Fampridin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Strukturformel
Struktur von Fampridin
Allgemeines
Freiname Fampridin
Andere Namen
  • Pyridin-4-amin (IUPAC)
  • 4-Aminopyridin
  • γ-Aminopyridin
  • p-Aminopyridin
  • 4-Pyridylamin
  • Dalfampridine (USAN)
  • 4-AP
  • Avitrol
Summenformel C5H6N2
CAS-Nummer 504-24-5
PubChem 1727
ATC-Code

N07XX07

Arzneistoffangaben
Wirkmechanismus

Kaliumkanal-Blocker

Eigenschaften
Molare Masse 94,12 g·mol−1
Dichte

1,26 g·cm−3[1]

Schmelzpunkt

158 °C[1]

Siedepunkt

274 °C[1]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [2]
06 – Giftig oder sehr giftig

Gefahr

H- und P-Sätze H: 300​‐​315​‐​319​‐​335
P: 261​‐​264​‐​301+310​‐​305+351+338 [2]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [3][2]

T+
Sehr giftig

N
Umwelt-
gefährlich
R- und S-Sätze R: 28​‐​36/37/38​‐​51/53
S: 26​‐​36/37/39​‐​45​‐​60​‐​61
Toxikologische Daten
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Fampridin (Handelsname Fampyra®; Hersteller Biogen Idec) ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der reversiblen Kaliumkanal-Blocker, der als erstes Medikament bei allen Verlaufsformen der Multiplen Sklerose (MS) zur Verbesserung der Gehfähigkeit von erwachsenen MS-Patienten (EDSS 4–7) eingesetzt wird.[5]

Chemisch ist der Stoff den Aminopyridinen zuzuordnen.

Verwendung als Arzneimittel[Bearbeiten]

Klinische Angaben[Bearbeiten]

Anwendungsgebiete (Indikationen)[Bearbeiten]

Wenn eine MS weiter fortgeschritten ist, können die Betroffenen eine Gehbehinderung entwickeln, die durch Krankengymnastik und bestimmte, z.B. krampflösende Medikamente behandelt werden kann. Hat die Gehbehinderung einen bestimmten Schweregrad, kommt eine Behandlung mit Fampridin infrage. Fampridin ist in Deutschland seit 2011 für Patientinnen und Patienten zugelassen, die als Folge einer Multiplen Sklerose (MS) eine Gehbehinderung höheren Grades haben (Grad 4-7 auf der EDSS-Behinderungsskala).[5]

Art und Dauer der Anwendung[Bearbeiten]

Die empfohlene Dosis beträgt je eine 10mg Tablette zweimal täglich, im Abstand von 12 Stunden (eine Tablette morgens und eine Tablette abends). Fampyra darf nicht häufiger oder in höheren Dosen als empfohlen eingenommen werden.[5]

Gegenanzeigen (Kontraindikationen)[Bearbeiten]

Zu den Gegenanzeigen zählen Überempfindlichkeit gegen Fampridin, Krampfleiden, chronisches Nierenversagen oder eine gleichzeitige Behandlung mit Hemmstoffen des organischen Kationentransporters 2 (OTC2), z. B. Cimetidin.[5]

Unerwünschte Wirkungen (Nebenwirkungen)[Bearbeiten]

Fampridin ist ein Wirkstoff mit einer engen therapeutischen Breite. Zu den Nebenwirkungen gehören Parästhesien, Harnwegsinfekte, Schlaflosigkeit, Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit, Asthenie, Rückenschmerzen, Gleichgewichtsstörungen sowie in seltenen Fällen auch Krampfanfälle und Vorhofflimmern.[6][7]

Pharmakologische Eigenschaften[Bearbeiten]

Wirkungsmechanismus (Pharmakodynamik)[Bearbeiten]

Fampridin ist ein Kaliumkanalblocker. Er wirkt auf geschädigte Nerven, wo er verhindert, dass geladene Kaliumteilchen aus den Nervenzellen entweichen. Es wird angenommen, dass dadurch die elektrischen Impulse weiter an den Nerven entlang wandern können, um die Muskeln zu stimulieren. Dadurch wird das Gehen erleichtert.[8]

Aufnahme und Verteilung im Körper (Pharmakokinetik)[Bearbeiten]

