Charles Reutlinger

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Charles Reutlinger

Charles Reutlinger (eigentlich Carl Reutlinger, * 25. Februar 1816 in Karlsruhe; † frühestens 1881 (vermutlich sogar nach 1890[1]) in Paris) war Silhouetteur, einer der ersten Fotografen im 19. Jahrhundert sowie Unternehmer.[2] Auf seinen Wanderreisen machte er Daguerreotypien (überwiegend Porträts) in mehreren süddeutschen Städten, wobei er sich über ein Jahr (1848/49) in Stuttgart aufhielt. Ab 1850 betrieb er ein Atelier in Paris, das von seinem jüngeren Bruder Émile Reutlinger und dessen Sohn Léopold-Émile Reutlinger fortgeführt wurde.

Leben[Bearbeiten]

Tübinger Kaufmann Karl Friedrich Baur mit seiner Familie (Daguerreotypie, 1847)
Zwanzigstes Stiftungsfest des Corps Rhenania Tübingen (Daguerreotypie, 1847)
Tübingen von Norden (Vorlage einer Tonlithographie von F. Schlotterbeck nach einer Daguerreotypie von Carl Reutlinger)
Friedrich Böhm, seine Braut Maria Loos und deren Bruder (Daguerreotypie, 1848/49)
Rückseite der obigen Daguerreotypie mit der Stuttgarter Adresse Furthbach 8
Ludwig Pfau (Daguerreotypie, 1848)

Karlsruhe[Bearbeiten]

Rückseite einer Fotografie mit Adresse und Daten der Auszeichnungen
Francis Smith (1860er Jahre)

Carl Reutlinger wurde als viertes Kind eines jüdischen Weinhändlers und ehemaligen Offiziers in Karlsruhe geboren. Durch seine Tante Weiss, eine Silhouetteurin, kam er im Alter von 18 Jahren mit dieser Kunst in Berührung.[3] Von 1835 bis 1849 reiste er und arbeitete zunächst als Silhouetteur. Bald nach der Bekanntgabe der Daguerreotypie musste er sich damit befasst haben, denn er reiste als Daguerreotypist im süddeutschen Raum.[2][4] Seit 1839 besaß er Bürgerrecht in Karlsruhe und machte Reisen offenbar von dort aus. Wo er im Einzelnen arbeitete, ist erst für die Jahre 1847–1849 bekannt. Dies waren Tübingen (April und Mai 1847), Reutlingen (Januar 1848) und Stuttgart (Mai 1848 bis Mai 1849).[3]

Reutlinger war mit Therese geb. Weiss verheiratet. Sie gab Unterricht im Anfertigen von Kunstblumen, Sticken, und einer bestimmten Art des Kaffeeröstens, aber 1852 auch Unterricht in der Kollodiumfotografie.[5] Es ist daraus ersichtlich, dass sie ihn bei der Arbeit tätig unterstütze.

Tübingen[Bearbeiten]

Anfang April 1847 kam Carl Reutlinger nach Tübingen und logierte im „Wiedmanschen Hause“, einer Bierwirtschaft an der Stuttgarter Chaussee, der jetzigen Hölderlinstraße. Er bot Daguerreotyp-Porträts an, die inzwischen auch in einem Zimmer angefertigt werden konnten. Als Zusatzleistungen bot er das Anfertigen von Kopien der Porträts, sowie Porträts zum Einfassen in Broschen und Ringe.[6] Neben Anzeigen Reutlingers erschien dort am Anfang seines Aufenthalts[7] eine Empfehlung des Oberreallehrers Gottlieb Friedrich Kieß, der bereits mehrere Jahre zuvor mit der Daguerreotypie experimentiert hatte. Da Preise der Porträts inzwischen niedriger waren[8] und das Verfahren einfacher war, war der Zuspruch des Publikums so groß, dass der zunächst für kurze Zeit geplante Aufenthalt auf zwei Monate verlängert wurde.

Stuttgart[Bearbeiten]

Reutlinger war spätestens seit Anfang Mai 1848 in Stuttgart, wo er in der ehemaligen Vetterschen Blechfabrik, am Furthbach 8 logierte. Am 21. Mai 1848 kündigte Reutlinger[9] seine baldige Abreise an, blieb jedoch bis Mai 1849 in Stuttgart. Trotz der schwierigen Zeit (politische Spannungen und Unruhen) hatte er Erfolg.[3] Wie bereits in Tübingen pries Reutlinger Daguerreotypien, die in einem Zimmer angefertigt wurden, an und löste dadurch eine heftige Diskussion mit anderen Stuttgarter Daguerreotypisten: Israel Käser und Carl Dihm. Im Unterschied zu ihnen, die für Daguerreotypien im Freien eintraten, besaß Reutlinger entsprechende finanzielle Mittel, um sich den Raum und die notwendige Technik zu leisten.[10] Er pflegte mit den beiden und mit dem jüngeren Silhouetteur Friedrich Brandseph, den er in die Geheimnisse der Fotografie einweihte, kollegialen Umgang. Der Kontakt blieb weiterhin bestehen, nachdem Reutlinger nach Paris gegangen war.[11]

Paris[Bearbeiten]

1850 ging Carl Reutlinger nach Paris und ließ sich an Boulevard Saint-Martin nieder, wo er sein erstes Pariser Atelier eröffnete. Vom Anfang an verwendete er dort das nasse Kollodium-Verfahren und firmierte als Charles Reutlinger.[2] Schon bald unterstützte ihn dabei sein jüngerer Bruder Emil.

Das spätere Hauptstudio lag am Boulevard Montmartre 21, ein Nebenatelier in der Rue Richelieu 121. Das Studio wurde berühmt durch seine Porträts von Schauspielern, Künstlern, Musikern, Komponisten, Opernsängern und Balletttänzern seiner Zeit.[12]

In rascher Folge wurden Arbeiten von Reutlinger mit Medaillen ausgezeichnet:

Den Firmennamen „Ch. Reutlinger“ ließ er sich gesetzlich schützen. Reutlinger war Mitglied der Société française de photographie (1862–1880) und wurde 1867 ihr zweiter Vorstand.[2]

1880 übergab der Firmengründer, Charles Reutlinger, das Unternehmen an seinen Bruder und Kompagnon, Émile.[12] Die von Charles in Paris gegründeten Fotoateliers waren bis 1937 tätig.[12]

Zum Todesjahr von Charles Reutlinger gibt es keine Klarheit. In den Quellen variieren die Angaben zwischen nach 1880, 1881 und 1890, eine davon unterstellt als Sterbeort Karlsruhe,[2] aber am wahrscheinlichsten scheint die Angabe, dass er erst nach 1890 gestorben sei.[1]

Erhaltene Daguerreotypien aus Deutschland[Bearbeiten]

Tübingen[Bearbeiten]

Aus seinem Aufenthalt in Tübingen April–Mai 1847 sind vier Arbeiten erhalten, die mit Sicherheit Reutlinger zuzuschreiben sind. Bei einigen anderen aus dieser Zeit erhaltenen Daguerreotypien fehlt die Originalrückseite mit der Signatur.

  • Porträt der Familie Autenrieth in unüblichem Hochformat – inzwischen stark oxidiert (Familienbesitz, Stuttgart)[13]
  • Porträt der Kaufmannsfamilie Baur (Stadtmuseum Tübingen, Geschenk von Mathilde Sinner, der Tochter von Paul Sinner)
  • Das 20. Stiftungsfest des „Corps Rhenania“ im Garten des Reichsadler (Archiv Corps Rhenania)
  • Ansicht von Tübingen vom Norden aus, überliefert als Vorlage zur Tonlithographie von F. Schlotterbeck (Stadtmuseum Tübingen)

Reutlingen[Bearbeiten]

  • Mitte Januar 1848 Porträt von Nane Nanz, Braut und Base von Vikar C. A. Beck (120 × 105 mm; mit Rahmen 162 × 140 mm; Württembergisches Landesmuseum Stuttgart)

Stuttgart[Bearbeiten]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S. 99
  2. a b c d e Bibliothèque nationale de France
  3. a b c Joachim W. Siener: Die Photographie und Stuttgart 1839–1900, S. 78
  4. Jean-Pierre Bourgeron behauptet, Reutlinger hätte sich in den Jahren 1835–1849 hauptsächlich in Stuttgart aufgehalten, doch kann er für die Jahre bis 1847 in Stuttgart nicht nachgewiesen werden. Vielleicht waren das nur sehr kurze Aufenthalte. (Joachim W. Siener: Die Photographie und Stuttgart 1839–1900, S. 78)
  5. Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S. 18 mit Berufung auf „Schwäbische Kronik“ vom 16. August 1852, S. 1492
  6. Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S. 18. Reutlingers Anzeigen erschienen in der „Tübinger Chronik“ am 3., 10., 12.,16., 29. April und am 3., 22., 27. Mai, sowie im „Amtsblatt“ am 9. und 28. April 1847.
  7. Im „Amtsblatt“ am 9. April 1847 und in der „Tübinger Chronik“ am 16. April 1847.
  8. Trotzdem war die Fotografie noch sehr teuer. Ein billigstes Porträt bei Reutlinger kostete mehr als ein Wochenlohn eines Tagelöhners.
  9. In einer zweispaltigen Anzeige in der „Schwäbischen Chronik“
  10. Joachim W. Siener: Die Photographie und Stuttgart 1839–1900, S. 79–80
  11. Joachim W. Siener: Die Photographie und Stuttgart 1839–1900, S. 97
  12. a b c National Portrait Gallery (London)
  13. Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben …, S .19

Bibliographie[Bearbeiten]

Porträt von Edvard Brandes (ca. 1880er)
  • Wolfgang Hesse: Ansichten aus Schwaben. Kunst, Land und Leute in Aufnahmen der ersten Tübinger Lichtbildner und des Fotografen Paul Sinner (1838–1925), Gebrüder Metz : Tübingen 1989, ISBN 3-921580-79-X
  • Joachim W. Siener: Die Photographie und Stuttgart 1839–1900. Von der maskierten Schlittenfahrt zum Hof-Photographen, Edition Cantz : Stuttgart 1989, ISBN 3-89322-150-6
  • Jutta Reinke; Wolfgang Stemmer (hrsg.): Pioniere der Kamera …, Fotoforum : Bremen o. J. [1988]
  • Robert Lebeck (hrsg.): Die Schönen von Paris …, Dortmund 1981 (Die bibliophilen Taschenbücher Nr. 227)
  • Jean-Pierre Bourgeron: Les Reutlinger. Photographes à Paris 1850-1937, Grove art : Paris 1979, ISBN 2-903097-02-X

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Charles Reutlinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien