Atomuhr

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Atomuhr
Die Caesium-Atomuhr „CS 4“ der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig wurde 1992 in Betrieb genommen. Seit 2005 ist sie ein Exponat im Braunschweigischen Landesmuseum.

Eine Atomuhr ist eine Uhr, deren Zeittakt aus der charakteristischen Frequenz von Strahlungsübergängen der Elektronen freier Atome abgeleitet wird. Die Zeitanzeige einer Referenzuhr wird fortwährend mit dem Taktgeber verglichen und angepasst. Atomuhren sind derzeit die genauesten Uhren und werden auch primäre Uhren[1] genannt.

Aus den Messwerten von über 260 Atomuhren an über 60 weltweit verteilten Instituten legt das Bureau International des Poids et Mesures (BIPM) in Paris die Internationale Atomzeit (TAI)[2] als Referenzzeit fest.

Entwickelt wurden die Grundlagen der Atomuhr vom US-amerikanischen Physiker Isidor Isaac Rabi an der Columbia University, der dafür 1944 den Nobelpreis für Physik erhielt.[3] Ein weiterer Nobelpreis im Zusammenhang mit Atomuhren wurde 1989 an den US-amerikanischen Physiker Norman Ramsey für die Verbesserung der Messtechnik bei atomaren Energie-Übergängen verliehen.

Funktionsweise[Bearbeiten]

Uhren können die Zeit umso genauer angeben, je konstanter die Schwingung ihres Taktgebers ist. Bei Räderuhren sind dies das Pendel oder die Unruh, bei der Quarzuhr ist es ein Quarzoszillator, dessen Frequenz mit Hilfe des Schwingquarzes konstant gehalten wird. In Atomuhren macht man sich die Eigenschaft von Atomen zu Nutze, beim Übergang zwischen zwei Energiezuständen elektromagnetische Wellen einer bestimmten Frequenz abzustrahlen oder zu absorbieren.

Ein temperaturkompensierter Quarzoszillator erzeugt ein elektromagnetisches Wechselfeld, dem die Atome ausgesetzt werden. Bei einer ganz bestimmten Frequenz absorbieren die Atome besonders viel Energie und strahlen diese in andere Richtungen ab. Diese Resonanz wird verwendet, um die Frequenz des Quarzoszillators mittels einer Regelschleife extrem stabil zu halten: Weicht die Frequenz von der Resonanz ab, wird dies erkannt und die Frequenz der Quarzuhr wird entsprechend angepasst um wieder die Resonanzfrequenz zu treffen. Die Stabilität der Resonanz selbst bestimmt jetzt die Qualität des Ausgangssignals. Ausgelesen wird schließlich das Zeitsignal der Quarzuhr.[4]

Geschichte und Entwicklungen[Bearbeiten]

Louis Essen und J. V. L. Parry zeigen die Caesiumuhr

Aufbauend auf seine in den 1930er Jahren durchgeführten Untersuchungen zu Magnetresonanzverfahren, regte 1945 der US-amerikanische Physiker Isidor Isaac Rabi den Bau einer Atomuhr an. Die erste Atomuhr wurde 1946 von Willard Frank Libby vorgestellt, eine weitere wurde 1949 im National Bureau of Standards (NBS) in den Vereinigten Staaten unter Verwendung von Ammoniak-Molekülen als Schwingungsquelle von Harold Lyons konstruiert. Da sie aber noch nicht den erhofften Genauigkeitsgewinn erbrachte, wurde die Uhr drei Jahre später überarbeitet und auf die Verwendung von Caesiumatomen umgerüstet.[5] Sie erhielt den Namen NBS-1.

1955 folgte dann eine noch genauere Caesiumuhr vom Physiker Louis Essen und J. V. L. Parry am National Physical Laboratory in Großbritannien.

Aufgrund der hervorragenden Gangergebnisse dieser Uhren wurde die Atomzeit als internationaler Standard für die Sekunde definiert. Seit Oktober 1967 beträgt die Zeitdauer einer Sekunde im internationalen Einheitensystem per Definition […] das 9.192.631.770fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustands von Atomen des Nuklids 133Cs entsprechenden Strahlung.[6]

Im Laufe der Jahre wurde die Genauigkeit der Atomuhren immer wieder verbessert und bis Ende der 1990er Jahre wurde eine relative Standardabweichung zur idealen SI-Sekunde von etwa 5·10−15 erreicht.[5]

Hochpräzise Atomuhren[Bearbeiten]

Caesium, Rubidium und Wasserstoff sind die gängigsten Atome, mit denen Atomuhren betrieben werden. Die Tabelle stellt ihre Eigenschaften gegenüber. Zum Vergleich sind die Werte für einen beheizten Schwingquarz, den sogenannte Quarzofen (OCXO), sowie Ammoniak mit aufgenommen.

Typ Arbeitsfrequenz
in MHz
relative Standardabweichung
typischer Uhren
Quarzofen (OCXO) 5 bis 10 üblich
NH3 23 786[4]
133Cs 9 192,631 77[4] (*) 10−13
87Rb 6 834,682 610 904 324[7] 10−15
1H 1 420,405 751 77 10−15
Optische Atomuhr (87Strontium) 429 228 004,229 874 10−17

(*) Definition der Sekunde

Neben Caesium, Rubidium und Wasserstoff werden auch andere Atome oder Moleküle für Atomuhren verwendet.

Caesium-Fontäne[Bearbeiten]

In neueren Atomuhren arbeitet man mit thermisch abgebremsten Atomen, um die Genauigkeit zu erhöhen. In der „Caesium-Fontäne“ (engl.: Cesium fountain) werden Caesiumatome dazu stark abgekühlt, so dass sie nur noch etwa einen Zentimeter pro Sekunde schnell sind. Die langsamen Atome werden dann mit einem Laser nach oben beschleunigt und durchlaufen eine ballistische Flugbahn (deswegen der Ausdruck Caesium-Fontäne), hierdurch kann die effektive Wechselwirkungsdauer der Atome mit den eingestrahlten Mikrowellen verlängert werden, was eine exaktere Frequenzbestimmung erlaubt. Die relative Standardabweichung der Caesium-Fontäne NIST-F1 lag im Jahr 1999 bei nur etwa 10−15, was einer Abweichung von einer Sekunde in 20 Millionen Jahren entspricht.[5]

Optische Uhr[Bearbeiten]

In einer Atomuhr wird die Frequenz einer atomaren Resonanz gemessen. Dies gelingt um so genauer, je höher die Frequenz der Resonanz ist. Sichtbares Licht hat eine etwa 50.000-fach höhere Frequenz als die beim Caesium genutzte Mikrowellenstrahlung. Eine Atomuhr, die mit einer optischen Resonanz arbeitet, kann aus diesem Grund deutlich genauer sein. Seit einigen Jahren wird daher an der Realisierung einer optischen Atomuhr gearbeitet, die eine höhere Genauigkeit aufweist als die aktuell genutzten Caesium-Uhren.

Zu diesem Zweck werden Experimente mit Elementen gemacht, die geeignete Übergänge bei optischen Wellenlängen haben. Hierdurch erreicht man Frequenzen von hunderten Terahertz an Stelle der herkömmlichen 9 GHz. In diesen Experimenten werden einzelne Atome in einer Atomfalle gespeichert. Ein Laser wird auf einen schmalbandigen Übergang stabilisiert. Die Stabilität der Frequenz dieses Laserlichts wird anschließend ohne Genauigkeitsverlust auf ein periodisches elektrisches Signal übertragen. Dies gelingt mit einem Frequenzkamm. Als Frequenz für das elektrische Signal ist 10 MHz üblich.

Physiker vom JILA in Boulder (Colorado) haben im Februar 2008 eine optische Atomuhr präsentiert, die auf spinpolarisierten 87Strontium-Atomen basiert, welche in einem Gitter aus Laserlicht gefangen sind. Es gelang der PTB mit Hilfe ihres transportablen Frequenzkamms eine Frequenz von 429.228.004.229.874 ±1 Hz zu verifizieren.[8] Der Rekord lag Anfang 2008 bei 10−17, gemessen an einem ultragekühlten Aluminiumatom.[9]

Im August 2013 konnte am selben Institut in einer Zusammenarbeit mit dem NIST die Präzision (nicht zu verwechseln mit Genauigkeit) einer optischen Atomuhr auf 10-18 verbessert werden. Dies gelang durch den Vergleich zweier baugleicher Uhren, die wie oben auf spinpolarisierten Atomen basiert, hier jedoch auf jeweils ca. 10000 Ytterbium Atomen. Die größere Anzahl an Atomen erlaubt eine vergleichsweise schnelle Bestimmung der Präzision der Uhren durch Mittelung über die Messdaten.[10]

Auf dem erreichten Präzisionsniveau wird eine Vielzahl von Effekten sichtbar, die die beobachtete Frequenz beeinflussen. Dazu gehören z. B. der Zeeman-Effekt, Stoß-Wechselwirkung zwischen den Atomen, der AC-Stark-Effekt oder die Gravitationsrotverschiebung.

