Charaktertypen

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Charaktertypen bezeichnen seit der Antike in unterschiedlichen Definitionen Ausprägungen der Persönlichkeiten von Menschen. Sie versuchen, Eigenschaften von Einzelpersonen einem bestimmten Typus zuzuordnen und dabei vor allem angeborene Eigenschaften der körperlichen und seelischen Verfassung zu beschreiben.

In veraltetem Gebrauch findet sich für Typen von Charakteren auch das Wort Gemüt bzw. Gemütsart.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Charaktertypen in der Antike

Was heute als Lehre von den Charaktertypen bezeichnet werden kann, war in der Antike Gegenstand der sog. Naturphilosophie. In der Antike unterschied die Humoralpathologie der Hippokratiker, aufbauend auf der Vier-Elemente-Lehre des Empedokles, vier verschiedene Charaktere: den Melancholiker, Choleriker, Sanguiniker und Phlegmatiker. Dieses Unterscheidungsmuster, durch Galenus endgültig fixiert, fand bis in die Neuzeit Verwendung. - Außerhalb des griechischen Kulturkreises hat sich in China eine Fünf-Elemente-Lehre herausgebildet. Diese Elemente sind Feuer, Erde, Metall, Wasser und Holz. Auch im vorsokratischen Griechenland wurde z.T. der Äther als fünftes Element[1] angesehen („Quintessenz“) neben den vier klassischen Elementen Feuer, Erde, Wasser, Luft. - Im islamischen Kulturraum wurde das Enneagramm entwickelt (9 Typen). Die Humoralpathologie (Säftelehre) kann als Vorläuferin der somatischen Medizin, die Urstofflehre und die damit verbundenen animistisch-naturphilosophischen Vorstellungen als Vorläuferin der Psychologie oder besser gesagt der Psychosomatik angesehen werden (Seele als belebendes Element des Körpers)[2]. Es kann versucht werden, nachfolgend beschriebene Charaktertypen der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie mit den fünf Elementen der Urstofflehre in Verbindung zu bringen. Dabei sind folgende Zuordnungen[3] zu erwägen: narzisstisch (Äther/ohne humoralpathologisches Korrelat), schizoid (Luft/Blut-Sanguiniker), depressiv (Erde/Schwarze Galle-Melancholiker), hysterisch (Feuer/Gelbe Galle-Choleriker). Der Umschlag der Elemente (Urstoffe) in Säfte mit Galen (131-201) kann als Beginn der somatischen Medizin gewertet werden. Friedrich Nietzsche hat sich in seiner Autobiographie durch das Element Feuer selbst charakterisiert.[4][5] Die Auffassung von den Urstoffen hat sich auch in der Sprache bis auf den heutigen Tag erhalten, vgl. z.B. die begrifflichen Bedeutungen von Seele und Psyche.

[Bearbeiten] Charakterologie im 20. Jahrhundert

→ siehe auch: Charakterkunde

Im 19. Jahrhundert wurde von Carl Huter eine umfassende Theorie der menschlichen Konstitutionstypen und der damit im Zusammenhang stehenden Charakter- und Persönlichkeitsmerkmalen entwickelt - die Hutersche Psycho-Physiognomik. Die im 19. Jahrhundert von Ernst Kretschmer und William Sheldon entwickelten Theorie, welche ebenfalls die Frage des Zusammenhangs von Charaktermerkmalen und Körperbau (Konstitutionstyp) untersuchten, sind letztlich Plagiate der von Huter entwickelten und wesentlich umfassenderen Theorie. So schrieb beispielsweise Professor Dr. Saller (Leiter des „Anthropologischen Instituts“ in München) in der Naturwissenschaftlichen Rundschau, März 1951): „dass Huter schon vor rund 50 Jahren bestimmte Typen der Differenzierung in den drei Keimblättern in Zusammenhang brachte“. Hatte doch in jener Zeit Dr. Sheldon sich als der Entdecker der drei Haupt-Konstitutionstypen bezeichnet, die sich aus den drei Keimblättern der embryonalen Keimblase ableiten lassen. So stellte beispielsweise Dr. v. Rhoden, ein Mitarbeiter Kretschmers, im Archiv für Psychiatrie, 1927, Heft 5, die Gleichheit der Kretschmerschen und der älteren Huterschen Körperbautypen fest.

Nach Huters Tod im Jahre 1912 wurde die angewandte Psycho-Physiognomik in zahlreichen Veröffentlichungen von Amandus Kupfer weiter ausgebaut. Amandus Kupfer hat bis zu seinem Tode 1952 die Werke von Huter wie seine eigenen Untersuchungen in einem eigenen Verlag veröffentlicht. Zeitgleich versuchten Kretschmer und Sheldon eine Einteilung der unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen zu erstellen - jedoch ohne auf die Hutersche Psycho-Physiognomik zu erwähnen. Zu diesem Zweck vermaßen sie ca. 40.000 Menschen, wobei viele verschiedenen Maße ermittelt wurden, von der Körpergröße über die Länge der Finger, der Gesichtform bis hin zum Umfang der Handgelenke, des Bauchs, der Schenkel etc. Alle Probanden wurden gleichzeitig psychologisch analysiert, um dann möglichst verlässliche Zusammenhänge zwischen Körperform und Charaktertypus darzustellen.

