Zeitfahren

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Einzelzeitfahren)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rebecca Romero in der Einerverfolgung bei der Bahnrad-Weltmeisterschaft 2008 in Manchester.

Das Zeitfahren (engl.: time trial, kurz TT; franz.: contre la montre; katal. contrarellotge individual) ist eine Disziplin des Radrennsports, bei der die Fahrer oder Teams einzeln eine bestimmte, normalerweise relativ flache Strecke zurücklegen müssen. Im Gegensatz dazu findet auf sehr bergigen und kürzeren Strecken das Bergzeitfahren statt. Die Fahrer bzw. Teams starten mit zeitlichem Abstand, sind also auf sich allein gestellt. Die Zeit wird für jeden einzelnen Fahrer bzw. für jede einzelne Mannschaft gestoppt.

Wenn ein Fahrer einen anderen einholt, gilt eine besondere Regel: Das Windschattenfahren ist – außer im Team untereinander – streng verboten und wird mit Zeitstrafen, in schweren Fällen mit Ausschluss bestraft. Im Straßen-Radsport gibt es Einzelzeitfahren, Paarzeitfahren und Mannschaftszeitfahren. Im Bahnradsport gibt es Zeitfahren über verschiedene Distanzen. Das Zeitfahren ist ein Bestandteil der großen Etappenrennen.

Startrampe für das Einzelzeitfahren bei der Tour de France

Auch die Raddisziplin beim Triathlon stellt eine Form des Einzelzeitfahrens dar. Allerdings sind hier die Regeln, die das Material betreffen, geringfügig anders und Windschattenfahren ist auf einigen Kurzdistanzen erlaubt.

Einzeldisziplinen[Bearbeiten]

Einzelzeitfahren[Bearbeiten]

Einzelzeitfahren (EZF, engl: individual time trial, kurz ITT) findet entweder als Eintagesrennen statt oder ist Bestandteil eines Etappenrennens, bei der ganze Mannschaften teilnehmen. Windschattenfahren ist streng verboten und wird mit Zeitstrafen, Distanzierung (Fahrer wird auf den letzten Platz gesetzt; nur bei Einzelzeitfahren außerhalb von Rundfahrten) oder Ausschluss bestraft. Jeder Fahrer fährt für sich alleine und bekommt seine gefahrene Zeit angerechnet.

Bei der Tour de France wurde erstmals 1934 ein Einzelzeitfahren ausgetragen. Heute sind neben einem als Prolog bezeichneten kurzen (meistens 2 bis 8 km) Einzelzeitfahren zu Beginn der Rundfahrt zwei lange Einzelzeitfahren während der Tour üblich.

Seit 1994 findet ein Einzelzeitfahren bei der Straßenrad-Weltmeisterschaft statt, zwei Jahre später wurde das Einzelzeitfahren olympisch. Zuvor galt der prestigeträchtige Grand Prix des Nations als inoffizielle Zeitfahr-Weltmeisterschaft. Auch bei den deutschen Straßenrad-Meisterschaften wird jährlich der deutsche Meister im Einzelzeitfahren ermittelt.

Bergzeitfahren[Bearbeiten]

Profil des 15,5 km langen Bergzeitfahrens nach L'Alpe d'Huez

Das Bergzeitfahren (BZF, engl: hill climb time trial) stellt eine Spezialdisziplin des Einzelzeitfahrens dar. Hierbei wird meistens eine relativ kurze Strecke befahren, welche allerdings fast durchgängig mit hohen Steigungsprozenten versehen ist. Das Ziel liegt nicht – wie bei den flachen Zeitfahren meistens der Fall – auf dem Niveau des Starts, so dass diese Strecken keine Abfahrten enthalten. In manchen Fällen enthalten sie aber kurze Flachstücke.

Große Bergzeitfahren gab es bei der 16. Etappe der Tour de France 2004 von Le Bourg-d'Oisans nach L'Alpe d'Huez und bei der Dauphiné Libéré 2004, als der Mont Ventoux erklommen wurde.

Das größte deutsche Bergzeitfahren in Deutschland ist der Schauinslandkönig auf den Freiburger Hausberg Schauinsland mit über 1000 Teilnehmern

Mannschaftszeitfahren[Bearbeiten]

Das Phonak-Team während des Mannschaftszeitfahrens der Tour de France 2004

Das Mannschaftszeitfahren (MZF, engl: team time trial, kurz TTT) wurde bei der Tour de France erstmals 1935 ausgetragen. Es wurde dann aber über lange Zeit nicht mit ins Programm aufgenommen, da Fahrer mit einem schwächeren Team benachteiligt sind. Seit 1999 wird aber wegen der spektakulären Fernsehbilder wieder ein Mannschaftszeitfahren ausgetragen. Für die Mannschaft wird die Zeit des fünften Fahrers gewertet. Die Übernahme der Ergebnisse in die Gesamtwertung änderte sich mehrmals. Zurzeit erhalten die ersten fünf Fahrer die Zeit ihres Teams; die anderen Fahrer erhalten die Zeit, mit der sie ins Ziel gefahren sind.

Bei den Olympischen Spielen wurde von 1960 bis 1992 ein 100-km-Mannschaftszeitfahren für Viererteams ausgetragen, wobei die Zeit des dritten Fahrers für das Team zählte. 1996 wurde der Wettbewerb nach der Zulassung von Profis durch ein Einzelzeitfahren ersetzt. Bei den UCI-Straßen-Weltmeisterschaften wurde ein entsprechender Wettbewerb zwischen 1962 und 1994 ausgetragen. Diese Tradition wurde bei den Weltmeisterschaften 2012 wieder aufgenommen, bei denen das Rennen mit kommerziellen 6er-Radsportteams ausgetragen wurde.

In den Jahren 2005 bis 2007 gehörte auch das Mannschaftszeitfahren Eindhoven als Teil der bis 2010 ausgetragenen UCI ProTour zum offiziellen Rennkalender.

Seit 2012 wird im Rahmen der UCI-Straßen-Weltmeisterschaften ein Mannschaftszeitfahren ausgetragen, in welchem auch Punkte für die Mannschaftswertung der UCI World Tour vergeben werden.

Paarzeitfahren[Bearbeiten]

Das Paarzeitfahren ist eine spezielle Form des Mannschaftszeitfahrens. Hierbei fahren nur zwei Radrennfahrer in einem Team. Das bekannteste Paarzeitfahren war die Trofeo Baracchi, die von 1941 bis 1991 ausgetragen wurde. In Deutschland wurden 1993 bis 1995 mit dem Telekom Grand Prix und 2004 bis 2006 die LuK Challenge vergleichbare Paarzeitfahren veranstaltet.

Zeitfahren im Bahnradsport[Bearbeiten]

Im Bahnradsport werden Zeitfahren sowohl über Kurzzeitdistanzen wie auch über längere Strecken gefahren. Es handelt sich hierbei um

Zeitfahren im BMX-Sport[Bearbeiten]

Auch bei BMX-Weltmeisterschaften werden Zeitfahren ausgetragen, bei denen neben der Vergabe von Zeitfahrweltmeistertiteln auch Startplätze für die übrigen Wettbewerbe vergeben werden.[1]

Material und Bekleidung[Bearbeiten]

Beim Zeitfahren werden meistens Spezialräder verwendet. Sie haben eine andere Rahmengeometrie als die Straßenrennräder und sind durch Veränderungen etwa an den Rohrquerschnitten selbst schon aerodynamischer als die klassischen Rahmenformen. Vor allem bringt die spezielle Rahmengeometrie den Fahrer in eine wettkampfspezifisch günstigere Sitzposition, indem der Lenker deutlich tiefer als der Sattel ist und der Fahrer etwas weiter vorne über dem Tretlager sitzt. Der Lenker ist beim Straßenzeitfahren meistens ein Triathlonlenker, der die Arme des Fahrers eng zusammenbringt und damit eine noch aerodynamischere Haltung erlaubt. Für Attacken oder Sprints wäre die zeitfahrspezifische Sitzposition hingegen ungeeignet. Die Laufräder eines Zeitfahrrades haben meistens nur wenige Speichen und ein hohes Felgenprofil, wodurch der Luftwiderstand zusätzlich reduziert wird. Hinten wird oft ein Scheibenrad verwendet. Laufräder für Zeitfahrwettbewerbe sind zumeist aus Carbon gefertigt. Die Fahrer tragen meistens Zeitfahrhelme, die wesentlich aerodynamischer sind als normale Sturzhelme, sie müssen aber seit einigen Jahren als Sicherheitshelme ausgeführt sein. Früher reichte eine einfache ungepolsterte Schale. All diese Sonderteile dürfen wegen der Optik und aus Sicherheitsgründen nur beim Zeitfahren genutzt werden, da die UCI bestrebt ist, ein möglichst klassisches Bild des Radsports zu vermitteln.

