Abendgymnasium

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Abendgymnasium ist eine spezielle Gymnasialform und zählt zur Gruppe der Zweiten Bildungswege (Schulen für Erwachsene, SfE; Schulen für Berufstätige).

Deutschland[Bearbeiten]

Unterrichtszeiten[Bearbeiten]

Abendgymnasien werden je nach Bundesland und lokaler Tradition in verschiedenen „Zeitfenstern“ angeboten:

  • an einzelnen Abenden der Woche (zum Beispiel nur an drei Tagen),
  • abends, ca. ab 17:30 Uhr, täglich von montags bis einschließlich freitags,
  • Nachmittagsunterricht, ca. ab 14:30 Uhr, an den fünf Werktagen der Woche,
  • Vormittagsunterricht („Abendgymnasium am Vormittag“), ab ca. 8:00 Uhr an den fünf Werktagen.

Hinzu kommt in Nordrhein-Westfalen und jetzt auch in Rheinland-Pfalz (am Ketteler-Kolleg) der Schulversuch „Abitur-Online“ und in Bremen das E-Learning-Programm mit nur zwei Präsenztagen in der Woche, ergänzt durch Unterricht über eine Internetplattform.

Mehrere Bundesländer bieten neben Abendgymnasien auch so genannte Kollegs („Hessenkolleg“ u. ä.) für Erwachsene an, die das Abitur erlangen wollen. Der Unterschied besteht darin, dass an Kollegs Vollzeitunterricht in Form eines Tagesgymnasiums angeboten wird.

An einem Abendgymnasium kann man sowohl die Fachhochschulreife als auch die allgemeine Hochschulreife erlangen.

Zugang[Bearbeiten]

Um an einem Abendgymnasium aufgenommen zu werden, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Der Bewerber muss mindestens 18 Jahre alt sein,
  • eine abgeschlossene Berufsausbildung oder mehrjährige Berufserfahrung vorweisen können. Die Zeit schwankt von Bundesland zu Bundesland. Erziehungszeiten werden angerechnet, ebenso Zeiten der Arbeitslosigkeit sowie des Wehr- oder Zivildienstes.
  • einen Schulabschluss haben; manche Bundesländer setzen allerdings nur die Erfüllung der allgemeinen Schulpflicht voraus.

Kosten[Bearbeiten]

Staatliche Abendgymnasien sind in der Regel kostenfrei, es entstehen also keine monatlichen Studiengebühren. Indirekte Kosten entstehen für Berufstätige, wenn sie wegen der Doppelbelastung nicht mehr wie im bisherigen zeitlichen Umfang arbeiten können. Ab dem vierten Semester kann, wenn die persönliche Berechtigung besteht, die Schulausbildung nach BAföG gefördert werden. Die Fördergelder müssen nicht zurückgezahlt werden.

Da in Baden-Württemberg der zweite Bildungsweg so gut wie komplett privaten Schulen übertragen wurde, existieren dort keine staatlichen Abendgymnasien mehr. Private Anbieter verlangen einen Unkostenbeitrag von etwa 50 €/Monat (Stand 2006). In Karlsruhe beträgt der Unkostenbeitrag 757€/Schuljahr, zusätzlich kommt eine Anmeldegebühr von 150€ dazu (Stand 2014).

Auch in Bayern gibt es neben mehreren privaten Abendgymnasien nur eine einzige öffentliche und damit kostenlose Schule, und zwar in München, die von der Landeshauptstadt München unterhalten wird. Das Land Bayern betreibt kein einziges Abendgymnasium.

Unterricht[Bearbeiten]

Für Personen mit dem Abschluss der Mittleren Reife dauert die Schulzeit bis zum Abitur fünf bis sieben Semester (2½ bis 3½ Jahre), für jene mit einem Hauptschulabschluss unter Umständen acht Semester.

