Trinkhalle (Verkaufsstelle)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Eine typische Trinkhalle („Bude“) im Ruhrgebiet

Eine Trinkhalle ist ein Verkaufsstand für Wasser, alkoholische und nichtalkoholische Getränke und Dinge des sofortigen Bedarfs wie Tabak, Süßwaren (und ähnliche Genussmittel), Lebensmittel und auch Medien. Viele Trinkhallen dienen zugleich als Annahmestellen für Lotto und Toto und verkaufen Zeitungen oder Zeitschriften sowie in eingeschränktem Maß Fahrscheine für den öffentlichen Personennahverkehr.

Sie sind nicht zu verwechseln mit der oft ebenfalls als „Trinkhalle“ bezeichneten sogenannten Brunnenhalle, in der als Teil einer Kuranlage in Kurorten frisches Heilwasser an die Kurgäste ausgeschenkt wird.

Die ersten Trinkhallen, die anfangs ausschließlich dem Verkauf alkoholfreier Getränke dienten, entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung und breiteten sich in weiten Teilen Deutschlands aus. Andere geläufige Bezeichnungen sind heute Kiosk (in Nord- und Süddeutschland, Schweiz), Bude (im Ruhrgebiet) und Büdchen (in Düsseldorf, Köln und Wuppertal), Wasserhäuschen (in Frankfurt am Main und Umgebung), Spätverkauf bzw. kurz Spätkauf oder Späti (in Berlin, Dresden und Leipzig), Nebgenbude (Hannover) sowie teils auch Budike (für als Trinkhallen dienende Kioske in Berlin).[1]

In Österreich sind Trinkhallen mit Verkaufsangebot nach deutschem Muster vollkommen unbekannt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leitungswasser war früher ungekocht ein gesundheitliches Risiko. Die Arbeiter tranken stattdessen Bier und Schnaps, deren Konsum von den Zechen- und Fabrikbesitzern zuerst durch so genannte „Schnapsspenden“ unterstützt wurde. Um den umsichgreifenden Alkoholismus einzudämmen, förderten die Städte die Einrichtung von Trinkhallen, an denen Mineralwasser und andere alkoholfreie Getränke angeboten wurden. Sie entstanden hauptsächlich vor den Werktoren von Zechen oder Fabriken, später auch an anderen öffentlichen Plätzen. Die meisten wurden von ehemaligen oder nicht mehr arbeitsfähigen Bergleuten oder Kriegsveteranen betrieben.

Schild einer „Milch-Trinkhalle“ bei Wasserauen in der Schweiz
Trinkhalle („Büdchen“) in Dorsten, deren Angebot von Getränken (einschließlich Spirituosen) über Zeitungen/Zeitschriften, Tabakwaren, Eis, Süßwaren und ähnlichen Genussmitteln bis hin zu Lebensmitteln reicht

Eine Besonderheit stellten sogenannte „Milchtrinkhallen“ dar, die Milch und Milchprodukte anboten.

Im Laufe der Zeit änderte und erweiterte sich das Sortiment immer mehr. Inzwischen findet man in Trinkhallen fast alles, was man nebenbei nach Ladenschluss oder am Wochenende brauchen könnte: Getränke (auch alkoholische), Tabakwaren, Zeitungen und Zeitschriften, Süßigkeiten – auch in individueller Zusammenstellung als Bunte Tüte – Eiswaren und Lebensmittel für den täglichen Bedarf, mittlerweile auch Telefonkarten und Mobiltelefon-Aufladungen. Die Übergänge zum Tante-Emma-Laden, zum Zeitungs- und/oder Tabakwarenverkaufsstand, zum Imbissstand (Imbissbude) oder auch zum Imbisslokal mit meist einfachster Möblierung sind oft fließend. Die Öffnungszeiten wurden an die Öffnungszeiten von Kneipen und Gaststätten angeglichen. Trinkhallen sind zum Ausschank alkoholfreier Getränke berechtigt. Im Zuge der Lockerung der Öffnungs-/Ausschankzeiten können Trinkhallen heute rund um die Uhr betrieben werden, so wie ihre Konkurrenz, die 24-Stunden-Tankstellen und die in größeren Städten zunehmend anzutreffenden Quick shops.

Seit der Schließung der Postämter sind auch zahlreiche Postagenturen in Trinkhallen untergebracht.

