Willy Rohr

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hauptmann Rohr (1917)
Willy Rohr auf dem Ehrenfriedhof zu Lübeck

Willy[1] Martin Ernst Rohr (* 19. Mai 1877 in Metz; † 8. März 1930 in Lübeck) war ein preußischer Offizier, der maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der Sturmbataillone im Ersten Weltkrieg hatte.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Willy Rohr, der eigentlich Wilhelm Rohr hieß, besuchte zuerst die Kadettenanstalten Bensberg und Karlsruhe, bevor er an die Hauptkadettenanstalt in Lichterfelde wechselte. Als Sekondeleutnant trat er 1896 in das 3. Magdeburgische Infanterie-Regiment Nr. 66 der Preußischen Armee ein, wurde von 1899 bis 1903 zur Unteroffiziersschule nach Potsdam abkommandiert und war danach Bataillons-, später Regimentsadjutant. 1906 später wurde er zum Oberleutnant befördert. Nachdem er 1911/12 bei der Infanterie-Schießschule in Wünsdorf als Lehrer tätig war, wurde er zum 10. Rheinischen Infanterie-Regiment Nr. 161 nach Trier versetzt und hier zum Hauptmann befördert. 1913 folgte seine Versetzung in das Garde-Schützen-Bataillon nach Groß-Lichterfelde, wo Rohr als Chef der 3. Kompanie fungierte.

Erster Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Ersten Weltkrieg kämpfte er mit diesem an der Aisne, in der Champagne und am Hartmannsweiler Kopf.

1915 wurde er zu der aus zwei Pioniereinheiten zusammengesetzten Abteilung von Major Calsow an die Loretto-Front versetzt. Da diese sehr verlustreich agierte, fand die Führung des in Sturmabteilung „Calsow“ umbenannten Bataillons der Armeeabteilung Gaede eine anderweitige Verwendung. Die stark dezimierte Sturmabteilung wurde an den Kaiserstuhl zurückverlegt. Auf Befehl des Generals von Falkenhayn wurde am 30. August 1915 vorerst der aus dem Garde-Schützen-Bataillon stammende Hauptmann mit deren Führung betraut.[2] Der vorher ungenutzte Kaiserstuhl wurde zum Ausbildungsort. Die Effektivität der Abteilung wurde durch die Nachrüstung mit Maschinengewehren und Flammenwerfern gesteigert. Rohr führte den Stahlhelm für sein Sturmbataillon (o. a. Stoßtrupp) ein, den die Gegenseite schon nutzte.[3]

Rohrs neuentwickelte Taktiken basierten auf seiner Fronterfahrung und stellten einen maßgebenden Beitrag zur Entwicklung der Stoßtrupptaktik dar. Erstmals bezeichnete Major Reddemann die vorangehenden Flammenwerfertrupps als Stoßtrupps. Es werden aber beide als Schöpfer des Stoßtruppgedankens angesehen.[4]

Es ist anzumerken, dass die taktische Ausbildung des Heeres bis zur Schlacht von Verdun von ihm vernachlässigt wurde.[5]

Die erfolgreiche Erprobung des Verfahrens fand durch das Infanterie-Regiment Nr. 187 westlich von Colmar in den Vogesen statt. Die Sturmabteilung Rohr bewährte sich bei der Rückeroberung des Hartmannsweilers eingesetzt im Dezember 1915. Als der nächste Einsatz Angriff auf den Hirzstein scheiterte, zog man sich zwecks intensiverer Vorbereitung zurück. Nach Abschluss der Vorbereitungen wurde er im Verband mit den beiden angriffsunerfahrenen Infanterie-Regimentern Nr. 188 und Nr. 189 im Januar 1916 erobert.[6]

Durch den erfolgreichen Einsatz der Sturmabteilung an verschiedenen Frontabschnitten der Armeeabteilung Gaede bildeten sich dort bei den Stellungstruppen aus. Im Dezember 1915 fand der erste Lehrkurs dazu in Anwesenheit des Generals auf dem Schlossberg bei Achkarren statt.[7] Ihrem Erfolg entsprechend, wurde die Abteilung im Februar 1916 zur 5. Armee (Kronprinz Wilhelm) verlegt, um an der Offensive vor Verdun teilzunehmen. Bedingt durch das mangelhafte Zusammenspiel der Einheiten musste die Abteilung angesichts ihrer hohen Verluste nach kurzer Zeit herausgezogen werden.

