Birka

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Birka (Begriffsklärung) aufgeführt.
Ansgars Kreuz auf Birka, Sommer 2008

Birka und Hovgården, gelegen auf zwei benachbarten Inseln (Björkö und Adelsön) in Schwedens drittgrößtem See, dem Mälaren, wurden 1993 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Sie geben Zeugnis vom Handelsnetz der Wikinger in den 200 Jahren, in denen sie wirtschaftlich und politisch in Europa expandierten. Birka war der wichtigste Handelsplatz Skandinaviens zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert, während auf Adelsön bei Hovgården der Wohnsitz des Königs lag.

Geschichte[Bearbeiten]

Rekonstruktion von Häusern
Rekonstruktion von Häusern
Rekonstruktion von Booten
Karte von Birka

Im 8. Jahrhundert n. Chr. wurden in den nördlichen Randgebieten des christlichen Europas mehrere Handelszentren gebildet, zuerst Ribe auf Westjütland und Staraja Ladoga in Russland, danach Hedeby und Birka, das etwa 790 n. Chr. auf der Insel Björkö im Mälaren gegründet wurde. Der Name dieser Insel bedeutete ursprünglich nicht Birkeninsel, wie es der schwedische Name Björkö vermuten lässt, sondern er ist aus dem friesischen Wort Berik (= Bereich einer Handelsniederlassung) entstanden und belegt die frühmittelalterliche Anwesenheit von Friesen in Birka.[1]

Auf der benachbarten Insel Adelsön wurde ein Königshof gebaut. Birka wird gemeinhin als Schwedens erste Stadt bezeichnet, worauf dabei hinzuweisen ist, dass es zur Zeit Birkas in Skandinavien weder ein staatenähnliches Gebilde namens „Schweden“ gab noch „Städte“ im heutigen Sinn, bekannt war hingegen das Siedlungsgebiet der Svear.

Die Handelswege im nördlichen Europa dieser Epoche verliefen hauptsächlich auf dem Wasser, daher war die Lage Birkas ideal. Der Platz lag relativ gut geschützt im Mälaren, der damals noch eine Bucht der Ostsee war, dessen Uferlinie infolge der postglazialen Landhebung heute jedoch etwa fünf Meter tiefer liegt. Wichtige Wasserwege führten an der Insel vorbei und durch die Meerengen bei den heutigen Städten Stockholm und Södertälje hinaus in die Ostsee. Die Gründung des Handelsplatzes diente einerseits der Erweiterung, andererseits der Kontrolle des Handels im Ostseegebiet. Der Handel war hauptsächlich ein Tauschgeschäft und zum Tausch boten die Händler Birkas den heimischen Bernstein an, den es reichlich am Mälaren gab, aber auch Pelze und Geweih sowie Eisen aus dem heutigen Bergslagen, das von guter Qualität war. Funde haben gezeigt, dass unter anderem Silbermünzen, die eingeschmolzen zu Schmuck verarbeitet wurden, Glasperlen und Glasbecher sowie Seidenwaren, Gewürze und Keramikgefäße auf langen Reisen eingetauscht oder geplündert wurden. Sie kamen aus weit entfernten Gegenden, in der Frühzeit Birkas hauptsächlich aus den arabischen Ländern, später aus Süd- und Westeuropa.

Welche Waren für die Entwicklung Birkas wichtig waren, ist unklar, aber man nimmt an, dass es sich in erster Linie um Eisen, danach um Pelze und möglicherweise um Geweihe und Bernstein handelte. Ungefähr 200 Jahre lang war Birka ein Handelsplatz für ganz Nordeuropa. Die Stadt hatte in ihrer Blütezeit etwa 700–1.000 Einwohner. Der König war der Garant dafür, dass die Kaufleute und ihre Schiffe mit bewaffneter Mannschaft sicher im Mälaren fahren und ihre Waren in Birka handeln konnten. Für Recht und Ordnung sorgte ein Thing, an dem alle freien Bürger teilnehmen durften.

Aus schriftlichen Quellen geht hervor, dass der Mönch Ansgar im Jahr 830 nach Birka kam, um das Christentum zu verbreiten. Er verbrachte anderthalb Jahre in Birka, mit bescheidenem Resultat, denn nur wenige Einwohner – meist aus den unteren Schichten – ließen sich taufen. Eine zweite Missionsreise im Jahr 852 war noch weniger erfolgreich. Der letzte christliche Priester auf Birka, Bischof Unni, verstarb laut Adam von Bremen im Jahr 936, er wurde in Birka begraben. Birka wurde nie eine christliche Stadt.

Der Niedergang Birkas[Bearbeiten]

Ende des 10. Jahrhunderts haben die Menschen Birka verlassen, warum, ist immer noch unklar. Es sind keine Spuren von Plünderung oder Brand der Stadt Birka entdeckt worden, nur die benachbarte Burg brannte ungefähr zu dieser Zeit. Gleichzeitig wurde am Mälaren auf dem Festland an der Fahrstraße nach Alt Uppsala eine neue Stadt angelegt, das von Erik Segersäll 970 gegründete Sigtuna, das Birkas Rolle als Handelsplatz übernahm. Im Gegensatz zu Birka war Sigtuna von Anfang an eine christliche Stadt, in der König und Kirche zusammenarbeiteten. Sigtuna gilt heute als erste noch existierende Stadt Schwedens.