Der Besuch eines „Vorkurses“ (ein bis zwei Semester), in dem früherer Lernstoff aufgefrischt wird und der auf das anschließende Abendstudium vorbereitet, ist in manchen Bundesländern freiwillig, in anderen hingegen verpflichtend. Zudem gibt es an zahlreichen Abendgymnasien einen „Aufbaukurs“ („achtes Semester“), der Einsteigern mit Haupt- und Realschulabschluss Unterrichtsinhalte in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch bietet. Mancherorts werden auch Aufbaukurse für Nicht-Muttersprachler zur Festigung der Deutschkenntnisse angeboten. Aufbaukurs und Vorkurs unterstützen also bei der Entscheidung, ob man bereit ist, die kommenden Strapazen der Schulausbildung auf sich zu nehmen – und man sein Leben entsprechend darauf umstellt.

Überblick: Die drei Phasen an einem Abendgymnasium bis zur Abiturprüfung

  • Vorkursphase (Aufbaukurs und Vorkurs) je ein Semester (bei Bedarf),
  • Einführungsphase (erstes und zweites Semester),
  • Qualifikationsphase (drittes bis sechstes Semester).

Der Fächerkanon der Abendgymnasien entspricht weitgehend dem eines „normalen“ Gymnasiums, vereinzelt hängen besondere Nebenfächer vom Schulprofil des Abendgymnasium ab, von seiner Größe oder den Ressourcen.

Die drei Aufgabenfelder an einem AG lauten:

  • Aufgabenfeld 1: Deutsch, DaZ, Englisch, Französisch, Latein, Spanisch (u. ä.)
  • Aufgabenfeld 2: Historisch-politische Bildung, Philosophie, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (u. ä.)
  • Aufgabenfeld 3: Mathematik, Biologie, Chemie, Physik, Informatik (u. ä.)

Das Fach Sport kann an vielen AG belegt werden.

„Deutsch als Zweitsprache“ (kurz: DaZ) kann an vielen AG an Stelle der zweiten Fremdsprache (Französisch, Latein oder Spanisch) im Vorkurs und in der Einführungsphase belegt werden. DaZ ist für diejenigen Studierenden gedacht, die sich zwar schon sehr gut auf Deutsch verständigen können, aber noch nicht feste Grundlagen in dieser Sprache besitzen.

Die Klassenstärke liegt meist bei 15-20 Schülern. Teilweise weitaus weniger. Diese kleinen Gruppen besitzen den Vorteil für Schüler, dass sich Lehrer besser und intensiver als in Tagesschulen auf die Lernenden einstellen können. In den letzten Jahren steigen allerdings auch an Abendgymnasien die Klassengrößen, da dieser Bildungszweig zur Zeit einen Boom erlebt. Die Lehrer der AGs sind zwar in der Regel auf eigenen Wunsch in diesem Bildungszweig tätig, haben aber zumeist keine spezielle Ausbildung in der Erwachsenendidaktik, sondern eine für die Sekundarstufen 1 und 2.

Geschichte[Bearbeiten]

Die abschlussbezogene Erwachsenenbildung (Abendgymnasium, Kollegs) existiert in Deutschland seit Mitte der zwanziger Jahre und steht in der Tradition der frühen Arbeiterbildungsvereine, Volkshochschulen (ehemals: Bund für Volksbildung) und liberaler/bürgerlicher Bildungsinitiativen. Gemeinsam ist diesen Ursprüngen, dass „kleine Leute“ und/oder sozial benachteiligte Gruppen der Gesellschaft Zugang zu mehr Bildung und Chancen für einen beruflichen Aufstieg erhalten sollten.

Das erste Abendgymnasium in Deutschland kann auf das Silbermann-Kolleg in Berlin (1927) zurückgeführt werden. Peter Adalbert Silbermann eröffnete mit 115 Hörern und zehn Lehrern am 9. September 1927 den Unterrichtsbetrieb. Die erste Reifeprüfung 1930 bestanden 23 Prüflinge. Im Juni des Jahres 1930 übernahm die Stadt Berlin die Verwaltung der Schule. Der jüdische Schulleiter Prof. Silbermann und drei Lehrer der Schule wurden 1933 von den Nationalsozialisten fristlos entlassen.

