Wilhelm Rudolph (Maler)

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Wilhelm Rudolph (* 22. Februar 1889 in Hilbersdorf bei Chemnitz; † 30. September 1982 in Dresden) war ein deutscher Maler, Holzschneider, Graphiker und Zeichner.

In über sieben Jahrzehnten schuf Wilhelm Rudolph ein vielfältiges und weitgehend eindringliches Werk.[1] Als Höhepunkt seines Schaffens gilt der expressive graphische Werkkomplex Das zerstörte Dresden, der mehrere hundert Zeichnungen, Aquarelle, Lithographien und Holzschnitte umfasst. Für die Intensität und den Umfang dieser künstlerischen Auseinandersetzung mit der 1945 zerstörten Stadt Dresden gibt es in der deutschen Kunst jener Zeit kein Äquivalent.[2][3]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grab von Wilhelm Rudolph auf dem Johannisfriedhof in Dresden.

Wilhelm Rudolph wurde als Sohn einer Weberfamilie geboren.[1] 1906 begann er eine Lithografenlehre, um bereits 1908 auf die Kunstakademie Dresden zu wechseln. Seine Lehrer waren Robert Sterl und Carl Bantzer, deren Meisterschüler er war. Den Ersten Weltkrieg überlebte er als Infanterist an der Westfront (Verdun und Somme). Von 1919 bis 1932 war er als freier Künstler in Dresden tätig. Als spätimpressionistischer Maler orientierte er sich zunächst am Expressionismus. Später wurde er von der Neuen Sachlichkeit beeinflusst, um sich dann sozialen Themen in malerisch-realistischer Darstellung zuzuwenden. Bekannt wurde er ebenfalls durch seine Tierdarstellungen.

Die Beteiligungen an Kunstausstellungen 1924/25 (in der Galerie Emil Richter, Dresden und in der Galerie Goldschmidt & Wallerstein, Berlin) und 1931 (in der Galerie Neue Kunst Fides, Dresden) brachten ihm nicht nur den Durchbruch, sondern auch 1932 die Berufung zum Professor an die Kunstakademie Dresden ein. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurden vom 17. August bis 15. Oktober 1933 Werke von Wilhelm Rudolph in der Ausstellung „Entartete Kunst“ im Lichthof des Dresdner Rathauses diffamiert.[4] Seit 1937 bestand ein faktisches Ausstellungs- und Verkaufsverbot, und 43 seiner Werke wurden konfisziert.[5] 1939 wurde er wiederholt politisch denunziert und schließlich entlassen.[6]

Ein ebenso existenzielles wie werkprägendes Ereignis waren für Wilhelm Rudolph die Luftangriffe auf Dresden in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945. Sein bis dahin entstandenes Werk, insbesondere das Frühwerk, wurde weitgehend zerstört.[7] In den folgenden Jahren setzte sich Rudolph mit der Zerstörung Dresdens in Hunderten von Rohrfederzeichnungen und Holzschnitten auseinander.[8]

Von 1946 bis 1949 hatte Wilhelm Rudolph erneut eine Professur für Malerei und Graphik an der Akademie der Bildenden Künste Dresden inne, wurde jedoch vom damaligen Rektor Hans Grundig und gegen den Protest seiner Studenten erneut aus dem Lehramt entlassen. Seine bekanntesten Schüler sind die Maler Karl-Heinz Adler und Gotthard Graubner, der damals exmatrikuliert wurde, weil er zu seinem Lehrer gehalten hatte.[9][10] Graubner hat 1975/1976 die bedeutendste Werkschau von Wilhelm Rudolph in der Bundesrepublik in der Kunsthalle Düsseldorf kuratorisch angeregt und die Werke ausgewählt.[11]