Hovgården auf Adelsön[Bearbeiten]

Hovgården, Ruine Alsnöhus und Adelsö kyrka, März 2008

Auf der benachbarten nördlichen gelegenen Insel Adelsön im Hovgården hatte der König seinen Wohnsitz. Von hier aus regierte er das Geschehen auf Birka. Es gab einen Hafen, an dessen Einfahrt der Runenstein Håkanstenen errichtet war. Hier gab es einen Thingplatz und in den großen Hügelgräbern (kungshögar) wurden die Könige begraben. Die weiter nördlich gelegene Wallburg Skansberget diente zum Schutz und der Verteidigung von Hovgården. Weiterhin befinden sich hier auch die Ruinen von Magnus Ladulås Palast Alsnöhus aus dem 13. Jahrhundert und vermutlich eine der ersten Kirchen Schwedens aus dem 12. Jahrhundert, Adelsö kyrka.

Nach dem Ende Birkas wurde der Königshof auf der Insel Adelsö zwar weiterhin genutzt, aber durch die Entvölkerung Birkas verlor er seine ursprüngliche Bedeutung.

Archäologische Untersuchungen[Bearbeiten]

Die Kungshögarna (Königshügel) von Hovgården
Karte der Insel Björkö um 1700
Hjalmar Stolpes Aufzeichnungen von 1875
Ausgrabungen in der „Schwarzen Erde“ 1991

Die typischen Merkmale der Kulturlandschaft auf Björkö sind die vielen Grabhügel mit ungefähr 2.300 Gräbern. Sie umgeben die Siedlung Birka und die Burg in einem weiten Ring. Es war wohl schon immer sehr verlockend, diese Grabhügel zu untersuchen. Die ersten dokumentierten Untersuchungen von Birka stammen aus der Zeit um 1680 und wurden von einem der ersten Reichsantiquare Schwedens, Johan Hadorph, unternommen. Er fand „schwarze Kohle verbrannter Häuser, auf denen die Bauern ihre fettesten Äcker hatten”. Das waren die Ablagerungen und der einstige Platz der Stadtbebauung Birkas, der auch heute noch „Schwarze Erde“ (svarta jorden) genannt wird. Hadorph war davon überzeugt, dass es sich hier um das Birka der Wikingerzeit handelte. Der zu dieser Zeit beste Kartograf, Carl Gripenhjelm, fertigte eine Karte von Björö und der Südspitze von Adelsö an.

Im Jahr 1825 begann ein schottischer Amateur, Alexander Seton, mit den ersten systematischen Ausgrabungen der Gräberfelder. Er grub drei Jahre lang eine Reihe von Grabhügeln durch und konnte zeigen, wie jahrhundertelanger Ackerbau in Björkö-Dorf alle Spuren der früheren Besiedlung zwischen der Burg und dem nördlichen Gräberfeld, „Hemland“, ausgetilgt hatte.

Im Oktober 1871 kam Hjalmar Stolpe, ausgebildeter Entomologe, auf die Insel, um Bernstein zu suchen und um im Bernstein eingeschlossene Insekten zu studieren. Er fand Bernstein, natürlichen und bearbeiteten, aber hauptsächlich machte er eine Reihe archäologischer Funde, beispielsweise gespaltene Tierknochen, die er als Speisereste deutete. Stolpe grub, untersuchte und dokumentierte zehn Jahre lang die Grabfelder und die „Schwarze Erde“. Er legte den Grundstein für alle kommenden Forschungen über Birka. Sein bedeutendster Fund war ein Silberschatz mit 450 islamischen Münzen, die er 1872 fand. Die Münzen lagen auf einem eisernen Teller zusammen mit einer großen Anzahl silberner Schmuckstücke. Die Funde Stolpes sind heute die Basis des schwedischen Dokumentarmaterials aus der Wikingerzeit. Viele seiner magazinierten Funde sind bis heute noch nicht wissenschaftlich ausgewertet.

Weitere Untersuchungen folgten im 20. Jahrhundert. Zwischen 1932 und 1934 suchte der schwedische Archäologe Holger Arbman vergeblich nach der Kirche Ansgars. 1969-1971 untersuchten Björn Ambrosiani und Birgit Arrhenius das Hafenbecken vor der Stadt und wiederum die „Schwarze Erde“ sowie Grabhügel. Arrhenius konnte nachweisen, dass schon zu Christi Geburt, also während der skandinavischen Bronzezeit, der größte Grabhügel angelegt wurde. In den Jahren 1990 bis 1995 grub wiederum Björn Ambrosiani und sein Team in der „Schwarzen Erde“, es waren die ersten professionellen und wissenschaftlichen Ausgrabungen, die im eigentlichen Stadtgebiet stattfand. Seit 1996 hat Lena Holmquist Olausson Untersuchungen im Burgwall durchgeführt sowie in der Nähe des heutigen Dorfs Björkö. Seit 2008 wird erneut die Unterwasserpalisade im Hafenbecken von Marinearchäologen untersucht. Ständig wird das Bild von Birka und seinen Bewohnern vervollständigt und berichtigt.

