Warenfetisch

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Als Warenfetisch (auch Warenfetischismus) bezeichnet Karl Marx in seinem Hauptwerk Das Kapital (1867) das quasireligiöse dingliche Verhältnis zu Produkten, die Menschen in arbeitsteiliger Produktion bzw. gesellschaftlicher Arbeit füreinander herstellen.

Mit dem Begriff Fetisch bezeichnet man die Zuschreibung von Eigenschaften oder Kräften zu Sachen, die diese von Natur aus nicht besitzen. Zu Marx’ Zeiten wurde der Begriff Fetisch in erster Linie in Zusammenhang mit animistischen Religionen benutzt. Die Konnotation des Begriffs Fetisch mit Sexualität kam erst durch Sigmund Freuds Konzept des sexuellen Fetisches in der Psychoanalyse ab 1890.

Marx' Warenfetisch bezieht sich auf den Fetisch-Begriff im magisch-religiösen Sinn. In seinem Hauptwerk Das Kapital (Erster Band, 1867) überträgt Marx den Fetischbegriff auf Erscheinungen der politischen Ökonomie: Im Kapitalismus würden den Waren, dem Geld und schließlich dem Kapital Eigenschaften zugeschrieben, die diese in Wahrheit nicht haben. Es gebe

„die der kapitalistischen Produktionsweise eigentümliche, und aus ihrem Wesen entspringende fetischistische Anschauung, welche ökonomische Formbestimmtheiten, wie Ware zu sein, produktive Arbeit zu sein etc., als den stofflichen Trägern dieser Formbestimmtheiten oder Kategorien an und für sich zukommende Eigenschaft betrachtet.[1]

Der Kerngedanke besteht darin, dass so wie Gott, der, obwohl ein Geschöpf menschlichen Denkens, seinen menschlichen Schöpfer beherrscht, den Produzenten die von ihnen produzierten Waren wie ein Fetisch erscheinen, obwohl sie nur Vergegenständlichungen ihrer Arbeit sind.

Marx verfolgte mit seinem Konzept zwei Ziele. Einerseits wollte er den Mitgliedern bürgerlicher Gesellschaften, die von sich dachten, sie seien vernünftiger als Fetischanhänger in Afrika, ihren Warenfetisch entgegenhalten; andererseits versuchte Marx neben dieser polemischen Absicht warenproduzierende Gesellschaften zu untersuchen und darzustellen, wie soziale Verhältnisse eingegangen werden.[2]

Der Geldfetisch (auch Geldfetischismus) und der Kapitalfetisch (auch Kapitalfetischismus) stellen logische Weiterentwicklungen des Warenfetischs dar. Andere Ausdrücke wie Lohnfetisch oder Staatsfetisch gebrauchte Marx nicht.[3] Marx behandelte jedoch einige Verkehrungen und Mystifikationen, wie etwa die Mystifikation des Lohnes.[3] Die Fetischismen und Mystifikationen hängen miteinander zusammen und gipfeln in der trinitarischen Formel im dritten Band von Das Kapital.

Warenfetisch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In vorkapitalistischen Gesellschaften waren Warenproduktion und Warentausch stets nur Randphänomene. Der weit überwiegende Teil der Gesellschaft bestand aus Bauern, die ihre Arbeitsprodukte nicht verkauften, sondern selbst konsumierten. Wenn mittelalterliche Bauern einen Teil ihrer Ernte an den Lehnsherren abgeben mussten, so nicht darum, weil der Lehnsherr diese Produkte als Waren verkaufte, sondern weil er, seine Familie, seine Beamten, Soldaten usw. diese unmittelbar selbst konsumierten.