Trinkhallen werden eingeteilt in begehbare und nichtbegehbare. Bei ersteren kann der Kunde einen kleinen Laden betreten. Nichtbegehbare Trinkhallen verkaufen die Waren durch ein (Schiebe-) Fenster nach draußen. Gebundene Trinkhallen gehören zu einer Unternehmenskette und werden verpachtet, wobei der Pächter verpflichtet ist, bei bestimmten Lieferanten zu deren Bedingungen einzukaufen. Nichtgebundene Trinkhallen können ihren Einkauf frei gestalten.

Teils sind Trinkhallen nicht mehr nur als eigenständige Gebäude anzutreffen, sondern auch als Anbauten an Wohn- oder Geschäftshäuser oder Teil von Verkehrsbauten und Pavillonbauten in der Nähe von Bahnhöfen und verkehrsreichen Plätzen sowie in Ladenlokalen in Gebäuden, bevorzugt in Ecklage. Zudem treten „Trinkhallen“ heute oft unter anderen geläufigen und meist nur regional verbreiteten Bezeichnungen auf, wie Kiosk, Bude und Büdchen, Wasserhäuschen, Budike sowie Spätverkauf, Spätkauf und Späti.

Lokale Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wasserhäuschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwei unmittelbar benachbarte Wasserhäuschen an der Frankfurter Galluswarte
Wasserhäuschen in Offenbach am Main vor dem Klinikum

Die ersten Wasserhäuschen entstanden in Frankfurt am Main in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es erstmals gelang, Mineralwasser (in Frankfurt Bitzelwasser genannt) in Flaschen abzufüllen und so zu verschließen, dass der Gasdruck erhalten blieb. 1899 wurde die Firma Jöst gegründet, der bis 1971 die meisten Frankfurter Trinkhallen gehörten, den Gebrüdern Krome die meisten anderen.[2] Der größte Teil wurde von Jöst an die Brauerei Henninger verkauft.

Es wurde zunächst Mineralwasser ausgeschenkt, wobei bei den Gebr. Krome auch sog. „Klickerwasser“ (Brauselimonade in Kugelverschlussflaschen, wobei eine Kugel im Frankfurter Volksmund als Klicker bezeichnet wird) verkauft wurde, was zu zusätzlicher Popularität verhalf. Dies hat dazu beigetragen, dass im Volksmund von Wasserhäuschen gesprochen wurde.

Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die Wasserhäuschen wegen Rohstoffmangels in wirtschaftliche Bedrängnis. Dem wurde durch Erweiterung des Sortiments vor allem auf Tabak, Schokolade, Obst und Zeitungen begegnet.[2] Zudem fanden dort viele Kriegsinvalide und Unterschichtler eine Arbeit, so dass die städtischen Behörden die Wasserhäuschen weiter tolerierten.

Im Dritten Reich wurden sehr viele Wasserhäuschen bis auf die der Firma Jöst, die mit dem System sympathisierte, einfach abgerissen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zum Wiederaufbau vieler Buden, manche entstanden auch unter Verwendung der Überreste zerstörter Häuser, die noch nicht wieder aufgebaut waren. Es gab zeitweise bis zu 800 Wasserhäuschen in Frankfurt am Main, was u. a. dem Umstand zu verdanken war, dass ihre Öffnungszeiten nicht an die lange Zeit rigiden Ladenschlusszeiten gebunden waren. Abends und am Wochenende konnten sich die Bürger nirgendwo anders mit Lebensmitteln versorgen, zumal auch die Tankstellen damals noch vorwiegend vom Benzinverkauf lebten und keine Supermärkte waren.

In der Nachkriegszeit waren die Wasserhäuschen deshalb eine notwendige, wenn auch von der Obrigkeit ungeliebte Einrichtung. Lärm- und Geruchsbelästigung, das Fehlen von Toiletten und nicht zuletzt alkoholisierte Wasserhäuschen-Stammgäste (in Frankfurt als Volleul’ oder Hefköpp bezeichnet) führten dazu, dass Anwohner und Investoren gegen Wasserhäuschen vorgingen und die Behörden sich mit der Erteilung oder Verlängerung von Konzessionen zurückhielten. Hinzu kam, dass viele der an Stelle kriegszerstörter Bauten errichteten Häuschen einer rentableren Neubebauung oder neuen städtebaulichen Konzepten weichen mussten. Außerdem übernahmen die Shops der Tankstellen zum Teil die Funktion von Wasserhäuschen.