Hauptmann Rohr sprach am 13. März 1916 auf dem Gefechtsstande des Generalkommandos 3 in Nouillon-Pont bei General von Lochow, dem Chef des Stabes, Oberst Wetzell und dem Ia Major von Stülpnagel vor. Gefragt nach der Erfolglosigkeit der täglichen Angriffe führte Rohr in erster Linie auf die Unerfahrenheit der Infanterie mit dem Gebrauch der Nahkampfmittel zurück. So lägen in den Wäldern Handgranaten, die die Infanterie nicht anrührte, da sie in deren Gebrauch nicht ausgebildet war. Auch die Zusammenarbeit zwischen der Infanterie und ihren unmittelbaren Begleitwaffen, wie Maschinengewehre und leichte Minenwerfer hielt er für ungenügend. Im Anschluss hieran wurde ihm aufgegeben, seine Ausführungen möglichst bald vor dem AOK 5 persönlich zu wiederholen. Von dort erhielt er die Aufgabe zunächst einmal die Divisionen der Armee im „modernen Nahkampf“ auszubilden.[8]

Nach der Besichtigung durch den Kronprinzen und Verfügung des Kriegsministers wurde die Sturm-Abteilung zum Bataillon verstärkt und ihm der Name „Sturm-Bataillon“ verliehen.

Zu Lehrzwecken legte das Bataillon ein Übungswerk im Wald des Zerstörten Ortes Doncourt an. Hier wurden bis Kriegsende tausende von deutschen und auch österreichischen Offizieren ausgebildet. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrtruppe wurde das Bataillon immer wieder an Brennpunkte der Westfront geschickt. Über den Sturm auf die Souville-Schlucht vom 3. September 1916 erstattete Rohr direkt an Kaiser Wilhelm II. Bericht.[9]

Auf Antrag der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz wurde dem Bataillon am 7. Februar 1917 die Bezeichnung Sturm-Bataillon Nr. 5 (Rohr) vom Kriegsministerium verliehen.[10][11] Zeitgleich wurde Rohr Ausbildungsleiter.

Da es sich um das erste und erfolgreichste Sturm-Bataillon handelte mag die Nummer „5“ statt der „1“ sonderbar erscheinen. Die Nummer resultierte aber aus der Armee in der es diente und war somit die „Nr. 5“.

Im Januar 1918 wurde ihnen die erste „deutsche Sturm-Panzer-Kraftwagen-Abteilung“ zugewiesen. Als Mängel stellte man sowohl deren Langsamkeit als auch Schwerfälligkeit fest.

Rohr fuhr am 11. März 1918 zum AOK 18 nach Leschelle um Vorbereitungen für den großen Angriff, das Unternehmen Michael, zu treffen. Sein Bataillon sollte in der Nacht zum 19. März dort eintreffen. Im April wurde Kommandeur Rohr zum Major befördert.

Per geheimer Marschorder wurde das Bataillon Mitte Oktober 1918 nach Spa befohlen. Es galt dort das Große Hauptquartier und die Oberste Heeresleitung (OHL) zu schützen. Als der Kaiser 48 Stunden später floh, verschaffte sich Major Rohr von der OHL die Genehmigung und verließ mit seinem Bataillon Spa in Richtung Deutschland. Ein Großteil des Bataillons wurde in Schwelm demobilisiert.

Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wohnsitz des Direktors der Lübecker Getreidebank

Nach dem Krieg wurde er 1920 zum Reichswehr-Infanterie-Regiment 29 der Vorläufigen Reichswehr versetzt. Mit Bildung des 100.000-Mann-Heeres im Jahre 1921 wurde er verabschiedet und mit dem Charakter eines Oberstleutnants zur Disposition gestellt. Da der Major in der Reichswehr kein passendes Kommando mehr erhielt, er musste im Stabe Materialbestände aufnehmen, nahm er seinen Abschied.[12] Damit verzichtete die Reichswehr auf einen ihrer fähigsten Soldaten.[13]

Er fand seine neue Heimat in Lübeck. Hier verstarb er als Direktor der Lübecker Getreidebank.[14]

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Totenehrung 1937. Im Vordergrund von links: der älteste Sohn, seine Witwe, Reichskameradschaftsführer Kirchhofer

Rohr war mit Elisabeth Höschel (* 5. August 1891; † 7. Juni 1980 in Lübeck) verheiratet. Aus der Ehe gingen der Sohn Heinz und die Tochter Margot hervor.[15] Nach Tod von Rohr zog sie in derselben Straße sechs Häuser weiter und blieb dort bis an ihr Lebensende. An den erst nach dem Tode seines Namensgebers stattfindenden Treffen der ehemaligen Mitglieder des Sturmbataillons, 1937 in Bochum und 1938 in Essen, nahmen die Ehefrau und ihr Sohn teil.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Abschiedsrede in Lübeck am Grab des Oberstleutnants a. D. wies der Adjutant, Eberhard Graf von Schwerin, darauf hin, dass „man Dir angeboten hatte, das Kommando über uns einzutauschen gegen das über eines der alten kriegsruhmbedeckten traditionsreichen Jägerbataillone Preußens“ und Rohr dieses ablehnte.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anweisung für die Ausbildung beim Sturm-Bataillon. 1916

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Cron: Geschichte des Deutschen Heeres im Weltkriege 1914–1918. siegismund, Berlin 1937. (Geschichte der Königlich Preußischen Armee und des Deutschen Reichsheeres; Band 5)
  • Lübecker General-Anzeiger vom 13. März 1930: Nachruf. geschrieben vom Grafen v. Schwerin, Redakteur der Rheinisch-Westfälischen Zeitung in Essen, im Namen der Mitglieder des ehem. kgl. pr. Sturmbataillons Nr. 5 (Rohr)
  • Bruce Gudmundsson: Stormtroop Tactics. Innovation in the German Army. 1914-1918. Praeger Paperback, 1995, ISBN 0-275-95401-3.
  • Herbert Jäger: German Artillery of World War One. Crowood Press (UK), 2001, ISBN 1-86126-403-8.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul Koch: Das Niederschlesische Pionier-Bataillon Nr. 5 und seine Kriegsverbände im Weltkrieg 1914/18. Sporn, Zeulenroda (Thüringen) 1928.
  • Hesse Pascal, Laparra Jean-Claude: Le Sturmbataillon No. 5 Rohr 1916-1918. Histoire & Collections (France), 2011, ISBN 978-2-35250-166-4.
  • Werner Lacoste: Deutsche Sturmbataillone 1915-1918. Helios-Verlag, 2. Auflage, Aachen 2010, ISBN 978-3-86933-013-6.
  • Eberhard Graf von Schwerin: Königlich preußisches Sturm-Bataillon Nr 5 (Rohr). (Aus Deutschlands großer Zeit; Band 116) nach der Erinnerung aufgezeichnet unter Zuhilfenahme des Tagebuches von Oberstleutnant a. D. Willi Rohr, Graf von Schwerin. Sporn, Zeulenroda 1939.
  • Bernhard Reddemann: Geschichte der deutschen Flammenwerfer-Truppe. Felgentreff, Berlin-Schöneberg ca. 1933.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Willy Rohr – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde bei vielen Personen der Name Wilhelm, sie waren nach dem Kaiser benannt worden, in Willy abgeändert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde, wenn sie noch lebten, aus dem Willy wieder ein Wilhelm.
  2. Das Ehrenbuch der deutschen Pioniere. Berlin 1931.
  3. Otto Dziobek: Geschichte des Infanterie-Regiments Lübeck (3. Hanseatisches) Nr. 162. Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg i. D. 1922. Offizier-Verein ehem. 162er.
  4. Hermann Cron: Geschichte des deutschen Heeres im Weltkriege 1914-1918. Berlin 1937, S. 23.
  5. Hellmuth Gruss: Die deutschen Sturmbataillone im Weltkrieg. Aufbau und Verwendung. Berlin 1939.
  6. Karsten Richter: Die Sturmbataillone im Ersten Weltkrieg. aus: Der Infanterist. Heft 01/2002, S. 87.
  7. Hellmuth Gruss: Die deutschen Sturmbataillone im Weltkrieg. Aufbau und Verwendung. Berlin 1939, S. 26–27, 149.
  8. Eberhard von Schwerin: Königl. preuß. Sturm-Bataillon Nr. 5 (Rohr). Sporn, Zeulenroda in Thüringen 1939.
  9. Hellmuth Gruss: Die deutschen Sturmbataillone im Weltkrieg. Aufbau und Verwendung. Berlin 1939, S. 189.
  10. Hermann Cron: Geschichte des deutschen Heeres im Weltkriege 1914-1918. Berlin 1937, S. 126.
  11. Hellmuth Gruss: Die deutschen Sturmbataillone im Weltkrieg. Aufbau und Verwendung. Berlin 1939, S. 61.
  12. Das Ehrenbuch der deutschen Pioniere. Berlin 1931, S. 561–562. „Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser einmalige Fall von Disziplinlosigkeit im Btl. Major Rohr persönlich angekreidet wurde.“
  13. Werner Lacoste: Deutsche Sturmbataillone 1915-1918. Helios-Verlag, 2. Auflage, Aachen 2010, ISBN 978-3-86933-013-6. S. 17.
  14. Nachruf. in: Von Lübecks Türmen. Nr. 12, Lübeck 15. März 1930
  15. Todesanzeige in: Lübecker Nachrichten vom 10. Juni 1980.
  16. a b c d Preußisches Kriegsministerium (Hrsg.): Rangliste der Königlich Preußischen Armee und des XIII. (Königlich Württembergischen) Armeekorps für 1914. E.S. Mittler & Sohn, Berlin 1914, S. 161.
  17. Militär-Wochenblatt Nr. 95/96 vom 25. November 1916, S. 2240.