Der Kapitalismus dagegen wird nach Marx dadurch charakterisiert, dass in ihm alle Arbeitsprodukte zu Waren werden. Unter diesen Umständen brauche man einen allgemein gültigen Maßstab für den Tausch. Soweit die Waren Arbeitsprodukte sind, sei der Maßstab die in ihnen vergegenständlichte Arbeit. Vereinfacht ausgedrückt: Wird zur Produktion der Ware X doppelt so viel gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit aufgewandt wie zur Produktion der Ware Y, so tauschen sich die Waren X und Y im Verhältnis 1:2. Ein Stück der Ware X ist genau so viel wert wie zwei Stück der Ware Y. Dieses Austauschverhältnis bestimme den so genannten „Wert“ der Ware, der sich in einem bestimmten Geldwert ausdrückt. Der Wert sei also ein Verhältnis zwischen (mindestens) zwei Waren, genauer gesagt ein Verhältnis zwischen den zur Herstellung der verschiedenen Waren aufgewandten Arbeit. Der Wert drücke deshalb ein gesellschaftliches Verhältnis aus. Dieser gesellschaftliche Charakter des Wertes werde allerdings verdeckt durch den Schein, als hätten die Produkte „von Natur aus“ und über alle historischen Produktionsverhältnisse hinweg die Eigenschaft, „Ware“ zu sein bzw. „Wert“ zu besitzen:

„Dass Arbeitsprodukte, solche nützlichen Dinge wie Rock, Leinwand, Weizen, Eisen u. s. w., Werte, bestimmte Wertgrößen und überhaupt Waren sind, sind Eigenschaften, die ihnen natürlich nur in unsrem Verkehr zukommen, nicht von Natur, wie etwa die Eigenschaft schwer zu sein oder warm zu halten oder zu nähren.“

Marx, Das Kapital, Band 1, Erstausgabe Erstes Kapitel

Der Warenfetisch bestehe also darin, dass den Produkten die Eigenschaften, Ware zu sein und Wert zu besitzen, als dingliche Eigenschaften zugesprochen werden, während es sich in Wirklichkeit bei „Ware“ und „Wert“ um gesellschaftlich bestimmte Zuschreibungen handelt. Der gesellschaftliche Charakter ihrer eigenen Arbeit erscheine den Menschen daher als gegenständlicher Charakter der Arbeitsprodukte selbst, als deren Natureigenschaften. Das hinter dem „Wert“ verborgene gesellschaftliche Verhältnis erscheine „unter dinglicher Hülle versteckt“.

Marx vergleicht diesen Vorgang mit der Religion:

„Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.“

Marx: Das Kapital, Erster Band, Zweite Auflage, MEW 23,86

Die Illusion einer scheinbaren Verselbständigung der Waren gegenüber ihren Produzenten beruhe indes nicht nur auf einem falschen Bewusstsein, sondern habe einen realen Kern: Weil die Produzenten unabhängig voneinander produzieren, im Produktionsprozess also keine unmittelbare Gesellschaftlichkeit gegeben ist, muss eine nachträgliche „Vergesellschaftung“ über den Wert erfolgen. Im kapitalistischen Alltag stelle sich erst im Warenaustausch heraus, ob ein Produkt ein Bedürfnis erfüllt und welchen Wert es hat. Dieser Wert könne wechseln, wenn die Produktivkraft wechselt, also wenn eine gesellschaftliche Veränderung stattfindet. Es scheine aber so, als würde die Ware selber den Wert wechseln: „Ihre eigene gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.“[4] Die Aufhebung des Warenfetisch setzt also für Marx die Aufhebung der Warenproduktion selbst voraus. Indem der Warenfetisch die tatsächlichen sozialen Beziehungen der Gesellschaftsmitglieder verschleiere und die Warenform der Produkte als zeitlos „fetischisiere“, erschwere der Warenfetisch diese Aufhebung jedoch.

Geldfetisch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marx untersuchte im zweiten Kapitel von Das Kapital den Geldfetisch.[5] Nur weil jeder Warenbesitzer seine Waren auf einen allgemeinen Wertausdruck bezieht, kann eine bestimmte Ware wie Gold den Wert jeder anderen Ware ausdrücken und somit die Geldform annehmen; jedoch erscheint es fälschlicherweise so, dass dasjenige, was als Geld fungiert, ohne Weiteres Geld sei – ganz ohne die gesellschaftlichen Beziehungen, in denen die Warenbesitzer zueinander stehen.[5]