Des Weiteren werden fast immer einteilige Rennanzüge benutzt, unter denen manche Rennfahrer einen Behälter zum Trinken tragen. Hinzu kommen widerstandsoptimierte Überschuhe. Die Landesmeister und der aktuelle Weltmeister im Zeitfahren tragen beim Zeitfahren ihr jeweiliges Meistertrikot.

Bekannte Zeitfahrer, Bedeutung des Zeitfahrens bei großen Rundfahrten[Bearbeiten]

Fast alle Sieger der Tour de France waren hervorragende Zeitfahrer. Besonders dominant in der Disziplin gegen die Uhr waren aber „Monsieur Chrono“ Jacques Anquetil, der „Kannibale“ Eddy Merckx, der ebenfalls fünffache Toursieger Bernard Hinault und der Spanier Miguel Induráin sowie in den letzten Jahren der „Tourminator“ Lance Armstrong und Jan Ullrich. Andere Spezialisten im Zeitfahren konnten hingegen nie eine größere Rundfahrt für sich entscheiden. So zum Beispiel der Engländer Chris Boardman oder der Tscheche Ondřej Sosenka.

Der vierfache Zeitfahrweltmeister und Olympiasieger von Peking Fabian Cancellara gilt als einer der besten Zeitfahrer im Straßenradsport. Andere aktuelle, herausragende Zeitfahrer sind David Zabriskie, David Millar, Bradley Wiggins, Gustav Erik Larsson, Tony Martin, Bert Grabsch.

Da Einzel- und Mannschaftszeitfahren – heute in der Regel ein kurzes (15–25 km) und ein langes Einzelzeitfahren (45–55 km), Mannschaftszeitfahren (bis 70 km) – Bestandteile der Tour de France sind, und Zeitfahren oft die größten Veränderungen im Klassement bringen, hat sich ein bestimmter „Tour-Sieger-Typus“ herausgebildet, der von den oben genannten Fahrern, aber auch von den „Interims-Siegern“ wie bspw. Bjarne Riis verkörpert wird: Diese Fahrer gehören zu den besten im Zeitfahren und verfügen über gute, aber nicht überragende Kletterfähigkeiten. Fahrer, die die umgekehrte Konstellation aufweisen – mittelmäßige Zeitfahrerqualitäten, aber überragende Kletterer – gewinnen die Tour hingegen nur in Ausnahmefällen, und oft nur, nachdem sie ihre Zeitfahrleistung deutlich verbessert haben, wie Marco Pantani 1998.

Der ideale Fahrertyp[Bearbeiten]

Beim Zeitfahren sind (in genauem Gegensatz zum Bergspezialisten) üblicherweise große, kräftige Fahrer im Vorteil: Die Leistung, die ein Fahrer entwickeln kann, steigt nämlich ungefähr direkt proportional zu seinem Körpergewicht. Bei flachen Zeitfahrstrecken wird diese Leistung zum größten Teil zur Überwindung des Luftwiderstandes benötigt. Dieser ist im Wesentlichen durch die Stirnfläche gegeben und steigt aufgrund der flachen Oberkörperhaltung schwächer als direkt proportional mit dem Körpergewicht. Beim Fahren am Berg ist es gerade andersherum: der Luftwiderstand ist unwesentlich und die Leistung wird größtenteils benötigt, um die Gesamtmasse (Fahrer und Rad) anzuheben. Daher sind schwerere Fahrer am Berg eher im Nachteil.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. UCI BMX World Championships Competition guide abgerufen am 26. Juli 2012

Weblinks[Bearbeiten]