Camille Paglia

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Camille (Anna) Paglia (* 2. April 1947 in Endicott, New York) ist eine US-amerikanische Kunst- und Kulturhistorikerin. Paglia ist Professorin für Geistes- und Medienwissenschaft (Humanities and Media Studies) an der University of the Arts in Philadelphia.

Leben[Bearbeiten]

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten]

Camille Anna Paglia wurde 1947 in Endicott, New York, geboren. Sie war das älteste von drei Kindern von Pasquale Paglia und Lydia Anna Paglia, geborene Colapietro, und wuchs in einer italienischen Einwandererfamilie auf. 1971 erwarb sie den Master-Titel der Philosophie an der Yale University.

Akademische Laufbahn[Bearbeiten]

Im Herbst 1972 trat sie ihre erste Dozenten-Stelle am Bennington College an. 1973 erschien ihr Aufsatz Lord Hervey and Pope in der Zeitschrift 18th century Studies. Die Literaturbeilage der Times pries diese Arbeit am 2. November 1973 als brillant. Ihr Aufsatz The Apollonian Androgyne and the Faerie Queen (Das apollinisch Androgyne und die Faerie Queen) erschien im Winter 1979. Im gleichen Jahr trat sie nach Streitigkeiten bezüglich ihres Privatlebens von ihrer Stelle zurück.

In den frühen 1980er Jahren vollendete Camille Paglia ihr Buch, fand aber zunächst keinen Verlag für die Publikation. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie durch Lehraufträge in Yale, bei verschiedenen Colleges in Connecticut und beim Hubschrauberhersteller Sikorsky.

1984 bekam sie schließlich eine Professur am Philadelphia College of Performing Arts, das sich 1987 mit seiner Nachbarschule, dem Philadelphia College of Art, zur University of the Arts zusammenschloss. In den folgenden Jahren setzte Paglia ihre Lehrtätigkeit fort, während sie ihr Manuskript für Sexual Personae komplettierte. Ein Kapitel daraus, der Essay Oscar Wilde und der englische Androgyn (Epicene) erschien 1988 in der Zeitschrift Raritan. 1986 erschien ihr Essay Nature, Sex, and Decadence im Buch Pre-Raphaelite Poets bei Harold Bloom.

Ihr Werk Sexual Personae, das zuvor von sieben Verlagen und fünf Literaturagenten abgelehnt worden war, fand schließlich in Yale University Press seinen Verlag und erschien 1990. Die deutsche Übersetzung erschien 1992 unter dem Titel Die Masken der Sexualität.

Privatleben[Bearbeiten]

Im Jahr 1978 war Camille Paglia mit einer Geliebten, einer ehemaligen Studentin, auf einer universitären Tanzveranstaltung und wurde von einem Studenten körperlich angegriffen. Camille Paglia erstattete Anzeige. Die reichen Eltern ihrer Geliebten wandten sich jedoch gegen sie. Sie wandten sich an die Hochschulverwaltung mit dem Ansinnen, dass bekennende Homosexuelle keine Arbeit am College finden sollten, und dass sie ihre Tochter nicht zu solch einer Einrichtung schicken würden. Nach einem längeren Disput mit der Verwaltung akzeptierte Camille Paglia schließlich ihre Beurlaubung und trat ein Jahr später von ihrer Stelle zurück.

Anfang der 1990er Jahre starben einige ihrer engsten Freunde an AIDS und ihr Vater an Krebs. 1993 fand Camille Paglia ihre Lebensgefährtin Alison Maddex, mit der sie seitdem zusammen lebt.

Werk[Bearbeiten]

Paglia vertritt den Anspruch, die Geschichte von Literatur und Kunst aus dem Kerker der akademischen Lehre und Bibliotheken zu befreien (Paglia). Hierzu versucht sie, Literatur, Kunstgeschichte und Religion in ihrem Zusammenhang zu betrachten. In ihre Untersuchungen bezieht sie die klassische bildende Kunst und Literatur, aber ebenso die Popkultur und populäre kulturelle Erscheinungen wie den Sport ein.

Durch ihre Studien der Klassiker und von Werken von Jane Ellen Harrison, James George Frazer, Erich Neumann entwickelte Camille Paglia ihre Theorie einer Sexualhistorie, die im Widerspruch zu den Ideen stand, die zu jener Zeit en vogue waren. Das war der tiefere Grund für ihre Konflikte mit Kate Millett, Marija Gimbutas, Carolyn Heilbrun und anderen führenden bürgerlichen Feministinnen jener Zeit. Mit ihrer Dissertation Sexual Personae: The Androgyne in Literature and Art (Masken der Sexualität: Das Androgyne in Literatur und Kunst) 1974 bezog sie hier deutlich Stellung. Gleichzeitig war sie eine bekennende Lesbierin aus einfachen italienischstämmigen Verhältnissen und damit auch gegenüber dem konservativen akademischen White Anglo-Saxon Protestant-Mainstream, soweit noch vorhanden, im Hintertreffen.