„Eine Ware scheint nicht erst Geld zu werden, weil die anderen Waren allseitig ihre Werte in ihr darstellen, sondern sie scheinen umgekehrt allgemein ihre Werte in ihr darzustellen, weil sie Geld ist. Die vermittelnde Bewegung verschwindet in ihrem eignen Resultat und läßt keine Spur zurück. Ohne ihr Zutun finden die Waren ihre eigne Wertgestalt fertig vor als einen außer und neben ihnen existierenden Warenkörper.“

Marx, Das Kapital Bd. 1, MEW 23: 107

Es ist keine Täuschung, dass sich der gesellschaftliche Zusammenhang im Geld verselbständigt; die Täuschung ist, dass übersehen wird, dass die Handlungen der Menschen diese Verselbstständigung bewirken, so dass die Verselbständigung als natürlich erscheint.[5]

Eben weil die schöpferische Arbeit in der Gestalt des Geldes unsichtbar sei, erscheine das Geld als eigene Macht: „Daher die Magie des Geldes.“[6]

Der Geldfetisch gleicht in einigen Hinsichten dem Warenfetisch. Wie die Ware besitzt Geld nur deshalb besondere Merkmale, weil sich Menschen auf eine bestimmte Art und Weise zueinander verhalten; dieses Verhalten wird jedoch übersehen, so dass scheinbar die bestimmten Eigenschaften dem Geld an sich zukommen.[7] Ferner erscheint auch im Geld die gesellschaftliche Beziehung als Eigenschaft eines Gegenstands.[7] Schließlich müssen die Warenbesitzer nicht wissen, wie ihr gesellschaftlicher Zusammenhang genau beschaffen ist: sie können Geld als solches benutzen, ohne zu wissen, was es ist.[7]

Beide Fetische unterscheiden sich voneinander. Nach Marx ist die Verdinglichung des Geldfetischs noch verrückter als die des Warenfetischs. Wenn ein Arbeitsprodukt Warenform hat, so ist es ein konkreter Gebrauchsgegenstand und zugleich ein in gewissem Sinne gespenstiger Wertgegenstand, da die Eigenschaft, Wertding zu sein, als etwas Gegenständliches erscheint, aber an der einzelnen Ware nicht fassbar ist.[8] Während die Waren jene doppelte Natur aufweisen, erscheint das Geld, die selbständige Wertgestalt, sogar als unmittelbarer Wertgegenstand.[8] Dieser Umstand erscheint ähnlich absurd wie die Vorstellung, dass es im Tierreich neben allen Individuen auch noch ein besonderes Individuum gäbe, das das Tier als solches bzw. die Gattung verkörperte.[8]

Kapitalfetisch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Produktionsprozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es scheint fälschlicherweise so, als ob das Kapital eine eigene Produktivkraft hätte.[9] Das ist kein bloßer Irrtum, sondern beruht auf einer materiellen Grundlage. Die Gesetze des Kapitals werden dadurch vermittelt, dass die Kapitalisten miteinander konkurrieren: um Kapitalist bleiben zu können, muss jeder von ihnen nach einer größtmöglichen Kapitalverwertung streben, um zu modernisieren und konkurrenzfähig bleiben zu können.[10] Daher rührt die Tendenz, die Produktivkraft der Arbeit zu steigern.[11] Die Kapitalisten versuchen mittels Kooperation, Arbeitsteilung und dem Einsatz neuer Maschinerie die Produktivkraft zu erhöhen.[12]

Wenn mehrere Arbeiter miteinander kooperieren, entsteht mitunter eine neue gesellschaftliche Produktivkraft; jedoch entsteht diese nur unter dem Kommando des Kapitalisten, so dass sie als Kraft des Kapitals erscheint.[12] In der Manufaktur und in der Fabrik übt der Arbeiter nur eine Teilfunktion aus. Diese ist außerhalb des Arbeitsplatzes oft nutzlos und scheinbar nur noch nützlich, wenn sie für das Kapital angewandt wird.[12] In der Fabrik übernehmen neue Technologien die geschickten Tätigkeiten, wohingegen für die Arbeiter meist nur relativ geistlose Tätigkeiten bleiben; die geistigen Kräfte des Arbeiters gehen zur Wissenschaft und Technologie über, die im Dienst des Kapitals stehen.[12]

Zirkulationsprozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kapitalfetisch setzt sich auf der Ebene des Zirkulationsprozesses bzw. des Handelskapitals fort. Nur das industrielle Kapital kann Mehrwert erzeugen; das Handelskapital als solches kann sich Mehrwert nur aneignen.[13] Begrifflich rein gefasst wandelt das Handelskapital nur Waren und Geld ineinander um.[13] Die Arbeiter des Handelskapitalisten sind keine produktiven Arbeiter, sondern ihr Lohn ist ein Abzug vom Mehrwert.[14]

Der industrielle Kapitalist verkauft seine Waren an den Handelskapitalisten, um sein Kapital besser verwerten zu können. Durch den schnelleren Verkauf fließt sein vorgeschossenes Kapital schneller zu ihm zurück und er spart an reinen Zirkulationskosten, die den bloßen Formwechsel von Ware und Geld betreffen; das umfasst die Kosten für die Tätigkeit von unproduktiven Arbeitern, wie zum Beispiel Kassiererinnen.[15]

Je stärker der Handelskapitalist seine Arbeiter ausbeutet, desto geringer sind seine Kosten und umso mehr kann er seinen Anteil am Mehrwert steigern.[16] Ähnlich gilt das für die Verringerung aller reinen Zirkulationskosten. Daher rührt der falsche Schein, dass der Handelskapitalist sein Kapital, unabhängig davon, ob produktive Arbeiter des industriellen Kapitals ausgebeutet würden, verwerten könnte.[16]

Zinstragendes Kapital[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Analog zum Warenfetischismus bestehe der Kapitalfetisch hinsichtlich des zinstragenden Kapitals darin, dass dem Kapital eine ihm in Wirklichkeit nicht innewohnende Eigenschaft zugesprochen werde, nämlich die Eigenschaft, aus sich selbst heraus Mehrwert zu bilden. Ihre „äußerlichste und fetischartigste Form“[17] erreiche das Kapital mit der Stufe des zinstragenden Kapitals. Im Zins sei die scheinbare Selbstverwertung des Kapitals auf die Spitze getrieben. „G–G', Geld, das mehr Geld erzeugt, sich selbst verwertender Wert, ohne den Prozeß, der die beiden Extreme vermittelt.“[17]

„Im zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fetisch rein herausgearbeitet, der sich selbst verwertende Wert, Geld heckendes Geld, und trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr. Das gesellschaftliche Verhältnis ist vollendet als Verhältnis eines Dings, des Geldes, zu sich selbst. Statt der wirklichen Verwandlung von Geld in Kapital zeigt sich hier nur ihre inhaltlose Form. […] In G-G' haben wir die begriffslose Form des Kapitals, die Verkehrung und Versachlichung der Produktionsverhältnisse in der höchsten Potenz: zinstragende Gestalt, die einfache Gestalt des Kapitals, worin es seinem eignen Reproduktionsprozeß vorausgesetzt ist; Fähigkeit des Geldes, resp. der Ware, ihren eignen Wert zu verwerten, unabhängig von der Reproduktion - die Kapitalmystifikation in der grellsten Form.“

Marx: Das Kapital Bd. 3, MEW 25: 405

Wie im Falle des Waren- bzw. Geldfetischs hängt der Kapitalfetisch, der das zinstragende Kapital betrifft, nicht einfach in der Luft, sondern er basiert auf einer realen Grundlage. Es gibt die Tendenz, dass sich die Funktion des Kapitalbesitzers und die des Kapitalanwenders voneinander trennen. Der Geldkapitalist verleiht sein Kapital an einen industriellen Kapitalisten.[18] Dieser lässt das Kapital fungieren, um Mehrwert zu erzielen. Der so erzielte Bruttoprofit des fungierenden Kapitalisten teilt sich in Zins, den der Geldkapitalist bekommt, und den verbleibenden Unternehmergewinn, den der fungierende Kapitalist erhält.[18]

Der Zins erscheint als Frucht des Kapitals selbst, denn der Geldkapitalist steht außerhalb des Produktionsprozesses: er tritt nicht direkt den Arbeitern, sondern dem fungierenden Kapitalisten gegenüber.[19] Zudem bildet sich auf dem Markt ein einheitlicher Zinssatz, der von dem, was der einzelne Geldkapitalist tut, unabhängig ist.[19] Der Kapitalzuwachs in Form des Unternehmergewinns hingegen erscheint als Frucht des Produktionsprozesses.[19] Der Unternehmergewinn erscheint unabhängig vom Kapitalbesitz zu sein, da dieser mit Zins bezahlt wird.[19] Der fungierende Kapitalist tritt den Arbeitern nicht als Kapitalist, sondern als eine besondere Art von Arbeiter gegenüber: er organisiert und leitet die Ausbeutung.[19] Ferner hängt die Profitrate des einzelnen fungierenden Kapitalisten von dem ab, was er tut, wie zum Beispiel eine ökonomischere Umgangsweise mit den Produktionsmitteln zu pflegen.[19]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den ersten Jahrzehnten nach der Veröffentlichung von Das Kapital ignorierten viele Autoren, die sich mit dem Werk befassten, den Fetischismus.[20] Größere Bekanntheit erlangte das Fetisch-Konzept erst durch Georg Lukács' (1885–1971) Werk Geschichte und Klassenbewusstsein (1923).[20] In diesem Werk benutzte Lukács erstmals den Ausdruck Verdinglichung für die Fetischstruktur.[21] Lukács weitete Marx' Fetischkonzept aus und glaubte Verdinglichungen auch in vielen anderen Bereichen kapitalistischer Gesellschaften zu erkennen, wie zum Beispiel im Journalismus, im Rechtswesen oder in der Philosophie.[21] Er verband seine Verdinglichungstheorie mit Max Webers (1864–1920) Theorie der Rationalisierung.[21]

Nachdem in den 1930er Jahren Marx' Ökonomisch-philosophische Manuskripte veröffentlicht worden waren, wurde Marx' Theorie der Entfremdung mehr beachtet. Karl Korsch (1886–1961) behauptete, Marx habe das, was er einst als Philosoph Selbstentfremdung genannt habe, später in seiner wissenschaftlichen Kritik mit dem Ausdruck Fetischismus der Ware bezeichnet; diese These wurde später oft wiederholt.[20]

Vertreter der Kritischen Theorie beachteten aus Marx‘ Theorienwelt vor allem die Theorie des Warenfetischs.[22] Ein zentraler Gedanke in der Kritischen Theorie war die Verbindung der Fetisch- mit der Entfremdungstheorie aus Ökonomisch-philosophische Manuskripte.[22] Ein wichtiger Vermittler zwischen Marx und den frühen Vertretern der Kritischen Theorie war Georg Lukács.[21] Dessen Ausweitung der Marxschen Fetischtheorie wurde aufgegriffen, wie etwa in Max Horkheimers (1895–1973) und Theodor W. Adornos (1903–1969) Dialektik der Aufklärung.[23] Darin dehnten sie das Fetischkonzept noch weiter aus und sprachen auch dem begrifflichen Denken Fetischcharakter zu.[23] Spätere Vertreter wie Jürgen Habermas (* 1929) versuchten Verdinglichungen in anderen Bereichen kapitalistischer Gesellschaften zu untersuchen, wie zum Beispiel in der Arbeitsteilung der Wissenschaften oder der Partizipation an demokratischen Vorgängen.[24]