Nach seiner Entlassung lebte Wilhelm Rudolph als freischaffender Künstler in Dresden und war bis zu seinem Tod auch im hohen Alter künstlerisch produktiv. Er blieb bis zuletzt ein unangepasster Einzelgänger und unbequemer Außenseiter im Kulturbetrieb der DDR, dennoch wurde er auch kulturpolitisch instrumentalisiert: Aus dem „rückwärtsgewandten Künstler“[12] wurde zuletzt ein „Nestor der Malerei in der DDR“.[12] Solchen Versuchen von ideologischer Vereinnahmung versuchte er sich zu entziehen.[13]

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Das heraufdämmernde Licht des 14. Februar 1945 erhellte nur noch eine glühende, qualmende Brandstätte an der Elbe, da, wo am Vortage Dresden gewesen war. Langgezogene Flammenhälse leckten an den Trümmerfassaden hintastend den letzten Sauerstoff aus Löchern und Abgründen. Der in der Flammenglut flüssig gewordene Asphalt hielt die Schuhe der vor dem Tode geflüchteten unbarmherzig fest. Noch nach Monaten fand ich immer wieder Frauen- und Kinderschuhe […] In der ruhelosen Vorstellung zwischen Schlaf und Wachen grub ich mit stählernem Griffel die Bilder der Zerstörung in Metall und Steinplatten, Strich um Strich wie Wunden ein. Bei nüchternem Tageslicht stand mir dann ein kleines Paket Zanders Büttenpapier, etwas Tusche und eine Rohrfeder zur Verfügung, die ich hatte retten können. Damit ging ich wie in einem Zwangszustand an mein Vorhaben.“

Wilhelm Rudolph[14]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das malerische Werk Wilhelm Rudolphs umfasst etwa 700 Ölgemälde.[15] Sein graphisches Werk beinhaltet zahlreiche Rohrfederzeichnungen, Aquarelle und etwa 700 Holzschnitte, die der Künstler nur in Ausnahmefällen datierte sowie wenige Radierungen (um 1920) und Lithographien (1947).[16] Wilhelm Rudolph druckte seine Holzschnitte bis ins hohe Alter fast ausschließlich selbst und vermerkte dies (meist ohne Auflagenangaben) dann auf dem gedruckten Blatt oft handschriftlich als „Handdruck“. Es gibt nur wenige Auflagendrucke vor und nach 1945. Das nach 1945 entstandene Holzschnittwerk Rudolphs wurde von Bernhard Koban katalogisiert (insgesamt 329 Holzschnitte, meist beidseitig geschnitten; nur wenige wurden bereits vor 1945 geschnitten und von Rudolph aus seinem zerstörten Atelier gerettet). Die Anzahl der meist sehr seltenen Holzschnitte vor 1945 kann nur geschätzt werden und beläuft sich auf in jedem Falle mehr als 300 Holzschnitte.

Das zerstörte Dresden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der umfangreiche graphische Werkkomplex über das 1945 zerstörte Dresden gilt als Wilhelm Rudolphs Hauptwerk. Die graphischen Arbeiten über die Trümmerlandschaft Dresdens werden in ihrem ästhetischen und auch dokumentarischen Ausdruck als singulär betrachtet. Sie sind als künstlerisches Zeugnis der Gewalt und apokalyptischen Schrecken des 20. Jahrhunderts in die deutsche Kunstgeschichte eingegangen.[17] Dieses Werk besteht aus verschiedenen graphischen Serien. Der 150 Rohrfederzeichnungen umfassende Zyklus Das zerstörte Dresden ist seit 1959 im Besitz des Dresdner Kupferstich-Kabinetts.[18] Zum Werkkomplex vom zerstörten Dresden gehören außerdem 200 Aquarelle und aquarellierte Zeichnungen Dresden als Landschaft sowie die druckgraphischen Zyklen Dresden 1945 – nach der Katastrophe (35 Holzschnitte), Aus (47 Holzschnitte) und Dresden 1945 (20 Holzschnitte und Lithographien in kleiner Auflage).[18] 1972 wurde das gesamte Material neu gesichtet, die besten Blätter zur letztgültigen Folge Dresden 1945 (55 Holzschnitte der Zeit 1945–1947) zusammengefasst und vom Künstler mit der Hand gedruckt.[18]

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1915: Ausstellungsbeteiligung in der Dritten Kriegssonderausstellung der Galerie Ernst Arnold, Dresden
  • 1915–1925: Ausstellungsbeteiligung in der Sommerausstellung der Künstler-Vereinigung Dresden
  • 1919: Arbeiten sechs junger Dresdner Künstler in der Galerie Emil Richter, Dresden
  • 1920: Ausstellungsbeteiligung: Schaffende im Verband jüngerer Dresdner Künstler, im Sächsischen Kunstverein, Dresden
  • 1921: Ausstellung der Gemäldekollektion von Prof. Wilhelm Steinhausen in der Kunsthütte Chemnitz
  • 1924: Einzelausstellung in der Galerie Emil Richter in Dresden (Rezension von Will Grohmann in: Cicerone. Jg. 16, 1924, S. 239)
    • Einzelausstellung in der Kunsthandlung Goldschmidt & Wallerstein in Berlin (Rezension von Willi Wolfradt in: Cicerone. Jg. 16, 1924, S. 467)
    • Ausstellungsbeteiligung Junge Dresdner Künstler in der Galerie Neue Kunst Fides in Dresden
  • 1924/25: Ausstellungsbeteiligung in der Ersten Allgemeinen Kunstausstellung in Moskau, Saratov und Leningrad (als Mitglied der „Roten Gruppe“)
  • 1926: Ausstellungsbeteiligung Große Aquarell-Ausstellung in Dresden
  • 1927: Graphische Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes, Dresden
  • 1931: Einzelausstellung in den Galerie Neue Kunst Fides, Dresden
  • 1933: „Entartete Kunst“ im Lichthof des Dresdner Rathauses
  • 1945/46: Ausstellungsbeteiligung Freie Künstler. Ausstellung Nr. 1 in der Kunstakademie Dresden
  • 1947: Ausstellung im Haus des Kulturbundes Dresden
  • 1955, 1958 und 1960: Einzelausstellungen in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (jeweils mit Katalog)
  • 1965: Einzelausstellung Gewerkschaftshaus Stuttgart (Katalog)
  • 1974: Galerie am Sachsenplatz Leipzig und in der Hochschule für Bildende Künste Dresden
  • 1975/1976: Städtische Kunsthalle Düsseldorf mit Katalog
  • 1977: National-Galerie Berlin (Ost) mit Katalog
  • 1978: (August) Verkaufsausstellung Galerie Berlin, Staatl. Kunsthandel der DDR
  • 1979: mehrere Ausstellungen, Dresden, Neubrandenburg und München
  • 1981: Einzelausstellung, Berlin (West) mit Begleitpublikation (Text von Erhard Frommhold)
  • 1982 und 1988: Einzelausstellungen, Ravensburg (Galerie Döbele, jeweils mit Katalog)
  • 1992: Einzelausstellung, Städtische Galerie Albstadt (Katalog)
  • 1993: Ausstellungsbeteiligung Die vertikale Gefahr. Luftkrieg in der Kunst. in der documenta-Halle, Kassel
  • 1997/98: Ausstellungsbeteiligung Deutschlandbilder im Martin-Gropius-Bau, Berlin
    • Ausstellungsbeteiligung Die großen Alten 2, Neue Sächsische Galerie, Chemnitz
  • 2001: Einzelausstellung Wilhelm Rudolph – 100 Holzschnitte, Deutsche Werkstätten Hellerau, Dresden
  • 2005: Einzelausstellung Kunsthandlung Dr. Irene Lehr (Katalog)
  • 2007: Einzelausstellung, Holzschnitte von 1920 bis 1960 in der Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf
  • 2009/10: Ausstellungsbeteiligung Kunst und Kalter Krieg. Deutsche Positionen 1945–1989. Deutsches Historisches Museum, Berlin (Katalog)
  • 2011/12: Neue Sachlichkeit in Dresden. Malerei der Zwanziger Jahre von Dix bis Querner, 1. Oktober 2011 – 8. Januar 2012, Kunsthalle im Lipsius-Bau in Dresden (Katalog)
  • 2014: Das Phantastischste ist die Wirklichkeit. Malerei und Holzschnitte. Städtische Galerie Dresden (Katalog)

sowie zahlreiche weitere Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen.[19]

Wilhelm Rudolph, Dresden 13. Februar 1945 – Der Tod von Dresden, Ausstellung Rathaus Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister Dresden, Mappe mit 13 Reproduktionen und Katalogverzeichnis, Waltraut Schumann, 1967

Öffentliche Sammlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemälde, Zeichnungen und graphische Drucke von Wilhelm Rudolph sind Bestandteile zahlreicher öffentlicher Sammlungen.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wilhelm Rudolph. Holzschnitte aus zwei Jahrzehnten. Buchheim, Feldafing u. Zwinger, Dresden 1958
  • Jule Hammer, Siegfried Kiok u. Ludwig Thürmer (Hrsg.): Dresden als Erlebnis und moralische Landschaft. Wilhelm Rudolph, Holzschnitte, Aquarelle, Zeichnungen. Haus am Lützowplatz, Berlin 1981
  • Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Monographie und Dissertation. In: Rainer Beck und Constanze Peres (Hrsg.): Phantasos IV. Schriftenreihe für Kunst und Philosophie der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Hochschule für Bildende Künste Dresden und Verlag der Kunst Dresden (Philo Fine Arts), Dresden 2003, ISBN 3-364-00436-6
  • Anke Scharnhorst: Rudolph, Wilhelm. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  • Wilhelm Rudolph, Joachim Uhlitzsch, Farbige Gemäldewiedergaben, Leipzig 1968

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Dresden 2003, S. 9f.
  2. Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Dresden 2003, S. 95.
  3. Heinz Klunker: deutschlandfunk.de: Strich um Strich wie Wunden in: Deutschlandfunk, Das Feature, 3. Februar 2015.
  4. Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Dresden 2003, S. 243.
  5. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 501.
  6. Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Dresden 2003, S. 80f.
  7. Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Dresden 2003, S. 10.
  8. Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Dresden 2003, S. 152, 95–106.
  9. Gotthard Graubner im Munzinger-Archiv, abgerufen am 5. Januar 2012 (Artikelanfang frei abrufbar)
  10. Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Dresden 2003, S. 115–121.
  11. Jürgen Harten: Vorwort in: Wilhelm Rudolph. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Holzschnitte. Ausstellungskatalog, Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf 1975, S. 5–16
  12. a b Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Dresden 2003, S. 123.
  13. Till Ehrlich: Halbherzig abgehakt. In Dresden ins Depot geschafft und gründlich vergessen: Der unbequeme Dresdner Realist Wilhelm Rudolph. In: taz, 4. Mai 1994, S. 13.
  14. Wilhelm Rudolph: Das zerstörte Dresden. 65 Zeichnungen. Mit einem Essay von Horst Drescher. Verlag Phillip Reclam jun., Leipzig 1988, S. 5.
  15. Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk, Dresden, 2003, S. 9.
  16. Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Dresden 2003, S. 9–12, 152–158.
  17. Rainer Zimmermann: Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des Expressiven Realismus von 1925 bis 1975. Econ Verlag, Düsseldorf und Wien 1980, ISBN 3-430-19961-1, S. 181.
  18. a b c Wilhelm Rudolph: Das zerstörte Dresden. 65 Zeichnungen. Mit einem Essay von Horst Drescher. Verlag Phillip Reclam jun., Leipzig 1988. S. 117.
  19. Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Leben und Werk. Dresden 2003. S. 243–245.
  20. a b c d e f Wilhelm Rudolph: Das zerstörte Dresden. 65 Zeichnungen. Mit einem Essay von Horst Drescher. Verlag Phillip Reclam jun., Leipzig, 1988. S. 112.