Datumsgrenze
Die Datumsgrenze ist eine gedachte Linie, die in der Nähe des 180. Längengrads durch den Pazifischen Ozean verläuft. Beim Passieren dieser Grenze ist das Kalenderdatum zu wechseln. Reist man von West nach Ost, gelangt man in den vorangegangenen, bei umgekehrter Richtung in den nächsten Kalendertag.
Der Kalendertag wird von Mitternacht zu Mitternacht gerechnet, also rund um die Erde zu einem jeweils anderen Zeitpunkt. Durch die Errichtung der Zeitzonen wurde die Zahl dieser Zeitpunkte auf wenige mehr als 24 vermindert (einige wenige Zeitzonen unterscheiden sich nicht um eine ganze Stunde von den benachbarten Zeitzonen).
Reist man zum Beispiel nach Osten (der Sonne entgegen), hat man die Uhr bei jedem Wechsel der Zeitzone um in der Regel 1 Stunde vorzustellen. Würde man an der Datumsgrenze das Datum nicht zurück stellen, hätte man nach einer Erdumrundung 24 Stunden (ein Tag) Zeit „erzeugt“, was grundsätzlich nicht möglich ist. Die „Tilgung“ von Zeit bei umgekehrter Reiserichtung wäre ebenso eine Illusion. Beim Überqueren der Datumsgrenze wird eine Reise durch alle Zeitzonen in der Gegenrichtung um die ganze Erde simuliert. Hilfreich ist die Vorstellung, dasjenige Datum anzunehmen, das ein Reisender mitbringt, der in der Gegenrichtung bis an die Datumsgrenze gereist ist. Der westwärts (mit der Sonne) Reisende hat seine Uhr fortwährend zurück gestellt. Sein Datum ist um einen Tag kleiner als das des ostwärts Reisenden.
Grundsätzlich könnte jeder Längengrad Datumsgrenze sein. Die international vereinbarte heutige Lage im Pazifischen Ozean wurde gewählt, weil dünn besiedeltes Gebiet betroffen war. Die meisten Menschen leben weit weg von dieser Linie. Dass bei ihren Nachbarn in einer anderen Zeitzone Mitternacht und Datumswechsel etwas früher oder später ist, stört sie kaum. Die wenigen im Pazifik lebenden Menschen befinden sich aber in der ungewöhnlichen Situation, dass nahe Nachbarn, die jedoch auf der anderen Seite der Datumsgrenze leben, auch tagsüber ein anderes Datum haben.
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[Bearbeiten] Notwendigkeit einer Datumsgrenze
Blick auf den Nordpol der ruhend gedachten Erde
Zeitangaben in Wahrer Ortszeit
Die Uhrzeit ist prinzipiell am Gang der Sonne (Erdrotation) ausgerichtet, welche den Tagesablauf des Menschen vorgibt. Daraus ergibt sich, dass jeder Ort mit einer anderen geografischen Länge eine entsprechend andere Uhrzeit hat. Der Versatz beträgt 1 Stunde pro 15°, da 24 Stunden 360° entsprechen.
Betrachtet man ein in sich abgeschlossenes Gebiet der Erde, so lässt sich leicht für dieses Gebiet eine einheitliche Datumsskala festlegen, die nacheinander von Ost nach West durchlaufen wird. Reist man um einen bestimmten Winkel in westliche Richtung, so muss man die Uhrzeit entsprechend reduzieren, reist man in östliche Richtung, so muss man die Uhrzeit entsprechend erhöhen. Passiert man bei der Reise Mitternacht, befindet man sich im nächsten bzw. vorhergehenden Tag.
Betrachtet man jedoch die Erde als Ganzes, so besteht das Problem, dass jeder Punkt sowohl durch östliche als auch durch westliche Umrundung der Erde erreicht werden kann. Zwar wäre die resultierende Uhrzeit bei jeder der beiden Umrundungen gleich, jedoch hätte man in einer der beiden Richtungen Mitternacht passiert, so dass sich ein anderer Tag ergäbe. Es gäbe also kein eindeutig definiertes Datum für den Zielpunkt. Umrundet man die Erde ganz, so hätte man sogar für den Ausgangspunkt − je nach Richtung – ein um einen Tag abweichendes Datum im Vergleich zu jenen, die am Ausgangspunkt verblieben sind.