Erst ab Mitte der 1980er Jahre sorgte eine Wasserhäuschen-Nostalgie dafür, dass das „Wasserhäuschensterben“ nachließ. Eigentümer der etwa 280 verbliebenen Frankfurter Wasserhäuschen sind heute zumeist Großbrauereien und Getränkeverlage, die den Stand an den Betreiber verpachten. Das Wasserhäuschen ist daher bis heute aus dem Frankfurter Alltag nicht wegzudenken. Bekennende Wasserhäuschen-Fans sind z. B. die Schriftsteller Martin Mosebach und Eckhard Henscheid.

Situation in Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Österreich ist die Kombination des Verkaufs von essfertigen Lebensmitteln und Getränken einerseits, Druckerzeugnissen und Tabakwaren andererseits, in kleinen Läden ungebräuchlich: Ein Würstelstand verkauft keine Zeitungen und Tabakwaren. Tabaktrafiken dürfen keine Getränke, Süßwaren oder Lebensmittel verkaufen (§ 36 TabMG)[3] und waren früher freistehende Verkaufsstände, die nach und nach mit festen Mauern ausgebaut wurden, heutzutage eher normale Ladengeschäfte.

Der Begriff Trinkhalle wird heutzutage in Österreich ausschließlich mit Kuranlagen in Verbindung gebracht, siehe Trinkhalle (Kuranlage). Zu Zeiten, als der Milchverkauf in Lebensmittelgeschäften noch mit Abfüllung im Geschäft erfolgte, gab es noch eigene „Milchtrinkhallen“ als Verkaufsstellen der Molkereien.

Einzig und allein Tankstellen bieten in Österreich außerhalb der Ladenöffnungszeiten ein vergleichbares Sortiment an, wobei dort die Lebensmittel alle verpackt feilgeboten werden müssen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elisabeth Naumann: Kiosk. Entdeckungen an einem alltäglichen Ort. Vom Lustpavillon zum kleinen Konsum. Jonas Verlag, Marburg 2003, ISBN 3-89445-322-2 (zugleich Dissertation an der Freien Universität Berlin 1999).
  • Kurt Wettengl (Hrsg.): Frankfurter Wasserhäuschen. Fotografien von Martin Starl. Mit einem Beitrag von Timm Starl (= Kleine Schriften des Historischen Museums, Band 54). Historisches Museum, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-89282-044-9 (Bildband; Begleitband zur Ausstellung Frankfurter Wasserhäuschen. Fotografien von Martin Starl, Historisches Museum, Frankfurt am Main, 2. Oktober 2003 bis 4. Januar 2004).
  • Oliver Kirst: Wasserhäuschen – Vom Babbeln mit Bier am Büdchen. Stadtentwicklung im Zeichen der Trinkhalle. Hochschulschrift. Fachhochschule Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2004 (Diplomarbeit; PDF; 753 kB).
  • Ursula Neeb: Wasserhäuschen. Eine Frankfurter Institution. Fachhochschulverlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-936065-46-2.
  • Jens Bredendieck u. a.: Die unteren Zehntausend. Der ultimative Büdchen- und Trinkhallen-Führer Rhein-Main. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-7973-1046-0.
  • Dietmar Osses (Hrsg.): Die Bude. Trinkhallen im Ruhrgebiet. Herausgegeben im Auftrag des LWL-Industriemuseums. Klartext Verlag, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0061-5 (Bildband, mit Fotografien von Brigitte Kraemer).
    • Dietmar Ossens: Von der Seltersbude zum Telefonshop. Eine kleine Geschichte der Trinkhallen im Ruhrgebiet. In: derselbe (Hrsg.): Die Bude. Trinkhallen im Ruhrgebiet. Klartext Verlag, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0061-5, S. 120–127 (PDF; 50 kB).
    • Anne Overbeck: Rat und Tat und Bunte Tüten. Die Trinkhalle von Emmy Olschweski in Castrop-Rauxel. In: Dietmar Osses (Hrsg.): Die Bude. Trinkhallen im Ruhrgebiet. Klartext Verlag, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0061-5, S. 128–131 (PDF; 45 kB).

Hörfunk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sarah Zerback: Klümpkes, Pilsken, Pläuschken. Mikrokosmos Trinkhalle im Ruhrgebiet. Hörfunk-Beitrag im Wochenendjournal des Deutschlandfunks (DLF), Sendung vom 3. Mai 2014 (Infotext beim DLF).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Trinkhallen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jochen Krause aka Dr. Wort: Mich laust der Affe: Neues aus der Welt der Redewendungen. Rowohlt Verlag 2012, ISBN 3-644-4556-19.
  2. a b Geschichte der Trinkhalle im Rhein-Main-Gebiet (PDF; 150 kB)
  3. Hinweise der Monopolverwaltung zu § 36 TabMG