Die Fampyra Retardtablette bewirkt eine Verzögerung der Resorption von Fampridin, was sich durch einen langsameren Anstieg zu einer niedrigeren Spitzenkonzentration ohne Auswirkung auf die Resorptionsrate bemerkbar macht.[5]

AMNOG-Verhandlungen / Erstattungsfähigkeit[Bearbeiten]

Der GKV-Spitzenverband und das Unternehmen Biogen Idec haben sich auf einen Erstattungsbetrag für Fampyra (Fampridin) geeinigt. Der verhandelte Erstattungsbetrag spiegelt den Interessensausgleich zwischen den gesetzlichen Krankenkassen und Biogen Idec wider. Mit ihm liegt erstmals ein Verhandlungsergebnis für ein neues Arzneimittel mit einer nicht-medikamentösen zweckmäßigen Vergleichstherapie vor. Für den verordnenden Arzt bedeutet dies im Falle von Fampridin, dass es sowohl in Kombination mit, als auch ohne Krankengymnastik verordnet werden kann und bei adäquatem Einsatz im zugelassenen Anwendungsgebiet erstattungsfähig ist.[9]

Studien[Bearbeiten]

  • Nach Abzug der Ansprechrate unter Placebo profitierten in den Zulassungsstudien etwa 30% der mit Fampridin behandelten Patienten von einer verbesserten Gehfähigkeit: ca. 20% der Patienten konnten eine bestimmte Gehstrecke 10 bis 20% schneller zurücklegen und für ca. 10% der Patienten verbesserte sich die Gehgeschwindigkeit um 20% und mehr. Die Patienten in diesen Studien wurden maximal 14 Wochen mit Fampridin behandelt.[10][11]
  • In einer Zwischenauswertung der laufenden ENABLE-Studie (Lebensqualität) zeigte sich eine signifikante Verbesserung der subjektiven Einschätzung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität durch die Steigerung der Gehfähigkeit mit Fampridin.[12]
  • Eine weitere Zwischenauswertung der laufenden ENABLE-Studie zeigte, dass der Effekt von Fampridin auf die Verbesserung der Gehfähigkeit und die damit verbundene gesundheitsbezogene Lebensqualität über 48 Wochen anhielt.[13]

Geschichtliches[Bearbeiten]

Fampridin wurde erstmal 1902 durch den Karlsruher Chemiker Rudolf Camps synthetisiert.[14] Der internationale Freiname (INN) Fampridin wurde 1995 erteilt.[15] Abweichend davon wurde 2010 in den USA der Freiname Dalfampridine (USAN) eingeführt.[16]

2010 erhielt der Hersteller Acorda eine Zulassung für ein Fampridin-haltiges Retard-Arzneimittel zur unterstützenden Behandlung der Multiplen Sklerose.[17] Ein entsprechender Antrag für die EU wurde jedoch zunächst aufgrund eines ungenügenden Nutzen-Risiko-Verhältnisses Anfang 2011 abgewiesen.[18] Nach Widerspruch erhielt Acordas Lizenznehmer Biogen Mitte 2011 eine Zulassung unter der Auflage, weitere Studien durchzuführen.[19][20][21] Eine Entscheidung der Schweizer Behörde steht noch aus.

Handelsnamen[Bearbeiten]

Der Handelsname für das Fertigarzneimittel in der EU ist Fampyra und in den USA Ampyra. In der Schweiz sind bislang keine Fampridin-haltigen Arzneimittel zugelassen.[22] Fampridin kann jedoch nach Verschreibung durch einen Arzt in Apotheken zu Rezepturarzneimitteln verarbeitet werden.[23]

Verwendung außerhalb der Humanmedizin[Bearbeiten]