Ihr besonderes Augenmerk gilt der Beziehung zwischen Natur, Zivilisation und Kunst und insbesondere der Sexualität als heikler Schnittstelle zwischen Natur und Kultur. Sie wendet sich sowohl gegen die Idee, Sexualität und Natur aus der Kunst zu verdrängen, als auch gegen die romantische Devise zurück zur Natur. Paglia sieht amoralische, aggressive, sadistische, voyeuristische und pornographische Elemente als untrennbare Bestandteile der hohen Kunst, die von der akademischen Kunst- und Literaturwissenschaft ignoriert oder vertuscht worden seien. Auf der anderen Seite warnt sie davor, diesen Elementen freien Lauf zu lassen: Der Verzicht auf gesellschaftliche Kontrolle, die völlige Freiheit des Menschen sei gleichbedeutend mit einer Entfesselung von Gewalt und Lust. Gesellschaft sei kein Verbrechen, sondern die Kraft, die das Verbrechen im Zaum hält.

Der einleitende Essay zu ihrem Hauptwerk Sexual Personae trägt den Titel: Sexualität und Gewalt oder: Natur und Kunst. Sie schreibt darin: Sexuelle Freiheit, Befreiung der Sexualität: moderne Illusionen. ... In der Natur herrscht rohe Gewalt als Gesetz – der Stärkste überlebt. In der Gesellschaft gibt es Schutzvorkehrungen für die Schwachen. Wo sexuelle Befreiung versucht oder erreicht werde, sei der Sadomasochismus nicht weit. Hierzu schreibt sie: Dieses Buch übernimmt die Perspektive von de Sade, des am wenigsten gelesenen von allen großen Autoren der westlichen Literatur.

Deutung der klassischen Kunstgeschichte[Bearbeiten]

Die gesamte westliche Kultur- und Kunstgeschichte sieht Paglia im Spannungsfeld zwischen zwei Prinzipien: Auf der einen Seite die Hingabe an die rohe, faszinierende Natur des Menschen, vor allem seine sexuelle Natürlichkeit, einschließlich ihrer dunklen, gefährlichen und gewaltsamen Facetten. Dies bezeichnet sie als das chthonische, das heißt zur Erde gehörige Prinzip. Auf der anderen Seite versuche der westliche Mensch seine Integrität als Person gegenüber dem blinden Mahlen der unterirdischen Gewalten, dem endlosen, langsamen Sog, Schlamm und Morast zu behaupten: Durch Konzentration auf das Schöne, durch Ordnung, durch Vernunft und Logik, durch Vergegenständlichung. Dies bezeichnet sie als das apollinische Prinzip. Kunst, so schreibt sie, ist Form, die darum ringt, aus dem Alptraum der Natur zu erwachen.

Obwohl Camille Paglia kämpferische Feministin in dem Sinne ist, dass sie sich für die politische, berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frau einsetzt, vertritt sie die Auffassung, dass eher die Männer das apollinische Prinzip vertreten und damit diejenigen seien, die Kunst, Kultur, Wissenschaft und Zivilisation vorangetrieben hätten. Sie begründet dies direkt mit der biologischen Rolle von Mann und Frau. Alle Kulturleistung sei ein Ausweichen in apollinische Transzendenz, die Männer seien anatomisch für solche Projektionen prädestiniert. Aber, so schreibt sie weiter, wie bei Ödipus zu sehen, kann Vorherbestimmung ein Fluch sein. Der Mann sei prädestiniert für die Tragödie, für das klassische Drama von Aufstieg und Sturz. Die These von der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Dwem, der dead white European men (deutsch „toter weißer europäischer Männer“), wie auch den modisch werdenden Diskurs der Politischen Korrektheit konterkarierte sie damit mehrfach.

Öffentliche Aufmerksamkeit erregte Camille Paglia erstmals mit ihrem 1990 erschienenen zweibändigen Werk Sexual Personae, das auf Deutsch unter dem Titel Die Masken der Sexualität erschienen ist. Einen Bogen von der Antike über die Renaissance und Romantik bis zur Moderne schlagend, untersucht sie in essayartigen, abgeschlossenen Einzelkapiteln, die sich jeweils mit einem einzelnen bedeutenden Künstler, einer Kunstrichtungen oder Zeiterscheinung befassen, die Manifestationen des chthonischen und des apollinischen Prinzips in der westlichen Kunstgeschichte. Paglia wurde deswegen als gegen den Strom wie als bête noire des Feminismus bezeichnet.[1][2] Sexual Personae wurde zunächst von einigen Verlagen abgelehnt und aber nach seiner Veröffentlichung ein Bestseller, für eine wissenschaftliche Veröffentlichung eine seltene Errungenschaft.[1]