Diese Uneindeutigkeit lässt sich nur aufheben, indem man willkürlich eine Grenze festlegt, die bei der Berechnung von Datum und Uhrzeit anhand der Längendifferenz nicht überschritten werden darf, beziehungsweise bei deren Überquerung ein Tag hinzugefügt oder weggenommen werden muss, so als wäre man in der anderen Richtung um die Erde gereist.
Anders formuliert: Das Datum wechselt immer (einmal) an dem Meridian, wo es gerade 24:00/00:00 Uhr ist (Mitternachtslinie). Dieser „natürliche“ (erste) Datumswechsel wandert mit dem Gegenpunkt der Sonne einmal pro Tag um die Erde herum. Zwangsläufig muss es einen zweiten Datumswechsel geben, damit die Erde in zwei Bereiche mit dem alten (gestern) und dem neuen Datum (heute) aufgeteilt werden kann, siehe Skizze, rechts. Dieser andere Datumswechsel findet per Konvention an der Datumsgrenze statt, die etwa am 180. Längengrad liegt.
[Bearbeiten] Geschichtliche Entwicklung
Die Notwendigkeit einer Datumsgrenze – Bemerkungen dazu sind von Abu l-Fida und Nikolaus von Oresme überliefert – war bereits im 14. Jahrhundert beschrieben worden, wenn auch nicht allgemein bekannt. Die ersten, die mit dem Phänomen praktisch konfrontiert wurden, waren die Seefahrer unter Ferdinand Magellan, denen 1519 bis 1522 die erste Weltumseglung gelang. Da ihnen das Phänomen noch unbekannt war, war die Verwirrung groß, als die wenigen Überlebenden des Unternehmens wieder in Spanien ankamen und trotz sorgfältiger Zählung anhand der Logbucheintragungen ein um einen Tag abweichendes Datum nannten als die Daheimgebliebenen.
Die einheitliche Festlegung einer genauen und möglichst mit einem Längengrad zusammenfallenden Datumsgrenze ermöglichten erst die 1884 beschlossene internationalen Vereinbarung über den Meridian von Greenwich als Nullmeridian und die folgende Einführung der Zeitzonen. Die Datumsgrenze kam in den Pazifik zu liegen, da bei einer Platzierung in einem Ozean kein zusammenhängendes Gebiet zerteilt würde und der Pazifik seltener befahren war als der Atlantik. Die bereits wirtschaftlich eng vernetzten und damals weltweit produktivsten Industrieregionen Europas und Nordamerikas sollten von der Regelung und ihren Auswirkungen weder tangiert noch negativ beeinflusst werden.
[Bearbeiten] Heutiger Verlauf der Datumsgrenze
[Bearbeiten] Tschuktschen-Halbinsel
Der 180. Längengrad verläuft überwiegend durch Gewässer, weshalb er sich auch als Datumsgrenze anbietet. Eine der ersten Stellen (von Norden aus betrachtet), wo er über Land verläuft, ist die zu Russland gehörende Tschuktschen-Halbinsel, weshalb die Datumsgrenze hier östlicher durch die Beringstraße gelegt wurde. Die Zeitzone UTC+12 wurde bis zur Beringstraße ausgedehnt (seit 2010 der Zeitzone UTC+11 zugeschlagen).
[Bearbeiten] Zerteilte Inselgruppen
Wo der 180. Längengrad Inselgruppen durchquert, wurde bei der Festlegung der Datumsgrenze deren politische Zugehörigkeit berücksichtigt. Da sich diese im Laufe der Jahre geändert hat, war auch die Datumsgrenze verschiedenen Änderungen unterworfen.
[Bearbeiten] Aleuten
Die Aleuten – Hoheitsgebiet der Vereinigten Staaten – liegen zwar beiderseits des 180. Längengrades, ihre westlichen Inseln gehören aber zu UTC-10. Hier ist die Datumsgrenze also westlich ausgebeult. Einige neuseeländische Inseln sorgen hingegen dafür, dass die Datumsgrenze auf der Südhalbkugel leicht in Richtung Osten verschoben ist.
[Bearbeiten] Kiribati
Lange Zeit war der mikronesische Inselstaat Kiribati, dessen winzige Eilande sich über fast 5000 km in Ost-West-Richtung im Pazifik erstrecken, durch die Datumsgrenze geteilt, was zunächst kein großes Problem darstellte.
Im Zuge der Entwicklung des Staates aber war auch hier eine Festlegung auf ein Datum nötig. Kiribati entschied sich dafür, dass es komplett westlich der Datumsgrenze liegen sollte. Dies führte zur bisher stärksten Verschiebung der Datumsgrenze Richtung Osten, die am 1. Januar 1995 wirksam wurde.
