Bartleby der Schreiber

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Bartleby der Schreiber ist der deutsche Titel der amerikanischen Erzählung Bartleby the Scrivener von Herman Melville. Es ist das erste Werk, das Melville nach Moby Dick schrieb, und wurde zunächst 1853 in Putnam’s Monthly Magazine veröffentlicht und dann 1856 in die Piazza Tales aufgenommen.

Viele Kritiker sehen in ihr die beste Erzählung Melvilles und sie wird manchmal mit Der Mantel von Gogol verglichen. Sie weist aber auch auf das 20. Jahrhundert, vor allem auf Kafka, voraus.

Inhalt[Bearbeiten]

Ein älterer Rechtsanwalt berichtet als Ich-Erzähler von einem seiner Schreiber namens Bartleby, den er eines Tages in sein von Hochhäusern umstelltes lichtloses Büro in der Wall Street aufnimmt. Bartleby beginnt seine Tätigkeit mit stillem Fleiß und einsiedlerischer Ausdauer. Er kopiert unermüdlich Verträge, lehnt aber zur Überraschung seines Dienstherrn schon bald jede andere Tätigkeit mit den Worten ab: „Ich möchte lieber nicht“, „I would prefer not to“. Bald weigert er sich sogar, Verträge zu kopieren, wohnt aber inzwischen in dem Büro – höflich, freudlos, ohne Freunde und fast ohne zu essen. Der Rechtsanwalt kann oder will ihn nicht gewaltsam aus dem Büro entfernen lassen und auch eine großzügige Abfindung interessiert Bartleby nicht. Wegen eines unerklärlichen Einverständnisses mit Bartleby sieht sich der Rechtsanwalt am Ende gezwungen, selbst aus dem Büro auszuziehen, statt Bartleby vor die Tür zu setzen. Seine Nachmieter – weniger verständnisvoll – lassen Bartleby bald durch die Polizei abführen und in das Gefängnis The Tombs (die Gräber) bringen. Dort verweigert Bartleby sowohl alle Kommunikation als auch alle Nahrung. Der Rechtsanwalt versucht, sich um seinen „Freund“ zu kümmern, aber nach wenigen Tagen stirbt Bartleby an seiner Lebensverweigerung.

Das einzige, was der Rechtsanwalt über das Vorleben Bartlebys erzählen kann, ist ein ihm später zu Ohren gekommenes Gerücht, wonach Bartleby früher in einem Dead Letter Office arbeitete, einer Sammelstelle für nicht zustellbare Briefe.

Erzählweise[Bearbeiten]

Die Ereignisse werden linear erzählt und obgleich die Zeitangaben sehr vage bleiben, könnte die erzählte Zeit etwa 4 Wochen umfassen. In dieser Zeitspanne wird eine allmähliche Klimax der Verweigerung beschrieben: von der Einstellung des irgendwie entrückten Angestellten Bartleby über seine baldige Ablehnung von Zusatzaufgaben und die Reduktion seines Lebenskreises auf das Büro bis zu seiner völligen Ablehnung aller Arbeit und, später im Gefängnis, seiner Ablehnung des Lebens überhaupt.

Eine Ausnahme in dieser im Sichtbaren so transparenten und in den Hintergründen zunächst so rätselhaften Geschichte ist die nachträgliche Erwähnung eines Gerüchts: Bartleby sei vor seiner Anstellung in der Kanzlei Angestellter im Dead Letter Office gewesen, einer Abteilung für unzustellbare Briefe. Dieser nachgestellte Hinweis auf den Beginn von Bartlebys Veränderung erhält damit eine Schlüsselfunktion.

Während dieser späte Hinweis auf Bartlebys vorherige Anstellung die Linearität durchbricht, läuft eine gleichmäßige Textur mehrerer Motive der allmählichen Steigerung bis zur Groteske entgegen. So wird von Anfang an das Büro des Notars ähnlich dem Gefängnis beschrieben, in das Bartleby schließlich eingeliefert wird: Das Licht stürzt durch Lichtschächte wie in ein Verlies, die Mauern der Nachbarhäuser stehen dicht vor den Fenstern und vor einem Fenstern mit Blick auf eine Mauer steht Bartleby und träumt öfter im Stehen im Büro, ebenso wie er später im Gefängnishof mehrmals lange eine Mauer betrachtet. Oder: Die Mitarbeiter des Notars verrichten ihre auch vom Notar als langweilig eingeschätzten Dienste wie „Soldaten“, sie lassen ihre „Kolonnen“ aufmarschieren und greifen den Feind an. Und: Von Anfang an ist Bartleby ein Todgeweihter, „immerfort stumm, bleich, mechanisch“ und sein früher sozialer und psychischer Tod wird am Ende nur durch seinen baldigen physischen ergänzt. Diese immer wieder anklingenden Motive sind damit sowohl Rahmen als auch Bestimmung der sich mit ihnen vollziehenden Handlung.

Deutung[Bearbeiten]

Wie alle Werke Melvilles ist die Erzählung offen für unterschiedliche Deutungen. Man hat in der Figur Bartlebys in Ansätzen ein Selbstporträt des Autors sehen wollen oder eine Parabel auf die Lage eines erfolglosen Schriftstellers, der angesichts des Unverständnisses seiner Zeitgenossen verstummt. Die Beschreibung des erdrückenden Büros in der Wall Street wird auch als eine Kritik Melvilles an dem seelenlosen Betrieb der im Aufschwung begriffenen Finanzmetropole New York gelesen. So nennt der Autor seine Erzählung auch im Titel „A Story of Wall Street“, und die Mauern der die Kanzlei umgebenden Häuser und die des Gefängnisses sind ein beherrschendes Symbol.

Alle Deutung steht vor der Doppelaufgabe, sowohl die Veränderungen Bartlebys als auch das heimliche Einverständnis seines Arbeitgebers mit ihm erschließen zu müssen.

Bartleby scheint sich bei seinem Umgang mit unzustellbaren Briefen mit Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung infiziert zu haben und tritt schon in diesem Zustand einer latenten Antriebslosigkeit in die Kanzlei ein. Sein „Ich möchte lieber nicht“ erscheint zunächst nur als Rettungsversuch eines sensiblen und kranken Individuums vor einer mehrfach als sehr verbreitet und als äußerst langweilig beschriebenen Arbeit. Da Bartleby seine Widerstandskräfte schwinden und seine Träume von einem sinnerfüllten Leben nicht Wirklichkeit werden sieht, bleibt ihm nur die sich ausweitende Ausschließung von Zumutungen und – schließlich – des Lebens selbst. Aber Bartlebys groteske Konsequenz hebt sein Verhalten aus dem gegebenen konkreten Rahmen und verweist damit auf ein Allgemeines.

Denn in der Situation der vielen Bartlebys braucht es andere Menschen zum Überleben: Menschen wie Turkey und Nippers, die beiden anderen Schreiber der Kanzlei, die aus dem Lauf der Sonne – wie indirekt auch immer – und aus den permanent konsumierten scharfen Ginger Nuts ihre Lebensenergie gewinnen. Diese beiden stehen mit ihrer teils besonnenen, teils aktivistischen, teils ironisch distanzierten Arbeitshaltung der sanften Verletzlichkeit Bartlebys gegenüber – keineswegs als Vorbild, sondern wie eine noch unbestimmte Warnung.

Ihr Arbeitgeber, der wegen seiner Spezialisierung auf Grundbesitzübertragungen auch mit den höchsten Kreisen in Kontakt stehende Notar, verhält sich in diesen Wochen Bartleby gegenüber sehr „unamerikanisch“. Auch wenn der Notar sich als wenig ehrgeizig und selbstironisch als „Verfasser schwerverständlicher Dokumente aller Art“ bezeichnet, entwickelt er doch eine überraschende Sympathie für den die Arbeit verweigernden Bartleby, den er schließlich mehrmals seinen „Freund“ nennt. Anstatt ihn zu entlassen, gewährt er ihm sogar eine von den anderen Angestellten und von den Geschäftspartnern mit Unverständnis registrierte Freistatt in seinem Büro.

Die eine Ursache dieses skandalösen Einverständnisses liegt in der entwaffnenden Sanftheit Bartlebys, die sich sprachlich schon in seinem „Ich möchte lieber nicht“ äußert. Die andere Ursache scheint zu sein, dass Bartlebys Weigerungen bei ihm ein besonderes Mitleid, eine christliche Brüderlichkeit und solidarische Schwermut hervorrufen. Denn sowohl der Notar als auch seine anderen Angestellten können in Bartleby mehr sehen als nur einen negativen Geist, und Bartlebys „Ich möchte lieber nicht“ beginnt sich auch in ihr Sprechverhalten einzuschleichen. Bartleby wird damit derjenige, der auch für sie den Anspruch auf ein Leben in Hoffnung und Sinnerfüllung erhebt und der sich diesen Anspruch nicht noch einmal (wie im Dead Letter Office) mit einer dauerhaften Anstellung abkaufen lassen will.

Bartlebys „Ich möchte lieber nicht“ unterstellt eine Freiheit der menschlichen Handlungswahl, die zwar sozial utopisch und in ihrer Konsequenz grotesk ist, aber als Große Alternative den Arbeitgeber wie auch Bartlebys Kollegen fasziniert. So schlägt sich der Notar schon bald auf die Seite seines an einem Mangel an Hoffnung und Sinn sterbenden Angestellten. Dabei gerät der Notar mit seinem tätigen Mitleid aus christlicher Verantwortung auch in Konflikt mit der Protestantischen Ethik des frühen amerikanischen Kapitalismus und beendet seine Erzählung mit dem prophetisch-pessimistischen Ausruf: „O Bartleby! O Menschheit!“.

Literatur[Bearbeiten]

Verfilmungen[Bearbeiten]

Opern[Bearbeiten]

Textzugänge[Bearbeiten]

 Wikisource: Bartleby the Scrivener – Quellen und Volltexte (englisch)

Deutsche Ausgaben:

  • Herman Melville: Bartleby the scrivener. Edition Langewiesche-Brandt. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1975, ISBN 3-423-09056-1. (deutsch/ englisch)
  • Herman Melville: Bartleby. Reclam, Stuttgart 1985, ISBN 3-15-009190-X.
  • Herman Melville: Bartleby, der Schreiber. 2. Auflage. Econ Ullstein List, München 2001, ISBN 3-548-60194-4.
  • Herman Melville: Bartleby, der Schreiber. Eine Geschichte aus der Wall Street. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und mit Erläuterungen versehen von Jürgen Krug. Insel, Frankfurt am Main/ Leipzig 2004, ISBN 3-458-34734-8.