Die Vertreter der Neuen Marx-Lektüre hielten das Fetisch-Thema wichtig, um Marx' Werk angemessen verstehen zu können. Das tat bereits ihr Vorläufer Isaak Iljitsch Rubin (1886–1937) in seinem Hauptwerk Studien zur Marxschen Werttheorie (1923); Rubin wurde posthum in den 1970er Jahren zu einem Klassiker in der internationalen Debatte.[25] Laut Jan Hoff sei Hans-Georg Backhaus‘ (* 1929) Aufsatz Zur Dialektik der Wertform (1969) wegweisend für einige der folgenden Diskurse über den Fetisch in der BRD gewesen.[26] Die wichtigste Studie im deutschsprachigen Raum über Marx‘ Gegenstandsverständnis in der Kritik der politischen Ökonomie sei Helmut Brentels Werk Soziale Form und ökonomisches Objekt; nach Brentel sei es für Marx‘ Kritik charakteristisch, dass sie auf die Grundlagen der politischen Ökonomie gerichtet sei, indem sie die ökonomisch-sozialen Objekte bzw. Formen analysiere; die Kritik sei vor allem Form- und Fetischtheorie.[27]

Jan Hoff hält das Fetisch-Thema in den deutschen Marx-Diskursen für etabliert.[28] Auch in der internationalen Debatte habe das Thema in den letzten Jahrzehnten mehr Beachtung gefunden.[29] Das betreffe etwa im lateinamerikanischen Raum Enrique Dussel (* 1934), Néstor Kohan (* 1967) oder Bolivar Echeverria (1941–2010).[30] Dussel untersuchte, wie Marx das Fetischkonzept entwickelte, und in seinem Denken nimmt Marx‘ Fetischtheorie einen wichtigen Platz ein.[31] Kohan und Echeverria hoben hervor, dass Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie auf der Kritik des Fetischismus beruhe.[31] Begoña Gutiérrez de Dütsch erblickte im Warenfetisch ein sozio-ökonomisches Phänomen sui generis, das nicht einfach auf andere Bereiche der Gesellschaft übertragen werden könne.[32]

Louis Althusser (1918–1990), dessen Marx-Interpretation international stark rezipiert wurde, hielt die Fetischtheorie für unwichtig.[33] Nachdem sein Schüler Jacques Rancière (* 1940) in Lire Le Capital (1965) eine Marx-Lektüre, die sich dem Thema zuwandte, präsentiert hatte, wandten sich Marx-Interpreten seit den 1970er Jahren auch in Frankreich der Fetischtheorie stärker zu.[34] Der Althusser-Schüler Étienne Balibar (* 1942) sah im Fetisch-Konzept eine große Leistung der modernen Philosophie.[33] Jean-Marie Vincent (1934–2004) entwickelte eine auf die Fetisch-Theorie fokussierte Lesart.[35]

In Italien befasste sich in den 1970er Jahren der Philosoph Alessandro Mazzone mit der Verbindung von Kapitalfetisch und Ideologietheorie.[36] Alfonso M. Iacono (* 1949) erweiterte in den 1980er Jahren den Diskurs über die Quellen von Marx' Fetischbegriff, indem er auf Charles de Brosses (1709–1777) ethnologische Studie Du culte des dieux fétiches (1760) verwies.[37]