Der Totenkult[Bearbeiten]

Silberkreuze aus Frauengräbern in Birka aus dem 10. Jahrhundert

Ende des 19. Jahrhunderts ließ Hjalmar Stolpe rund 1200 der etwa 3000 Gräber untersuchen, die als kleine Buckel in einem lichten Laubwald östlich der Siedlung liegen. Man fand Bronzegeschirr, kostbares Glas, Seide, Schmuck, Töpferwaren und Waffen, aber auch Speisen, Getränke, Kleidung und Tiere. Die Bestatteten könnte man nach heutigen Begriffen durchweg als recht wohlhabend bezeichnen. Zum typischen Frauenschmuck der Epoche, wie er auch in den Frauengräbern von Birka gefunden wurde, gehörten neben Armreifen, Ringen und Spangen vor allem zwei große Fibeln, mit denen ein Übergewand zusammengehalten wurde, sowie eine meist runde Fibel, die den Mantel hielt. Besonders reich war Grab 854 ausgestattet. Die Tote war mit ihrem Schmuck, (Ketten, Spangen, Fibeln) und einem Eisenreif mit Thorhämmern als Anhängern beerdigt worden. Dazu hatte man ihr eine große Bronzeschüssel, ein Kästchen mit Kamm und gläsernem Gnidelstein, einen Weinkrug, einen kostbaren gläsernen Weinbecher aus dem Rheinland sowie zwei Eimer mit ins Grab gelegt. Ein besonderes Stück war eine geschnitzte Tafel aus Walknochen und ein runder, gläserner Stein. Solche Platten fanden sich in den Gräbern von wohlhabenden Frauen vor allem in Norwegen, aber auch in Dänemark, auf Orkney und in Schweden.

Mehr als die Hälfte der Toten in den Grabhügeln Birkas wurden verbrannt, d.h. nicht christlich bestattet. Der Leichenbrand des Verstorbenen, zusammen mit verbrannten Grabbeigaben, wurde oft in Keramikgefäßen beigesetzt. Man zeigte große Fürsorge für die Toten und glaubte an ein Leben nach dem Tode. Die Grabhügel Birkas sind in einem weiten Bogen von Norden (Hemlanden) nach Süden hin nahe der Stadt angeordnet, was so zu deuten ist, dass man seine Toten in der Nähe haben wollte. Ein Teil der nicht christlich bestatteten Toten hatte Grabbeigaben mit christlichen Symbolen wie Silberkreuze und Kruzifixe. Wieder andere Verstorbene wurden in Ost-Westrichtung unverbrannt und ohne Grabbeigaben begraben.

Birka und Björkö heute[Bearbeiten]

Die Ansgar-Kapelle auf Björkö

Auf dem höchsten Punkt der Insel, innerhalb der ehemaligen Wikinger-Burg, wurde im Jahr 1834 ein altertümliches Steinkreuz, das Ansgar-Kreuz, zur Erinnerung an Ansgars ersten Besuch auf Björkö errichtet. Im Südosten liegt die von Lars Israel Wahlman entworfene Ansgar-Kapelle, 1930 eingeweiht, gebaut aus rotem Sandstein der Insel und mit Skulpturen des Bildhauers Carl Eldh geschmückt. Daneben befindet sich das Dörfchen Björkö, das nunmehr aus nur zwei Anwesen besteht und das vermutlich genauso alt ist wie Birka.

Seit 1993 stehen Birka auf Björkö und das benachbarte Hovgården auf Adelsö auf der UNESCO-Welterbenliste. Im Jahr 1996 wurde in der Nähe des Gästehafens und der Landungsbrücke ein Museum eröffnet. Die Ausstellungen im Museum knüpfen an die Forschungsresultate über Birka und die Wikingerzeit an. Der feste Teil der Ausstellung besteht aus drei großen Modellen, die verschiedene Szenen aus dem täglichen Leben in Birka illustrieren. Vom Museum gehen während der Sommersaison verschiedensprachige Führungen aus. Ungefähr 200 Meter südlich vom Museum in einer kleinen Bucht demonstrieren Archäologen den Hausbau der Wikinger sowie den Bootsbau und verschiedene Handwerkskünste.

Die meisten und wichtigsten Fundstücke befinden sich nicht im Birka-Museum, sondern aus Sicherheitsgründen im Historiska Museet und im Königlichen Münzkabinett in Stockholm. Trotzdem lohnt sich eine Bootsfahrt nach Birka beziehungsweise Björkö durch die Schären des Mälaren. Mit dem Auto kann man auch bis zu Hovgården auf Adelsö fahren und von dort ein Boot nehmen.

Quelle[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Reinhard Dzingel: Friesen in der frühmittelalterlichen Ostsee?, Moisburg 2012 (PDF; 420 kB)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Birka – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

59.33472222222217.543055555556Koordinaten: 59° 20′ 5″ N, 17° 32′ 35″ O