Nachprüfungen dieser Untersuchungen haben ergeben, dass sich die seinerzeit behaupteten Korrelationen nicht aufrechterhalten lassen. Die meisten Annahmen über konstitutionelle und psychische Zusammenhänge wurden empirisch widerlegt. Zwischen Körperbautyp und Persönlichkeit besteht kein Zusammenhang. Aus heutiger Sicht sind also Konstitutionstypologien wissenschaftlich nicht aufrechtzuerhalten.

Es gibt jedoch weiterhin Vertreter der Psycho-Physiognomik. Das von Dirk Schneemann entwickelte Schneemann System orientiert sich an der chinesischen Formenkunde und analysiert insbesondere die menschlichen Gesichtsbereiche. Das Schneemann System wurde vereinzelt von Personalmanagern bekannter Firmen eingesetzt. Eine wissenschaftliche Grundlage existiert nicht.[6]

[Bearbeiten] Charaktertypen in Psychoanalyse und Tiefenpsychologie

In der Psychoanalyse bezeichnet der Begriff Charakter einen Typus im Erleben und Verhalten sowie ein jeweiliger Satz vorherrschender Abwehrmechanismen aus dem Ich-Anteil. Die Charaktere gehen fließend ineinander über, es gibt jedoch eine mengenmäßige Konzentration auf bestimmten Strukturelementen.[7]

  • narzisstischer Charakter (frühe orale Phase)
  • schizoider Charakter (frühe orale Phase)
  • depressiver Charakter (orale Phase)
  • zwanghafter Charakter (anale Phase)
    • vorherrschende Abwehrmechanismen: Reaktionsbildung, Rationalisierung, Affektisolierung
    • Erleben und Verhalten: Kontrollbedürfnis, Sparsamkeit, Eigensinn, Genauigkeit
  • hysterischer Charakter (ödipale / elektrale Phase)

Ein weiteres psychoanalytisches Charakterkonzept mit ausdrücklichem Bezug auf das Freudsche Phasenmodell hat Erich Fromm entwickelt. Er unterscheidet u.a. den autoritären (oder sadomasochistischen) Charakter, den Marketing-Charakter sowie weitere Charaktertypen (narzisstisch, oral-rezeptiv, hortend, ausbeuterisch, nekrophil). In seiner Charaktertheorie unterscheidet er den Modus der Sozialisation (Bezogenheit zu den Menschen) und den der Assimilierung (Bezogenheit zu den Dingen). Zentral für seinen psychoanalytisch-soziologischen Ansatz ist auch die Unterscheidung zwischen Sozialcharakter und Individualcharakter. Fritz Riemann hat in seinem Buch „Grundformen der Angst“ den narzisstischen Charakter dem zwanghaften Charakter untergeordnet.

[Bearbeiten] Charakterstärke und das Konzept der Neurose

Das seit der Antike im wesentlichen kaum veränderte Konzept der Charaktertypen ist auch für den seit Freud ab 1895 neu definierten und gegenwärtig im wesentlichen noch gültigen Begriff der Neurose maßgeblich. Während Charakterstärke die ausgereifte Persönlichkeit oder die durch Entwicklungsstörungen weitgehend unbeeinträchtigte psychische Verfassung eines Individuums kennzeichnet, wurde Neurose mit Bewusstseinsminderung beschrieben.[8] Diese Minderung des Bewußtseins kann als konkrete Auswirkung der verschiedenen Abwehrmechanismen (s.o) angesehen werden. Als Indikator der Charakterstärke gilt z.B. Humor. Auch in diesem Wort werden die Anklänge zur Humoralpathologie deutlich als dem richtigen Maß von Feuchtigkeit bzw. „gesunden Säften“ (lat. humores) für eine wohlgegründete gute Stimmung.

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Georgi Schischkoff (Hg): Philosophisches Wörterbuch. Alfred Kröner-Verlag, Stuttgart 14. Auflage 1982, ISBN 3-520-01321-5, Seite 44, Stichwort Äther
  2. Peter R. Hofstätter (Hg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1972, ISBN 3-436-01159-2, Seite 204 f.
  3. Fritz Riemann: Grundformen der Angst, Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt Verlag, München 1998 [1961], 630 Tsd., ISBN 978-3-497-00749-3
  4. Friedrich Nietzsche: Ecce homo - Wie man wird, was man ist. 1908 KSA 6
  5. Ernst Bender (Hg.): Deutsche Dichtung der Neuzeit. G. Braun Verlag ca. 1960, Seite 268
  6. Bärbel Schwertfeger, Personalauswahl per Gesichtsanalyse, Spiegel Online, Nov. 2006, http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,446426,00.html, Stand: 10.04.2008
  7. Lehrbuch der Psychotherapie, Bd. 2 Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapie; Falk Leichsenring (Herausgeber) 2004, ISBN 3-932096-32-0
  8. Claudio Naranjo: Character and Neurosis. An Integrative View. dt. Übersetzung: Erkenne Dich selbst im Enneagramm – Die 9 Typen der Persönlichkeit. 6. Auflage. Kösel, München 1999, ISBN 3-466-34316-X, Seite 23 ff.
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