Während des Nationalsozialismus wurden die meisten deutschen Abendgymnasien nicht mehr in dem nötigen Umfang unterstützt, vielfach aufgelöst, jüdische Lehrer entlassen und verfolgt. In mehreren Fällen vereinnahmten die Nationalsozialisten diese Schulen und missbrauchten sie für die Kaderarbeit der Partei oder für die Fortbildung im Rahmen der Deutschen Arbeitsfront, DAF.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen wenige Abendgymnasien in Deutschland ihre Arbeit in geringem Umfang wieder auf. Zwar wurden alle neuen Bildungseinrichtungen in Deutschland von den Besatzungsmächten argwöhnisch begutachtet, aber der Erfolg der westdeutschen Abendgymnasien setzt sich durch, da er einerseits ab den fünfziger Jahren eingebettet war in das „Reeducation“-Programm der US-Amerikaner, andererseits genehmigten die Besatzungsbehörden wieder zunehmend die Arbeit der im Dritten Reich verbotenen oder zerschlagenen Volksbildungsvereine.

Abendgymnasien in der Bundesrepublik Deutschland

In den 1960er Jahren durchlebten Abendgymnasien in der Bundesrepublik Deutschland eine Hochkonjunktur und eine neue Gründungswelle. Einerseits geschah dies vor dem Hintergrund der Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften, andererseits vor dem Hintergrund eines intensiven Bildungsdiskurses. Bestimmende Größen in dieser Diskussion waren Georg Picht („Die deutsche Bildungskatastrophe“, 1964) und Ralf Dahrendorf („Bildung ist Bürgerrecht“, 1965).

Während nach dem Zweiten Weltkrieg männliche Schüler weit überwogen, fanden in den Jahren nach der 68er-Bewegung immer mehr Frauen den Weg an Abendgymnasien, so dass in den Klassen Männer oft eine kleine Minderheit bildeten.

Mit dem Anstieg der Quote der Abiturabschlüsse an Jugendschulen seit den 1970er Jahren hat der Wettbewerb um Arbeitsplätze mit akademischen Abschlüssen stark zugenommen (s. a.: Bildungsparadox). Zeitgleich setzt die entstehende Massenarbeitslosigkeit den Bildungsabschluss Abitur stark unter Druck. Während z.B. das städtische Münchner Abendgymnasium um 1990 durchschnittlich ca. 600 Schüler und jährlich um 100 Abiturienten hatte, fiel die Schülerzahl auf heute ca. 300. Die Zahl der Abiturienten beträgt etwa 40.

Abendgymnasien, heute Weiterbildungskollegs, sind Angebotsschulen und sind nicht mit den Pflichtschulen für Jugendliche vergleichbar. Wegen z.B. beruflicher, persönlicher und familiärer Probleme beenden viele Studierende ihren Lehrgang im ZBW vorzeitig. Die erreichten Abiturqualifikationen entsprechen etwa denen der Jugendgymnasien.

Was viele Studenten weiterhin an AG und Kollegs – nachvollziehbar auch über empirische Studien – fasziniert, ist, jenseits der Trampelpfade der klassischen Arbeitswelt als Erwachsener andere Lebenswege kennenzulernen, „umzuschalten“, zu erkunden und neue, individuelle Lebens- und Arbeitsformen auszuprobieren. Dies scheint, gerade in heutigen Tagen hoher Arbeitslosigkeit, ein wichtiges Leitmotiv zu sein.

Abitur für Berufstätige in der DDR

In der DDR gab es zahlreiche zum Abitur führende Abendschulen, deren Aufgaben dort von den Volkshochschulen wahrgenommen wurden.

