäftigen, werden unter den Begriff Monetarismus gefasst.

Sofern die Unternehmen von besser ausgebildeten Arbeitskräften profitieren können, sind die Förderung von Bildung, Forschung und Entwicklung erstrebenswert.

Rezeptionsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierten in den westlichen Marktwirtschaften zunächst keynesianische Konzepte, d. h. eine eher nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik. Als die Konjunktur- und Wachstumeffekte ausblieben, die man sich von dieser Politik versprach, gewann die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik in den 1970er Jahren an Bedeutung. Die bekanntesten Beispiele, in denen angebotspolitische Vorstellungen in Regierungsprogrammen Niederschlag gefunden haben, sind die USA (Reaganomics) und Großbritannien (Thatcherismus).

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Einkommenszuwachs einer durchschnittlichen amerikanischen Familie entwickelte sich bis Anfang der 1970er Jahre parallel zu dem Produktivitätszuwachs. Danach blieb der Einkommenszuwachs deutlich hinter dem Produktivitätszuwachs zurück.[6]

Angebotspolitik wird dafür kritisiert, einen Wettlauf um die niedrigsten Standards (Race to the bottom) einzuleiten. Der Versuch, die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer zu schwächen, um Lohn- und Preissteigerungen unter das Niveau des Produktivitätswachstum zu drücken, führe zu einem Teufelskreis. In dem Maß, wie die Nachfrageschwäche das Wirtschaftswachstum mindere, versuche jedes einzelne Land, über eine Steigerung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit durch Lohnzurückhaltung Exportüberschüsse zu erwirtschaften, um die Arbeitslosigkeit zu vermindern (auf Kosten der anderen Länder), wobei die Nachfrage aber noch weiter geschwächt werde. Das Ergebnis sei eine globale Nachfrageschwäche und ein schwaches Wirtschaftswachstum, das weit unter dem Potenzialwachstum liege.[7]

Vertreter des Center for American Progress gehen von einer kontraproduktiven Wirkung der politischen Maßnahmen aus, die sich auf die Trickle-Down-Theorie berufen. Demnach werden die finanziellen Mittel, die durch Steuersenkungen für Reiche frei werden, von diesen nicht für Konsum genutzt oder in Produktionsmittel investiert. Sie würden vielmehr gespart, für Kapitalanlagen genutzt oder in Steuerparadiese überführt. Dies sorge für eine höhere Ungleichheit und einem Mangel an finanziellen Mitteln in mittleren und unteren Einkommensschichten. Dieser finanzielle Mangel senkt die Nachfrage und damit letztlich auch das Wirtschaftswachstum.[8]

Empirische Befunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Studie des Internationalen Währungsfonds mit Berücksichtigung von Daten zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes des Weltwirtschaftsforums[9] weist auf einen Zusammenhang nicht mit steigendem, sondern sinkendem Wirtschaftswachstum hin. So geht die Flexibilisierung des Arbeitsmarkt einher mit einem höheren Anteil der Reichsten am Volkseinkommen.[1] Wenn jedoch der Einkommensanteil der Reichen steigt, nimmt wiederum das BIP-Wachstum mittelfristig tatsächlich ab.[2][10][11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Era Dabla-Norris, Kalpana Kochhar, Nujin Suphaphiphat, Frantisek Ricka, Evridiki Tsounta: Causes and Consequences of Income Inequality: A Global Perspective. Hrsg.: International Monetary Fund. Juni 2015 (imf.org [PDF]): “Easing of labor market regulations is associated with higher market inequality and income share of the top 10 percent. In particular, a decline in organized labor institutions and the resultant easing of labor markets measured by an increase in labor market flexibilities index by 8½ percent—from the median to 60th percentile—is associated with rising market inequality by 1.1 percent.”
  2. a b Era Dabla-Norris, Kalpana Kochhar, Nujin Suphaphiphat, Frantisek Ricka, Evridiki Tsounta: Causes and Consequences of Income Inequality: A Global Perspective. Hrsg.: International Monetary Fund. Juni 2015 (imf.org [PDF]): “if the income share of the top 20% (the rich) increases, then GDP growth actually declines over the medium term, suggesting that the benefits do not trickle down” [while] “an increase in the income share of the bottom 20% (the poor) is associated with higher GDP growth.”
  3. Marshall, Alfred: Principles of Economics. 1890.
  4. Sedlacek, Tomas. Die Ökonomie von Gut und Böse. München: Hanser, 2012. S. 318.
  5. Duden Wirtschaft von A bis Z: Grundlagenwissen für Schule und Studium, Beruf und Alltag. 4. Aufl. Mannheim: Bibliographisches Institut 2009. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2009 Stichwort: Angebotspolitik
  6. Productivity growth closely matched that of median family income until the late 1970s when median American family income stagnated while productivity continued to climb. Source: EPI Authors' analysis of Current Population Survey Annual Social and Economic Supplement Historical Income Tables, (Table F–5) and Bureau of Labor Statistics Productivity – Major Sector Productivity and Costs Database (2012)
  7. Mammo Muchie, Li Xing, Globalisation, Inequalities, and the Commodification of Life and Well-being, Adonis & Abbey Publishers Ltd, 2006, ISBN 9781905068029, S. 101
  8. The wealth that failed to trickle down: The rich do get richer while poor stay poor, report suggests. In: independent.co.uk. The Independent, 19. Januar 2015, abgerufen am 3. Januar 2018 (englisch).
  9. Era Dabla-Norris, Kalpana Kochhar, Nujin Suphaphiphat, Frantisek Ricka, Evridiki Tsounta: Causes and Consequences of Income Inequality: A Global Perspective. Hrsg.: International Monetary Fund. Juni 2015 (imf.org [PDF]): “We also include a measure of labor market flexibility from the World Economic Forum that measures the extent by which regulations govern firing and hiring, collective bargaining, and minimum wages.”
  10. Larry Elliott Economics editor: Pay low-income families more to boost economic growth, says IMF. In: The Guardian. 15. Juni 2015, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 27. Mai 2020]).
  11. Tobias Kaiser: Einkommensverteilung: IWF warnt vor Ungleichheit und Armut. In: DIE WELT. 15. Juni 2015 (welt.de [abgerufen am 27. Mai 2020]).