Umgang mit der Popkultur[Bearbeiten]

Im selben Jahr begann sie in Zeitungen und Magazinen über Populärkultur und Feminismus zu schreiben. Mit ihren Thesen provozierte sie sowohl Feministinnen als auch konservative und idealistisch eingestellte linke Intellektuelle und wurde sowohl zum Gegenstand als auch zur Teilnehmerin lebhafter öffentlicher Debatten. 1991 erschien unter der Überschrift Woman Warrior (etwa: Die Kriegerin) eine Titelgeschichte über sie im Magazin The New Yorker. Eine Kritik an Susan Sontag erschien unter dem programmatischen Titel "Sontag, bloody Sontag".

1991 bezeichnete Paglia in einer spektakulären Vorlesung am MIT die postmoderne Philosophie etwa Foucaults oder Lacans als "französischen Quatsch" (french rot),[3] der für die Krise der amerikanischen Universitäten wie die Lebensfremdheit ihrer Absolventen verantwortlich sei.

1992 erschien ihr Werk Sex, Art and American Culture, das an vielen amerikanischen Hochschulen lebhaft und kontrovers aufgenommen wurde. 1994 erschien Vamps and Tramps. Einige Mainstream-Vertreterinnen des Feminismus und einige links-liberale Stimmen warfen Camille Paglias Misogynie vor und zählten sie zum damals sehr intensiv debattierten antifemistischen Backlash. Paglia wies diese Vorwürfe zurück. Sie publiziert weiterhin in Publikums- und Fachzeitschriften, beispielsweise im Magazin Interview.

In der Clinton-Lewinsky-Affäre war Paglia eine der wenigen prominenten Intellektuellen, die sich für eine Bestrafung von Präsident Clinton einsetzten: Es habe sich um Machtmissbrauch mit Folgen für die gesamte Gesellschaft gehandelt. Der Präsident müsse ein integrierendes, stabilisierendes Element innerhalb der Gesellschaft sein. Gegenüber diesem Anspruch habe er versagt, indem er sich einer leichtsinnigen sexuellen Affäre hingegeben habe.

Paglia äußerte sich skeptisch gegenüber der Theorie der menschengemachten globalen Erwärmung. Sie sei nicht wissenschaftlich stichhaltig begründet, sondern Ausdruck eines Hungers nach Gläubigkeit und Apokalypse, nachdem die gewöhnliche Kirche in eine richtungslose feel-good-Therapie verwandelt worden sei.[4]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Sexual Personae: The Androgyne in Literature and Art (Dissertation 1974)
  • Sexual Personae: Art and Decadence from Nefertiti to Emily Dickinson 1990
    (deutsche Ausgabe: Die Masken der Sexualität. Aus dem Amerikanischen von Margit Bergner, Ulrich Enderwitz und Monika Noll. Berlin: Byblos Verlag. ISBN 3-929029-06-5)
  • Sex, Art and American Culture: Essays 1992
  • Vamps and Tramps: New Essays 1994 ISBN 0-679-75120-3
  • The Birds 1998 (deutsche Ausgabe: Die Vögel. Der Filmklassiker von Alfred Hitchcock. Europa Verlag, Hamburg und Wien 2000, ISBN 3-203-84107-X)
  • Break, Blow, Burn: Camille Paglia Reads Forty-three of the World's Best Poems 2005 ISBN 0-375-42084-3

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Lichtmesz: Sex, Gewalt und ewiger Krieg – Die amerikanische Radikalfeministin Camille Paglia. Ein ausführliches Porträt. In Zwielicht 2, S. 38, 2007
  • Alan Soble (Hrsg.): Sex from Plato to Paglia: A Philosophical Encyclopedia. Greenwood Press, 2006, ISBN 0-313-32686-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Martha Duffy: The Bete Noire of Feminism: Camille Paglia. In: Time Magazine, 13. Januar 1992. 
  2. Suzanne Fields: Gender feminists are on the wane. In: The Dispatch, 16. Juni 1994. 
  3. Die MIT Vorlesung. Zur Krise der amerikanischen Universitäten. In Sex, Art, and American Culture, Essays. Von Camille Paglia. Verlag Vintage Books; September 1992, ISBN 0-679-74101-1, deutsch Der Krieg der Geschlechter Sex, Kunst und Medienkultur. Aus dem Amerikanischen von Margit Bergner, Ulrich Enderwitz und Monika Noll. Berlin: Byblos Verlag, 1993
  4. Real inconvenient truths. salon.com. 11. April 2007. Abgerufen am 28. Juli 2012.

Weblinks[Bearbeiten]

In englischer Sprache: