Außer Atem

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Filmdaten
Deutscher Titel Außer Atem
Originaltitel À bout de souffle
Produktionsland Frankreich
Originalsprache Französisch
Erscheinungsjahr 1960
Länge 87 Minuten
Altersfreigabe FSK 16
Stab
Regie Jean-Luc Godard
Drehbuch Jean-Luc Godard
Produktion Georges de Beauregard
Musik Martial Solal
Kamera Raoul Coutard
Schnitt Cécile Decugis
Lila Herman
Besetzung

Außer Atem (Originaltitel: À bout de souffle) ist ein französischer Gangsterfilm aus dem Jahr 1960. Der erste Langfilm von Jean-Luc Godard, der als Klassiker des französischen Kinos und der Nouvelle Vague gilt, entstand nach einem von Godard umgeschriebenen Drehbuch von François Truffaut, das wiederum auf einem Zeitungsbericht über einen Polizistenmord basierte. Erster Regieassistent war Pierre Rissient.

Handlung[Bearbeiten]

Der Kleinkriminelle Michel ist mit einem gestohlenen Wagen auf dem Weg nach Paris. Als er bei einer Verkehrskontrolle von der Polizei gestellt wird, erschießt er einen Polizisten und ist fortan auf der Flucht. Er findet Unterschlupf bei der amerikanischen Studentin Patricia, die er in Südfrankreich kennengelernt hat und in die er sich verliebt. Michel versucht Geld für seine Flucht nach Italien zu beschaffen, doch das Fahndungsnetz der Polizei zieht sich immer enger zusammen. Schließlich ist es an Patricia, sich zwischen Karriere und Liebhaber zu entscheiden – und sie verrät ihn an die Polizei. Als Michel versucht davonzulaufen, trifft ihn eine Kugel in den Rücken.

Filmtechnik und -ästhetik[Bearbeiten]

Außer Atem ist auch aufgrund seiner innovativen filmischen Mittel berühmt geworden. Dazu zählen die Verwendung einer Handkamera, Aufnahmen unter natürlichem Licht statt aufwendiger Beleuchtung und die Schnitttechnik des Jump Cut. In Dialogszenen verlaufen Sprache und Bildmontage statt der üblichen Schuss-Gegenschuss-Montage oftmals asynchron. Die stilistischen Besonderheiten sind nicht nur dem künstlerischen Wollen Godards geschuldet, sondern auch finanziellen Engpässen: Godard musste den auf zwei Stunden angelegten Film auf neunzig Minuten kürzen.

Die Brasserie „Le Select“ am Boulevard du Montparnasse in Paris, einer der Drehorte

Der Film wurde nicht im Studio, sondern an Originalschauplätzen, nämlich auf dem Land, in Zimmern und den Straßen von Paris gedreht, was einen Bruch mit den bisherigen Methoden darstellte. Godard wollte das Leben dort filmen, „wo es ist“.[1] Er sah seinen Film als „ein[en] Film ohne Regeln oder dessen einzige Regel hieß: Die Regeln sind falsch oder werden falsch angewendet“.[1] Schon deswegen war der Film für die damalige Zeit revolutionär. Manche Zeitgenossen verglichen Godards filmtechnische Revolution mit dem Kubismus, der mit den Regeln der Malerei brach.

Zum besonderen Flair des Films tragen auch die Alltagsgeräusche der Metropole Paris und die Filmmusik bei, die großteils von dem bekannten Jazzpianisten Martial Solal interpretiert wurde.

Hintergründe und Interpretationen[Bearbeiten]

Der Film war von Godard als Hommage an den amerikanischen Film noir mit klassischen Ikonen wie Humphrey Bogart gedacht; Michel betrachtet in einer Szene auch eine Fotografie des Idols im Schaufenster eines Kinos. Aus der Hommage wird ein ironischer Abgesang auf das klassische Genre und den klassischen Gangstertypus: Michel imitiert Gesten Bogarts und ist im Gegensatz zu diesem, der in seinen Rollen – wie beispielsweise in Die Spur des Falken – stets Sieger bleibt, ein Verlierertyp. Am Ende wird er von Patricia, die sich beweisen will, dass sie ihn gar nicht liebt, sogar verraten. Schon zu Beginn des Films richtet er an den Zuschauer die Frage nach seinem bevorzugten Urlaubsziel und sagt dann: „Sie können mich mal!“ Einer Identifizierung des Zuschauers mit Michel wird also gegengesteuert (hierzu ein Verweis auf das epische Theater Bertolt Brechts, bei dem diese Vermeidung einer Identifikation mit den Protagonisten eine große Rolle spielt). Das Ende des Films treibt die Ironie bzw. Parodie auf die Spitze: Als Michel bereits niedergeschossen am Boden liegt und stirbt, zieht er abermals Grimassen. Auf seine letzten Worte an die Amerikanerin Patricia, sie sei wirklich zum Kotzen, stellt sie in die Kamera blickend die Frage: „Was heißt das, kotzen?“ In der französischen Originalfassung sagt er jedoch „C’est vraiment dégueulasse“ (Das ist wirklich ekelhaft/zum Kotzen), was von einem Polizisten auf Patricias Nachfragen falsch als „Vous êtes vraiment une dégueulasse“ (Sie sind wirklich ein Ekel/zum Kotzen) wiedergegeben wird.

Der Film knüpft mit Aussagen Patricias wie z. B. „Ich weiß nicht, ob ich unglücklich bin, weil ich nicht frei bin, oder ob ich nicht frei bin, weil ich unglücklich bin“ oder der Frage an Michel, wie er sich zwischen Leiden oder Nichts entscheiden würde, auch einen Bezug zu dem damals sehr populären Existenzialismus. Michel entscheidet sich für das Nichts, denn Leiden sei ein Kompromiss - und er will alles oder nichts. Ansonsten geht er jedoch auf Patricias Fragen (auch zu einem Bild, das sie neu aufgehängt hat) nicht ein und es wird deutlich, dass sie, eine Studentin, und er, ein kleiner Gangster, nicht zusammenpassen.

Kritiken[Bearbeiten]

„Godards längst zum Klassiker gewordener Erstlingsfilm ist eine Huldigung an Humphrey Bogart und die ‚B-Filme‘ Hollywoods. […] Der Film wimmelt von inszenatorischen Regelverstößen, die man damals der Unerfahrenheit des Anfängers zuschrieb und erst später als raffinierte Absicht erkannte, einerseits den Artefaktcharakter des Films hervorzuheben, andererseits das amerikanische Ideal der ‚unsichtbaren‘ Regie zu torpedieren.“

Lexikon des Internationalen Films[2]

„Verschmockte Ästheten mögen vielleicht Gefallen finden an der alle Filmgesetze über Bord werfenden Freistilregie des Anfängers Jean-Luc Godard und die Konsequenz bewundern, mit der der weltanschaulichen Anarchie des Drehbuchautors Francois Truffaut eine formale der Inszenierung angepasst wurde. Wir können nur […] vor dem Schlamm warnen, den die Ausläufer der „Neuen Welle“ nunmehr in unsere Kinos schwemmen wollen. Abzulehnen.“

Filmschau, 1961[3]

„Schon nach den ersten Szenen sind alle außer Atem, die Schauspieler, die Zuschauer, die Bilder, und als Belmondo dann mit einer Kugel im Rücken auf dem Pflaster zusammenbricht, bläst er noch eine Rauchwolke aus, wie eine Pistole nach dem Schuß. Unsterblich werden und dann sterben, das dauert neunzig Minuten, und am Ende ist Belmondo ein Star, Godard ein Genie und der Film ein Klassiker.“

Andreas Kilb, Die Zeit[4]

„Dank Super-Coolness noch so frisch wie 1960.“

Cinema[5]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Außer Atem lief 1960 im Wettbewerb um den Goldenen Bären auf der Berlinale und wurde schließlich mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde der Film mit dem Prix Jean Vigo prämiert.

1961 war Außer Atem als Bester nichtitalienischer Film für den Nastro d’Argento nominiert. Von der Association Française de la Critique de Cinéma erhielt Godards Film den Prix Méliès als Bester Film. Jean-Paul Belmondo gewann den Étoile de Cristal als Bester Darsteller. 1962 war Jean Seberg in der Kategorie Beste ausländische Darstellerin für den BAFTA Award nominiert, unterlag jedoch Sophia Loren in Und dennoch leben sie.

Neuverfilmung[Bearbeiten]

1983 wurde mit Atemlos eine amerikanische Neuverfilmung mit Richard Gere und Valérie Kaprisky in den Hauptrollen gedreht. Die Nationalitäten der Hauptdarsteller sind umgekehrt wie die der Hauptdarsteller des Originals; gedreht wurde in Los Angeles und Kalifornien. Der Film konnte an den Kultstatus des Originals nicht heranreichen.

Anmerkungen[Bearbeiten]

2003 erstellte die Bundeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit zahlreichen Filmschaffenden einen Filmkanon für die Arbeit an Schulen und nahm diesen Film in ihre Liste mit auf. In der Liste der hundert besten Filme, die Focus 2002 veröffentlichte, belegte Außer Atem den 33. Platz.[6]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. J.B. Metzler Verlag, 2005

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Zitiert nach: Töteberg (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. S. 1
  2. Außer Atem im Lexikon des Internationalen Films
  3. Filmschau. Organ der Katholischen Filmkommission für Österreich. Jahrgang 11, 28. Januar 1961, S. 4715
  4. Andreas Kilb in Paris, France. In: Die Zeit, 4. August 1989
  5. Außer Atem auf cinema.de
  6. Focus, 25. November 2002