Wie Marx‘ Warenfetischkonzept zu deuten ist, ist in einigen Punkten umstritten. Gegen die Interpretation, wonach Marx die Entfremdungstheorie in der Fetischtheorie fortgesetzt habe, wird mitunter eingewandt, dass Marx' frühe Theorie der Entfremdung auf der Annahme, dass es ein bestimmtes menschliches Gattungswesen gebe, beruhe, wohingegen Marx' Fetisch-Konzept von dieser Annahme unabhängig sei.[20] Ferner wird der Warenfetisch manchmal als Ideologie bzw. falsches Bewusstsein gedeutet, wie etwa beim jüngeren Habermas.[38] Dagegen wendet beispielsweise Michael Heinrich (* 1957) ein, dass der Fetisch keine reine Täuschung sei, sondern einen realen Kern aufweise: Erst indem die Produzenten ihre Produkte miteinander tauschten, würden sie einen gesellschaftlichen Zusammenhang untereinander herstellen; daher irre keiner von ihnen, wenn ihm die gesellschaftlichen Beziehungen als Eigenschaften einzelner Gegenstände erschienen.[39]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Berlin 2009, S. 131
  2. Michael Heinrich: Grundbegriffe der Kritik der politischen Ökonomie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. 1. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 178.
  3. a b Michael Heinrich: Grundbegriffe der Kritik der politischen Ökonomie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. 1. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 180.
  4. Marx, MEW 23: 89.
  5. a b c Michael Heinrich: Grundbegriffe der Kritik der politischen Ökonomie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. 1. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 179.
  6. Marx, Das Kapital Bd. 1, MEW 23: 107
  7. a b c Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 75.
  8. a b c Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 75–76.
  9. Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 110.
  10. Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 85.
  11. Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 102–106.
  12. a b c d Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 109–110.
  13. a b Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 134.
  14. Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 133–135.
  15. Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 132–135.
  16. a b Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 133.
  17. a b Marx, Das Kapital Bd. 3, MEW 25: 404
  18. a b Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 155–156.
  19. a b c d e f Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 156–157.
  20. a b c d Michael Heinrich: Grundbegriffe der Kritik der politischen Ökonomie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. 1. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 178.
  21. a b c d Tim Henning: Kritische Theorie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. 1. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 330–331.
  22. a b Tim Henning: Kritische Theorie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx- Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. 1. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 330.
  23. a b Tim Henning: Kritische Theorie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 331.
  24. Tim Henning: Kritische Theorie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx- Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. 1. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 332.
  25. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 126–127, S. 220.
  26. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 85.
  27. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 202–204.
  28. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 205.
  29. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 220.
  30. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 174–175, S. 205.
  31. a b Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 174–175.
  32. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 179 (Siehe dazu: Begoña Gutiérrez de Dütsch: Facetten der Warenform. Zur Arbeitswerttheorie von Karl Marx. Unter besonderer Berücksichtigung der Widerspruchsproblematik, Hamburg 2005).
  33. a b Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 158.
  34. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 160–161.
  35. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 161 (So zum Beispiel in Jean-Marie Vincent: Fétichisme et société, Paris 1973).
  36. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 150.
  37. Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 150–151.
  38. Michael Heinrich: Grundbegriffe der Kritik der politischen Ökonomie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. 1. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 178 (Siehe dazu Habermas, Jürgen: Literaturbericht zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus [1957]. In: Idem: Theorie und Praxis. Sozialphilosophische Studien. Frankfurt am Main 1978, S. 387-463).
  39. Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 71–72 (Heinrich stützt seine Behauptung auf das folgende Marx-Zitat aus Das Kapital (MEW 23, S. 87): Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten sind. Der Komplex dieser Privatarbeiten bildet die gesellschaftliche Gesamtarbeit. Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, erscheinen auch die spezifisch gesellschaftlichen Charaktere ihrer Privatarbeiten erst innerhalb dieses Austausches. Oder die Privatarbeiten betätigen sich in der Tat erst als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch die Beziehungen, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittelst derselben die Produzenten versetzt. Den letzteren erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d. h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Werner Becker: Kritik der Marxschen Wertlehre – Die methodische Irrationalität der ökonomischen Basistheorien des ‚Kapitals‘. Hoffmann und Campe, Hamburg 1972, ISBN 3-455-09071-0.
  • Konrad Lotter, Reinhard Meiners, Elmar Treptow: Marx-Engels-Begriffslexikon. Beck, München 1984, S. 103–105, ISBN 3-406-09273-X.
  • Dieter Wolf: Warenfetisch und dialektischer Widerspruch. In: Dieter Wolf: Der dialektische Widerspruch im Kapital. Ein Beitrag zur Marxschen Werttheorie. VSA, Hamburg 2002, ISBN 3-87975-889-1 (PDF; 383 kB).
  • Hartmut Böhme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne. rororo, Reinbek bei Hamburg 2006, ISBN 978-3-499-55677-7 (Kapitel 3: Der Warenfetischismus)
  • Stephan Grigat: Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus. ça-ira, Freiburg im Breisgau 2007, ISBN 3-924627-89-4.
  • Alfonso Maurizio Iacono: The History and Theory of Fetishism. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2016, ISBN 978-1-137-54114-7.
  • Johannes Endres (Hrsg.): Fetischismus. Grundlagentexte vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, suhrkamp, Berlin 2017, ISBN 978-3-518-29761-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]