Im Juli 2012 präsentierte China zum ersten Mal eine an der Akademie der Wissenschaften in Wuhan entwickelte optische Uhr, die auf Calcium-Ionen basiert. China wurde damit nach den USA, Deutschland, Großbritannien, Kanada, Österreich und Japan das siebte Land, das optische Uhren entwickeln kann.[11]

Kleinformatige Atomuhren für die praktische Anwendung[Bearbeiten]

Chip-scale Atomuhr vom NIST

Eine andere Entwicklungslinie neben den hochpräzisen Uhren verfolgt den Bau preiswerter, kleiner, leichter und energiesparender Uhren, z. B. für den Einsatz in Satelliten von Satellitennavigationssystemen wie GPS, GLONASS oder Galileo um so die Positionierungsgenauigkeit zu erhöhen. Im Jahr 2003 gelang es, eine Rubidium-Atomuhr zu bauen, die nur ein Volumen von 40 cm3 einnimmt und eine elektrische Leistung von einem Watt aufnimmt. Dabei erreicht sie eine relative Standardabweichung von ca. 3·10−12. Das entspricht einer Abweichung von einer Sekunde in 10.000 Jahren. Damit ist die Uhr zwar deutlich ungenauer als die großen stationären Atomuhren, aber erheblich genauer als eine Quarzuhr. (Genaue, nicht temperaturkompensierte Quarzuhren haben eine Abweichung von rund einer Sekunde in einem Monat. Verglichen mit diesen ist diese kleine Atomuhr 120.000-mal genauer.)

Im Jahr 2011 kam eine portable Chip Scale Atomic Clock (CSAC) mit einem Volumen von 17 cm3 zu einem Preis von $1,500 auf den zivilen Markt[12].

Wasserstoff-Maser-Uhren zur Anregung der Schwingung sind ebenfalls hochgenau, aber schwieriger zu betreiben. Der erste Wasserstoff-Maser im Erdorbit ist auf dem Galileo-Navigationssatelliten Giove-B am 27. April 2008 als Zeitbasis für die Ortsbestimmung in die Umlaufbahn transportiert worden.[13]

Einsatz in Deutschland, Österreich und der Schweiz[Bearbeiten]

Atomuhr CS2 der PTB

In Deutschland sind vier Atomuhren in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig in Betrieb, darunter auch zwei „Caesium-Fontänen“ im Regelbetrieb. Seit 1991 liefert die Caesium-Uhr CS2 das Zeitnormal für die Sekunden der gesetzlichen Zeit.[14] Diese Zeit können Funkuhren über den Zeitzeichensender DCF77 empfangen; sie ist auch im Internet per NTP abrufbar.

In Österreich betreibt das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (Labor für Frequenz, Zeit) mehrere Atomuhren. Die Master Clock liefert UTC(BEV). Diese Zeit können Computer über das NTP von den Stratum-1-Servern empfangen.

Caesium-Fontäne FOCS-1 des METAS

In der Schweiz betreibt das Labor für Zeit und Frequenz des Bundesamts für Metrologie (METAS) mehrere Atomuhren, mit der die schweizerische Atomzeit TAI(CH) geführt und die schweizerische Weltzeit UTC(CH) errechnet wird. Diese kann über das Internet durch das NTP-Protokoll abgefragt werden. Bis 2011 konnten Funkuhren auch über den Zeitzeichensender HBG dieses Zeitsignal empfangen.[15]

Anwendungsgebiete[Bearbeiten]

Atomuhren dienen zum einen der exakten Zeitmessung von Abläufen, zum anderen der genauen Zeitbestimmung und der Koordinierung verschiedener Zeitsysteme und -skalen. So entsteht etwa durch Abgleich der international bestimmten Atomzeit (TAI) mit der astronomischen Zeit (UT1) die Koordinierte Weltzeit (UTC). In Mitteleuropa erhalten Funkuhren das UTC-basierte Zeitsignal über den in Deutschland stationierten Sender DCF77. Das britische Pendant ist der Sender MSF.

Anwendungsbeispiele[Bearbeiten]

  • In vielen Standards-Instituten weltweit wird die Caesiumuhr Modell 5071, ursprünglich von Hewlett-Packard entwickelt, später von Agilent, dann Symmetricom vertrieben, eingesetzt. Siehe z. B. das Atomuhr-Labor des U.S. Naval Observatory.
  • Im Atomic Clock Ensemble in Space (ACES), einem Teil des Columbus-Raumlabor, sollen zwei Caesium-Atomuhren für die Verwendung für Galileo getestet werden.
  • Rubidiumuhren können in kompakten Abmessungen und preisgünstig hergestellt werden. Sie werden in den Bereichen Telekommunikation, Energieversorgung und für Kalibrierungen in der Industrie verwendet. Ein sehr hoch entwickeltes Modell arbeitet in der neuesten Generation der Satelliten des GPS-Navigationssystems.
  • Ein Rubidium-Oszillator stabilisiert die Trägerfrequenz des Langwellen-Rundfunksenders Donebach.
  • Im Internet werden die Zeitimpulse zahlreicher Atomuhren mittels Network Time Protocol (NTP) frei für jedermann zur Verfügung gestellt.
  • Rubidiumuhren kommen in hochwertigen Wordclock-Generatoren zum Einsatz, um Verbände digitaler Audiogeräte miteinander zu synchronisieren.

Literatur[Bearbeiten]

  • C. Audoin und J. Vanier: Atomic frequency standards and clocks. Journal of Physics E: Scientific Instruments, 1976.
  • Rexmond D. Cochrane: Measures for Progress: A History of the National Bureau of Standards. U.S. Department of Commerce, Washington D. C. 1966.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Atomuhr – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Atomuhr – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vier primäre PTB-Uhren tragen zur Weltzeit bei. PTB. April 2010. Abgerufen am 26. Oktober 2014.
  2. International Atomic Time (en) BIPM. Abgerufen am 12. Dezember 2010.
  3. Fritz von Osterhausen: Callweys Uhrenlexikon. Callwey, München 1999, ISBN 978-3766713537. S. 24
  4. a b c Funktionsweise und typische technische Realisierungen von Atomuhren. Arbeitsgruppe 4.41 der PTB. 2003. Abgerufen am 13. Dezember 2010.
  5. a b c A Brief History of Atomic Clocks at NIST. NIST. Abgerufen am 12. Dezember 2010.
  6. Die Geschichte der Zeiteinheit / Die Sekundendefinition von 1967. Arbeitsgruppe 4.41 der PTB. 2003. Abgerufen am 13. Dezember 2010.
  7. BIPM-Dokument (PDF; 207 kB)
  8. Messung der Frequenz einer optischen Atomuhr und deren Übertragung per Glasfaser, PTB. 2007. Abgerufen am 13. Dezember 2010. 
  9. Michael Banks: New optical clock promises increased accuracy (en). In: physicsworld.com, 5. Oktober 2008. Abgerufen am 12. Dezember 2010. 
  10. N. Hinkley, J. A. Sherman, N. B. Phillips, M. Schioppo, N. D. Lemke, K. Beloy, M. Pizzocaro, C. W. Oates, A. D. Ludlow: An Atomic Clock with 10-18 Instability. In: Science. 341, 2013, S. 1215–1218, doi:10.1126/science.1240420.
  11. China unveils first optical clock. Xinhua, 12. Juli 2012.
  12. Sandia Labs News Releases. Sandia National Laboratories, 2. Mai 2011, abgerufen am 28. April 2013 (html, englisch).
  13. Giove-B erfolgreich gestartet, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt. 27. April 2008. Abgerufen am 12. Dezember 2010. 
  14. Seit wann läuft die erste Atomuhr in der PTB?. PTB. November 2010. Abgerufen am 13. Dezember 2010.
  15. Spezielle Uhren: Die genauste Uhr der Schweiz. In: swissworld.org. Präsenz Schweiz. Abgerufen am 13. Dezember 2010.