Diese Anpassung führte dazu, dass das östlichste Eiland Kiribatis offiziell der erste Teil der Welt war, der das Jahr 2000 begrüßen konnte. Werbeträchtig wurde diese Insel daher in „Millennium Island“ (deutsch etwa Jahrtausendinsel) umbenannt.
Im Osten Kiribatis hat die Datumsgrenze eine Ausbeulung. Hier gibt es kurze Stellen, an denen der sonst übliche Datumswechsel umgekehrt zu erfolgen hat.[1]
[Bearbeiten] Samoa
Der Inselstaat (West-)Samoa wechselte 1892 durch den Einfluss amerikanischer Händler auf die östliche Seite der Datumsgrenze. Tag der Umstellung war der 4. Juli (Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit), den es dadurch in Samoa zweimal gab. Im Jahr 2011 erfolgte der Wechsel zurück auf die westliche Seite, da inzwischen die Handelsbeziehungen mit Neuseeland, Australien und Asien bedeutender waren als die mit Amerika.[2] Der 30. Dezember 2011 wurde übersprungen, ebenso auf der 500 km nördlicheren Inselgruppe Tokelau. Das benachbarte nahe Amerikanisch-Samoa verblieb auf der „amerikanischen“ östlichen Seite.[3][4]
[Bearbeiten] Philippinen
Einen ganzen Tag übersprungen haben auch die Philippinen. Da sie engen Handel mit Mexiko betrieben, richteten sie sich nach deren Datum, befanden sich also östlich der Datumsgrenze. Als die Handelsbeziehungen mit China zunahmen, entschied man sich für eine Angleichung an die asiatischen Nachbarn. Hierdurch wurde die Datumsgrenze Richtung Westen übersprungen, wodurch die Philippinen einen ganzen Tag in ihrer Zeitrechnung verloren: auf Montag, den 30. Dezember 1844, folgte Mittwoch, der 1. Januar 1845.
[Bearbeiten] Merkspruch
Um herauszufinden, ob bei der Überquerung der Datumsgrenze ein Tag zu addieren oder zu subtrahieren ist, gilt in der Seefahrt der nachfolgende Merkspruch:
- Von Ost nach West halt’s Datum fest,
von West nach Ost lass’ Datum los.
Ost und West beziehen sich dabei nicht auf die Himmelsrichtung, in die man reist, sondern auf die vom Nullmeridian aus gesehen westliche oder östliche Hemisphäre, also die Gebiete westlicher oder östlicher Länge. In der Seefahrt wird in der Praxis so verfahren, dass nach Passieren der Datumsgrenze mit östlichem Kurs (von Ost nach West) die nächste Seite im Seetagebuch (Logbuch) dasselbe Datum wie der Vortag erhält (halt’s Datum fest). Bei westlichen Kursen (von West nach Ost) wird das nächste Datum ausgelassen (lass’ Datum los). Eine neue Seite wird unbeschadet der Uhrzeit, zu der die Datumsgrenze passiert wird, zur nächsten Mitternacht begonnen.
[Bearbeiten] Trivia
In dem mehrmals verfilmten Roman In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne vergisst der Protagonist Phileas Fogg beim Passieren der Datumsgrenze in östlicher Richtung, das Datum einen Tag zurückzustellen, und entdeckt diesen Fehler erst am Ende der Reise in London. Dieser Umstand führt zu einem spannenden Ausgang der Wette, die Erde in höchstens 80 Tagen zu umrunden.
Umberto Ecos Roman Die Insel des vorigen Tages behandelt eine teilweise mystizistische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Längengrade, insbesondere des 180.
[Bearbeiten] Weblinks
- Gedanken zu Datumsgrenze, Nullmeridian und Zeitzonen
- Telepolis: Wo findet der erste Sonnenaufgang des neuen Jahrtausends statt?, 24. Mai 1999 – Die Datumsgrenze in Hinblick auf Touristik zur Jahreswende
- A History of the International Date Line
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Gedanken zu Datumsgrenze, Nullmeridian und Zeitzonen: vgl. 10.5. Stellen auf der Datumsgrenze, wo sich das Datum in umgekehrter Weise ändert
- ↑ Samoa lässt 30. Dezember ausfallen, orf.at, 26. Dezember 2011
- ↑ Südseestaat Samoa: 30. Dezember? Fällt dieses Jahr aus!
- ↑ Meldung von Borneo Post online