  • 4-Aminopyridin wird unter dem Handelsnamen Avitrol als Vogelgift und -repellent verwendet. 4-Aminopyridin vertreibt Vögel, indem die Tiere, die den Giftköder aufgenommen haben, paralysiert werden und Notschreie ausstoßen, wonach der übrige Schwarm verhofft und vergrämt wird.[25]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Eintrag zu 4-Aminopyridin in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 16. März 2009 (JavaScript erforderlich).
  2. a b c Datenblatt 4-Aminopyridine bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 31. März 2011 (PDF).
  3. Seit 1. Dezember 2012 ist für Stoffe ausschließlich die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Bis zum 1. Juni 2015 dürfen noch die R-Sätze dieses Stoffes für die Einstufung von Gemischen herangezogen werden, anschließend ist die EU-Gefahrstoffkennzeichnung von rein historischem Interesse.
  4. a b c d Eintrag Fampridin bei ChemIDplus.
  5. a b c d e Fampyra Fachinformation, Rote Liste, Fachinfo-Service, abgerufen am 27. Februar 2014
  6. Pickett T, Enns R: Atypical presentation of 4-aminopyridine overdose. Ann Emer Med. 1996;27:382–385, PMID 8599505.
  7. Johnson N, Morgan M: An unusual case of 4-aminopyridine toxicity. J Emer Med. 2006; 30:175–177, PMID 16567254.
  8. Zusammenfassung des EPAR für die Öffentlichkeit, von der WebSite der europäischen Gesundheitsbehörde (EMA), abgerufen am 27. Februar 2014
  9. AMNOG-Verhandlungen für MS-Therapeutikum erfolgreich beendet, Gemeinsame PM von GKV-Spitzenverband und Biogen Idec vom 1. März 2013, abgerufen am 27. Februar 2014
  10. Goodman AD, Brown TR, Krupp LB et al: Sustained-release oral fampridine in multiple sclerosis: a randomised, double-blind, controlled trial. Lancet. 2009; 373:732–738, PMID 19249634.
  11. Goodman AD, Brown TR, Edwards KR et al. A phase 3 trial of extended release oral dalfampridine in multiple sclerosis. Ann Neurol. 2010; 68:494–502, PMID 20976768.
  12. Change in Quality of Life Outcomes with Prolonged-Release Fampridine Treatment: Interim Analysis of the ENABLE Study, Neurology February 12, 2013; 80 (Meeting Abstracts 1): P03.218, abgerufen am 27. Februar 2014
  13. Long-term prolonged-release fampridine treatment and health-related quality of life outcomes: 12-month analysis of the ENABLE study, ECTRIMS Online Library. Oct 3, 2013; 34145, abgerufen am 27. Februar 2014
  14. Camps R: Ueber einige Harnstoffe, Thioharnstoffe und Urethane des Pyridins. Arch Pharm. 1902; 240:345-365. doi:10.1002/ardp.19022400505
  15. WHO: Recommended International Nonproprietary Names for Pharmaceutical Substances. INN List 35. (PDF; 3,4 MB) WHO Drug Information. 1995; 9:174.
  16. US Adopted Names Council: Statement on a Nonproprietary Name Adopted by the USAN Council. Zugegriffen am 2. Februar 2011.
  17. US Food and Drug Administration (22. Januar 2010): FDA Approves Ampyra to Improve Walking in Adults with Multiple Sclerosis. Abgerufen am 26. Januar 2010.
  18. Europäische Arzneimittelagentur (20. Januar 2011): Refusal of the marketing authorisation for Fampyra (fampridine). (PDF; 51 kB) Zugegriffen am 30. Januar 2011.
  19. Europäische Arzneimittelagentur (EMA): Fampyra : EPAR - Summary for the public Zugegriffen am 1. Dezember 2011.
  20. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ): "Neue Arzneimittel" Fampyra® Zur Verbesserung der Gehfähigkeit von erwachsenen Patienten mit Multipler Sklerose (MS) mit Gehbehinderung (EDSS 4–7). (PDF; 318 kB) Zugegriffen am 1. Dezember 2011.
  21. Businesswire (25. Juli 2011): Biogen Idec erhält bedingte Marktzulassung für FAMPYRA® in der Europäischen Union zur Verbesserung der Gehfähigkeit erwachsener Multiple-Sklerose-Patienten Abgerufen am 26. Juli 2011.
  22. Wissenschaftlicher Beirat der Schweizerischen MS-Gesellschaft, Meldung vom August 2013, abgerufen am 27. Februar 2014
  23. Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände: Neues Rezeptur-Formularium. Rezepturhinweise: 3,4-Diaminopyridin und 4-Aminopyridin. Govi, Eschborn 2009.
  24. Wolfgang Löscher, Fritz Rupert Ungemach, Reinhard Kroker: Pharmakotherapie bei Haus- und Nutztieren. Thieme, Stuttgart 2006, S. 101, ISBN 978-3-8304-4160-1.
  25. EXTOXNET: Pesticide Information Profile
Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!