Die verhältnismäßig hohe Zahl dieser Schulen ist nur vor dem Hintergrund der damals herrschenden politischen Verhältnisse zu verstehen. Wer politisch als unzuverlässig galt, nicht an der Jugendweihe teilgenommen hatte oder manchmal auch nur keine der „Arbeiterklasse“ angehörenden Eltern hatte, musste damit rechnen, trotz guter Leistungen an der Polytechnischen Oberschule nicht an eine Erweiterte Oberschule (EOS) aufgenommen zu werden und somit kein Abitur machen zu können. Wenn er auch keinen Ausbildungsplatz für eine Berufsausbildung mit Abitur bekommen konnte, musste er erst eine normale berufliche Lehre absolvieren, konnte aber dann eine Volkshochschule besuchen und das Abitur nachholen. Dann standen ihm auch die Universitäten offen. Auch Lehrlinge, die eine Berufsausbildung mit Abitur absolvierten, mussten bei bestimmten Studienwünschen zusätzlich die Volkshochschule besuchen, da in ihrem Lehrplan Kunsterziehung, Musik sowie Biologie nicht enthalten waren.

Prominente Absolventen[Bearbeiten]

Prominente Absolventen von deutschen Abendgymnasien sind Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Ex-Bundesminister Norbert Blüm, Ex-Daimler-Chef Jürgen Schrempp, Ex-CSU-Vorsitzender Erwin Huber (Abitur am städtischen Abendgymnasium München) und Ex-VW-Manager Peter Hartz.

Österreich: Allgemeinbildende höhere Schule des Bundes für Berufstätige[Bearbeiten]

In Österreich besteht die Möglichkeit, das Reifezeugnis, die Matura, an einem Abendgymnasium zu erwerben (Abendmatura). Der Unterricht wird sowohl in herkömmlicher Form von Montag bis Freitag, als auch als Fernkurs an zwei Tagen der Woche angeboten. Bei öffentlichen Abendschulen ist bei der Anmeldung ein Nachweis der Berufstätigkeit vorzulegen.

In den Städten Wien, Linz (Oberösterreich), Salzburg, Abendgymnasium Graz (Steiermark), Klagenfurt und Villach (Kärnten) und Innsbruck (Tirol) sowie Wiener Neustadt (Niederösterreich) sind insgesamt acht Abendgymnasien (Allgemeinbildende höhere Schulen des Bundes für Berufstätige, AHS für Berufstätige) eingerichtet. Für Schüler aus abgelegenen Regionen besteht die Möglichkeit über das Internet (online-Teilnahme, E-Learning) am Unterricht teilzunehmen, oder der Internatsbesuch.

Die AHS für Berufstätige ist, neben Realgymnasium für Berufstätige und Wirtschaftskundlichem Realgymnasium für Berufstätige im § 37Vorlage:§/Wartung/RIS-Suche Abs. 3 Schulorganisationsgesetz geregelt und verfügt über einen eigenen Lehrplan.[1]

Eine Besonderheit stellt das Bundesrealgymnasium für Berufstätige an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt dar.[2] Obwohl diese Institution eine öffentliche Schule ist, ist sie nur für Soldaten zugänglich. Die Bezeichnung wurde bereits in den 1960er Jahren eingeführt. Viele Offiziere, welche später die Theresianische Militärakademie besuchten, waren Absolventen dieser Schule.

Italien[Bearbeiten]

Das wohl dichteste Netz von Abendgymnasien besteht in der autonomen Provinz Südtirol. Lehrer an normalen Tagesgymnasien unterrichten einen Teil ihres Stundendeputats am Abend und ermöglichen so Erwachsenen, die staatliche Abschlussprüfung (Matura) nachzuholen.

Litauen[Bearbeiten]

Die Abendgymnasien in Litauen sind sog. Erwachsenengymnasien:

Weblinks[Bearbeiten]

Deutschland:

Österreich:

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lehrplan AHS für Berufstätige, bmukk.gv.at
  2. § 37Vorlage:§/Wartung/RIS-Suche Schulorganisationsgesetz Abs. 4